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Brüder-Grimm-Schule feiert Weihnachten und erinnert an 50 Jahre Beschulung von Kindern mit geistiger BehinderungMit Musik, dem Nikolaus, ganz viel Glück und einer großen Erinnerung in die Weihnachtszeit

ALSFELD (ol). Wie in jedem Jahr beschloss die Brüder-Grimm-Schule in Alsfeld mit einem Weihnachtsgottesdienst das Kalenderjahr. Im Rahmen einer kleinen Feierstunde erinnerte sie daran, dass vor genau 50 Jahren erstmals Kinder mit geistiger Behinderung im Landkreis beschult wurden – Zeitzeugen berichteten davon.

„Advent – besondere Tage, auf die wir jedes Jahr gespannt warten“ – mit diesen Worten begrüßte Pfarrer Zbigniew Wojcik die Schulgemeinde der Brüder-Grimm-Schule, die gemeinsam mit den Familien der Schülerinnen und Schüler, vielen ehemaligen Lehrkräften und FSJlern sowie anderen interessierten Gästen ihre traditionelle Weihnachtsfeier zum Beginn der Schulferien in der katholischen Kirche Christ-König beging.

Und er hatte recht: Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen warteten laut Pressemitteilung der Schule gespannt, auch auf diesen Abend, denn viele von ihnen hatten einen Auftritt mit Musik, beim adventlichen Spiel oder der Gestaltung des Gottesdienstes, der einen ganz besonderen Programmpunkt aufwies, wie Schulleiterin Claudia Janich schon zu Beginn des Abends deutlich machte. Als Ehrengast begrüßte sie neben Stadtrat Jürgen Udo Pfeiffer und dem ehemaligen Schulleiter Erwin Norwig nämlich auch Andreas Mandler, seinerzeit einer der ersten Schüler mit geistiger Behinderung, die im Altkreis Alsfeld beschult wurden.

Schulleiterin Claudia Janich. Fotos: Traudi Schlitt

Und das war vor ziemlich genau 50 Jahren, wie Ulrich Schmeck, stellvertretender Schulleiter der Brüder-Grimm-Schule, und Erwin Norwig gemeinsam mit Mandler Revue passieren ließen. Es ging zurück in das Jahr 1969, als mit Heinrich Dittmar der damalige Schulleiter der Erich-Kästner-Schule, einer Schule mit sonderpädagogischer Förderung, es für richtig hielt, dass auch Kinder mit geistiger Behinderung, die bisher an keiner Einrichtung beschult wurden, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hatten, zur Schule zu gehen.

Die „Geburt“ der Brüder-Grimm-Schule

Zu dieser Zeit waren geistig behinderte Kinder entweder zuhause oder lebten in Heimen, heißt es in der Pressemitteilung weiter. 1970 kam Erwin Norwig als junger Lehrer hinzu und unterstützte das Ansinnen seines Schulleiters. Mit drei Schülern hatte Dittmar in der Vorklasse der Erich-Kästner-Schule gestartet. Nach mehreren Umbrüchen und Umzügen stellte der Kreis im Jahr 1984 das Gebäude in der Landgraf-Herrmann-Straße zur Verfügung – die Brüder-Grimm-Schule war geboren. Heute werden dort etwa 40 junge Menschen mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung beschult.

Als einer der ersten Schüler berichtete Mandler mit Unterstützung von Schmeck und Norwig davon, wie er seinerzeit mit dem Taxi an den Schulstandort in Ober-Breidenbach gefahren wurde, dass er anfangs nur zwei Stunden Unterricht am Tag hatte und wie schön es war, als er schließlich seinen Namen ganz alleine schreiben konnte. Kaum zu glauben schien es, dass das, was die Schulgemeinde der Brüder-Grimm-Schule heute auszeichnet, erst vor 50 Jahren auf den Weg gebracht wurde, umso bedeutender sei die Arbeit von Heinrich Dittmar. „Wir haben ihm viel zu verdanken“, würdigte Norwig den Verdienst dieses Mannes und überreichte seiner Witwe Marga Dittmar einen großen Blumenstrauß. Ebenfalls seit 50 Jahren stehen verschiedene Fahrdienstunternehmen der Schule treu zur Seite. Auch dafür sprachen Janich und Schmeck ihren Dank aus.

Nach diesem offiziellen Teil ging es an das eigentliche Thema des Abends, die Weihnachtsfeier. Der Musikverein Leusel unter der Leitung von Sonja Frank hatte die Menschen in der vollbesetzten Kirche schon eingestimmt und spielte im Verlauf des Abends noch weitere Weihnachtslieder zum Mitsingen, wobei hier natürlich auch die Schule zeigte, was sie musikalisch im Repertoire hatte – zunächst mit dem Gospelchor, den Pfarrer Henner Eurich leitet. Mit begeisterten, kräftigen Stimmen sang die kleine Gruppe von dem „Kleinen Licht“, das natürlich ganz besonders zur Weihnachtszeit scheint.

Die Gäste wurden auf eine Zeitreise geführt

Auf eine Zeitreise führte sodann das Schauspiel der Schule die Gäste. Dieses Mal reisten sie nicht nach Bethlehem, sondern in die Zeit des Bischofs Nikolaus, der bekanntlich in der Vorweihnachtszeit die Kinder beschenkt. Er hatte beobachtet, wie im „Stadtteil Überfluss“ die Menschen prassten und in Reichtum, viel zu vielem Essen und viel zu vielen Kleidern schwelgten, während im „Stadtteil Bettelarm“ die Menschen nicht wussten, wie sie ihre Kinder ernähren sollten. Musikalisch setzte eine Percussion-Gruppe unter der Leitung von Anna Lotz die Ausrufe und Klagen der Menschen in den Stadtteilen gekonnt um.

Der Elternchor.

Am Ende verteilte der Weihnachtsmann den Wohlstand um, sammelte auf der einen Seite ein und verteilte auf der anderen, was das Publikum ihm, den Schauspielern und den Musikern mit großem Applaus dankte. Nach dieser bezaubernden Darbietung brachte der Elternchor unter der Leitung von Bernd Scheuer wieder zwei schöne Stücke zu Gehör, die alle Gäste in Worten oder Gebärden mitsingen konnten. War der Auftritt der Mütter im letzten Jahr noch eine Überraschung, scheint sich diese gute Idee als fester Bestandteil im Weihnachtsgottesdienst der Brüder-Grimm-Schule zu etablieren.

Zum Abschluss des Gottesdienstes trugen einige Schülerinnen und Schüler ihre Fürbitten vor. Das Vaterunser am Ende beteten alle gemeinsam, denn auch hier lud Pfarrer Eurich zum Mitbeten mit Gebärden ein. Den Segen sprach zum Abschied Pfarrer Zbigniew Wojcik, der sich gerührt und dankbar über diesen bunten, schönen, wertschätzenden Gottesdienst zeigte. Die Anwesenden wussten, was er meinte, denn mit diesem besonderen Gottesdienst am Vorabend der Ferien fängt für sie die Weihnachtszeit an.