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108 Abiturienten und Abiturientinnen am Freitag kursweise an Lauterbacher Alexander-von-Humboldt-Schule verabschiedet„Guter Kompromiss im Rahmen des Möglichen“

LAUTERBACH (ol). Die Abizeit – sie ist eine unvergessliche Zeit. Normalerweise steht sie nach dem wochenlangen Lernen, dem Hoffen und Bangen und nach den bestandenen Prüfungen für ausgiebige Partys, für Singen und miteinander Tanzen. Für Umarmungen und für häufiges Händeschütteln zur Gratulation zum höchsten Schulabschluss Deutschlands. Sie ist normalerweise eine Zeit des eng Zusammenstehens – und nicht des Abstandhaltens. Doch nicht in diesem Jahr – im Corona-Jahr 2020. Die Abiturienten des Lauterbacher Gymnasiums konnten nun ihre Abiturzeugnisse entgegennehmen – oder besser: Sie sich selbst nehmen.

In Erinnerung bleibt die Corona-Abizeit für die 108 Abiturienten und Abiturientinnen der Alexander-von-Humboldt-Schule Lauterbach zwar gewiss auch, nur eben anders als für die vielen vorherigen Abitur-Jahrgänge. Keine Partys, kein Abistreich, kein Abiball, kein häufiges Händeschütteln. Doch ihre Abiturzeugnisse konnten die 108 jungen Menschen in Lauterbach am Freitag trotz allem im Rahmen einer kleinen, aber feinen Zeugnisvergabe erhalten – und diese nicht, wie anfangs befürchtet, lediglich aus dem heimischen Briefkasten holen.

Abiturienten nehmen sich Zeugnisse selbst

Wie könnte sie aussehen, eine Zeugnisvergabe, die einen gebührenden, feierlichen Rahmen bietet, aber dennoch die Abstands- und Hygieneregeln berücksichtigt und niemanden der Anwesenden gefährdet? Eine Frage, die Schulleiterin Gitta Holloch sowie Studienleiter Karsten Krämer lange beschäftigt hat. Die Lösung: Die Aufteilung nach acht Tutoren-Kursen sowie eine Begrenzung auf maximal zwei Begleitpersonen pro Abiturient oder Abiturientin. Die Umsetzung: Die Abiturienten und Abiturientinnen saßen in der Aula jeweils mit ihren Eltern zusammen, zwischen den verschiedenen Familien wurde ein Sicherheitsabstand von jeweils anderthalb Metern in alle Richtungen eingehalten.

Die Abiturienten saßen in der Aula mit ihren Eltern zusammen, zwischen den verschiedenen Familien wurde ein Sicherheitsabstand von jeweils anderthalb Metern in alle Richtungen eingehalten. Foto: Patricia Luft

Pro Gruppe gab es sowohl eine Ansprache von Schulleiterin Gitta Holloch als auch einige kurze Worte der Tutorinnen und Tutoren Julia Speck, Gerd Steinebach, Joachim Gerking, Carina Bierwirth, Dr. Michael Wagner, Heidi Kuschel, Frank Schmidt sowie Donald Stitz.

Die Abiturienten und Abiturientinnen hatten sich anschließend unter Wahrung des Sicherheitsabstandes in alphabetischer Reihenfolge entlang der Fensterfront der Aula aufgestellt, ehe sie Studienleiter Karsten Krämer einzeln auf die Bühne bat, damit sie ihr Zeugnis in Empfang nehmen konnten – und in diesem Fall tatsächlich selbst „nehmen“, denn eine Überreichung durch die Schulleiterin und die Tutorinnen und Tutoren war aufgrund der Corona-Regeln ebenfalls nicht möglich. Anschließend wurde der Moment, in dem jeder Abiturient und jede Abiturientin ihr Zeugnis endlich in den Händen hielt, noch einmal von Fotograf Frank Solf aus Alsfeld für die Ewigkeit festgehalten.

