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Wo alles seinen Anfang nahmVon altem Mauerwerk und seinem eigenen Herzschlag

ALSFELD. Bahnhöfe sind magische Orte – nicht nur, weil sie so viele Menschen kommen und gehen sehen, sie Abschied und Wiedersehen in einer Sekunde vereinen können, sondern weil sie Anschluss an die weite Welt bieten, deren Geschichten erzählen und einen ganz eigenen Herzschlag besitzen. Ein solch magischer Ort mit eigenem Herzschlag muss der Alsfelder Güterbahnhof gewesen sein…

… jedenfalls bevor er stillgelegt wurde, als Lager diente und dann viele Jahre leer stand, ehe er in Frank Galfe vor acht Jahren einen neuen Besitzer fand, der seither versucht ist, die Geschichte des alten Mauerwerkes offen zu legen und zu erzählen. Der Beginn einer Spurensuche nach den Geheimnissen des alten Güterbahnhofs.

Gebaut und eröffnet wurde der Güterbahnhof im Jahr 1870, damals noch als Hauptbahnhof in Alsfeld. Und schon nach ersten zaghaften Versuchen etwas über die Geschichte des alten Mauerwerks herauszufinden, kam Galfe die Lebhaftigkeit des auf den ersten Blick so ruhigen Ortes zu spüren – und erzählt. Da gab es Fotos von verladenen Elefanten und Erzählungen von Obst- und Gemüselieferungen, die die Neugierde des kreativen Lookbauers entfachten.

Schon seit den 1850er Jahren hatte man in der Region um den Eisenbahnanschluss gekämpft, nach langen Verhandlungen wurde zunächst im Jahr 1870 die Strecke von Grünberg nach Alsfeld eröffnet und dann ein Jahr darauf die Strecke nach Fulda erweitert. Schon kurz darauf fand der Übergang von der handwerklichen hin zur gewerblichen Verarbeitung von Rohstoffen statt mit dem Fokus auf Verbrauchsgüter im Fabrikbetrieb – und schöner hätte es selbst ein Märchendichter nicht schreiben können: Im Güterbahnhof in Alsfeld entfaltete sich ein Umschlagplatz für die moderne Textil- und Bekleidungsindustrie, die vom umliegenden Flachsanbau und der Schafzucht begünstigt wurde.

Als wäre es das Schicksal des Güterbahnhofes, dass Modemacher Frank Galfe über 140 Jahre nach der Eröffnung genau dort wieder die Stoffe, Textile, Mode und das alte Handwerk zurück in die alten Gemäuer bringt.

Wie es weiter ging: Ein Ort mit Zeitgeist

Am 1. April 2013 war die Stille in dem ehemals so lebendigen Ort vorbei: Den alten Hallen wurde neues Leben eingehaucht, nach und nach. Lookbauer Frank Galfe, der in Alsfeld nicht nur durch sein eigenes Ladengeschäft, sondern auch immer wieder durch seine modische Tat- und Schaffenskraft bekannt ist, kaufte das Gebäude, legt die alten Mauern offen und lässt damit die Geschichte des Industriebaus zum Leben erwecken.

Da wurden alte Wände eingerissen, Marode Strukturen entfernt, der alte Boden aufgearbeitet, neue Türen und Rolltore eingebaut und die Wände wurden verkalkt, sodass sie wieder atmen können. Ja, sogar Sanitäranlagen wurden eingebaut, die früher so nicht vorhanden waren. Kurzum: In den letzten acht Jahren ist in unzähligen Arbeitsstunden in Eigenleistung aus dem alten Güterbahnhof eine moderne Eventlocation geworden, die in der Stadt ihresgleichen sucht.

Da treffen die alten Gemäuer auf eine noch ältere Geschichte die nun in einem offenen, modernen Design wieder zum Leben erweckt wird. „Ich wusste nicht, dass die Mauern des Bahnhofs im Krieg teilweise weggebombt wurden und später mit einem anderen Material neu errichtet wurden“, erzählt Galfe. Die Offenlegung des Mauerwerks bei der Sanierung habe das sichtbar gemacht – und genau so soll es bleiben. „Ich möchte das nicht verändern. Das gehört zur Geschichte dazu und genau das soll man nicht nur spüren, sondern auch sehen.“ Diese Geschichte gibt es im Güterbahnhof bei den Events nun zum Anfassen nah.

