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Stadt Alsfeld zur Kritik des BUND am Industriegebiet "Am weißen Weg"„Es ist nicht das Ziel der Stadt, mutwillig Natur zu vernichten“

ALSFELD (ls). Die Planungen des Projekts reichen schon lange zurück. Und auch wenn die ersten Ideen gut zehn Jahre her sind, wird nun ganz aktuell wieder über das geplante Alsfelder Industriegebiet „Am weißen Weg“ diskutiert.  Die Planungen seien „unverantwortlich“, sagen Umweltschützer. Die Stadt widerspricht.

„Wir wollen natürlich Flächenversiegelung vermeiden, aber da, wo wirtschaftliches Wachstum möglich ist, muss es auch konzipiert werden, um die Stadt weiterzuentwickeln“, sagte Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule in einer digitalen Pressekonferenz zu dem Thema.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hatte das Projekt in einer Presseerklärung kritisiert und die Planung als „unverantwortlich gegenüber nachfolgenden Generationen“ bezeichnet. Dies stieß nun die aktuelle Diskussion über das Vorhaben an. Der BUND wirft dabei die Frage auf, ob die Ausweisung nicht „vorsätzlich dem Grundsatz der Daseinsvorsorge für die Bürger, die weit über die Bereitstellung von Arbeitsplätzen hinaus geht und auch eine intakte Umwelt mit einschließt“ widerspricht.

BUND: Planung des Industriegebietes „Weißer Weg“ ist unverantwortlich

Auch die ALA unter ihrem Fraktionsvorsitzendem Michael Riese erklärte in einer Pressemitteilung daraufhin, dass „Möglichkeiten zu verstärkter Nachhaltigkeit wie zum Beispiel verpflichtende Solaranlagen auf Dächern, Dach- oder Fassadenbegrünungen“ derzeit nicht geplant seien. Um „minimale umweltrechtliche Anforderungen zu erfüllen“, habe die Stadt für etwa 73.000 Euro Ökopunkte erstanden. „Das sei moderner Ablasshandel für einen fragwürdigen Naturausgleich, dessen ökologische Qualität zumeist gar nicht überprüft würde“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Im Umweltbericht zum Bebauungsplan heiße es, dass „großvolumige, den Landschaftseingriff erhöhende Baukörper und je nach Betriebsart auch ein hohes Lkw-Aufkommen mit spürbarer Mehrbelastung der B62 zu erwarten“ seien. Erhöhte Schadstoffbelastung der Luft durch Immissionen sei naheliegend.

Von der Alsfelder CDU hieß es zur Kritik des BUND unterdessen, dass sich der Naturschutzbund mit „vollem Bewusstsein gegen die Zukunftsfähigkeit“ der Stadt stelle. Ideologie und eine verklärte Sicht auf Naturschutzbelange werde vor das Wohl der Menschen gestellt. Auch die Stadt zeigt sich in der Pressekonferenz irritiert über die Aussagen – besonders weil in der Planung nicht nur der Umweltschutz berücksichtig, sondern auch die Umweltverbände schon frühzeitig informiert und deren Stellungnahmen in der Planung berücksichtig worden seien.

Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule stellte sich gemeinsam mit Wirtschaftsförderer Uwe Eifert, Martin Schultheis vom städtischen Bauamt und dem Vogelsberger Wirtschaftsdezernenten Jens Mischak der Kritik des BUND an dem geplanten Industriegebiet „Am weißen Weg“.

Paule: Schritt zur Ökologie getan

„Hier sind Interessen am Werk, die es uns als Stadt schwer machen“, erklärte Paule dazu. Die Planungen für das Projekt liegen bereits einige Jahre zurück. Um genauer zu sein: Fast zehn Jahre. Bereits 2011 wurde eine umfassende Gewerbestandortanalyse beauftragt und ausgeführt, um mögliche Gewerbestandorte zu prüfen – auch vor dem Hintergrund der ökologischen Interessen. Dabei habe sich herausgestellt, dass es wenig sinnvoll sei, einzelne Gewerbestandorte im Stadtgebiet und in den Ortsteilen auf freie Flächen zu strecken, sondern sie dort zu sammeln, wo es möglich sei und man die ökologischen Eingriffe minimal halten könne. Herausgekommen sei dabei das Gebiet „Am weißen Weg“ zwischen der Kernstadt und dem Ortsteil Eifa.

