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Verkehrsstudie zum geplanten IndustriegebietDer Wunsch nach einem Kreisel auf der B62

ALSFELD (akr). Ins Dirsörder Feld und in die Unterste Elpersweide führt bereits einer – ein Kreisverkehr. Und wenn es nach der Stadt Alsfeld geht, soll auch die Zufahrt von der B62 ins neue Industriegebiet „Am Weißen Weg“ mit einem Kreisverkehr geregelt werden, denn in Sachen Verkehrsaufkommen sei das die beste Lösung. Warum die Stadt mit diesem Vorhaben aber bislang noch keinen Erfolg hatte.

Direkt an der B62 in Richtung Eifa, knapp 300 Meter entfernt von der Autobahnanschlussstelle Alsfeld-Ost, soll es entstehen, das 44-Hektar große Industriegebiet „Am weißen Weg“. Wie die Zufahrt von der Bundesstraße ins Industriegebiet aussehen könnte, ist jedoch noch nicht geklärt. Eine in Auftrag gegebene Verkehrsstudie kam zu dem Ergebnis, dass in Sachen Verkehrsaufkommen ein Kreisel die beste Lösung wäre – genau dieses Ziel verfolgt auch die Stadt Alsfeld vehement. Hessen Mobil und und das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen sehen das allerdings anders. Dazu aber später mehr.

Zunächst einmal ein Blick auf die Verkehrsstudie, die für das Industriegebiet „Am weißen Weg“ in Auftrag gegeben wurde und die sich mit dem zu erwartendem Verkehrsaufkommen auseinandergesetzt und die Verkehrsbelastungen in den Spitzenverkehrszeiten am Vor- und Nachmittag an folgenden Punkten prognostiziert hat: Die beiden Rampen an der Anschlussstelle Alsfeld-Ost, die Hartmannkreuzung sowie die Zufahrt ins Industriegebiet.

Amazon und Deutsche Post DHL wollen nach Alsfeld

Zur Erfassung des aktuellen Verkehrsgeschehens fanden am 21. Februar 2019 in der Umgebung des geplanten Industriegebietes Verkehrszählungen statt. Die Verkehrsströme wurden in der Zeit von 6 bis 10 Uhr sowie von 15 bis 19 Uhr mittels Videotechnik erfasst und anschließend ausgewertet. Hierbei wurden alle möglichen Fahrzeugarten berücksichtigt – seien es Fahrräder, Autos, Lkw oder Sattelzüge. Untersucht wurde in der Studie zudem, wie sich das Verkehrsaufkommen verändert, wenn sich ein Logistikunternehmen mit 800 Beschäftigten und einem 24-Stundenbetrieb, verteilt auf drei Schichten, im neuen Industriegebiet ansiedelt.

„Die Berechnungen sind sehr hoch gegriffen“

Da sich aber nicht nur ein Unternehmen im Industriegebiet „Am weißen Weg“ ansiedeln wird – Nordwest Handel hat bereits den Zuschlag bekommen und aktuell stehen noch DHL Express und Amazon zur Wahl, die beide ein großes Grundstück haben wollen – stellt sich natürlich die Frage, ob die Berechnungen der Verkehrsstudie nicht neu erfolgen müssten. „Die Berechnungen sind sehr hoch gegriffen. Wenn sich beispielsweise zu Nordwest noch Amazon ansiedeln würde, wären wir noch nicht bei den Lkw-Zahlen, die hier in der Studie stehen“, erklärt Bürgermeister Stephan Paule.

In der Studie rechnet man nämlich mit 1.740 zusätzlichen Lkw-Lieferungen. „Wir sind in der Summe, selbst wenn wir die drei (Nordwest, DHL Express und Amazon) zusammenrechnen würden, unter der Annahme von 1740 Lieferungen“, so der Rathauschef. Bei Nordwest Handel gebe es 160, bei DHL Express 100 Tag- und 500 Nachtverkehre inklusive Pkw und bei Amazon seien es im 24-Sunden-Bereich 500, wie Paule erklärt.

