Landrat Manfred Görig sucht nicht nur das Gespräch mit Firmenchef Andreas Rieß und dessen Vater Berthold Rieß (rechts), beim Rundgang durch die Hallen lässt er sich von dem Werkstattleiter Michael Röcker (links) ganz genau erklären, was an den Traktoren repariert werden muss. Foto Sabine Galle-Schäfer/Vogelsbergkreis

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Landrat Manfred Görig besucht Riess-Landtechnik – Von der Dorfschmiede zum Vertragshändler mit 25 MitarbeiternKonsequent ausgebildet – das zahlt sich aus

VOGELSBERGKREIS (ol). Uropa Heinrich hat vor knapp 100 Jahren noch ganz allein am Schmiedefeuer gestanden, Urenkel Andreas steht zwar immer noch an gleicher Stelle, aber mit der alten Dorfschmiede ist der Betrieb heute nicht mehr zu vergleichen: Riess-Landtechnik in Maulbach hat 25 Mitarbeiter, ist Vertragshändler für das gesamte Claas-Programm, hat einen festen Kundenstamm in der Region, verkauft aber auch die ein oder andere Maschine ins europäische Ausland und ist stetig am Wachsen. Über die Zukunft denkt er laut nach, der Juniorchef – auch im Gespräch mit dem Vogelsberger Landrat Manfred Görig (SPD), der den Familienbetrieb jetzt besucht hat.

„Wir haben ständig investiert, doch der Platz hier in der Ortslage ist begrenzt“, muss Andreas Rieß beim Rundgang durch seine Firma eigentlich gar nicht mehr betonen, es ist überall deutlich zu sehen. Laut Pressemitteilung würde jeder Quadratzentimeter im Lager  genutzt werden, um die Unmengen von Unterlegscheiben und Schrauben, um Schläuche, Wellen und Motorenteile für die Kunden vorzuhalten. In den Werkstatthallen ein ähnliches Bild: Dicht an dicht stehen die Schlepper dort, zwei Hallen außerhalb werden zusätzlich genutzt, um die immer größer werdenden Neu- und Gebrauchtmaschinen zu lagern.

Andreas Rieß könne sich vorstellen, in Maulbach zu erweitern, er fühle sich mit dem Standort eng verbunden, auf der anderen Seite wäre die Ansiedlung in einem Gewerbegebiet eine Alternative. Das sei sie für viele andere auch. „Unsere Industriegebiete, gerade in Autobahnnähe, sind derzeit gefragt“, sagt der Landrat. „Es läuft ganz gut bei uns. Sie liegen zentral und sie haben die Flächen. Und die seien günstiger als in anderen Regionen.“ Jüngstes Beispiel: Die Firma Nordfrost siedelt sich in Mücke an. „Ich bin froh, dass uns das gelungen ist“, sagt Görig, „dort entstehen immerhin 200 Arbeitsplätze.“

Familienfreundliche Arbeitsplätze

Apropos Arbeitsplätze: Familienfreundlich sind sie in seinem Betrieb, sagt Andreas Rieß. Der Unternehmer mache viel möglich für seine Mitarbeiter, denn er müsse und wolle sie halten. „Die Industrie zieht schon, das ist ein Problem für uns.“ Das Stichwort „Fachkräftemangel“ falle immer wieder bei solchen Firmenbesuchen. Auch bei Rieß. „Es macht sich bezahlt, dass wir konsequent ausgebildet haben“, sagt der Chef. Bislang sei es jedes Jahr gelungen, die Ausbildungsplätze – vier bis fünf junge Menschen lassen sich zum Landmaschinenmechatroniker ausbilden – zu besetzen. Allerdings gebe es vermehrt Probleme, die technischen Mitarbeiter langfristig zu binden.

Auch Praktikanten würden regelmäßig aufgenommen werden, um bei den jungen Leuten die Lust auf´s Handwerk zu wecken. Die meisten Mitarbeiter kommen aus der Region, erzählt Rieß, sind dem Vogelsberg und vor allem auch der Landtechnik verbunden. „Für meine Berufskollegen im Rhein-Main-Gebiet ist es fast unmöglich, jemanden zu bekommen“, weiß der Maulbacher.

Positiv auch: Die Auszubildenden können die Berufsschule direkt im Vogelsberg besuchen und die sei bestens ausgestattet, sagt Andreas Rieß. „Ja, wir haben richtig viel Geld in die Hand genommen, um die Schule mit neuester Technik auszustatten“, sagtLandrat Manfred Görig. „Aber die Ausgabe war jeden Euro wert, die Jugendlichen müssen an neuen Maschinen lernen und geschult werden.“

Schlechtes Netz in Maulbach

Auf neue Technik im Bereich Mobilfunk hofft indes der Firmenchef. „Das glaubt uns kein Kunde, dass wir hier keinen Empfang haben.“ Ein halbes Jahr war Maulbach sogar ganz abgeschnitten vom Netz, der Fehler sei zwar behoben, trotzdem funktioniere in vielen Ecken im Dorf und in der Gemarkung das Handy nicht. Besonders ärgerlich sei das für die Monteure, die während ihres Notdienstes beziehungsweise bei ihren Reparaturarbeiten an Maschinen draußen auf den Feldern auf das Handy angewiesen sind, sagt Rieß. „Die Telekom wird das Handynetz auch verbessern, aber das ist eine Geschichte, die Zeit braucht“, sagt der Landrat. „Wir fangen nicht bei Null an, aber wir brauchen noch mehr Standorte für Mobilfunkmasten.“ Bis Mitte nächsten Jahres werde erst einmal der Breitbandausbau abgeschlossen, dann sei der Mobilfunk an der Reihe.

