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Drohende Werksschließung in Alsfeld: Protokoll eines Kamax-Mitarbeiters„Sie nutzen Corona für ihre Zwecke“

ALSFELD (ls). Bis Sommer 2021 will der Automobilzulieferer Kamax seinen Standort in Alsfeld schließen. Über 200 Mitarbeiter sind davon betroffen. Einer von ihnen erzählt in einem anonymen Protokoll, wie es sich anfühlt, trotz der drohenden Kündigung jeden Tag zur Arbeit zu gehen.

Es war der Donnerstag, der 18. Juni, als wir von der möglichen Werksschließung hier in Alsfeld erfahren haben, auf einem Zettel, der als internes Schreiben an uns ausgehändigt wurde. Auf den ersten Blick war es kaum zu sehen. Es ging um die Vorstellung neuer Pläne, die Umstrukturierung und um die wirtschaftliche Lage des Unternehmens – und irgendwo zwischen den Zeilen des ersten Blatts war an vierter Stelle der Punkt „Werksschließung in Alsfeld“ zu lesen, in Klammern: bis Sommer 2021. Danach wieder eine kurze Rechtfertigung und zwischendrin der Hinweis, dass man wisse, wie schwer die Entscheidung für die Beschäftigten in Alsfeld ist. Das war’s, viel mehr Infos gab es nicht.

Erreicht hat mich das Schreiben, wie viele andere Mitarbeiter, als Foto, das wir von anderen Kollegen über Whatsapp zugeschickt bekommen haben. Das war am Donnerstagnachmittag, einem Zeitpunkt, wo die meisten Alsfelder Kollegen zuhause sind. Donnerstag und Freitag sind durch die Kurzarbeit im Unternehmen Schließtage, wodurch nur wenige Kollegen im Werk sind. Es gab kein Gespräch vorher, keine Infos, nur das Schreiben. Das hat mir erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Dass wir nach alldem, was wir für die Kamax getan haben, so über das künftige Aus unseres Jobs erfahren, ist respektlos. So sollte man nicht mit seinen Mitarbeitern umgehen.

2018 wurde in Homberg Ohm das Weiterbildungszentrum der Kamax eröffnet. Foto: archiv/akr

Und dann kam Corona

Lange Zeit war eigentlich alles gut. Natürlich gab es den Ergänzungstarifvertrag, der in 2017 geschlossen wurde. Während wir Mitarbeiter also seit April 2017 zwei Stunden in der Woche  ohne Bezahlung arbeiten und Tariferhöhungen verschoben werden, haben wir durch die Kamax eine Zusicherung bekommen, dass das Werk nicht geschlossen wird und es keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde. Bis Ende März 2022 hätte der Vertrag laufen sollen. Dann kam Corona. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch einverstanden mit all dem, was die Geschäftsführung der Kamax sagte und tat, jetzt bin ich es nicht mehr – und vor allem damit nicht, wie sie es tut.

Schon seit Juni 2019 sind wir im Alsfelder Werk in Kurzarbeit, angeblich, weil wir einen Auftragsrückgang haben und zu wenig Gewinn in Alsfeld erzielen. Dass die Automobilbranche im Umbruch ist, möchte ich nicht bestreiten. Das ist so – und das bekommen wir auch zu spüren. Ende 2019 hat das Unternehmen angefangen, bestehende Altverträge zu ändern. Manche der Beschäftigten hatten noch Verträge, in denen eine 40-Stunden-Woche angegeben und bezahlt wurde, die meisten neueren Verträge beinhalteten schon eine 35-Stunden-Woche. Neben der Kurzarbeit wurden also alle alten Verträge geändert und die Arbeitszeit und auch das Gehalt entsprechend angepasst. Auf Grund des Tarifvertrages hat das Unternehmen das Recht dazu, Verträge von 40 auf 35 Stunden zu reduzieren. Ob dies bei allen Verträgen zwingend nötig war, steht auf einem anderen Blatt: Vor der Stundenkürzung haben wir uns mit Sicherheit nicht 40 Stunden pro Woche gelangweilt, weil nichts zu tun war.