„DHL ist eher nachtaktiv. Amazon den ganzen Tag über und bei Nordwest tendiert der Verkehr auch in Richtung Nacht. Die Studie hat das sehr großzügig aufgenommen. Sie ist sozusagen vom Peak [Anmerkung der Redaktion: Der Begriff Peak kommt aus dem Englischen und bedeutet ‚Gipfel, Spitze, Scheitelwert‘. In der Messtechnik und Stochastik bezeichnet man mit Peak einen signifikanten Spitzenwert] in der Weihnachtszeit ausgegangen.“

Untersuchung: Dreiarmiger Kreisel oder Linksabbiegestreifen

Nun aber im Speziellen zur Einfahrt ins Industriegebiet. Hier wurde in der Studie untersucht, wie das Verkehrsaufkommen auf der B62 aussehen könnte, wenn die Zufahrt mittels Linksabbiegestreifen oder einem dreiarmigen Kreisverkehr geregelt werden würde.

„Beim vorfahrtgeregelten Knotenpunkt [Anmerkung der Redaktion: Ein Knotenpunkt ist ein Ort, bei dem sich mehrere Verkehrswege gleicher Art kreuzen] wird für die Linksabbieger aus Richtung Osten ein Linksabbiegestreifen vorgesehen, sowie eine Aufweitung für die Zufahrt des Industriegebietes. Es wird mit den prognostizierten Belastungen am Vor- und Nachmittag Qualitätsstufe C erreicht“, so die Studie. Die Qualitätsstufe C bedeutet in diesem Fall, dass es spürbare Wartezeiten gebe, unter 30 Sekunden, sich Stau bilde, „der jedoch weder hinsichtlich seiner räumlichen Ausdehnung noch bezüglich der zeitlichen Dauer eine starke Beeinträchtigung darstellt.“

Ein Blick auf das geplante Gewerbegebiet. Foto: Screenshot Heinz+Feier GmbH

Anders würde das laut Studie jedoch mit einem Kreisverkehr aussehen. Hier würde nämlich Qualitätsstufe A erreicht werden, sprich: die Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer könnte hier nahezu ungehindert langfahren, die Wartezeiten seien sehr gering, würden unter zehn Sekunden liegen. Ein Kreisverkehr wäre also der Studie nach die optimalste Lösung – und genau diese würde auch die Stadt gerne haben. Hessen Mobil unter anderem jedoch nicht.

Hessen Mobil lehnt Kreisverkehr ab

„Begründet wird das in mehreren Schreiben von Hessen Mobil mit der Richtlinie für den Bau von Landstraßen – unter dem Begriff Landstraßen fallen in dieser Richtlinie alle klassifizierten Straßen: Bundes-, Landes und Kreisstraßen – und Hessen Mobil sagt: Nach den Regelungen des Bundes, die wir hier haben, ist immer dann, wenn eine Bundesstraße mit einer niedrigeren klassifizierten Straße, wie eben einer Erschließungsstraße für ein Industriegebiet verknüpft wird, kein Kreisverkehr angezeigt, sondern nur bei relativ gleich angeordneten Straßen“, erklärt Paule.

In einem Schreiben zu einer Besprechung vom 2. Dezember 2019, an der unter anderem Vertreter der Stadt, der Hessischen Landgesellschaft, von Hessen Mobil sowie Ingenieurbüros teilgenommen haben, heißt es von Hessen Mobil zudem, dass die Verkehrsstudie ergeben habe, dass eine Einmündung mit Abbiegestreifen ausreichend leistungsfähig sei. „Bei Hinzukommen weiterer Gewerbeflächen wäre dieser Knotenpunkt zu signalisieren.“ Das bedeutet einfach ausgedrückt, dass der Verkehr dann zusätzlich mit Ampeln geregelt werden soll.