Die Firmengeschichte

1920 war es, da habe Heinrich Rieß den Grundstock der Firma in Maulbach gelegt. Die typischen Schmiedearbeiten wurden in dem Ein-Mann-Betrieb erledigt, Maschinen repariert, Wagen gebaut oder Pferde beschlagen. Sohn Kurt ginge einen Schritt weiter: Er stieg in den Handel ein und verkaufte zunächst Porsche-Diesel-Schlepper und später Renault-Traktoren, Krone Ernte- und Bodenbearbeitungsmaschinen kamen hinzu. In der dritten Generation baute Berthold Rieß den Betrieb weiter aus, verkaufte Lemken-Maschinen und wurde schließlich Vertragshändler für die bei Landwirten beliebten Claas Traktoren. Sohn Andreas Rieß übernahm 2011 und wurde zwei Jahre später Vertragshändler für das gesamte Claas-Programm.

Drei Fragen an den Chef von Riess-Landtechnik

Früher gab es in nahezu jedem Ort eine Dorfschmiede, Kunden waren die Bauern aus dem Dorf. Wo kommen Ihre Kunden heute her?

Andreas Rieß: „Bis vor einigen Jahren gab es wirklich noch viele „Dorfschmieden“ und regionale kleine Landmaschinenwerkstätten. Durch den Strukturwandel hat sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe verringert, aber die Betriebe sind gewachsen. Im gleichen Umfang trifft dies auch auf die Landmaschinenfachbetriebe zu.
Der heutige Kundenstamm, insbesondere die Stammkunden, sind im Wesentlichen im Umkreis von rund 40 Kilometern angesiedelt: im Vogelsbergkreis und den angrenzenden Kreisen Schwalm-Eder, Marburg, Gießen und auch vereinzelt Kreis Fulda und Wetterau. Es gibt mittlerweile einige überregionale Einmalkunden im Bereich Gebrauchttechnik, die aus ganz Europa Maschinen bei uns kaufen.“

Wie ist es gelungen, den Wandel von einer Dorfschmiede hin zu einem Landtechnik-Unternehmen einzuleiten bzw. zu vollziehen?

„Der Wandel von der Dorfschmiede zum Landtechnikfachbetrieb ¬- dieser Prozess hat in den letzten 30 Jahren stattgefunden. In dieser Zeit wurde der Kundenservice immer weiter ausgebaut mit guten geschulten Mitarbeitern. Außendienstreparaturen bei Kunden nehmen stetig zu, mittlerweile sind fünf Kundendienstfahrzeugen im Einsatz. Der Lagerbestand und somit die Verfügbarkeit im Bereich Ersatzteile wurde ständig angepasst und ausgebaut. Hinzu kommen auch immer mehr Demo-, Miet- und Ersatzmaschinen. Entscheidend dazu beigetragen hat, dass wir seit 2003 CLAAS A-Händler für Traktoren und seit 2013 für die gesamte CLAAS Produktpalette sind.“

Wo sehen Sie die Herausforderungen der Zukunft?

„Wertschöpfung in der Region. Die Landtechnikfachbetriebe sind abhängig von ihren Kunden, den Landwirten und Lohnunternehmen. In dieser Branche herrscht eine geringe Wertschöpfung und dies wirkt sich entsprechend aus im Vergleich zu anderen Branchen. Im Durchschnitt erzielen die Landtechnikfachbetriebe eine Umsatzrendite von 1 bis 2 Prozent. Wir haben zudem eine starke Kapitalbindung durch den hohen Ersatzteil-, Neu- und Gebrauchtmaschinenbestand. Die Lieferanten und die Industrie wälzen viel auf ihre Händler ab. Hinzu kommt das Risiko durch steigende Zinsen.

Eine Herausforderung ist, Fachpersonal zu finden und zu halten. Aus- und Weiterbildung sind in unserer Branche sehr aufwändig und langwierig. Mitarbeiter mit Berufserfahrung werden von anderen Branchen (Industrie) abgeworben. Und schließlich ist noch die wachsende Bürokratie zu nennen. Als Unternehmen mit mehr als 20 Leuten muss man viele Vorgaben und Auflagen erfüllen genau wie die wesentlich größeren Unternehmen. Das ist oft mit hohen Kosten verbunden.“