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Gerd Ludwig stellt in Wien sein Werk über Tschernobyl vor – Essay von GorbatschowDer lange Schatten der Katastrophe auf 252 Seiten

ALSFELD/WIEN. Wenn am Montagabend der aus Alsfeld stammende, in Los Angeles lebende Fotograf Gerd Ludwig in Wien in der traditionsreichen Buchhandlung Frick am Signiertisch Platz nimmt, dann hat sich für den 66-Jährigen ein Wunsch erfüllt. Nämlich der, über die Katastrophe in Tschernobyl ein umfassendes Werk heraus zu geben: „Der lange Schatten von Tschernobyl“ heißt es und ist weit mehr als ein Fotobuch.

Als seit langem renommierter Fotograf bei National Geografic reist Gerd Ludwig rund um die Welt, um Ausstellungen zu eröffnen, Workshops zu leiten oder Vorträge zu halten. Nach Alsfeld kommt er aber auch immer wieder zu Besuch – und reiste in jüngerer Zeit von dort aus nach Wien weiter. Nahe Österreichs Hauptstadt hat nämlich der Fotobuchverlag Edition Lammerhuber seinen Sitz. Dort wird das Werk aufgelegt, an dem Gerd Ludwig seit Jahren arbeitet, das die Passion eines Dokumentarfotografen geworden ist, der über die Jahrzehnte in 70 Ländern aktiv war: ein Buch über den 26. April 1986 und seine Folgen in Tschernobyl.

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Die Folgen der Reaktorexplosion reichen bis in die nächsten Generationen. © Gerd Ludwig/Institute.

„Ich wollte eine vielschichtige Aufarbeitung“

252 Seiten ist es stark, enthält auch 127 Fotos, für die Gerd Ludwig weiter in den havarierten Reaktor eindrang als jeder andere westliche Fotograf. Es ist aber weit mehr als ein Fotoband – es ist eine umfassende Dokumentation mit zahlreichen Texten in Englisch, Deutsch und Französisch. Den weitergehenden Anspruch deutet schon die Umschlagabbildung an: Kein Bild von Zerstörung lockt zum Aufblättern, sondern eine Telex-Mitteilung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS vom 28. April, in der kurz und trocken ein Unfall im Kernkraftwerk verkündet wird. Hilfe sei unterwegs. Nichts deutet auf den „Super-Gau“, der da bereits in vollem Gange war. „Ich wollte mehr als die fotografische Darstellung. Ich wollte eine vielschichtige Aufarbeitung“, erklärt Ludwig gegenüber Oberhessen-live.

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Hier der Link: Gerd Ludwig im TV-Interview beim ORF

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Bei mehreren Besuchen in der am stärksten betroffenen Region hielt Gerd Ludwig danach fest, was die Kernschmelze in dem Reaktor für die Menschen bedeutete: Krankheit, Tod, fluchtartig verlassene Städte, deren Gebäude längst am Verfallen sind. In Schutzkleidung bewegte sich der Fotograf in der Todeszone und hielt auch den Ausschlag des Geigerzählers in der Hand fest. Weltberühmt ist inzwischen sein Foto von der verlassenen Schaltzentrale, an der einst die verhängnisvollen Befehle gegeben wurden.

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Eine alte Frau ist irgendwann zurückgekehrt und lebt nun in der verstrahlten Zone. © Gerd Ludwig/Institute.

Für sein Buch konnte Gerd Ludwig auch eine wahrlich prominente Stimme gewinnen: Michail Gorbatschow, damaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Russland – der Mann, der die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte – äußert sich in einem Essay zu dem Unglück und die Folgen.

Nach Jahren der Sammlung und Aufarbeitung ist das Buch fertig, das durch die neuerliche Atom-Katastrophe in Fukushima an Aktualität nichts verloren hat, und für den gebürtigen Alsfelder beginnt die Promotion-Tour am Montagabend mit der Vorpräsentation in der Buchhandlung Frick samt Signierstunde. Die offizielle Präsentation findet aber am Dienstagabend mit der Eröffnung einer Ausstellung zum gleichen Thema im Naturhistorischen Museum in Wien statt, wo Gerd Ludwig am Mittwoch auch Teilnehmer einer Podiumsdiskussion über Tschernobyl ist. Dem österreichischen Fernsehen soll er ein Interview geben, in dem Gerd Ludwig vielleicht auch seine eigene Haltung zur Atomkraft erklärt, die nicht nur von Tschernobyl geprägt ist, sondern auch von der schlichten Tatsache, dass es von einem großen Reaktorunglück zum nächsten ganze 25 Jahre dauerte.

In Alsfeld soll das Buch „Der lange Schatten von Tschernobyl“ in Kürze ebenfalls erhältlich sein.               Von Axel Pries

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Im Reaktor: Gerd Ludwig mit Schutzanzug. © Gerd Ludwig/Institute.