Die Entscheidung, ob dort ein Kreisel hingebaut wird oder nicht, obliege jedoch nicht Hessen Mobil. „Wir sind nur am Verfahren beteiligt. Wir prüfen die Unterlagen für die Anbindung der Straße und geben eine Stellungnahme ab“, teilt Hessen Mobil auf Anfrage von Oberhessen-live mit.

Die Begründung mit der Richtlinie für den Bau von Landstraßen reicht Paule jedoch nicht aus. Er ist der Meinung, dass man das pragmatisch und realistisch sehen müsse – nach dem Verkehrsfluss, der sich am Ende ergibt und nach den Maßgaben, wie man sich im Stadtgebiet bisher auch verhalten hat. „Der Kreisel an der Elpersweide ist auch eine Bundesstraße außerhalb der Stadt, und da wurde er auch von Hessen Mobil genehmigt“, so der Bürgermeister. Wieso Hessen Mobil für diesen Kreisel eine Zusage erteilte, für den auf der B62 allerdings nicht, dazu äußerte sich die Verkehrsbehörde auf Nachfrage von Oberhessen-live nicht.

Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule setzt sich für einen Kreisverkehr auf der B62 ein.

Staatssekretär kann Bau eines Kreisels nicht zustimmen

Doch nicht nur Hessen Mobil hat sich gegen einen Kreisel als Einfahrt zum Industriegebiet ausgesprochen, sondern auch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, beziehungsweise die Fachabteilung des Staatssekretärs Jens Deutschendorf. „Kreisverkehre sind zwar auch an Bundesstraßen im Einzelfall unter klar definierten Randbedingungen nicht ausgeschlossen. Sie verknüpfen jedoch die Verkehrsströme gleichberechtigt miteinander und stellen daher im Regelfall keine zweckmäßige Knotenpunktform zur Verbindung von Bundesstraßen mit gemeindlichen Straßen und überschließender Erschließungsfunktion dar“, heißt es in dem Schreiben vom 10. Dezember 2020.

Daneben seien in der Abwägung möglicher Knotenpunktformen weitere Aspekte in Betracht zu ziehen, beispielsweise die Verkehrssicherheit – und die sei auf der B62 gegeben. „Die einheitliche, regelkonforme Gestaltung der B62 bildet ein wesentliches Element der Verkehrssicherheit.“ Darüber hinaus müssen laut Schreiben auch die „verkehrlichen Steuerungserfordernisse“, insbesondere im Bereich von Autobahnanschlussstellen in die Betrachtung einbezogen werden. Im Falle eines Staus auf der Autobahn stellt die B62 eine Umleitung dar.

„Der Verkehrsablauf auf der B62 wäre stark eingeschränkt, wenn im Umleitungsfall der Autobahnverkehr aus Niederaula wartepflichtig gegenüber dem Verkehr aus dem Gewerbegebiet ist.“ Auch in dem Staatssekretär-Schreiben wird darauf hingewiesen, dass ein Linksabbiegestreifen mehr als ausreichend leistungsfähig sei und Deutschendorf deshalb auch nicht dem Bau eines Kreisverkehrs zustimmen könne.

Für Paule ist das aber weiterhin kein Grund aufzugeben. „Seither habe ich über die heimischen Landtagsabgeordneten Ruhl und Goldbach das Thema weiter forciert. Hierdurch kam es zu einer erneuten Prüfung des Ministeriums und zuletzt im August 2021 zu einem Telefonat mit dem zuständigen Abteilungsleiter Weber. Auch die erneute fachliche Einschätzung ergab, dass nach dem Rundschreiben des Bundes zum Bau von Landstraßen Hessen Mobil mit der Ablehnung des Kreisverkehres richtig entschieden habe“, so Paule.

Aktuell soll sich sich der Hessische Verkehrs- und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir damit befassen, das gab Paule kürzlich im Bauausschuss bekannt. Sollte das Vorhaben auch hier auf Ablehnung stoßen, könne sich die Stadt an die nächst höhere Instanz wenden – Ministerpräsident Volker Bouffier und möglicherweise auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.