All das ist an diesem Ort untrennbar miteinander verflochten. Ein Ort mit einem eigenen Zeitgeist, mit einem eigenen Herzschlag. Der Güterbahnhof ist ein Ankommen, ein Innehalten, ein Treffen, aber auch ein Weiterreise. Und genau diese Weiterreise in ein neues Zeitalter wird nun eindrucksvoll sichtbar.

Vom Handeln und Wandeln

„Um so dunkler die Nacht ist, desto lebendiger wird die Halle. Das geht richtig unter die Haut“, sagt Galfe. In dem industriellen Ambiente mit modernen und gleichzeitig rustikalen Elementen, soll sich jeder Besucher wie Zuhause fühlen. Das bringe ein Bahnhof, als Ort der Begegnungen, mit sich, wo Menschen aus allen Welten aufeinandertreffen – sich ihre Vielfalt, aber auch ihre Gemeinsamkeiten zeigen.

 

So zieht der Bahnhof durch seine einzigartige Wandelbarkeit und mit seinem engagierten und leidenschaftlichen Serviceteam, beinahe jedes Wochenende Feiertagsleute nach Alsfeld: Ankommen – genießen und gut gelaunt weiterziehen.

Altes Handwerk im alten Gemäuer

Die Leidenschaft für das Handwerk ist im ganzen Team deutlich spür- bar. Da wären Frank Galfe selbst, der Chef, ein gelernter Einzelhandelskaufmann im Modebereich, der aber vor allem durch seine kreativen Ideen rund um die Mode bekannt ist. Und dann ist da noch sei- ne Schwester Juliane. Die studierte Designerin setzt die Modelle und Ideen von Galfe selbst direkt auf Papier in die Entwürfe um, die dann als Vorlage für das eigentliche Schnittmuster dienen.

An dieser Stelle kommt dann Antonia Klitsch ins Spiel, die die Schnitte nicht nur verstehen muss, sondern ihnen auch Leben einhaucht. Die gelernte Maßschneiderin und Meisterin mit Erfahrung im Haut-Couture-Bereich fertigt im lichtdurchfluteten Atelier im Güterbahnhof die Modelle an, die dann in den größeren regionalen Nähereien in die Produktion gehen. Aber auch einzelne handgearbeitete Kleinserien und Maßanfertigungen werden hier geschaffen.

Wo man heute steht

Seit einiger Zeit rattern im alten Güterbahnhof die Nähmaschinen. Vor mittlerweile acht Jahren hat Galfe das Gebäude gekauft und schlägt seit drei Jahren im angrenzenden Wohnhaus eine Verbindung zwischen den Zeiten: Genau dort, wo vor über 100 Jahren schon einmal ein Umschlagplatz für Textile und Stoffe war, hat Mode wieder Einzug gefunden – mit dem hauseigenen Atelier von Galfe selbst, der gemeinsam mit seiner Schwester Julia-ne Galfe in 2015 die Modemarke „GeschwisterGalfe“ ins Leben gerufen hat.

Galfes modische Antwort auf eine Eintönigkeit der Branche, ein Bekenntnis zur Heimat, zum Handwerk und zur Nachhaltigkeit. Die Modelle aus den Kollektionen nennen die beiden Galfes „Schlüsselstücke“ – weil sie der Schlüssel zu vielem sind: In ihrer Klarheit passen sie zu den verschiedensten anderen Stücken, werten sie auf oder unter- streichen sie und damit auch die Persönlichkeit des Trägers oder der Trägerin. „Sie sind somit der Schlüssel zu den perfekten Looks“, sind sich die Galfes sicher und machen die Mode damit zum Dauergast im Kleiderschrank.

