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Vertreibung, Flucht, der frühe Tod seiner Mutter: Ein Gespräch mit dem 80-Jährigen Rudolf Marek über seine bewegende Vergangenheit„Mein Leben ist geprägt von Glück“

ZELL (akr). „Mein Leben ist geprägt von Glück“, sagt Rudolf Marek, Romrods ehemaliger Bürgermeister, mit einem Lächeln im Gesicht – und das obwohl er in seiner frühen Kindheit schon vieles durchmachen musste. Vertreibung, Flucht, der frühe Tod seiner Mutter, das sind nur einige bewegende Momente aus seinem Leben, Momente, an die sich der mittlerweile 80-Jährige noch sehr gut erinnern kann.

Rudolf Marek sitzt auf einem Holzstuhl an einem großen Esstisch in seinem lichtdurchfluteten Wintergarten. Vor ihm ausgebreitet liegen einige Fotoalben, Zettel mit Notizen, mit seinem Lebenslauf und mit einem kurzen Abriss seiner Vertreibung. Doch diese Notizen braucht er eigentlich nicht, seine Erinnerungen sind noch sehr präsent. Kein Wunder, schließlich prägen sein Leben viele bewegende Momente, die man so schnell nicht vergisst.

Rudolf Marek wurde am 18. Februar 1940 in Fischern, einen kleinem Vorort von Karlsbad im Sudetenland geboren. Im Alter von sechs Jahren musste er gemeinsam mit seiner Familie seinen Geburtsort verlassen, nicht freiwillig. „1946 sind wir von den Tschechen vertrieben worden, vertrieben aus unserer Heimat“, erzählt der 80-Jährige. Gemeinsam mit vielen anderen Heimatvertriebenen ging es in Güterzügen nach Torgau an der Elbe in ein Lager. Wie Vieh wurden die Menschen gehalten, erinnert er sich, auch an das Stroh, das in dem Wagen lag, um die Notdurft verrichten zu können.

Kurzer Haarschnitt, Entlausung, Hunger

Auf einer Brücke über der Elbe kam der Zug zum Stehen. „Plötzlich gingen die Türen auf, viele Menschen sind ins Wasser gesprungen, um zu fliehen“, erzählt er. Seine Familie und er aber nicht. „Meine Mutter war kurz zuvor am Kehlkopf operiert worden und wir hatten ja auch meine kleine Schwester und meinen kleinen Bruder dabei“ – ein Sprung kam also nicht in Frage, für sie ging es weiter in das Lager: Ein Kurzer Haarschnitt, Entlausung „und Hunger, wir hatten so Hunger“, erinnert er sich noch genau.

Lange waren sie nicht da. Nach kurzer Zeit ging es weiter nach Pötewitz bei Zeits, wo sie in einem Schulsaal mehrere Tage bis zu ihrer Aufteilung untergebracht waren, gemeinsam mit rund 40 anderen Vertriebenen. Von einem Bauern wurden sie schließlich nach Trebnitz gebracht, wo er mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern bis zu ihrer Flucht drei Jahre später lebte. Die Zeit während und nach der Vertreibung hat Mareks Vater Rudolf nicht mitbekommen. Als Soldat war er in Russland, geriet dort in Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 befreit werden konnte. Da sein Vater nicht wusste, wo seine Familie hingebracht wurde, begab er sich auf die Suche nach seinen Lieben.

Über das Deutsche Rote Kreuz konnte Vater Rudolf Marek, der mittlerweile in Zell wohnte, seine Frau und Kinder in der DDR nach einer wochenlangen Suche endlich ausfindig machen. An die Flucht aus der DDR zu seinem Vater in den heutigen Romröder Stadtteil erinnert sich der 80-Jährige ebenfalls noch sehr gut. Ohne auch nur einen Blick auf seine Notizen zu werfen, beginnt er zu erzählen, so, als ob es erst gestern geschehen wäre.

Die Flucht aus der DDR

Mit dem Zug machte sich er und seine Familie, ohne auch nur jemandem ein Sterbenswort zu sagen, auf den Weg zur DDR/BRD-Grenze nach Propstzella. Es war der Abend des 12. Dezember 1949, als sie in einer größeren Gruppe gegen Bezahlung über die Grenze geführt werden. „Ich erinnere mich daran, dass ich meine Schwester Annemarie in einem kleinen Kinderwagen schob, sie hatte einen Schal vorm Mund damit sie nicht schreit. Die zugefrorenen Pfützen knackten, als ich mit den Rädern des Kinderwagens über sie fuhr. Plötzlich schaute mich eine dunkle Gestalt von oben an: ‚Wenn das noch einmal vorkommt, bleibst du hier‘, drohte er mir“, erzählt Marek und hält einen Moment inne.

