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Kolumne: Goodbye Winnyzja – Ninas Flucht vor Russlands KriegDer Tag, der das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilte

ROMROD/WINNYZJA. Den 24. Februar wird Nina Yaroshenko nie vergessen. Es ist der Tag, an dem Putins Armee die Ukraine überfiel. Wenige Tage später floh Nina nach Polen und schließlich nach Romrod. Nun berichtet sie für OL aus ihrem neuen Leben – und startet mit den Moment, als ihre beiden Töchter „Lebe Wohl“ zu ihrem Papa sagten.

Nina Yaroshenko, 29, ist bei Winnyzja, etwas westlich der Mitte der Ukraine, geboren und zuhause gewesen. In ihrer Heimat arbeitete sie als Zeitungs- und Radio-Journalistin. Durch den Ausbruch des russischen Angriffskriegs gezwungen, ihr Land zu verlassen, floh sie nach Deutschland. Seit März lebt sie mit ihren zwei Kindern in Romrod. Ihr Mann durfte die Ukraine nicht verlassen, bislang musste er jedoch noch nicht in den Kampfeinsatz.

In dieser Kolumne berichtet Nina für Oberhessen-live in unregelmäßigen Abständen über ihr neues Leben im Vogelsberg; ihre Gedanken und Ängste, sowie ihre persönliche Sicht auf den Krieg.

Der Beginn des Krieges

Ein vollumfänglicher russisch-ukrainischer Krieg tobt nun schon seit sechs Monaten. Jeder Tag hat einen unglaublich hohen Preis, den Ukrainer nicht mit Geld bezahlen, sondern mit ihren Leben. Wie haben ganz normale Leute den Ausbruch des Krieges miterlebt? Wo waren sie, als sie die Nachricht des russischen Angriffs erfahren haben?

Ich sehe diese Momente glasklar vor mir. Aber es ist schmerzhaft, sich zu erinnern. Der 24. Februar wird für immer ein schwarzer Tag in meinem Gedächtnis sein - und das, obwohl es an diesem Tag schneite und alles draußen in Weiß gehüllt war. Mein Mann erzählte mir, dass der Krieg begonnen habe. Er rief mich gegen 5 Uhr in der Früh an und sagte, dass das Kriegsrecht verhängt worden sei. Dann sagte er: „Hör mir genau zu. Russland bombardiert gerade Kiew. Der Krieg hat begonnen. Mir geht es gut. Die Eltern und ich versuchen, aus der Stadt rauszukommen.“

Meine Eltern lebten zu der Zeit in Kiew, und mein Mann arbeitete dort. Etwa 260 Kilometer trennten uns. Normalerweise braucht man etwa vier Stunden, um diese Strecke zurückzulegen. Sie brauchten mit dem Auto 22. Die Leute auf den Straßen in Kiew waren voller Panik, gleichzeitig versuchten sie, die Stadt zu verlassen. Es bildeten sich in Windeseile riesige Staus. Es gab Gedränge, die U-Bahn-Stationen funktionierten nur noch als Bunker. Schon bald gab es an den Tankstellen kein Benzin mehr.

Jetzt sind mehr als 1500 Kilometer, die meinen Mann und mich voneinander trennen. Wie viele Tage oder Monate es brauchen wird, um diese Distanz zu überwinden, meine Verwandten wiederzusehen, wie lange unsere Töchter aushalten müssen, bis sie ihren Vater wieder umarmen können – ich weiß es nicht. Niemand weiß es.

Alles wirkte unnormal an diesem Tag, als der Krieg begann. Die Luft um uns herum wirkte dick und schwer. Es brauchte viel Anstrengung, um ganz normale Dinge zu erledigen. Ich weckte die Kinder auf und sagte ihnen, was gerade vor sich ging. Eigentlich versuche ich ihnen immer alles zu erklären. Aber diesmal einigte ich mich mit meinen Töchtern, dass sie sich schnell anziehen oder verstecken, wenn ich es ihnen sage, ohne Fragen zu stellen.

Wir frühstückten gerade, als es eine laute Explosion gab. Russland bombardierte eine Militäreinrichtung in der Nähe von Winnyzja. Unser Haus erzitterte wie während eines Erdbebens und die Kinder bekamen es gründlich mit der Angst zu tun. Als sich die Lage etwas beruhigt hatte, sagte ich ihnen, dass wir nun eine super Aufgabe vor uns hätten: Alles für einen Familienausflug vorzubereiten und zu warten, bis Papa wiederkommt.

Die Dokumente lagen schon bereit

Mir wurde klar, dass ich Proviant packen musste. Wasser, Essen und ein paar andere Dinge. Unsere Medikamente und wichtigen Dokumente waren schon abreisefertig vorbereitet – denn schon in den vergangenen Monaten lag Besorgnis in der Luft. Sehr oft hörten wir Warnungen vor einer möglichen Bombardierung von Schulen, Kindergärten oder Shoppingzentren. Russland und Belarus hielten Militärmanöver in der Nähe unserer Staatsgrenze ab. Und als Russland die Unabhängigkeit zweier besetzter Regionen in der Ostukraine anerkannte, wurde klar, dass eine militärische Offensive nur noch eine Frage der Zeit war.

