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Lara Liebler und Ann-Christin Grün wollen als Hausärztinnen im Vogelsberg arbeitenDie neuen Ärztinnen im Vogelsberg

VOGELSBERG (akr). Ihr Herz schlägt für die Medizin – genauer gesagt für die Allgemeinmedizin: Lara Liebler und Ann-Christin Grün sind die neuen Ärztinnen im Vogelsberg. Derzeit absolvieren die beiden in Schotten ihre Facharztausbildung und kommen so ihrem Wunsch einen großen Schritt näher: als Hausärztinnen im Vogelsberg zu arbeiten. Dazu haben sich die frischgebackenen Medizinerinnen nämlich auch verpflichtet.

„Wir sind die neuen Ärztinnen im Vogelsberg“, sagt Lara Liebler und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Die Freude kann ihre Kollegin Ann-Christin Grün nur teilen, wie man an ihrem Lächeln sieht. Nach 13 Semestern konnten die beiden im Dezember endlich ihre Approbation in den Händen halten, ehe sie Anfang des Jahres ihre Facharztausbildung in der Allgemeinmedizin im Krankenhaus in Schotten begonnen haben.

Die beiden Frauen wollen nämlich Hausärztinnen werden – und zwar im Vogelsberg. „Während meines Studiums wurde mir klar, dass ich wieder zurück in die Heimat möchte“, erzählt Grün. Die 31-Jährige stammt aus Mücke, genauer gesagt aus Groß-Eichen. Derzeit lebt sie im Ortsteil Nieder-Ohmen. Die 26-jährige Liebler ist in einem kleinen Dorf in Birstein aufgewachsen, einer Gemeinde am südlichen Fuß des Vogelsbergs. Vor einigen Jahren ist sie der Liebe wegen nach Schotten gezogen und hat dort in einem kleinen Dorf ihre neue Heimat gefunden, die sie auch nicht mehr missen möchte.

Warum sich die zwei Frauen dazu entschieden haben, später als Hausärztinnen arbeiten zu wollen, hat viele Gründe. Einer davon ist beispielsweise die Nähe zum Patienten. „Im Krankenhaus ist es schon anonymer“, weiß Liebler. Grün nickt. „In der Hausarztpraxis betreut man die Patienten über einen langen Zeitraum, oft schon als Kind, bis ins Erwachsenenalter“, erzählt die 26-Jährige weiter.

Ann-Christin Grün und Lara Liebler haben das dritte Staatsexamen geschafft. Foto: privat

Darüber hinaus sind für die Vogelsbergerinnen Hausärzte auf dem Land auch Vertrauenspersonen. „Patienten kommen dann auch mal mit Anliegen, die nicht medizinischer Art sind, weil sie einfach einen Rat wollen, das finde ich schön“, sagt Liebler. Beide Frauen lächeln, wenn sie an die Zeit zurückdenken, die sie während ihres Studiums in Hausarztpraxen verbracht haben. „Ich habe in der achten Klasse ein Schülerpraktikum beim Hausarzt gemacht. Das ist mir so positiv in Erinnerung geblieben“, erzählt Grün.

Seit diesem Praktikum steht für sie fest: Sie will Hausärztin auf dem Land werden – auch wenn man nicht immer die „große Medizin“ macht, wie Grün es formuliert, sondern auch oft schon mit Kleinigkeiten den Patienten hilft. Als Beispiel nennt die 31-Jährige den Hausbesuch bei einer 90-jährigen Dame. Die Ärztin erzählt davon, wie sich die Frau gefreut hat, als ihr der Blutdruck gemessen und mal kurz ihre Hand gehalten wurde. „Sie war so glücklich und dankbar. Sie hat uns dann auch noch eine Tafel Schokolade geschenkt.“

Vom Kreis finanziell unterstützt

Liebler und Grün teilen aber nicht nur den Wunsch von der Arbeit als Hausärztin im Vogelsberg. Sie haben sich auch dazu verpflichtet, denn während ihres Studiums wurden sie vom Kreis monatlich finanziell unterstützt. Um die ärztliche Versorgung auf dem Land aufrechtzuhalten und auch in Zukunft sicherzustellen, hat der Vogelsberg vor knapp sechs Jahren das „medizin+Stipendium“ ins Leben gerufen, das junge Mediziner in den Vogelsberg ziehen soll. Der demografische Wandel macht nämlich auch vor der Ärzteschaft keinen Halt, auch nicht hier in der Region.

Laut Pressestelle des Kreises haben die Hausärztinnen und Hausärzte im Vogelsbergkreis  ein Durchschnittsalter von 53,5 Jahren, in mehr als der Hälfte der Städte und Gemeinden des Landkreises sind die Hausärzte älter. Die KV Hessen rechnet bis zum Jahr 2030 mit einem Nachbesetzungsbedarf von 46 Prozent. Die Lage in Sachen Ärztemangel ist also angespannt- und genau hier soll das Stipendium ansetzen.

