Das Landgericht in Gießen. Foto: archiv

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Mitarbeiter veruntreute Millionen - Öffentlichkeit ausgeschlossenProzess im Sparkassen-Skandal hat begonnen

REGION (ls/jal). Neun Millionen Euro soll ein mittlerweile ehemaliger Mitarbeiter der Sparkasse Oberhessen veruntreut haben. An diesem Donnerstag startete der Prozess gegen den 44-Jährigen vor dem Landgericht Gießen – und das mit Ausschluss der Öffentlichkeit, denn wie es scheint, hat der Mann ein Doppelleben zwischen Familie, Sucht und Sado-Maso geführt.

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Sparkasse Oberhessen hat wohl über mehrere Jahre rund neun Millionen Euro von seinem Arbeitgeber veruntreut. Schon kurz nachdem der Mann im Frühjahr aufgeflogen war, gestand er die Tat. Diesen Donnerstag hat nun der Prozess gegen ihn vor dem Gießener Landgericht begonnen. Die Anklage lautet auf gewerbsmäßiger Untreue in 43 Fällen.

Im Zeitraum von Mai 2012 bis April 2017 soll der Mann laut Staatsanwaltschaft 4,3 Millionen Euro von der Sparkasse Oberhessen abgezweigt und auf sein eigenes Konto bei der die Deutsche Kredit Bank überwiesen haben. Oberhessen-live hatte zu seiner Zeit aufgedeckt, dass es die Berliner Bank war, die schließlich Verdacht schöpfte und die Sparkasse Oberhessen über Auffälligkeiten informierte. Die Sparkasse hatte zuvor stets suggeriert, dass die Tat von Experten des eigenen Hauses aufgedeckt worden sei.

Die restlichen 4,5 Millionen Euro stehen bei dem Strafprozess des 44-Jährigen nicht in der Anklage – diese Fälle seien verjährt, wie der stellvertretende Sprecher der Staatsanwalt, Rouven Spieler, gegenüber Oberhessen-live erklärte. Die Sparkasse beteuerte stets, dass der Mann nur Geld von internen Konten genommen und keine Privatkunden der Bank geschädigt worden seien.

Lokalpolitiker mit Doppelleben?

Medienberichten zufolge führte der Mann – ein Lokalpolitiker aus dem Wetterau-Kreis – ein Doppelleben. Von dem Geld soll der Familienvater Wertpapiere und Grundstücke gekauft haben. Außerdem soll er „sexuelle Dienste im Sado-Maso-Bereich“ von dem veruntreuten Geldern in Anspruch genommen haben. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Oberhessen-live. Berichten zufolge soll er mit einem ausschweifenden Lebensstil geprahlt und auf die Frage, ob er im Lotto gewonnen habe, lediglich still gelächelt haben.

Mit „Scheinbuchungen“ und unter „seltsamen Verwendungszwecken aus Zahlenkombinationen“ konnte er die Veruntreuung laut den Ermittlern über zehn Jahre geheim halten, bis seine Hausbank in Berlin schließlich stutzig wurde. Weitere Summen ließ er demnach von dort auf die Konten von Familienmitgliedern fließen, darunter auch seine minderjährigen Kinder. Bei diesen Konten sei er selbst Verwalter gewesen. Mit einem Bestandskonto der Sparkasse, auf dem er Rücklagen sammelte, glich er die Bilanz der Bank aus. Dadurch konnte er so lange unentdeckt bleiben. Dieses Konstrukt sei allerdings nicht Bestand der Anklage. „Das wurde vom Verfahren abgetrennt“, erklärte Spieler.

Nach der Anklageverlesung an diesem Donnerstag hatte die Verteidigung den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt. „Damit soll der persönliche Lebensbereich des Angeklagten geschützt werden“, erklärte Spieler. Doch vorher legte der 44-Jährige dem Gericht einen Nachweis über Sitzungen zur Suchtberatung vor. Nach Medienberichten soll er mit Drogenproblemen gekämpft haben. Staatsanwalt Spieler wollte gegenüber Oberhessen-live lediglich ein Suchtproblem bestätigen.