Aber es schien mir so, als ob viele Menschen bis zuletzt nicht geglaubt haben, dass es in der heutigen Zeit so einfach ist, eine großangelegte militärische Aggression zu starten. Es war schlicht und einfach irrational und ergab keinen Sinn.

Vor 12 Uhr mittags bildeten sich in unserer Stadt lange Schlangen in Apotheken, Supermärkten und Banken. Die Behörden verkündeten sofort Strafmaßnahmen für Wucherpreise und Spekulation. Ich stand mit meinen Kindern vier Stunden am Geldautomaten an. Und in der Nacht erreichten mein Mann und meine Eltern Winnyzja.

„Unfassbare Angst und Verzweiflung ergriffen von einem Besitz“

Der emotionale und physische Stress der ersten Tage des Krieges waren unglaublich kräftezehrend. Von einem Moment zu anderen fanden wir uns alle in einer Parallelwelt wieder und mussten unsere Leben neu ordnen, so schnell wie möglich. Die Gedanken spielten verrückt. Manchmal konnte man einfach nicht glauben, dass Krieg ausgebrochen war. Unfassbare Angst und Verzweiflung ergriffen von einem Besitz, als man bemerkte, was gerade alles um einen herum geschah.

Aber ungeachtet dessen zeigten die Menschen große Solidarität und Entschlossenheit. Die Selbstorganisation der Ukrainer funktionierte kolossal. Innerhalb von Stunden wurden Selbstverteidigungskräfte für einige Städte aufgestockt. Die Leute gaben jedem, der etwas brauchte, Kleidung, Essen und Medizin. Freiwillige absolvierten ein rasches Training, patrouillierten und errichteten Straßenblockaden. Informationen zum Thema Erste Hilfe oder dem Verhalten während Artillerieangriffen oder Straßenkämpfen machten die Runde. In den sozialen Netzwerken wurden offizielle Informationsquellen, Adressen von medizinischen Einrichtungen und Bunkern gesammelt. Die Menschen begannen Keller so umzurüsten, dass sie als Schutzraum dienen konnten.

Schließlich tauchten mehr und mehr Berichte auf über getötete Zivilisten, Plünderungen und Folter – und zerstörten Autos, auf die man vorher extra den Hinweis „Kinder“ geschrieben hatte, um nicht angegriffen zu werden (siehe Tweet als Beispiel, Foto vom April). Es wurde klar, dass russische Soldaten die Erlaubnis oder den direkten Befehl zur Tötung von Zivilisten haben. Am vierten Tag des Krieges entschieden wir uns, die Kinder aus dem Land zu bringen.

Diese Entscheidung zu fällen war alles andere als leicht. Unsere Familie hatte niemals geplant die Ukraine zu verlassen. Wir lebten dort, wir arbeiteten dort, und wir brauten uns unsere Zukunft dort auf. Wir diskutierten jeden Punkt durch, wogen „Pros“ und „Cons“ gegeneinander ab. Und nach einem weiteren Raketenangriff, wohl von einem russischen Schiff im Schwarzen Meer aus, entschieden wir uns schließlich, zu gehen.

Früh am Morgen des 28. Februars, direkt nach der Ausgangssperre, brachte mein Mann mich, unsere zwei Töchter und meine Mutter zur Grenze. Den ganzen Weg über erklärten wir den Mädchen, warum ihr Vater in der Ukraine bleiben musste. Einer nach dem anderen fing an zu weinen, und obwohl wir einander Mut machten, verstanden wir, dass der Moment des „Lebe Wohl“-Sagens unvermeidbar war.

Auf unserem Weg mussten wir eine schier unglaubliche Zahl an Checkpoints passieren, die Ukrainer selbst organisiert hatten. Selbst in den kleinsten Dörfern hatten die Menschen Betonklötze in Panzersperren verwandelt. Dieser Anblick gab einem Auftrieb, zeigte er doch, wie entschlossen die Leute waren. „Siehst du“, sagte ich zu einer meiner Töchter, „solche Menschen können einfach nicht besiegt werden. Unser Papa ist wie diese Menschen, tapfer und stark. Wir werden uns auf jeden Fall bald alle wiedersehen“.

Am späten Nachmittag erreichten wir die Grenze zu Polen. Wir mussten mehrere Kilometer zu Fuß gehen, aber mein Mann musste in der Ukraine bleiben. Das Kriegsrecht verbietet es allen Männern zwischen 18 und 60, das Land zu verlassen. Wir verabschiedeten uns und er fuhr so schnell wie er nur konnte davon, damit er die Mädchen nicht weinen sehen musste.

Wir mussten etwa sechs Stunden am Checkpoint warten. Es war kalt, aber Freiwillige halfen uns eine Menge. Sie gaben uns heißen Tee und Essen für die Kinder.

Foto: privat

Meine älteste Tochter holte aus ihrer Tasche eine Ukraine-Flagge und wickelte sich darin ein. Neben Familienfotos und einem kleinen Engelbild war die Flagge das Erste, was sie eingepackt hatte.

