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Erinnerungen an die Opfer des Nationalsozialismus42 Namen im Alsfelder Pflaster

ALSFELD (ls). 42 Stolpersteine sind in Alsfeld verlegt, die die Geschichten von 42 jüdischen Alsfeldern erzählen. Auf der Suche nach den Erinnerungen an die Opfer des Nationalsozialismus in Alsfelds Pflaster.

Sie beginnen alle mit den gleichen zwei Worten: „Hier wohnte“ und dann folgt ein Name auf den zehn mal zehn Zentimeter großen, viereckigen Messingplatten, die zwischen den dunkeln Alsfelder Pflastersteinen nur bei genauerer Betrachtung auffallen. Manchmal stolpert man im wahrsten Sinne des Wortes über die Stolpersteine, die zum Erinnern anregen sollen. Oft aber entdeckt man sie eher zufällig in der Stadt, schenkt ihnen kaum Beachtung und läuft darüber hinweg.

Begibt man sich allerdings gezielt auf die Suche nach den Gedenksteinen, die vor einigen Jahren vor der letzten Wohnadresse von jüdischen Alsfeldern ehe sie deportiert, in Lagern verstarben oder ermordet wurden, verlegt wurden, dann wird es mitunter teilweise schwer, einen umfassenden Überblick zu bekommen. Drei Verlegungen haben mit dem Künstler Gunter Demnig stattgefunden: die erste am 24. Oktober 2009, eine am 7. September 2010 und die dritte am 27. September 2011. Insgesamt wurden dabei 42 Stolpersteine in Alsfeld verlegt.

Erinnerungen an Karl Wallach, Familie Stein, Familie Rothschild und Familie Moses

Eine genaue Auflistung aller Steine mit Adresse gibt es dabei nicht. Die Stadt bezieht sich auf eine Liste auf Wikipedia, in der erscheint allerdings – so auch in der Adressauflistung aus Unterlagen des Archivs vom Förderverein zur jüdischen Geschichte des Judentums im Vogelsberg – die letzte Wohnadresse am Ringofen 2 von Karl Wallach, dessen Vater Leopold Wallach die Brauerei in der Grünberger Straße gründete.

Auch in einer Karte, die im Wiki-Artikel als Quelle genannt wird, ist der Stolperstein für Karl Wallach eingezeichnet, vor Ort wurde allerdings kein Stein verlegt, wie auch Michael Riese, der Vorsitzende des Vereins, der damals die Stolperstein-Initiative ins Leben rief, bestätigt. Auch tauchen in den Unterlagen des Vereins die ehemaligen Adressen von Susanne Rothschild, ihrer Tochter Ida Moses und deren Ehemann Philipp Moses in der Jahnstraße 5 auf – auch hier wurden offenbar keine Stolpersteine verlegt. Und auch am Fulder Tor, wo Familie Stein lebte, wurden keine Steine verlegt. Erinnert werden soll sich dennoch an die drei Familien.

Der Alsfelder Historiker Heinrich Dittmar, der sich zu Lebzeiten intensiv mit der Geschichte der jüdischen Einwohner von Alsfeld befasst hatte, merkte zur dritten Stein-Verlegung in 2011 an, dass an diesen drei Orten noch keine Steine verlegt wurden und erinnerte an die Menschen, die einst dort lebten.

Karl Wallach war der letzte Besitzer der Brauerei in der Grünberger Straße, die einst sein Vater Leopold Wallach gründete. 1933 musste er das Lebenswerk seiner Familie unter zweifelhaften Umständen an eine Genossenschaft verkaufen. „Wie mir seine Schwiegertochter (Anm. der Redaktion: Charlotte Wallach) […] bei einem Besuch in Alsfeld berichtete, bedrohte man sie, als sie mit einem Zwilling schwanger war in der Villa am Ringofen. Auch dies veranlasste Karl Wallach, sein Eigentum zu verlassen“, schrieb Dittmar.

Zur Geschichte der Brauerei und der Familie Wallach ist viel bekannt, was durch den Förderverein auf der Homepage veröffentlicht wurde. Auch über die von Dittmar angemerkten „zweifelhaften“ Verkaufsumstände ist mittlerweile mehr bekannt, was hier nachzulesen ist.