Im Dunkeln hat meine Mutter den Schleusern zu viel Geld bezahltRudolf Marek über die Flucht aus der DDR

Nach einer Weile Fußweg sind sie dann auf eine asphaltierte Straße gekommen, die zum Bahnhof nach Ludwigsstadt führte. Von dort aus sollte es mit der Bahn eigentlich über Würzburg nach Fulda gehen, eigentlich. „Im Dunkeln hat meine Mutter den Schleusern zu viel Geld bezahlt, deswegen hat unser Geld nicht mehr für die Bahn gereicht“. Glücklicherweise war der Bahnmitarbeiter freundlich, ließen Marek und seine Familie am Bahnhof übernachten. „Irgendwie kam dann nochmal der Kontakt mit meinem Vater zustande, sodass wir am nächsten Tag nach Würzburg fahren konnten“, erinnert er sich, sein Vater hatte Geld überwiesen.

Auch viele kleine Details sind in seiner Erinnerung noch hellwach. Am Bahnhof in Würzburg zum Beispiel, da hatte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Apfelsine gesehen. „Was sind das für gelbe Bälle, habe ich meine Mutter gefragt“, lacht Marek. „Ein Mann im beigen Trenchcoat hat das wohl mitgekommen, denn plötzlich gab er uns eine Papiertüte in die Hand. Gefüllt war sie mit drei Apfelsinen“. Wieder muss Marek lächeln, als er an diesen Moment denkt. Direkt gegessen wurde das unbekannte Obst aber nicht. „Wir wussten nicht wie die Schale ab geht“, lacht er.

In seinen Fotoalben hat Rudolf Marek viele Erinnerungen aufgehoben. Foto: akr

Endlich: das Wiedersehen mit dem Vater

Am 15. Dezember 1949 war es dann endlich so weit: die Familie erreichte den Bahnhof in Zell. Dort angekommen hieß es sich durchfragen: wo war Vater Rudolf Marek? An einem alten Bauernhaus auf einer breiten Holztreppe stand er dann plötzlich da, „das war das erste Mal, dass ich ihn bewusst wahrgenommen habe“, gibt Marek zu. Die Freude war groß, „aber trotzdem waren wir uns fremd“. Langsam kommt die Familie zur Ruhe. Dennoch: sein Vater, der gelernte Friseurmeister, war arbeitslos und seiner Mutter ging es mit ihrer Krebserkrankung immer schlechter.

Seiner Mutter schwirrte der Gedanke im Kopf Deutschland zu verlassen und zu einer Freundin in die USA auszuwandern. „Sie hat hier keine Zukunft mehr gesehen“, erzählt der ehemalige Bürgermeister von Romrod. Doch dann ein weiterer Schicksalsschlag für die Familie: Mutter Maria kam ins Krankenhaus nach Gießen, musste wieder operiert werden. Am 13. Oktober 1953 starb sie im Alter von 42 Jahren. Plötzlich war der 13-jährige Rudolf Marek und seine Geschwister Halbwaisen, sein Vater Witwer.

„Mit dem Tod meiner Mutter hatte sich auch der Amerika-Traum ausgeträumt“, erzählt Marek, steht auf und nimmt eines der Fotoalben auf dem Tisch zur Hand. „Das ist ein Bild von mir und meiner Mutter“, sagt er, während er mit seinem Zeigefinger auf ein schwarz-weißes Foto zeigt, das gerade mal die Größe eines Post-It hat. Er setzt sich wieder hin, erzählt weiter. „Mein Vater kannte die Freundin meiner Mutter nicht, ohne sie wollte er nicht in die USA, sonst wäre ich wahrscheinlich Präsident geworden“, scherzt der 80-Jährige. Stattdessen wurde er 1987 Bürgermeister von Romrod. Bis dahin, gab es allerdings noch einiges zu erleben.

