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Wiedervereinigung ganz persönlich: Sichtweise der Generation Post-DDR„Ich bin neidisch auf die Mauerspechte“

Ich war vielleicht fünf oder sieben Jahre alt, als dieses Wort in einem Film fiel, das ich vorher noch nie gehört hatte. Neugierig fragte ich: „Mama, was ist denn ein Wessi?“ Meine Mutter sagte irgendetwas wie „das hat man früher so gesagt, zu Leuten, die nicht aus der DDR kamen.“ Vielleicht hat sie sich auch mehr Mühe gegeben bei der Erklärung, die Erinnerung daran ist verblasst. Doch meine Frage ist mir noch präsent. Sie ist das älteste mit DDR-Bezug, an das ich mich erinnern kann. Ich, ein 24-Jähriger, geboren nach der Wende im wiedervereinigten Deutschland.

Heute, 25 Jahre nachdem der Kalte Krieg zu Ende ging, studiere ich Staats- und Geschichtswissenschaften – und zwar im schönen Erfurt in Thüringen. Wenn der Zug die Grenze zwischen Hessen und dem Freistaat passiert, merke ich: nichts. Ich kenne es nicht anders. Meine Eltern allerdings schon. Vielleicht ist es deshalb so spannend, wenn meine Mutter von ihren Reisen in die DDR erzählt.

Vom Prozedere an der Grenze, zum Beispiel. Die Panik, wenn einem einfiel, dass man die Schuhe im Koffer doch in Zeitungspapier eingewickelt hatte. Oder den Ärger, den es gab, als die Grenzer den für die lange Fahrt extra vollgepackten Kassettenhalter mit West-Musik entdeckten. Die Verhöre, die Akten, die plötzlich über einen hergezaubert wurden, die Kalaschnikows überall. Geschichten, wie aus einer anderen Welt – und doch vielleicht gerade mal 35 Jahre her.

In den ersten beiden Semestern hatte ich zwei Termine, auf die ich mich besonders freute: Seminare zur Geschichte der DDR. Es waren die Veranstaltungen, zu denen man sich immer hingeschleppt hat, egal wie müde man war. Mein Wissensdurst war groß, die DDR wurde im Schnellverfahren ein halbes Jahr vor dem Abi im Geschichtsunterricht abgearbeitet. Das war nicht genug. Ich brannte darauf, mich mit Fragen zu beschäftigen, wie „Was hieß es, im Osten groß zu werden? Wie genau funktionierte eigentlich Planwirtschaft? Mit welchen Tricks arbeitete die Stasi? Und war die friedliche Revolution überhaupt eine Revolution?“

„Ha Ha! Du gehst in‘ Osten!“

Alles, was wir in meiner Generation über die DDR wissen, haben wir aus Büchern oder aus Erzählungen gelernt. Und dennoch gab es ein paar Sprüche von meinen Freunden, als ich ihnen sagte, wo ich studieren werde. „Ha Ha! Du gehst in‘ Osten!“, sagten sie. Darf man das? Ossi-Witze machen, als jemand, der doch erst nach der Wende geboren wurde? Ich hatte das Glück, in Erfurt eine fantastische Freundin und Nachbarin zu finden. Linda ist ihr Name.


Linda hat eine Zwillingsschwester, ist zielstrebiger und ehrgeiziger als ich es jemals sein werde, liebt es Theater zu spielen, trinkt gerne Vita-Cola und stammt aus dem urigen Erzgebirge im tiefsten Sachsen. Spätestens wenn sie den Mund aufmacht, wird letzteres jedem bewusst. Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft sie mich geknufft, geboxt oder böse angeschaut hat, nachdem ich mich über ihren Dialekt lustig gemacht habe. Im Gegenzug fällt sie fast vom Glauben ab, wenn ich mit Worten wie „Eierscheke“ oder „Klieselheber“ beim besten Willen nichts anfangen kann. Das Zweite ist übrigens ein BH, Nummer eins soll ein äußert leckerer Kuchen sein.

Ziemlich beste Freunde: OL-Redakteur Juri Auel  mit seiner Nachbarin Linda, hier zusammen auf einem Foto in einem emotionalem Ausnahmezustand kurz vor einer Politik-Prüfung. Dass ich aus dem ehemaligen Westen und Linda aus dem ehemaligen Osten kommt, bereichert unsere Freundschaft, sagt Juri Auel.

Ziemlich beste Freunde: OL-Redakteur Juri Auel mit seiner Nachbarin Linda, hier zusammen auf einem Foto in einem emotionalem Ausnahmezustand kurz vor einer Politik-Prüfung. Dass ich aus dem ehemaligen Westen und Linda aus dem ehemaligen Osten kommt, bereichert unsere Freundschaft, sagt Juri Auel.

Es macht die Beziehung zwischen Linda und mir interessanter, dass wir aus zwei verschiedenen Ecken unseres Landes kommen. Ich müsste wohl genau so Prügel einstecken, wenn sie aus dem südlichsten Zipfel Bayerns oder von Fehmarn nach Erfurt neben mich gezogen wäre. Deutsche Einheit bedeutet nämlich nicht, dass seit einem viertel Jahrhundert hier alles gleich, alles einheitlich ist. Die kulturellen Hürden zwischen Linda und mir haben auch nicht ausschließlich etwas mit der Mauer zu tun. Ganz Deutschland ist auch im Jahr 2015 eben immer noch ein kultureller Flickenteppich – und das ist gut so, finde ich jedenfalls.