Am Fuldaer Tor wohnte Familie Stein mit Leopold ‚Levi‘ Stein und seiner Frau Henny Stein. Beide hatten eine Tochter, Lotte Stein, die 1937 nach Argentinien zog. Auch Albert Stein und Cilly Stein lebten in dem Haus. Beide zogen in 1936 nach Frankfurt, wurden von dort aus deportiert und kamen im Osten ums Leben. Levi Stein hatte mit einem Bruder eine Darm- und Häutehandlung und war im Anfang an der Firma Rockel beteiligt. Mit seiner Frau zog er 1939 nach Essen, beide wurden zwei Jahre später deportiert und kamen am 7. Mai 1942 in Chelmo ums Leben.

In der Jahnstraße 5 hatte sich Samuel Rothschild 1890 eingekauft und handelte wie viele Geschäftsleute zu dieser Zeit mit Branntwein, Likör, Wein und Schnaps. Rothschild und seine Ehefrau Susanne hatten eine Tochter, Ida Moses, die 1921 Philipp Moses heiratete. Deren Sohn Manfred Moses, der sich zeitlebens für die Geschichte der Alsfelder Juden eingesetzt hatte, kam 1939 mit einem Kindertransport nach London. Familie Moses und Susanne Rothschild zogen im selben Jahr nach Essen, drei Jahre später wurden sie deportiert. Susanne Rothschild verstarb knapp vier Monate später im Ghetto Theresienstadt. Das Ehepaar Moses kam bereits wenige Tage später in Izbica ums Leben.

Die Geschichten hinter den Steinen

Mit der Zeit werden die Metallplatten auf den Steinen matt, verlieren ihren Glanz und werden leicht übersehen. So auch in Alsfeld: Zwischen dem oft dunkeln Pflaster fallen die Erinnerungssteine kaum noch auf. Um so wichtiger, dass an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird, ihre Steine sichtbar gemacht werden und aus ihrem Leben erzählt wird.

Altenburger Straße 21: Josef Strauss, Rebekka Strauss und Meta Strauss

Josef Strauss wurde 1942 deportiert und verstarb am 30. November 1942 im Ghetto Theresienstadt. Ehefrau Rebekka Strauss und Tochter Meta Strauss verstarben nach der Deportation in Riga.

Grünberger Straße 22: Sally Flörsheim

Sally Flörsheim verstarb im Alter von 78 Jahren am 31. August 1942 nach seiner Deportation ebenfalls im Ghetto in Theresienstadt.

Grünberger Straße 30: Markus Strauss und Therese Strauss

Markus und Therese Strauss, die in der Grünberger Straße gelebt hatten, wurden beide im Jahr 1941 deportiert. Markus Strauss wurde am 3. März 1942 in Lodz ermordet. Seine Ehefrau verstarb ebenfalls in dem Ghetto, in dessen Nähe es mehrere Arbeitslager und auch ein Vernichtungslager gab. Dort wurde auch der sogenannte „Gaswagen“ eingesetzt. Strauss war Teilhaber der Bekleidungsfabrik Steinberger, einem zur damaligen Zeit großen Arbeitgeber.

Zeller Weg 3: Alice Stein, Walter Stein und Ernst Stein

Vor dem Haus im Zeller Weg 3 erinnert ein Stolperstein an Ernst Stein, der 1941 als Sechsjähriger gemeinsam mit seinem zehnjährigen Bruder Walter und seiner Mutter deportiert wurde. Im gleichen Jahr wurde die Familie im litauischen KZ Kowno getötet.

Ludwigsplatz 2: Julius Justus und Rosa Justus

Rosa und Julius Justus lebten einst am Ludwigsplatz in Alsfeld, ehe sie 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Julius Justus starb im Mai 1943, Rosa Justus überlebte noch ein weiteres Jahr und wurde im Mai 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Ludwigsplatz 4: Hedwig Loeser

Im Nachbarhaus lebte Hedwig Löser. Mit 62 Jahren wurde sie 1942 deportiert und im Vernichtungslager Sobibor ermordet. In dem Lager wurden die Menschen, so schreibt es Dittmar, oftmals unmittelbar nach dem Eintreffen durch Giftgas ermordet. 1943 wurden das Lager nach einem Aufstand des jüdischen Arbeitskommandos aufgelöst.