Genau darin liegt dann auch die Nachhaltigkeit, die den beiden so wichtig ist. Tragbar wird die Nachhaltigkeit gleichzeitig durch regionale Stoffe, kurze Transportwege, einer regionalen Produktion und den Entwürfen, die im regionalen Atelier entstehen, das durch die aus Köln zurückgekehrten Schneidermeisterin Antonia Klitsch, die sich nicht nur der Perfektionierung der Mode des Alsfelder Labels verschrieben hat, sondern direkt am Entstehungsprozess beteiligt ist und die Kreationen zum Leben erweckt.

Die Entwürfe müssen verstanden werden, die Schnitte verarbeitet und gefertigt. Dazu braucht es Leidenschaft. Es ist aber nicht nur die Heimatverbundenheit und die Nähe zum eigenen Laden, die Galfe hier produzieren lässt, es ist auch das Netzwerk aus mittlerweile liebgewonnen Menschen, die die gleiche Leidenschaft zu guten, regionalen Produkten teilen.

„Die Menschen hier wissen gute, regionale Qualität zu schätzen“, er- klärt Galfe. Das spiegele sich auch in der Inspiration und den Designs der Geschwister wieder. Klare Linien, zeitloses Design und ehrliche Stoffe werden dabei zunächst auf die Büste gesteckt, dann auf Papier gezeichnet und im Stoff vernäht.

„Die Mode hat sich verändert. Sie ist schnelllebiger denn je, wodurch sich Qualitäten verschlechtern und Nachhaltigkeit ausbleibt. Was früher als Handwerkskunst geschätzt war, ist nun zu einem Wegwerfprodukt geworden“, sagt der Modemacher. Es sei an der Zeit, dass sich daran wieder etwas ändere, man die Wertigkeit von Mode, die Bedeutung des Modehandwerks, wieder neu zu schätzen lerne. „Wir glauben daran, dass das Handwerk wieder einen großen Stellenwert haben muss und auch haben wird.“

Im Bauhand- werk werden Preise nicht hinterfragt – auch wenn es doppelt so viel kostet wie eine Schneiderin, die bis zu acht Stunden an einer Hose näht. Und genau dieses alte Handwerk bringt Galfe mit seiner Modemarke und seinem Atelier wieder in das Gemäuer des alten Güterbahnhofs, wo beides wie schon vor über 100 Jahren miteinander verflochten und verwoben wird.

Frischer Wind im Güterbahnhof: Miteinander und nebeneinander

Apropos Handwerk: Es ist nicht nur das Schneiderhandwerk, was im Güterbahnhof Einzug erhalten hat, sondern auch das Friseurhandwerk. In 2020 hat genau dort der 27-Jährige Kim Kevin Brassel seinen neuen Salon „Novus“ eröffnet – und sich damit einen Traum verwirklicht. Neu, jung und frisch soll er sein, der Salon des Friseur und Colour-Experten.

Und wie es der Zufall so will, steckt all das auch in dem Namen, dessen Übersetzung aus dem Lateinischen eben genau das bedeutet: neu, jung und frisch. „Novus“ heißt der Friseursalon des jungen Mannes, der nicht nur mitten im Corona-Lockdown eine Menge Mut und Zuversicht bewiesen hat, sondern sich gleichzeitig noch seinen persönlichen Lebenstraum verwirklicht hat.

95 Quadratmeter ist er groß und bietet neben einen VIP-Raum, neun Sitzplätze, drei Waschplätze und ein offenes, modernes und gradliniges Design. Hinzu komme eine moderne Einrichtung, die nicht nur auf Nachhaltigkeit setzt, sondern auch auf innovative Ideen. „Es war immer unser Ziel, den Charme des alten Gebäudes hier zu erhalten, es mit Leben zu füllen und zu öffnen“, erklärt er. So soll beispielsweise noch eine Glastür eingebaut werden, die den Blick auf die große Halle öffnet.

Gleichzeitig sollen im Güterbahnhof die Handwerke nebeneinander und miteinander arbeiten, um den Menschen etwas Gutes zu tun. Mit der Eröffnung des Salons ist genau das geglückt – und frische Ideen erhalten Einzug in das alte Gebäude.

Güterbahnhof Alsfeld
Zeller Weg 13
(06631) 80 16 45
gueterbahnhof.bei-galfes.com