Der beschuldigte Familienvater war bis zur Entdeckung der Veruntreuung als Vorsitzender der Gemeindevertretung in Limeshain im Wetterau-Kreis tätig. Im Zuge der Ermittlungen hat die Sparkasse Oberhessen weitere Mitarbeiter aus dem Umfeld des Mannes entlassen oder versetzt – unter anderem ein stellvertretendes Vorstandsmitglied.

Luisa Stock

Studierte in Gießen Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit Juli 2016 Volontärin bei Oberhessen-live.

Ein Gedanke zu “Prozess im Sparkassen-Skandal hat begonnen

  1. Ein erschreckender Blick hinter die gutbürgerliche Fassade. Dass unter den Privat-Bankern unseriöse Zocker sind, wusste man ja bereits, Deutsche Bank sei Dank (siehe https://www.youtube.com/watch?v=D1QB01nF0qg). Aber jetzt auch bei der biederen Sparkasse? Man glaubte doch, die Verankerung in der Region, insbesondere die vielen kommunalen Aufsichtsgremien, könnten die kriminelle Energie der Bankster im Zaum halten. Irrtum. Offensichtlich funktionieren die Kontrollmechanismen auch hier nicht. Müßig, nach dem Warum zu fragen. Denn sie funktionieren doch nirgendwo in dieser Gesellschaft, weil sie von vornherein so angelegt werden, dass sie nicht funktionieren. Beispiel Altenheime (siehe https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-5-dezember-2017-100.html). Oder Massentierhaltung (http://www.zeit.de/2014/17/neuland-gefluegel-massentierhaltung/komplettansicht). Nehmen Sie, was Sie wollen. „Das Problem liegt im System“, schreibt DIE ZEIT. Was das hinsichtlich des heimischen Sparkassen-Skandals bedeutet, wird aus einem Portrait des Wahlkämpfers Manfred Görig von „oberhessen-live“ deutlich. Dort liest man:

    „Görig sitzt als Landrat des Vogelsbergkreises im Verwaltungsrat der Sparkasse. Seine Aufgabe ist es unter anderem, den Vorstand zu überwachen. Am Ende des Tages trägt er die politische Verantwortung für das, was in der öffentlich-rechtlichen Einrichtung Sparkasse Oberhessen vor sich geht. Görig bleibt allerdings bei seiner Aussage: Mit dem operativen Geschäft habe er selbst nichts zu tun – und Vorstandschef Günter Sedlack habe auch in der Krise einen prima Job gemacht. Das ist eine Sichtweise, die man nicht unbedingt teilen muss. Doch der große Aufschrei der Opposition blieb bislang aus.“

    Genau darum geht es. Man sitzt im Aufsichtsrat, im Verwaltungsrat, im Parlament, in diesem Beirat und in jenem Beirat… Man spricht von Verantwortung, die Gewalten sind geteilt, man wacht über das Gemeinwohl, die Mächtigen, also die, die darüber bestimmen, wie wir Bürger jetzt und in Zukunft leben sollen, setzen sich willig der Kontrolle demokratischer Instanzen aus… Und am Ende macht jeder, was er will, und keiner hat`s gemerkt und niemand will am Ende für das gerade stehen, was er verbockt, versäumt oder pflichtwidrig geduldet hat.

    Immer größer wird die Zahl der Bürger, die „dem System“ – gemeint ist unsere parlamentarische Demokratie – grundsätzlich misstrauen, die kein Argument mehr erreicht, die für sich nach den einfachen Erklärungen und Lösungen suchen. Und die etablierten Parteien reagieren angewidert. Doch sie selbst sind es, die die Glaubwürdigkeit der Demokratie aushöhlen. Probleme, deren Dimension oft nur noch von wenigen Fachleuten überhaupt erfasst werden, werden durch die Politik nicht mehr gelöst, sondern verharmlost oder in irgendwelche Bad Banks verschoben, wo sie bis zum Ausbruch der nächsten Krise vor sich hin gären. Man denke nur an Armutsrenten, Pflegekräftemangel oder die Integration von Millionen Flüchtlingen aus fremden Kulturen. Es geht nur noch darum, sich möglichst lange in lukrativen Ämtern und Funktionen zu halten. Hierzu bildet man Seilschaften. Man kennt sich und man hilft sich. Kontrollen sind in diesem System nicht vorgesehen.

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