Chaos vor den schriftlichen Abiturprüfungen

Schulleiterin Gitta Holloch brachte es in ihrer Rede auf den Punkt: „Man merkt oft nicht, wie schön die Normalität ist, bis sie einem genommen wird.“ Und „normal“ lief in diesem Jahr vieles nicht. Sie berichtete von dem Chaos, das am Tag vor den schriftlichen Abiturprüfungen herrschte, ehe schließlich klar war, dass das Landesabitur doch wie geplant stattfinden kann. „Am Tag vor den ersten schriftlichen Prüfungen erhielten wir zwei Minuten vor dem eigentlichen Beginn des Downloads für die Prüfungsaufgaben eine E-Mail, in der stand, dass sich das Downloadfenster nicht öffnen wird. Wir waren entsetzt!“

Schulleiterin Gitta Holloch brachte es in ihrer Rede auf den Punkt: „Man merkt oft nicht, wie schön die Normalität ist, bis sie einem genommen wird.“ Foto: Patricia Luft

Vier Stunden später dann „Erleichterung und Jubelrufe im Verwaltungsgebäude“. Eine verspätete Kopieraktion begann, bevor die Aufgaben schließlich gezählt und eingetütet werden konnten. Letztlich wurden in diesem Jahr 327 schriftliche und 282 mündliche Prüfungen an der Alexander-von-Humboldt-Schule abgelegt.

Die Alexander-von-Humboldt-Schule nahm jetzt Abschied von zwei Absolventen, die den schulischen Teil der Fachhochschulreife erlangt haben sowie von 60 „bezaubernden jungen Damen“ und 48 „charmanten jungen Herren“, wie Schulleiterin Gitta Holloch sagte, die nun mit der allgemeinen Hochschulreife das Lauterbacher Gymnasium verlassen. Die Traumnote 1,0 erreichten Manuel Kaiser, Julia Mitze und Johannes Simon Hardt. Julia Mitze wurde zudem für das beste Mathe-Abitur geehrt.

Die Notenbesten in diesem Jahr. Foto: Frank Solf

Für die besten Leistungen in einzelnen Fächern erhielten zudem weitere Abiturienten und Abiturientinnen besondere Ehrungen: Elias Thum (Deutsch), Charlotte Haas (Latein), Schulsprecher Ekko Stöppler (Sport), Maria Schäfer (Politik und Wirtschaft), Paul Geißler  (Ethik), Tim Viehöfer (Physik), Henrik Nierula (Chemie) und Johannes Simon Hardt (Biologie). Für ihr schulisches Engagement geehrt wurden Ekko Stöppler (Schulsprecher), Johannes von Schönfels (Technik-AG) sowie Helena Schulmeister (Orchester).

Kein Sekt und Häppchen, dafür herzliche Worte und Blicke

„Wir denken, dass die Entlassungsfeier, wie sie nun stattgefunden hat, eine gute Kompromisslösung in Anbetracht der aktuellen Situation für alle war“, sagt Schulleiterin Gitta Holloch. Und es war der gewünschte feierliche Rahmen – zwar ohne Sektempfang, ohne Canapés, ohne Orchester. Dafür aber mit vielen warmen Worten, herzlichen Blicken und Lächeln, ein paar Freudentränen sowie mit dem Musik-Trio Nils und Lars Rodemer und Markus Euler zur musikalischen Umrahmung.

Die Meinung zur Corona-Abizeit war unter den Abiturienten und Abiturientinnen an diesem Tag gemischt. Einige waren traurig über den fehlenden Abiball, empfanden es als „unfair“, auch wenn ihnen bewusst sei, „dass es nicht anders ginge“. Für andere wiederum sei es „okay so“. Malte Schimanski, 18 Jahre aus Lauterbach, zum Beispiel sagt: „Klar wäre es schön gewesen, nochmal mit allen gemeinsam zu feiern, aber ich finde die Gesundheit wichtiger. Und vielleicht kann man das ja nochmal mit der Stufe nachholen.“ Auch die 18-jährige Larissa Staubach aus Herbstein findet es „sehr schade, dass wir keinen Abiball haben, aber die Schule hat es im Rahmen des Möglichen gut gelöst.“

Die Abiturienten hatten sich unter Wahrung des Sicherheitsabstandes in alphabetischer Reihenfolge entlang der Fensterfront der Aula aufgestellt, ehe sie Studienleiter Karsten Krämer einzeln auf die Bühne bat. Foto: Patricia Luft

Was jetzt kommt? Das sei teilweise noch ungewiss für einige der Lauterbacher Abiturienten und Abiturientinnen – was auch hier teilweise an Corona liege. Für die meisten stehe aber fest: Erstmal entspannen, vielleicht ins Ausland, eine Ausbildung oder ein Studium. Malte Schimanski zum Beispiel möchte zunächst ein Freiwilliges Ökologisches Jahr machen. Larissa Staubach würde gerne ein duales Studium bei der Polizei beginnen. „Alternativ würde mich auch ein Sport-Studium interessieren“, sagt die 18-Jährige, die jetzt wie viele andere junge Menschen, das „Corona-Abi 2020“ in der Tasche hat.

Weitere Eindrücke der Zeugnisverleihung von Patricia Luft und Frank Solf