Damit haben man bereits einen Schritt hin zum Umweltschutz getan, die anderen Flächen seien ökologisch wertvoller, erklärte Paule. Dabei sei die Fläche keine „unberührte Natur, die der Industrie weichen muss“, machte der Rathauschef deutlich. Direkt gelegen an der Bundesstraße, angrenzend zu einer stillgelegten Bahnstrecke, in unmittelbarer Nähe zur Autobahn, auf der anderen Seite ein ehemaliger Schießplatz und außerdem sei die Fläche konventionell landwirtschaftlich genutzt worden.

„Da gehen zwei Dinge nicht zusammen“, bemerkte Paule gegenüber der BUND-Forderung, die Fläche nun doch landwirtschaftlich zu nutzen, da bei den Umweltverbänden auch immer die konventionelle Landwirtschaft in der Kritik stehe.

Naturgebiet rund um die Schwalm soll von Ausgleich profitieren

Nachdem in 2013 der erste Gremienaufschlag erfolgte und das Gewerbegebiet im Regionalplan beantragt wurde, sei in 2018 mit der Bauleitplanung begonnen worden. Der Aufstellungsbeschluss sei dann am 14. Juni 2018 erfolgt. „Natürlich wurden da in den Entwurfsplanungen alle Träger und Belange eingebracht“, sagte Paule. Außerdem habe man sogar eine freiwillige Vorabbeteiligung eingeräumt. Daran sei auch der BUND beteiligt gewesen und habe eine Stellungnahme abgegeben. Nachhaltigkeit habe, so erklärte es Paule, bereits seit Beginn der Planungen eine Rolle gespielt. 60 bis 90 Träger öffentlicher Belange habe es dabei gegeben, alles sei bewertet, überprüft und berücksichtigt worden.

Als Ausgleich für das Industriegebiet „Am weißen Weg“ plane die Stadt zahlreiche Kompensationsmaßnahmen, bei denen vor allem das Gebiet entlang der Schwalm erheblich profitieren soll. „Während der gesamten acht Jahre gab es immer wieder Rücksprachen mit den Fachbehörden und wir befinden uns immer im Dialog“, erklärte Martin Schultheis vom städtischen Bauamt. Dabei werde von Beginn an darauf geachtet, dass kein Nachteil für die Natur entstehe und auch daran arbeite man stetig. „Es ist nicht das Ziel der Stadt mutwillig Natur zu vernichten, sondern eine sinnvolle Entwicklung voranzutreiben und gleichzeitig dem Umweltschutz gerecht zu werden“, sagte Schultheis.

„Alsfeld ist nicht nur ein Erholungsgebiet, sondern braucht auch Entwicklung – und dazu benötigt man auch die Industrie“, erklärt der Rathauschef. Auch sei man aktiv in der Vermittlung von bereits vorhandenen Gewerbebrachen, wie das Galvanogelände. Die Entwicklung des ehemaligen Kerber-Geländes in der Stadt, wo seit einigen Jahren das Casino Carré zu finden ist, sei ein Beispiel, wo es zu keiner neuen Flächenversiegelung gekommen sei. „Das heißt aber nicht, dass es ganz ohne neue Ausweisungen geht“, so Paule. Wenn niemand hier lebe, könne auch niemand die Natur genießen.

Auf die Forderung der ALA, sich erst einmal um freie Flächen in vorhandenen Gewerbegebieten zu kümmern und diese zu erwerben, entgegnete Paule: „Darauf muss man erst einmal Zugriff bekommen.“ Meist bestehe bei den Eigentümern kein Interesse am Verkauf an Kommunen oder eine Folgenutzung sei bereits geplant. Dennoch habe man diese Gelände immer im Blick.

Allein durch den Standort an der Autobahn sei das Industriegebiet gut gelegen, erklärte Erster Kreisbeigeordneter Jens Mischak.

Einige Interessenten für das Industriegebiet

Bei der Vergabe von Gewerbeflächen und auch bei der Ausweisung dieser verfolge die Stadt eine Strategie von drei Größen: Kleine Gewerbeflächen wie im Dirsröderfeld, mittelgroße Flächen wie man sie im Industriegebiet Ost bei STI beispielsweise sehe oder aber große Flächen – jene, wie sie „Am weißen Weg“ entstehen sollen. Es gebe einige Interessenten für große Gewerbeflächen wie diese, erzählte Wirtschaftsförderer Uwe Eifert. Da sei es wichtig, erst einmal eine solche Fläche zu schaffen – und mit Blick auf den Verkehr sei es gut, solche außerhalb der Kernstadt zu haben, um den Verkehr in der Stadt zu reduzieren.