Handlungsbedarf bei den Auffahrten Alsfeld-Ost

Die Stadt hätte aber nicht nur gerne einen Kreisel auf der B62, sondern auch an den beiden Rampen der Anschlussstellen Alsfeld-Ost. Denn auch die beiden Auffahrten an der Bundesstraße wurden in der Verkehrsstudie untersucht. Zunächst einen Blick auf die Rampe Alsfeld-Ost in Richtung Kassel. Hier herrsche in den Spitzenstunden am Vor- und Nachmittag die Qualitätsstufe B – „die Leistungsfähigkeit des Knotenpunktes ist demnach gegeben“, steht in der Untersuchung geschrieben.

Dort heißt es weiter: „Durch das zusätzliche Verkehrsaufkommen des geplanten Industriegebiets ‚Am weißen Weg‘ steigt die mittlere Wartezeit für den maßgebenden Linkseinbieger von der Rampe der A 5 auf 66 Sekunden in der Spitzenstunde am Vormittag und auf 33 Sekunden in der Spitzenstunde am Nachmittag. Die Leistungsfähigkeit wird demnach den Qualitätsstufen E beziehungsweise D zugeordnet. Demnach kann der Knotenpunkt den prognostizierten Verkehr vormittags rechnerisch nicht mehr leistungsfähig abwickeln.“ Sprich: hier besteht Handlungsbedarf, es muss sich etwas ändern.

Auch die beiden Rampen der AS Alsfeld-Ost wurden in der Studie untersucht. Foto: Screenshot google maps

Unter Einbeziehung eines separaten Fahrstreifens für die Linksabbieger auf der B 62 aus Richtung Osten und einem Ausfahrkeil für die Rechtsabbieger aus Richtung Westen würden die Qualitätsstufen D (vormittags) und C (nachmittags) erreicht.

Der Rampe in Richtung Frankfurt ordnet die Untersuchung in den Spitzenstunden am Vor- und Nachmittag Qualitätsstufe D zu. Der maßgebende Verkehrsstrom seien hier die Linkseinbieger von der Autobahn auf die Bundesstraße. „Durch die prognostizierten Belastungen steigen die mittleren Wartezeiten für die linkseinbiegenden Fahrzeuge von der Rampe der A 5 auf die B 62 soweit an, dass die Qualitätsstufen F am Vormittag und E am Nachmittag erreicht werden. Demnach ist der Knotenpunkt als nicht ausreichend leistungsfähig einzustufen.“ F ist hierbei übrigens die schlechteste Qualitätsstufe, bei der von ständig wachsenden Staus mit besonders hohen Wartezeiten und einem überlasteten Knotenpunkt gesprochen wird.

Doch der Vorschlag mit einem separaten Fahrstreifen und einem Ausfahrkeil würde bei dieser Rampe keine Verbesserung mit sich bringen. Durch eine Ampel käme man auf die Qualitätsstufe B und mit einem Kreisverkehr würde Stufe A erreicht werden. Hier wäre der Studie zufolge also ein Kreisel die beste Lösung. „Seitens der Bundesrepublik Deutschland ist an den genannten Örtlichkeiten derzeit jedoch keine Veranlassung zum Umbau gegeben“, so Hessen Mobil. Es würde weder ein Verkehrsnotstand vorliegen, noch ein Unfallschwerpunkt – ein „akuter Handlungsbedarf ist daher nicht gegeben“.

Der Bund würde den Ausbau der Anschlussstelle übernehmen, wenn es aus Gründen der allgemeinen Verkehrsentwicklung notwendig ist, heißt es ebenfalls in dem Schreiben von 2019. Das könne der Fall sein, wenn die Verkehrsmengen nach dem Bau des geplanten Industriegebietes so stark ansteigen, dass die Leistungsfähigkeit nicht mehr gegeben sei.

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