Sie wollen nicht so einfach aufgeben, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht: die Vertreterinnen der Elternschaft der Brüder-Grimm-Schule, die sich nun direkt an das Kultusministerium gewandt hat. Foto: privat /archiv

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Elternschaft der Brüder-Grimm-Schule richtet sich gegen Pläne des Kultusministeriums„Unsere Kinder brauchen Zeit“

ALSFELD (ol). „Man spart hier an den Schwächsten der Gesellschaft. Das werden wir nicht widerspruchslos hinnehmen“, so Pia Razingar, Schulternbeirätin der Brüder-Grimm-Schule.


Die Elternschaft der Brüder-Grimm-Schule ist entschlossen, denn es scheint ausgemacht, dass bereits mit dem kommenden Schuljahr ein Beschluss des hessischen Kultusministeriums umgesetzt werden soll, der ihre Kinder direkt betrifft: Die Streichung des 13. und 14. Schuljahrs für Kinder mit einer geistigen Behinderung. Das geht aus einer Pressemeldung der Brüder-Grimm-Schule hervor.

Eine Möglichkeit, die viele dieser jungen Menschen nach Absprache mit Schule und Eltern nutzen. Anfang der Woche hätten die Eltern einen dicken Umschlag mit knapp dreißig Briefen nach Wiesbaden geschickt, seit kurzem ist auch eine Petition online, die sie gestartet haben. „Wir haben bisher nicht den Eindruck, dass sich irgendjemand außer uns für dieses Problem interessiert“, so Traudi Schlitt, Mutter zweier Kinder an der Brüder-Grimm-Schule, „nicht einmal von den Sozialverbänden ist hier bisher etwas zu hören.“ „Es zeigt sich einmal mehr, dass Kinder und Menschen mit Behinderung hier kaum eine Lobby haben“, fügt Doris Kremer hinzu. Auch sie ist Mutter einer jungen Frau, die bereits in diesem Schuljahr von der Schulzeitverkürzung betroffen wäre. Aus diesem Grund gehen die Eltern nun selbst an die Öffentlichkeit, um ein breites Interesse und Bewusstsein für dieses Problem zu wecken.

Dabei hören sich auch zwölf Schuljahre ja gar nicht so wenig an. „Stimmt, und für einige unserer Kinder reicht das auch völlig aus“, meinen die Eltern, „aber – und das haben wir in unserem Brief an Minister Lorz auch deutlich gemacht – unsere Kinder sind allesamt mehr oder weniger und in verschiedenen Bereichen entwicklungsverzögert. Sonst würden sie ja kaum an eine Förderschule mit diesem Schwerpunkt gehen. Und daher muss die Möglichkeit erhalten bleiben, bei Bedarf auch 13 oder 14 Jahre zur Schule zu gehen.“

„Unsere Kinder sind nicht imstande, eine Schullaufbahn so gradlinig zu durchlaufen, wie es von Kindern an einer Regelschule erwartet wird. Sie brauchen viel mehr Zeit, sich mit neuen Umgebungen auseinanderzusetzen. Es dauert bei ihnen so viel länger, bis der berühmte Knoten einmal geplatzt ist und sie ihre Fähigkeiten, besonders in den Kulturtechniken, aber auch in den Alltagskompetenzen über alle Schulstufen hinweg nach ihren Möglichkeiten nutzen können“, heiß es in den Schreiben an das Kultusministerium.

Besonders in der Berufsorientierungsphase müsse diesem Umstand Rechnung getragen werden, betonen die Eltern: Menschen mit geistiger Behinderung können sich kein Berufsfeld theoretisch erschließen – sie brauchen die Erfahrung in der Praxis. Und sie brauchen sie oft. Sie müssen die Möglichkeit haben, das Erfahrene zu verarbeiten und einzuordnen, bevor sie sich auf eine weitere neue Situation einlassen. „Das kostet Zeit und erfordert die Begleitung von Lehrkräften, die unsere Kinder schon lange kennen und ihnen und den Eltern kompetent und vertrauensvoll begegnen. Auch diese Beziehungen wachsen über einen langen Zeitraum. An ihrem Ende, also am Ende der Schulzeit, sollte eine gute Berufswahl stehen. Und die ist für einige unsere Kinder nach zwölf Schuljahren eben noch nicht möglich“, führt Pia Razingar weiter aus.

Früher mit der Berufsorientierung zu starten, etwa bereits im siebten oder achten Schulbesuchsjahr, sei für die meisten der Kinder keine Option, da sie in diesen Lebensphasen noch häufig mit anderen Dingen beschäftigt sind und die Eindrücke, die in Werkstätten oder anderen Betrieben auf sie einströmen, noch nicht verarbeiten könnten. Sie hätten nichts davon, früher als jetzt ihre Praktika zu machen oder mehr davon in einem Schuljahr, erklären die Eltern.

Der Appell der Eltern an das Sozialministerium lautet: „Unsere Kinder brauchen Zeit. Wir Eltern und die Schulen geben ihnen diese Zeit Tag für Tag. Es wäre schön, wenn ihnen auch das Kultusministerium diese Zeit zugestehen würde.“ „Wir haben Herrn Lorz eingeladen, unsere Schule und unsere Kinder kennenzulernen“, schließt Pia Razingar. Sie hoffe gemeinsam mit den anderen Eltern, dass sich dann vielleicht doch noch etwas tut im Kultusministerium.

Die Online-Petition kann man unter „https://www.openpetition.de/!kinder“ zeichnen.

 

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