Foto: privat

Tausende Ukrainer mussten Dinge erleben, die nicht mit Worten beschrieben werden können. Aber so begann die Geschichte meiner Familie im Zeichen des Krieges. Und sie geht immer noch weiter. Zurzeit kann niemand genau sagen, wann sie zu Ende sein wird. Aber sie sollte definitiv mit einem Sieg der Ukraine enden. Andernfalls müssten ihr und ich uns ein anderes Land suchen, in dem wir Schutz finden können. Denn Russland würde nach einem Sieg gegen die Ukraine niemals aufhören.

Aus dem Englischen von Juri Auel

3 Gedanken zu “Der Tag, der das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilte

  1. Es fällt schwer, in dem russischen Angriff auf die Ukraine irgendein rationales Element zu entdecken. Aber natürlich haben auch große Verbrechen und große Verbrecher ihren „Plan“. Und vor allem ihre propagandistischen Rechtfertigungen, deren Irrationalität und Verlogenheit aber oft jede normale Vorstellung sprengt.
    Die Welt ist aus den Fugen. Das stellte Bundespräsident Steinmeier lange vor dem russischen Angriff auf die Ukraine fest und manchem mag dies aus heitiger Sicht übertrieben erscheinen. Schlimmer geht immer. Und irgendwann gehen auch die Sprachbilder aus. Kann man „aus den Fugen“ noch steigern? Was bleibt noch zu sagen, wenn ein Völkermord, ein Menschheitsverbrechen, eine Pandemie, eine Naturkatastrophe auf die nächste folgt? Gestern erst erinnerte ein Hörfunkkommentar daran, wie schnell das Afghanistan-Desaster über den neuen Kriegen, Krisen und Weltproblemen vollständig in Vergessenheit geriet, zumindest aus den Schlagzeilen der Medien verschwand. Und man ist erschüttert und beschämt zugleich, wenn man auch bei sich selbst feststellt, wie schnell die grausamsten Ereignisse zum „Alltag“ werden und kaum noch massenhafte Empathie, individuelle Bestürzung und öffentliche Empörung auslösen. Seit ich einigermaßen erwachsen bin, hat mich umgetrieben, wie schnell die Gräuel des zweiten Weltkriegs, vor allem aber die Massenvernichtung des Holocaust und die vielen anderen Kriegsverbrechen deutscher „Besatzer“ der Verdrängung anheim fielen. Auch meine Eltern waren als (zivile) Besatzer im Ausland (Frankreich). Ihre Kriegserinnerungen bestanden aus Wochenendausflügen nach Paris und Fahrradtouren „ans Meer“. Ja, und die englischen Bomber kamen über den Kanal, und eine Bombe traf ein Kinderkarussel. Und natürlich war die gesamte (französische) Zivilbevölkerung aufgebracht und verwünschte die Westmächte. Vor diesem Hintergrund sollte man sich über die Verblendung weiter Teile der russischen Bevölkerung i.S. von Putins Kriegspropaganda nicht allzu sehr entrüsten. Dasselbe gilt allgemein für die Abstumpfung gegenüber der Banalität des Bösen. Auf den Dachböden des Marsberger Landeskrankenhauses (früher „Irrenanstalt“) lagen zu meiner Schulzeit noch die Riesenberge abgeschnittener Haare und gesammelter Brillen (vermutlich) der Euthanasie-Opfer. Zeugnisse der Banalität des Bösen. Das Massen-Unrecht und der Massenmord in Gestalt industrieller Rohstoffwirtschaft. Und in der Masse verliert das einzelne Opfer sein Gesicht, wie aber auch das Einzelschicksal eben durch die Masse ähnlicher Schicksale bis zur Bedeutungslosigkeit „relativiert“ wird. Da ist es um so notwendiger, das Einzelschicksal immer wieder in Erinnerung zu rufen und so dem Vergessen(werden) zu entreißen. Welche weltweite Erschütterung löste im Jahr 1978 (!!!) die vierteilige US-Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ aus. Später kam dann „Schindlers Liste“. Aber auch der Film „Aus einem Deutschen Leben“ (Gegenstand ist die Biografie des Auschwitzer Lagerleiters Höss) oder Ingmar Bergmanns „Das Schlangenei“ sind wichtige Zeitdokumente. Und heute sind das eben die vielen Zeugnisse von Opfern des russischen Angriffs auf die Ukraine, von Frauen unter der Talibanherrschaft in Afghanistan, des Völkermords an den Rohingya in Myanmar… Lasst uns über dieses nicht hinwegsehen und hinweg gehen!

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    1. Wer Hollywood-Machwerke als „wichtige Zeitdokumente“ bezeichnet, hat sich mit seiner Meinung vollumfänglich disqualifiziert.

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      1. (1) Wer Nebucad Donosors Meinung als qualifiziert in Verkehr bringt, wird mit vollumfänglicher Disqualifikation bestraft. (2) Auch der Versuch ist strafbar. (3) Und wer sich umdreht oder lacht, kriegt vollumfänglich den Buckel schwarz gemacht.

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