Obergasse 19: Frieda Rothschild

Vor dem Haus in der Obergasse 19 erinnert ein Stolperstein an Frieda Rothschild, die im Alter von 75 Jahren nach ihrer Deportation im Jahr 1942 Ende Oktober in Theresienstadt verstarb. Die jüngeren Angehörigen waren vorher geflüchtet.

Amthof 2: Selma Rothschild

Selma Rothschild wurde am 27. September 1942 aus ihrem Wohnhaus am Amthof 2 deportiert und verstarb am 16. März 1943 in Theresienstadt.

Hersfelder Straße 53: Friederike Adler

Auch Friederike Adler, die in der Hersfelder Straße 53 lebte, wurde 1942 deportiert und nach Theresienstadt deportiert, wo sie im September 1943 ermordet wurde. Ihr Vater war Samuel Spier, der Mitbegründer der Sozialdemokratischen Arbeitspartei.

Pfarrwiesenweg 12: Jakob Bettmann und Adele Bettmann

Im Pfarrwiesenweg erinnern dort, wo heute das Hotel Schwalbennest steht, zwei Stolpersteine an den letzten Wohnort von Adele und Jakob Bettmann, die einst in Haus Nummer 12 lebten. Das Ehepaar wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Im Dezember 1943 wurde zunächst Adele Bettmann ermordet, wenige Monate später, im März 1944, wurde auch Jakob ermordet.

Untergasse 15: Regina Levi, Siegfried Döllefeld, Marim Stern. Erna Stern, Lore Marga Stern und Lotte Stern

Mit 14 Jahren und zehn Jahren endete das Leben der beiden Schwestern Marga und Lotte Stern, die gemeinsam mit ihren Eltern Erna und Marim Stern bis zu ihrer Deportation in 1942 in der Untergasse lebten. Die beiden Mädchen wurden in Richtung Osteuropa ermordet, Vater Marim verstarb in Majdanek, was zu diesem Zeitpunkt noch ein Kriegsgefangenenlager war. Später wurde es ein KZ, wobei die Häftlinge zur Arbeit in Industriewerken, Steinbrüchen und im Straßenbau gezwungen wurden. Hunger, Folter, Erschießung und Vergasung waren auch dort das Schicksal vieler Juden. Mutter Erna verstarb in Theresienstadt.

Auch Regina Levi und Siegfried Döllefeld lebten dort, ehe beide 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Levi verstarb noch im gleichen Jahr, Döllfeld im Februar 1943. Levi war die Schwägerin von Döllfeld, der im Haus ein Mode- und Manufakturwarengeschäft besaß, das er vermutlich 1927 an Marim Stern verkaufte. Nach 1927 lebten beide zunächst in der Rittergasse, dann im Lehrerhaus in der Synagoge, wo sie den Pogrom am 9. November 1938 erlebten.

Untergasse 21: Isaak Rothschild

Wenige Meter weiter hinten in der Untergasse lebte Isaak Rothschild, der im Alter von 64 Jahren ein Jahr nach seiner Deportation in Riga ermordet wurde. In der lettischen Hauptstadt gab es bis 1941 ein Ghetto für 30.000 Juden, die Anfang 1941 von den Nazis erschossen wurden. In 1942 wurde das Reichsjudenghetto dort eingerichtet. Etwa 18.000 Juden wurden danach dort Opfer der Lebensbedingungen oder ermordet, wie Heinrich Dittmar schrieb.

Das Haus in der Untergasse gehört bis 1880 Bürgermeister Georg Jakob Ramspeck, der von 1825 bis 1871 im Rathaus regierte. Bereits in 1939 wurde das Haus verkauft, Rothschild lebte fortan bei Bekannten in der Grünberger Straße.

Untergasse 31: Fanny Speier

In der Untergasse 30 lebte Fanny Speier, die mit 69 Jahren nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie im März 1943 mit 70 Jahren ermordet wurde.

Untere Fulder Gasse 34: Johanna Lorsch und Karl Lorsch

Die Geschwister Johanna und Karl Lorsch lebten in der Unteren Fulder Gasse, wo sie ebenfalls 1942 deportiert wurden. Sie wurde noch im selben Jahr mit 59 Jahren im Vernichtungslager Treblinka, Karl Lorsch wurde im März 1943 in Majdanek im Alter von 44 Jahren ermordet.