Ein Blick auf das Alsfelder Kamax-Werk. Foto: ts

Wenig später gab es die erste Mitarbeiterversammlung bezüglich der neuen Strategie und Ausrichtung der Kamax-Gruppe. Das war im Januar dieses Jahres. Dabei wurden wir über die Umbrüche in der Autoindustrie informiert, allerdings gab es in diesem Szenario eine klare Perspektive für den Standort Alsfeld. Dabei wurde gesagt, dass die einzelnen Werke sich auf verschiedene Produktbereiche spezialisieren, in Alsfeld sollte das die Non-Bolt-Produktion sein, also Dinge wie Bolzen, Meißel oder Nockenwellen. Weg von den klassischen Schrauben, hin zu anderen Produkten abseits der Automobilbranche. Dadurch sollte das Spektrum erweitert werden und andere Geschäftsfelder erschlossen. Wir sollten eine neue Presse bekommen, die angeblich bestellt wurde. Grundsätzlich sind und waren all das gute Ideen, das möchte ich nicht bestreiten.

Im Nachhinein ärgert mich allerdings eine Sache massiv: Zu diesem Zeitpunkt, an dieser Versammlung, bekannte sich die Geschäftsführung, sogar Herr Jörg Steins persönlich, ganz klar zu Alsfeld. Dass was passieren musste, das war der richtige und notwendige Schritt, aber man beteuerte nochmals, dass man das Werk erhalten wolle. Drei Monate später sieht das plötzlich anders aus, das kann nicht sein. Man muss doch zu diesem Zeitpunkt schon gewusst haben wie es aussieht und trotzdem haben sie sich klar zu Alsfeld bekannt. Wie kann das sein? Aktuell wird es so dargestellt, dass die Pandemie der Auslöser dafür ist, das Werk Alsfeld spontan zu schließen. Sie nutzen Corona für ihre Zwecke, um uns loszuwerden, wieder schneller größere Gewinne zu machen. So einfach ist das! Zeitgleich wird in der Slowakei ein neues Werk gebaut, dort wo die Lohnkosten natürlich geringer sind.

„Das ist respektlos, so informiert man seine Mitarbeiter nicht“

Mitte April ist die Geschäftsführung mit der Absicht an die IG Metall und die Tarifkommission herangetreten, frühzeitig aus dem Ergänzungstarifvertrag auszusteigen oder aber diesen zu ändern. Dabei beziehen sie sich angesichts der aktuellen Situation auf eine Klausel, die besagt, dass aufgrund vom „Wegfall der Geschäftsgrundlage“ der Vertrag gekündigt oder geändert werden könnte. Laut Kamax ist im Oktober 2020 kein Geld mehr da. Ein von der IG Metall beauftragtes Gutachten, welches die finanzielle Lage der Kamax untersucht und beleuchtet hat, sagt jedoch aus: Die Situation ist ernst, jedoch nicht existenzbedrohend. Das dem Unternehmen, auch ohne Kredite, zur Verfügung stehende Geld reicht aus, um auch höhere Verluste abzufangen.

Über eine Schließung mit einem Zettel zu informieren: Das ist respektlos, so informiert man seine Mitarbeiter nicht. Auch in Zeiten von Corona gibt es Möglichkeiten mit den Mitarbeitern zu sprechen, sei es über Videochat oder ähnliches. Man legt aber nicht einfach einen Zettel hin an einem Tag, an dem fast die ganze Belegschaft nicht mal im Werk ist. Wir wurden mit der Nachricht zu diesem Zeitpunkt komplett alleingelassen.