Die „Verteufelung der Logistikbranche“ und die „Herabwürdigung der Arbeitsplätze“ könne er nicht nachvollziehen. Auch in der Logistik gebe es qualitativ hochwertige Jobs. Die Qualität und Anzahl der Arbeitsplätze sei auch von Beginn an ein entscheidendes Kriterium für eine mögliche künftige Zusage. Für das Industriegebiet „Am weißen Weg“ habe es auch bereits Anfragen gegeben, Verkaufsangebote habe es noch nicht gegeben. Ausgeschrieben seien allerdings noch nichts, erklärte Paule. „Fakt ist: Bevor noch kein Satzungsrecht da ist, gibt es auch kein Bebauungsrecht.“

Die Entwicklung der Stadt möglich machen

Noch in diesem Jahr soll die äußere Erschließung mit Wasser, Abwasser und Strom angestoßen werden, allerdings erst sobald sich abzeichne, dass ein Bebauungsplan aufgestellt werden kann. All das habe die Stadt bereits eine erhebliche Summe gekostet, das Gebiet nun fallen zu lassen könne, so sagte es Paule, nicht im Sinne der Alsfelder sein. „Das wäre ein Supergau für die wirtschaftliche Stadtentwicklung.“

Aus Sicht der Wirtschaftsförderung des Kreises sei zu bedenken, dass der Kreis mehr Auspendler als Einpendler habe, erklärte Erster Kreisbeigeordneter Jens Mischak. Aus ökologischen Gesichtspunkten sei auch hier wichtig, dass man die Menschen zurück in die Region hole. „Man kann nicht gegen alles sein. Entweder können die Menschen zum Arbeiten hier bleiben, oder sie müssen weg können, egal ob über die Autobahn oder per Bahn“, sagte Mischak. Für Alsfeld sei das Industriegebiet eine gute Chance, die Auspendler wieder in die Region zu holen, so würde auch Verkehr reduziert.

Über Alsfeld, so erzählte es Paule am Ende, gebe es viele Legenden, was größere Industrien betreffe, die angeblich weggeschickt wurden und in der Nähe einen Standort fanden. „Egal ob es zur Legende gehört oder wirklich so war. Ich möchte nicht, dass sich die Menschen in 30 Jahren erzählen, dass der BUND etwas verhindert hat und auch nicht, dass die Politik eingeknickt ist. Wir wollen die Entwicklung der Stadt damit möglich machen und nicht verhindern“, sagte er.

9 Gedanken zu “„Es ist nicht das Ziel der Stadt, mutwillig Natur zu vernichten“

  1. Wenn das Industriegebiet nicht in Alsfeld entsteht, dann eben anderswo.
    Über Für und Wider kann man streiten. Aber über eines darf nicht gestritten werden: Wenn ein solches Bauwerk errichtet wird, dann doch bitte klima- und umweltfreundlich. Auf 44ha könnte eine der größten PV-Anlagen in Hessen entstehen.

    Es ist eine Schande, dass man sich so einfach aus seiner Verantwortung freikaufen kann. Es ist aber auch eine Schande, dass sich Parteien und Vereine nur dafür interessieren, dagegen zu sein.
    Die Grünen träumen von Blumenwiesen auf Schulhöfen o.k. aber wo ist denn die Klimaliste? Geht es wirklich ums Klima, oder geht es nur darum, die Stimmen von A49 Gegnern abzugreifen.

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  2. @Hsans-Georg Braun
    Nur ein paar Anmerkungen zu Ihrem Kommentar: Naturschutz ist heute Selbstschutz. Schutz der Gesundheit für uns alle. Es ist 5 nach 12, wir brauchen ein Umdenken sofort. In Sachen Verkehr(LKW Verkehr), Immissionen wie Lärm, Schmutz, Abgasen und vor allem bei dem Verbrauch von Natur. Das was Sie als Pestizid behandelte Fläche bezeichnen war mal Natur und kann es wieder werden.
    Die Flächen werden zum großen Teil in den Kommunen verbraucht und da muss die Verkehrswende, Wirtschaftswende zum dezentralen und der Naturschutz anfangen, auch gegen Widerstände. Wir hatten mal in Alsfeld eine Molkerei, Brauerei, einen Güterbahnhof eine saubere Stadt, in jedem Dorf eine Metzgerei, eine Kneipe, Lebensmittelgeschäfte u.s.w..
    Zum Artikel :
    Anspruch und Wirklichkeit bei den Aussagen von Stadt und Kreis können nicht größer sein.
    Am 25.02.2021 war so ein ähnlicher Artikel in der OZ da wurde von Herrn Eifert gesagt, Zitat aus der OZ: Eines der wichtigsten Ziele bei innerstädtischen Flächen sei gewesen den Verkehr aus der Stadt heraus zu halten. Was Wirklichkeit ist kann man in dem Zeitungsbericht vom 23.02.2021 in der OZ „Nächtlicher Verkehrslärm „Am Ringofen“ ins Gewerbegebiet ehem.Bgs Gelände (Goldmiedswiese) nachlesen. Dort kämpfen die Anwohner schon 3 Jahre für die eigentlich selbstverständliche Nachtruhe ohne Schwerlastverkehr der nur zum umbrücken einfährt. Eine Straßenerneuerung, wie im Zeitungsbericht steht, würde aber alleine wenig für die Betroffenen bringen weil ein Schwerlaster ca. 90 dB(A) Lärm mit sich bringt. So was gehört nicht in die Innenstadt. Ja so ist das mit dem Gesagten und der Wirklichkeit. Deshalb wirft das geplante Industriegebiet viele Fragen auf.