Steinborngasse 12: Ida Baer, Sally Bear und Jeanette Lore Strauss

Besonders viel bekannt ist über die letzten jüdischen Bewohner des Hauses in der Steinborngasse: Dort lebten bis zur Deportation in 1942 Sally und Ida Bear gemeinsam mit Jeanette Hannelore ‚Lore‘ Strauss. Mit nur 21 Jahren verstarb Jeanette in Zamosc. Nach ihrer Schulzeit arbeitete Strauss von 1936 bis 1939 in Butzbach und Brilon. Von Butzbach aus besuchte sie oft ihren Bruder Heinz, der dort in eine jüdische Schule ging. Nach dem 9. November 1938 war sie kurzfristig zuhause, ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt in Buchenwald eingesperrt, später wanderte er nach Rhodesien aus – Mutter und Bruder Heinz sollten in 1939 dem Vater folgen. Die Mutter hatte in der Nähe des Kaufhauses Bär von Onkel und Tante ein kleines Schuhgeschäft in der Oberen Fulder Gasse, der Vater war Vierhändler, wie Bruder Walter bei seinem Besuch in Alsfeld im Jahr 2005 berichtete.

Walter Strauss wurde bereits mit 13 Jahren mit einem Kindertransport 1937 in die USA geschickt. Auch Jeanette wollte in die USA auswandern, kam allerdings zwischenzeitlich in die Obhut von Tante und Onkel, Ida und Sally Baer, in Fulda. Zwar wurde Jeanettes Auswanderung noch vorbereitet, doch sie wurde nicht mehr gestattet, da im August 1941 eine neue Verordnung erging, wonach es Juden im Alter von 18 bis 45 Jahren nicht mehr gestattet war auszuwandern, wenn sie arbeitsfähig waren.

Am 21. Mai 1942 wurde sie mit einem Sondertransport in den Raum Lublin abgeschoben, im Gedenkbuch wird von ihr gesagt „umgekommen in Zamosc“. Onkel und Tante wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Sally nur etwas über einen Monat später verstarb. Ida Baer wurde im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Mainzer Gasse 1: Auguste Stern, Walter Stern und Julius Stern

Mit nur 28 Jahren wurde Walter Stern in Majdanek ermordet, Julius Stern und Auguste Stern, die ebenfalls in der Mainzer Gasse 1 lebten, wurden 1942 deportiert. Er verstarb in Theresienstadt im Februar 1943, sie verstarb im gleichen Jahr im Vernichtungslager Auschwitz.

Mainzer Gasse 7: Leopold Spier

Leopold Spier, Inhaber des Bankgeschäfts N. Spier Söhne, lebt bis zu seinem Selbstmord am 21. April 1936 in der Mainzer Gasse 7. Zu dieser Zeit kam es immer wieder zu Gewalttätigkeiten und Demütigungen durch Nationalsozialisten, die viele jüdische Mitbürger zu Verzweiflungstaten brachte.

Mainzer Gasse 13: Levi Buxbaum und Frieda Lorsch

Levi Buxbaum wurde 1942 deportiert und in Auschwitz ermordet, Frieda Lorsch fand in Theresienstadt den Tod.

Mainzer Gasse 20: Auguste Strauss

Auguste Strauss wurde am 22. November 1941 bereits deportiert und nur einen Tag später ermordet.

Rittergasse 4: Arno Lorsch, Gustav Lorsch, Norbert Lorsch, Sara Lorsch und Selma Lorsch

14 Jahre alt war Arno Lorsch, 15 Jahre alt war Norbert Lorsch: Beide wurden am 30. September 1942 deportiert und in Treblinka ermordet. Auch Selma Lorsch und Gustav Lorsch wurden nach ihrer Deportation dort ermordet. Sara Lorsch verstarb im November 1942 in Theresienstadt.

Anm. der Redaktion: Ein Dank gilt Pfarrer Peter Remy, der die Informationen freundlicherweise zur Verfügung stellte. Die Informationen in dem Artikel entstammen der Historie, die durch den Alsfelder Historiker Heinrich Dittmar für die Materialsammlung des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Alsfeld“ zusammengestellt wurde.