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DGB-Senioren empfehlen Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nach VortragDie Gewerkschaft als Gegengewicht

ALSFELD (ol). Im Kulturhaus vom Rambachhaus in Alsfeld konnte der DGB-Kreisvorsitzende Ingo Schwalm neben den zahlreich erschienenen DGB-Senioren, die neue Sekretärin vom DGB-Mittelhessen Anna-Marie Boulnois und den Referenten Max Caesar begrüßen.

In der Pressemitteilung der DGB heißt es, Max Caesar, Student der Politikwissenschaft und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation in der Friedrich-Schiller-Universität Jena berichtete zunächst über befristete Arbeitsverhältnisse die 2018 doppelt so hoch wie 1996 waren. Insgesamt würden drei Millionen Menschen 2018 in befristeten Arbeitsverhältnissen arbeiten – basierend auf einem gravierenden Anstieg der sachgrundlosen Befristungen.

Im ersten Halbjahr 2018 seien 45 Prozent der Neueinstellungen befristet. Während die begründeten Befristungen seit 2001 auf einem gleichbleibenden Niveau verharren, steigen die sachgrundlosen Befristungen stark an. Betroffen seien jedoch nicht nur Geringverdiener, sondern vor allem Frauen, junge Menschen, Teilzeitbeschäftigte und solche ohne deutschen Pass. Jedoch ziehe sich der Trend der Befristung durch alle Einkommens- und Altersgruppen.

Trotz Fachkräftemangel seien berufliche Qualifikation oder ein abgeschlossenes Studium kein Garant für unbefristete Stellen. Im Gegenteil: die meisten befristeten Arbeitsverhältnisse betreffen sogenannte hochqualifizierten Arbeitskräfte. Im Teilzeit- und Befristungsgesetz TzBfG seien acht Sachgründe für eine Befristung geregelt. Diese Sachgründe seien jedoch dehnbar und können dazu genutzt werden den Kündigungsschutz auszuhebeln.

Empfehlung der DGB: Mitglied in der Gewerkschaft werden

Jedoch würden auch drei Gründe für eine grundlose Befristung geregelt. Zum einen sei es möglich Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund bis zu zwei Jahre zu befristen, und innerhalb dieser zwei Jahre dreimal zu verlängern. Neugegründete Unternehmen haben die Möglichkeit Verträge mit einer Befristung von bis zu vier Jahren abzuschließen. Und sobald Arbeitnehmer 52 Jahre alt sind und vorher in keinem Arbeitsverhältnis standen, sei eine Befristung von bis zu fünf Jahren möglich.


Vor allem betroffen seien der öffentliche Sektor und das Gesundheitswesen. Infolge dessen weisen die Ostdeutschen Bundesländer einen höheren Befristungsanteil auf. Besonders kritisch seien die Zustände in der Forschung: neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern seien befristet angestellt, die Hälfte mit einer Vertragslaufzeit unter einem Jahr. Dies stelle eine potentielle Gefährdung der Attraktivität und Qualität an den Hochschulen da.

Ein Gegengewicht könne jedoch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft darstellen. Neben den offensichtlichen Vorteilen wie Rechtsschutz, tarifliche Leistungen, Unterstützung bei Tarifkonflikten, Beratung und Information, ein Sprachrohr in den politischen Raum, zeigte die Studie „Trade Union Membership and Dismissals“ von Laszlo Goerke auf, dass Gewerkschaftsmitglieder eine deutlich geringere Entlassungschance als Nichtmitglieder haben. Ein Grund dafür sei das Wissen über die Organisierung des Personals.

Nach dem Vortrag wurde sehr viel mit den Teilnehmern diskutiert, wobei die DGB-Seniorinnen und Senioren den Berufsanfängern dringend empfahlen, sich doch frühzeitig einer Gewerkschaft anzuschließen und sich eventuell auch in dieser zu engagieren. Neben einer Mitgliedschaft forderte der DGB-Kreisvorsitzende Ingo Schwalm junge Menschen auf, bei einer Auswahl als Berufstätiger in einem Betrieb oder einem Unternehmen auch darauf zu achten, ob es eine Personalvertretung oder eine Betriebsrat vor Ort gibt. Ein Tarifbindung im Unternehmen/Betrieb sollte vor einer Entscheidung ebenfalls ein wichtiges Kriterium sein.