Denn überall, wo es Unterschiede gibt, ist Platz für Missverständnisse und Humor. Dass man sich gegenseitig ein bisschen auf die Schippe nimmt, ist also kein reines Ost-West Phänomen. Es versüßt vielmehr den gesamtdeutschen Alltag. Oder um es gebildet und diplomatisch auszudrücken: Jede Region hat auch in einem wiedervereinigten Deutschland das Recht, von einem Oberhessen mal ordentlich verarscht zu werden. Linda stimmt mir da mit Sicherheit zu, gell?

Neidisch auf die Mauerspechte

Wir können zwar ein wenig mit den Klischees spielen, so wie wir es vielleicht von unseren Eltern abgeschaut haben, dennoch wird unsere Beziehung zur DDR und ihrem Ende immer eine ganz andere sein. Wir waren eben nicht dabei. Manchmal, wenn ich dieser Tage die Bilder der Mauerspechte und der zersägten Schlagbäume im Fernsehen sehe, werde ich etwas neidisch. Neidisch, weil ich gern ein Teil dieser Geschichte gewesen wäre. Im August 1991 wurde ich in Alsfeld geboren –  da war Deutschland schon nur noch ein Land.


Ich hatte keine Chance, jubelnd auf Trabbi-Dächer zu klopfen, fremden Menschen wie Brüdern um den Hals zu fallen oder ungläubig vor dem Fernseher zu sitzen, mit Gänsehaut und der Gewissheit: „Dort in Berlin passiert gerade etwas Historisches, das die Welt verändern wird.“

Ich gehe mal ganz stark davon aus, dass ich damals so reagiert hätte. Dass ich eine unbeschreibliche Mischung aus Aufregung, Freude, Neugier und Begeisterung gespürt hätte, so wie wohl die meisten Deutschen in der Nacht des 9. Novembers 1989. Und dann frage ich mich, ob mir dieser Feiertag heute auch so gleichgültig wäre, wie den Menschen, die diese historische Nacht miterlebt haben.

Wo ist die Euphorie des Anfangs?

Die Euphorie des Anfangs, so kommt es einem manchmal vor, ist nach 25 Jahren Wiedervereinigung der Ernüchterung gewichen. Auf beiden Seiten wünschen sich Menschen, die älter sind als ich, manchmal die Mauer zurück. Im Westen, damit man nicht mehr bezahlen muss, im Osten, weil früher alles besser war.

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25 Jahre deutsche Wiedervereinigung: Was bedeutet das für unser Land? Lesen Sie dazu auch den Beitrag von OL-Redakteur Axel Pries, für den die Angst eines Atomkrieges noch greifbar war. 


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Es ist schon fast komisch, dass wir selbst im Bezug auf diesen so einzigartigen Teil unserer Geschichte so typisch deutsch, verklemmt sind. Außer ein, zwei offiziellen Feierlichkeiten, ist es ein Tag wie jeder andere. ZDF und ARD bringen ein paar Dokus, das war’s dann.

Es ist absolut richtig und verständlich, dass wir Deutschen ein kritisches Verhältnis zum Patriotismus haben. Ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold, wo kein Fußball in der Nähe ist, macht vielen Leuten Bauchschmerzen. Zu Recht! Unsere Geschichte verpflichtet uns dazu, beim Thema Nationalstolz skeptisch zu bleiben – und zwar für alle Zeit!

Ist seit über 25 Jahren nur noch Geschichte: Die innderdeutsche Grenze. Vor der Alsfelder Stadtschule steht ein Teil der Berliner Mauer als Mahnmal.

Ist seit über 25 Jahren nur noch Geschichte: Die innderdeutsche Grenze. Vor der Alsfelder Stadtschule steht ein Teil der Berliner Mauer als Mahnmal.

Und dennoch ist es interessant, einmal drüber nachzudenken, wie andere Länder ein solches Ereignis heute noch feiern würden. Einen Tag, an dem der Schutt einer Mauer, die Jahrzehnte lang Familien und Freunde trennte, endgültig auf den Müll der Geschichte geworfen wurde. Wie würden Japaner, Franzosen, Amerikaner oder Russen diesen Tag wohl begehen?


Sie würden feiern – und zwar was das Zeug hält. Ohne Allmachtsphantasien, ohne „Frankreich den Franzosen!“-Rufe , ohne Überlegenheitsgedünkel und ohne Pegida-Idioten, die das Motto einer friedlichen Revolution für Fremdenhass, Angst und Pöbeleien gegen kritische Medien missbrauchen.

Nein, sie würden sich einfach freuen, dass dieses Kapitel ihrer Geschichte ein für alle mal vorbei ist.

In diesem Sinne, Prost, Deutschland! Schön, dass es dich jetzt nur noch ein Mal gibt!

 

Von Juri Auel – mehr über den Autor