Quelle: Fokus Gesundheit

Doch warum zieht es immer weniger Ärzte aufs Land? „Ich hatte das Gefühl, dass viele Medizinstudierende aus Großstädten kommen und nur wenige vom Land, sie entsprechend auch das Landleben nicht kennen und es sich deshalb auch nicht vorstellen können, auf dem Land zu arbeiten“, versucht Grün eine Erklärung zu finden. Die meisten ihrer Kommilitonen seien nach dem Studium wieder zurück in die Heimat, zurück in die Großstadt. „Ich war schon das Landei unter meinen Kommilitonen. Es gab kaum jemanden, der aus so einem kleinen Dorf kam, wie ich“, lacht sie – dem kann Liebler nur zustimmen.

Als sich die beiden Frauen für das Stipendium beworben haben, war die Förderung noch beschränkt auf Allgemeinmediziner und Fachärzte im öffentlichen Gesundheitsamt. Seit 2021 ist sie für alle Fachrichtungen der unmittelbaren Patientenversorgung geöffnet, denn wie bei den Allgemeinmedizinern ist es in ländlichen Regionen auch schwer, Nachfolger für freiwerdende Facharztsitze zu finden – so auch im Vogelsberg, wo derzeit Sitze bei den Augenärzten, Frauenärzten, Hautärzten, HNO-Ärzten und Urologen nicht besetzt sind.

Bislang haben sich 14 Studenten für das Stipendium beworben, elf davon durften sich über eine Zusage freuen. „Die Resonanz auf das Stipendium ist gut, es bewerben sich regelmäßig jedes Jahr neue Studierende. Im Vergleich dazu haben andere Landkreise ihre Stipendien-Programme aufgrund mangelnden Interesses mittlerweile wieder eingestellt“, heißt es seitens des Vogelsbergkreises. Seit Beginn des Stipendien-Programms im Jahr 2016 wurden 122.700 Euro investiert.

Voraussetzungen für das Stipendium

Voraussetzung für den Erhalt der Förderung ist der erfolgreiche Abschluss des Ersten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung, auch als Physikum bekannt, und die Verpflichtung, nach dem Studium eine Weiterbildung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung, so weit möglich, im Vogelsbergkreis zu absolvieren und im Anschluss daran mindestens drei Jahre an der vertragsärztlichen Versorgung teilzunehmen. Außerdem müssen regelmäßig Immatrikulationsbescheinigungen und Zeugnisse über abgelegte Prüfungen vorgelegt werden, damit es weiterhin Geld gibt. Das sind seit 2022 monatlich übrigens 500 Euro, vorher waren es 400.

Am Tag der Examensfeier an der Uni Gießen. Foto: privat

Nachdem sich die Neu-Ärztinnen beworben hatten, trudelte nach dem Vorstellungsgespräch auch schnell die Zusage ein. „Ich habe Erleichterung gespürt“, erzählt Grün und lächelt. Nicht aber wegen des Geldes, sondern weil sich für sie dadurch ihr Weg der Allgemeinmedizin noch mehr gefestigt hat. Beide haben sich aber auf dem Geld keineswegs ausgeruht, sondern immer noch nebenbei gearbeitet, Grün als Rettungsassistentin und Liebler unter anderem im Altenheim oder in der Gastronomie, um nur einige Beispiele zu nennen.

Im sogenannten praktischen Jahr ihres Studiums, wo die beiden 40 Stunden in der Woche arbeiten mussten, waren die 500 Euro schon eine Entlastung. „Da war man auch ein Stück weit von dem Geld abhängig“, erzählt Grün, denn in dieser Phase des Studiums blieb nicht wirklich viel Zeit für einen Nebenjob. Mittlerweile erhalten die angehenden Hausärztinnen aber kein Geld mehr, schließlich haben sie ihr Studium erfolgreich abgeschlossen.

Anfang des Jahres haben sie im Krankenhaus in Schotten ihre Facharztausbildung begonnen, die insgesamt fünf Jahre dauern wird. „Viele wollen keine Allgemeinmedizin machen. Ich war in Seminaren oft die einzige, die Hausärztin werden wollte“, erinnert sich Liebler. Warum das so ist, könne sie nicht sagen. Ein möglicher Grund könnte sein, dass bei den Fachärzten der Hausarzt in Sachen Gehalt im Vergleich eher unten steht.

Doch das stört die beiden nicht. Für sie ist es nämlich viel wichtiger, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Als Hausärztin habe man keine Wochenenddienste, keine 24-Stunden-Schichten, so wie es zum Beispiel bei Fachärzten im Krankenhaus der Fall sein kann. Doch auch sie kennen beispielsweise die bürokratischen Hürden, den hohen Arbeitsaufwand und die in den Augen der Ärzte nicht angemessene Vergütung, die aktuell unter anderem immer wieder bei den regelmäßigen Ärzteprotesten thematisiert werden. An diesem Mittwoch ist übrigens ein nächster Protesttag geplant.

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