Dass es auch anders geht, hat dann die Videokonferenz mit Jörg Steins von der Geschäftsführung gezeigt. Die fand am Montag nach der Bekanntgabe statt, wo man die Möglichkeit hatte Fragen zu stellen. Da hat er erklärt, dass die Kamax nicht möchte, dass es in dieser Angelegenheit in das Schlichtungsverfahren geht. Das heißt: Wenn sich Tarifkommission, Gewerkschaft und Geschäftsleitung nach dem Wunsch der Änderungen in einer dreimonatigen Änderungszeit nicht einig werden, dann wird die Entscheidung von einem Arbeitsrichter getroffen – und da ist wirklich alles offen. Gleichzeitig hat Steins in dem Videochat ziemlich eindeutig ausgeschlossen, dass man mit Übernahmen an den Homberger Standort rechnen kann. Wie auch? Schließlich sollen dort ebenfalls um die 100 Stellen gekürzt werden, oder „Personalanpassungen“ vorgenommen werden, wie es die Geschäftsführung nennt.

Ein Blick in das Weiterbildungszentrum in Homberg Ohm. Foto: archiv/akr

Im Juli müsste die Verhandlungsphase fertig sein, wenn es schlecht läuft, dann dürfte es schon ab Ende Juli die ersten Kündigungen geben, wobei Steins sagte, dass es erst im Januar erste Kündigungen geben soll. Jetzt sitzen wir bei der Kamax alle im selben Boot: Wir gehen zur Arbeit und fragen uns, warum wir das eigentlich tun. Wir werden alle unseren Job verlieren. Entsprechend ist die Motivation im Keller und die Krankheitsquote hoch.

Das ist eine unangenehme Atmosphäre, die sicherlich noch schlimmer wird. Die Mitarbeiter suchen sich so schnell wie möglich neue Jobs und die, die noch da sind, müssen die Arbeit mit übernehmen, denn die Aufträge sind ja auch weiterhin da. Das ist ein Albtraum, aber es ist eine nur verständliche Reaktion. Im Großen und Ganzen bin ich überrascht, dass überhaupt noch so viele da sind. Bei Whatsapp ging ein Bild herum: Jemand von Kamax hat seine oder ihre Jacke mit dem Firmenlogo an ein schwarzes Kreuz gehängt und vor dem Haus aufgestellt. Dieser jemand bin nicht ich – aber das drückt ziemlich gut die Stimmung bei uns aus.

Alles was im Januar gesagt wurde war plötzlich hinfällig

Man fühlt sich im Stich gelassen. Drei Wochen lang hatten wir einen annähernden Lockdown, wo in der Automobilindustrie die Bänder stillstanden und drei Wochen später kommt die Geschäftsführung um die Ecke und sagt: Die Pandemie hat alles verschlimmert. Aus meiner Sicht war Corona nur ein Vorwand zum besten Zeitpunkt. Solche Aussagen kann man nach einem halben Jahr Pandemie treffen, aber doch nicht nach drei Wochen. Wenn ein so großes Unternehmen keine drei Wochen abfedern kann, dann frage ich mich allen Ernstes: Wer hat hier wie genau gewirtschaftet und wo ist das ganze Geld aus den Jahren hin, in denen die Branche geboomt hat?

Und selbst wenn: Darauf gleich mit der Werksschließung zu reagieren, das halte ich in dieser Zeit für sehr unsolidarisch. Die Mitarbeiter haben für die Firma gearbeitet und so gehen sie nun damit um. Diese Entscheidung fühlt sich sehr endgültig an, als gebe es keine andere Option. Wenn man solche Probleme hat, dann hätte man doch versuchen können durch Mitarbeiteranpassungen Geld einzusparen, aber man macht gleich einen radikalen Schnitt: Werk zu und fertig! Anpassungen gab es nicht, keine Bemühungen. Das zeigt für mich persönlich, dass die Entscheidung schon vorher feststand – ohne Corona hätte man wahrscheinlich direkt nach dem Ende des Ergänzungstarifvertrags das Werk geschlossen. Und jetzt stehen über 200 Beschäftigte vor dem beruflichen Aus, außer man schafft es doch noch eine Schließung zu verhindern, was ich für mehr als unrealistisch halte.