Sie war als Südseeschönheit verkleidetRudolf Marek über das erste Treffen mit seiner Frau

Nur wenige Monate nach dem Tod seiner geliebten Mutter begann Marek eine Ausbildung zum Fernmeldehandwerker beim Fernmeldeamt in Kassel, arbeitete später unter anderem in Alsfeld, beim Bautrupp des Fernmeldeamtes in Fulda, beim Funkstörungsdienst der Domstadt. 1987 wurde er zum Technischen Fernmeldeinspektor befördert. Seit 1966 war er zudem ehrenamtliches Personalratsmitglied, zwölf Jahre später wurde er zum Personalratsvorsitzenden des Fernmeldeamtes Fulda, ein Amt, das er mit Zielstrebigkeit, Sachverstand, Härte und dem nötigen Feingefühl ausübte – um nur einige lobende Worte aus seinem Dienstzeugnis zu nennen.

Auch familiär hatte sich in der Zeit einiges getan. 1958 hat er seine Frau Erika auf der Zeller-Halbe Faschingsveranstaltung kennengelernt. „Sie war als Südseeschönheit verkleidet“, erzählt er voller Stolz, am 13. August 1961 haben die beiden geheiratet, zwei Jahre später wurde ihr Sohn Dirk geboren. Heute leben die beiden seit fast 60 Jahren in Erikas Elternhaus in Zell. Die Liebe seines Lebens, die Geburt des gemeinsamen Sohnes, sein beruflicher Erfolg: „Mein Leben ist geprägt von Glück“, lächelt er, und das obwohl er mit der Vertreibung, der Flucht, dem frühen Tod seiner Mutter, schon vieles durchmachen musste.

Vom Heimatvertriebenen zum Bürgermeister

Kommunalpolitisch aktiv war Marek seit November 1972, als Mitglied der SPD. Von 1973 bis 1986 war er zudem Mitglied im Ortsbeirat Zell. Darüber hinaus war er nicht nur Mitglied in der Stadtverordnetenversammlung, sondern während dieser Zeit auch ununterbrochen Stadtverordnetenvorsteher. 1977 wurde er Mitglied im Vogelsberger Kreistag, 2016 kehrte er der Kommunalpolitik den Rücken zu. Den Höhepunkt seines politisches Werdegangs erreichte er im September 1987, als er als Nachfolger von Max Haika zum Bürgermeister der Schlossstadt gewählt wurde.

Ein Blick auf die charaktervollen Züge des Schlosses. Foto: archiv

„Ich habe immer mit voller Energie gearbeitet“, lächelt Marek. Beharrlich habe er sich jahrelang für die Rettung des verfallenden Schloss Romrods eingesetzt, mit Erfolg: Das Schloss aus dem 12. Jahrhundert wurde von der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ saniert. Darüber hinaus wurde unter seinen Fittichen unter anderem die Sozialstation Romrod ins Leben gerufen, der Förderverein Städtepartnerschaft gegründet, das Forstamt in Romrod erhalten, der Seniorenbeirat gegründet oder auch der Weihnachtsmarkt in Romrod eingeführt, um nur einige wenige Beispiele aus seiner Bürgermeister-Vita aufzuzeigen.

Im März 2004 legte er sein Bürgermeister-Amt nieder, eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel und die auch nicht freiwillig war, sondern gesundheitliche Gründe hatte. „Ich bin nicht gerne in den Ruhestand gegangen“, erzählt er mit nachdenklicher Stimme. Ob er die Zeit als Bürgermeister vermisst? „Ja“, kommt es wie aus einer Pistole geschossen. Zum Glück wurde in dem Jahr aber sein Enkelkind geboren, ein Moment auf den er lange gewartet hatte. „Das hat mich gerettet“, lächelt Marek.

Gerne erinnert er sich an seine Zeit als Bürgermeister zurück. Besonders in Erinnerung ist ihm dabei das „Bild des Friedens“ geblieben, das sich zeigte, wenn er die „älteren Herrschaften“ abends nach der Arbeit vor ihren Häusern hat sitzen sehen, ganz entspannt, stressfrei, wie er es beschreibt. „Da machte sich so ein innerlicher Frieden breit, das hat mich immer berührt“. Aus seiner Zeit als Bürgermeister hat er vieles aufgehoben: Zeitungsberichte, Fotos, Wahlprogramme. Damit steht er auf, nimmt ein anderes Fotoalbum zur Hand und schwelgt noch ein wenig in Erinnerungen.