3 Gedanken zu “Die Gewerkschaft als Gegengewicht

  1. Das „Sprachrohr in den politischen Raum“ kennen wir seit Jahrzehnten. Vielleicht, liebe Gewerkschaftskollegen, habt ihr das Sprachrohr ja immer falsch rum gehalten: In den großen Schalltrichter hinein gerufen, aber das Mundstück, aus dem kaum was zu hören ist, zeigte auf die tauben Ohren der SPD-Bonzen, die lieber eine Elbphilharmonie bauen lassen und sich dort bei Sekt und Lachshäppchen selber feiern als sich dem Geruch der kleinen Leute auszusetzen. Zitat: „Vor allem betroffen seien der öffentliche Sektor und das Gesundheitswesen.“ Ja wer entscheidet denn dort über die Qualität der Arbeitsplätze: Die Sparpolitiker aller Parteien und Koalitionen, die lieber anderswo Überschüsse anhäufen, um damit die Deckel auszugleichen, die sie durch eigene Unfähigkeit verursachen.
    Wie man in den „politischen Raum“ hineinruft, so furzt es heraus. Macht euch doch nichts vor. Und übt schon mal neue Gewerkschaftslieder: Von den blauen Bergen kommen wir, cha cha cha.
    Noch’n Zitat: „Die Studie ‚Trade Union Membership and Dismissals‘ von Laszlo Goerke [zeigte] auf, dass Gewerkschaftsmitglieder eine deutlich geringere Entlassungschance als Nichtmitglieder haben.“ Leider zu erwähnen vergessen: Die deutlich höhere Nichteinstellungschance bei Gewerkschaftszugehörigkeit!
    Ihr habt verlernt, die gesellschaftliche Machtfrage zu thematisieren, und sorgt euch nur noch, dass genügend Gewerkschaftsbeiträge für die hohen Funktionärsgehälter reinkommen. Kein Wunder, wenn euer Ingo Schwalm der größte Fan von CDU-Lammert ist und sich von Nonsense-Sätzen tief beeindrucken lässt, die in Abrede stellen, dass es auch in der Demokratie noch Wahrheiten gibt und sogar Leute, die diese Wahrheiten kennen und vertreten.

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  2. „Trotz Fachkräftemangel seien berufliche Qualifikation oder ein abgeschlossenes Studium kein Garant für unbefristete Stellen. Im Gegenteil: die meisten befristeten Arbeitsverhältnisse betreffen sogenannte hochqualifizierten Arbeitskräfte.“
    Ich bin über siebzig und habe die guten Zeiten gerade noch miterlebt, wo es so etwas gab wie soziale Sicherheit, Aufstieg durch Bildung, Gründung einer bürgerlichen Existenz usw. Selbst Studentenjobs an der Uni waren gut dotiert und sozialversicherungspflichtig. Honorare bei den Rundfunkanstalten waren großzügig bemessen. Von sechs halbstündigen Hörfunk-Features (einschließlich Wiederholungen) pro Jahr konnte man bescheiden leben.
    Doch dann kam 2005 und mit Rot-Grün die erste Generation der sozialen Aufsteiger (Schröder, Fischer und Konsorten) an die macht. Und nach dem Fall der Mauer ging der Sozialstaat im Einheitsrausch unter. Das Abschmelzen sozialer Besitzstände galt als Zukunftsrezept der Neoliberalen. Außer ein paar faulen Eiern für „Helmüt“, den Friedhofsgärtner der blühenden Landschaften und enttäuschten Hoffnungen, passierte gar nichts. Auch die Gewerkschafter behielten die Hände in den Taschen. Den Arbeitsplatzbesitzern und lebenslänglich Verbeamteten ging’s doch noch gold. Schwarz-Rot dagegen begannen, die soziale Marktwirtschaft endgültig abzuwickeln. Und heute kochen unter allen, die keinen reservierten Sitzplatz in der ersten Klasse haben, Zukunftsangst und Wut hoch. Die von den Sozen verratenen kleinen Leute laufen jetzt blau an und den „Parteien der bürgerlichen Mitte“ davon. Und viele können auch nicht mehr sehen, dass gewerkschaftliche Solidarität noch irgendwas bewirkt, weil es nämlich an der entsprechenden politischen Unterstützung fehlt. Da kann man empfehlen, was man will. Ein Volk von Einzelkämpfern spart sich die Gewerkschaftsbeiträge.

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  3. Hat alles Schröder sPD mit seiner Agenda 2010 gemacht. Der DGB hat das abgesegnet. Daraufhin bin ich nach 30 Jähriger Mitgliedschaft, aus der Gewerkschaft Verdi ausgetreten. Schade ums Geld.

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