Ich frage mich aber trotzdem: Möchte ich weiter bei der Kamax arbeiten? Möchte ich für ein Unternehmen arbeiten, von dem ich so behandelt werde? Das seine Mitarbeiter vor den Kopf stößt und sie nicht einmal persönlich von den Entwicklungen und der Schließung informiert? Wo man mit einem Brief abgefertigt wird? Ich persönlich kenne meine Antwort auf diese Fragen.

Aufgeschrieben von Luisa Stock

7 Gedanken zu “„Sie nutzen Corona für ihre Zwecke“

  1. Wer die Qualitätsansprüche der deutschen Automobilindustrie kennt weiß was er von den Kommentaren von Buschfunker13 und ex- Beschäftigter zu halten hat.
    Selten einen solchen Bullshit gelesen ,wer nicht weiß von was er redet sollte besser still sein.Um es vornehm auszudrücken.
    Jeder,aber wirklich jeder der bei Kamax arbeitet bringt für sein Geld die entsprechende Leistung,wer glaubt daß er bei Kamax etwas geschenkt bekommt der irrt gewaltig.Eher das Gegenteil ist der Fall wie man am Bespiel der Ergänzungstarifvertrages sieht.

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    1. Der Unternehmer sollte besser seinen Job machen: etwas unternehmen. Sonst sollten wir ihn besser als Unterlasser bezeichnen. Da könnte ich mir auch einen Nadelstreifenanzug anziehen und die Beschäftigten kaputtsparen als Strategie verordnen und ne Menge Gehalt für diese „kluge Idee“ verlangen. Der Rotstift ist die Strategie der ideenlosen Verlierer. Ihre Ideenlosigkeit versuchen sie, auf die Beschäftigten abzuladen.

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  2. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe geht Gott sei Dank zu Ende, und das ist ein wesentlicher Punkt, neben dem Versagen der Auto Industrie und Corona, das Unternehmen jetzt Umstrukturierungen vornehmen müssen!
    Tesla ist das beste Beispiel, wie man es schon vor Jahren hätte machen sollen.

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  3. Ich kann mich dem ex – beschäftigten nur anschließen.

    Ich musste mich vom KFZ- Mechaniker zum heutigen Betriebsleiter hocharbeiten und habe mich nicht nach der Lehre ans Band gestellt und in der Industrie gut bezahlen lassen..

    Ich musste mich weiterbilden, auch wenn es mal eng war mit der Kohle, trotz Familie.

    Und hier, oh Gott die Kamax macht zu, was soll ich tun, ich bin doch jeden Tag mit dem Rad an die Arbeit und habe noch gut verdient.

    Leute, Arbeit 2020 geht anders…die Welt verändert sich und vielleicht auch mal ans Pendeln gedacht…

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  4. Lustiges Foto oben, soll das bedeuten das Kamax Mitarbeiter nur noch als Vogelscheuchen nützlich sind :))

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  5. Muss immer wieder schmunzeln wenn ich den Slogan „was wir für die Kamax getan haben“ höre. Wenn schon in guten Zeiten in Homberg die Nachtschicht ihre Maschinen über Nacht arbeiten ließ und selbst am Parkplatz im Auto geschlafen hat und dabei königlich entlohnt wurde. Jetzt kommt natürlich der Weltuntergang wenn ihr künftig in Zeitarbeit für 10€ die Stunde, den Vorschlaghammer schwingen müsst… Das man euch mit einem Zettel abgespeist hat, ist heute nichts Neues mehr. Ihr seid jetzt nur in der Realität angekommen. Es wird noch viel schlimmer wenn ihr im neuen Job ankommt.

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    1. Ihr Kommentar klingt für mich wie: Ich gönne Euch, dass Ihr zukünftig für 10 Euro schwer arbeiten müsst, und das ist richtig so.
      Und ich verstehe Sie so, dass die Beschäftigten ihr Geld dort im Schlaf verdient haben. Ich selbst habe das vor Ort und in einer riesigen Dauerlautstärke anders wahrgenommen. Ich empfinde Ihre Äußerung als Verhöhnung der Kolleginnen und Kollegen und als Unverschämtheit. Ich kann das nicht anders sagen.

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