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    1. Wie passt es zusammen, Lärm am Ringofen aber Brauereigelände nutzen? Naturschutz ist eines der wichtigsten Anliegen unserer Gesellschaft aber wir können nicht zurück zu den Zeiten wo Frauen an den Haaren in Höhen gezogen worden sind. Eine Wirtschaftswende ist mit Sicherheit dringend notwendig, hat aber wenig mit einem Industriegebiet in Alsfeld zu tun. Ich komme zu dem Schluss: 1.) Brachflächen und Leerstände in der Kernstadt nutzen ohne Lärmbelästigung. 2.) Alle versiegelten Flächen rückbauen. 3.) Verkehr aus der Innenstadt fernhalten. Erklären Sie mir wie solche widersprüchlichen Dinge ausgeführt werden sollen und wie eine Stadt so überleben soll.

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      1. “ Eine Wirtschaftswende ist mit Sicherheit dringend notwendig, hat aber wenig mit einem Industriegebiet in Alsfeld zu tun.“?????????????
        Hä, Hä, was denn sonst.
        Schwierig zu verstehen naja.

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  3. Getroffene Hunde Bellen, Augen zu und durch .Es ist nicht das Ziel der Stadt die Natur zu vernichten aber es geht nur mit vernichten.Was für Arbeitsplätze wollen sie den schaffen , von denen keiner Leben und Sterben kann.Sie Glauben auch noch sie würden was gutes tun ,auch ein Arbeiter muss von seinem Lohn Leben können und eine Familie Ernähren.Auch wenn sie keine Akademiker wie die Herren so wollen sie doch ein auskommen haben ohne Allmosen.

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  4. Umweltschutz ist eine teure Sache und muss auch erwirtschaftet werden. Ein landwirtschaftlich genutzte Fläche die monokulturell bepflanzt wird und eventuell mit Pestiziden behandelt wird muss einem Gewerbegebiet weichen, welch ein Irrsinn so etwas als Naturschutz zu verkaufen. Es gibt mit Sicherheit dringend benötigte Umweltschutzmaßnahmen aber doch nicht so was. Wir benötigen Arbeitsplätze, um unsere Stadt für die Zukunft aufzustellen und um uns auch den Umweltschutz leisten zu können.

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    1. Im Grundsatz gebe ich ihnen zu hundert Prozent recht! Aber ist es nicht so das Alsfeld nichtmal die vorhandenen Flächen ausnutzen kann? So lange es Flächen gibt sollten keine neuen ausgewiesen werden!

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    2. Genau, Umweltschutz ist teuer und dafür betonieren wir die Arbeitsgrundlage dieser latenten Brunnenvergifter genannt „Landwirte“ mit neuen Industriegebieten.
      Warum nutzt man nicht die zukünftigen und derzeitigen Industrieruinen, das bald leere Kamax Gelände, oder neu stukturierung des Brauereigeländes z.B.?
      Versiegelt ist versiegelt und zersiedelt ist zersiedelt! Warum muss Landfraß mit Landfraß beantwortete werden. Fußläufig werden die neuen Arbeitsplätze im neuen Industriegebiet nich erreichbar sein.
      P.S. wenn die Landwirte alles Tod spritzen würden auf unseren Böden hätte man nur kuezfristigen Ertrag und danach Sand. Wie haben wir auf der Max Eyth Schule gelernt? Humus is was der Bur hu mus und der entsteht nur aus aktivem Bodenleben.
      Was für eine Umwelt wolen wir schützen wenn wir sie zubetonieren? Fighting for Peace is like fucking for virginity!

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