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Google-Maps-Karte zeigt AusbaugebieteWo es mit der Glasfaser im Vogelsberg vorangeht – oder eben nicht

VOGELSBERG (jal). Große Ankündigungen, aber wo bleiben die Bagger und die Kabel? Der Romröder Thomas Liebau hat eine Karte erstellt, die zeigt, wie es um den Glasfaserausbau im Vogelsberg bestellt ist. Seine Bilanz fällt ernüchternd aus.

Der Vogelsberg, soviel steht nun endgültig fest, ist bunt. Zu dieser Erkenntnis muss zumindest jeder kommen, der die Google-Maps-Karte anschaut, die Thomas Liebau zusammengebastelt hat. Nahezu jede Ortschaft im Vogelsbergkreis hat ein farbiges Symbol bekommen. Die Orangenen stehen für die Firma TNG als Ausbauer des Glasfasernetzes, die blauen Icons für die Firma Goetel, Grün für die Stadtwerke Lauterbach (ja, die bieten Glasfaser an) – und ein tapferer kleiner Knopf in Magenta symbolisiert ein Ausbaugebiet der Telekom in Brauerschwend.

Eigentlich könnte das doch eine ziemlich gute Nachricht sein. Wie lang haben die Vogelsberger dafür gekämpft, endlich ans Netz der Zukunft angeschlossen zu werden. Und nun? Nun scheinen sich die Anbieter förmlich um den Kreis zu reißen.

Das könnte man bei dem bunten Wimmelbild zumindest meinen. Aber dass Firmen wie TNG und Goetel Vorverträge mit ihren Kunden abgeschlossen und einen Ausbau der Glasfaser angekündigt haben, heißt leider nicht, dass es überall mit dem Verlegen der Leitungen auch schon spürbar vorangeht. (Ein Klick oben links in die Karte führt zu mehr Details.)

Liebau formuliert es ein bisschen anders. Mit dem Blick auf das bekannte Brettspiel sagt er, es wirke wie bei Risiko. Der Vogelsberg sei aufgeteilt, Goetel wie TNG würden „massig“ Kunden akquirieren. Aber passieren würde nun vielerorts: nichts.

Liebau selbst, von Beruf Digitalmarketing-Berater, ist Kunde der TNG. Das Thema Glasfaser beschäftigt ihn schon länger. Er stieß eine Bürgerinitiative an, die sich dafür einsetzte, das Ausbauziel von 40 Prozent in Romrod zu erreichen, damit das Kieler Unternehmen wirklich in die Schlossstadt kommt und die Kabel verlegt.

Die Quote ist erreicht – doch die Freude darüber ist inzwischen der Ernüchterung gewichen. Seitdem er im Herbst 2020 seinen Vertrag unterschrieb, habe er lediglich einen einzigen Brief der Firma erhalten, in dem stand, dass die Planungsphase des Ausbaus gestartet ist, sagt Liebau. Diese Stille seitens der TNG – und auch die der Konkurrenz – kann der Romröder nicht nachvollziehen. Er fühlt sich als Kunde alleingelassen. „Die haben doch die Mailadressen der Kunden“, sagt er. Damit könne man doch ganz leicht eine Art Newsletter bauen, um die Menschen digital auf dem Laufenden zu halten. „Die müssen doch keine Briefsendungen verschicken“, schiebt er nach.

Engagierten sich 2020 für schnelles Internet: Thomas Liebau (Mitte) und nun gewählter Bürgermeister Hauke Schmehl (rechts).

Weil ihn das Thema so beschäftigt, hat Liebau sich weiter vernetzt. Und dabei festgestellt: Es ist offenbar in vielen Kommunen des Kreises ähnlich. Der Ausbau der Glasfaser ist angekündigt, hier und da gibt es mal einen symbolischen Anschluss des Rathauses oder die feierliche Inbetriebnahme eines Verteilerkastens. Doch der große Ausbauruck lässt auf sich warten. Und Informationen fließen nur sehr spärlich. „Der ganze Vogelsberg stockt“, sagt Liebau.

Aber wo hakt es wie genau – und an wem? Weil er nirgends eine geeignete Übersicht fand, aus der hervorging, wer wo im Kreis für Privatkunden Glasfaser verlegt und wie weit derjenige ist, baute er sich diese Übersicht einfach selbst. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt er dabei nicht. Wo er vorbeikommt, hält er die Augen nach Baustellen mit Glasfasertrommeln auf. Ansonsten bedient Liebau sich für seine Übersicht aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Presseartikeln oder Ausbauankündigungen der Anbieter auf deren Webseiten. Wenn dort aber nichts Aktuelles gepostet wird, kann er eben nichts finden.

Wäre es nicht besser, wenn die Anbieter bestimmte Gebiete untereinander einfach tauschen würden?Thomas Liebau

Auch wenn die Datengrundlage eine solidere und verlässlichere sein könnte, so ermöglicht Liebaus Visualisierung doch einen einfacheren, besseren Blick auf die Gegebenheiten – und wirft dabei auch einige spannende Fragen auf. „Schaut man sich zum Beispiel Freiensteinau an“, erklärt er, „dann sieht man, dass alles davor Goetel-Gebiet ist. Wie kann es für die TNG attraktiv sein, dort hinzukommen und auszubauen?“, fragt sich der Romröder. Vielleicht hat auch deswegen Goetel nun nochmal unterstrichen, die Gemeinde ebenfalls ausbauen zu wollen.

Bei Mücke sei es andersrum. Dort sei eine Goetel-Enklave von TNG-Gebieten eingekesselt. Für Liebau macht dieser Flickenteppich keinen Sinn. „Wäre es nicht besser, wenn die Anbieter bestimmte Gebiete untereinander einfach tauschen würden?“, fragt er sich. Das aktuelle Durcheinander bezeichnet er als Produkt der Strategie „alles zu akquirieren, was nicht bei drei auf den Bäumen ist“, und mutmaßt, dies könne den Firmen dazu dienen, Finanzinvestoren eine möglichst große Anzahl an Haushalten zu präsentieren, die man irgendwann einmal versorgen könne.

Richtig interessant wird es bei den Ortschaften, die Liebau schwarz oder gelb markiert hat. Die Schwarzen haben bislang noch keine Ausbauzusage. Zu den betroffenen Gebieten gehört auch die Alsfelder Kernstadt, wo mehr Leute bei der TNG mitmachen müssten. Das Problem: In der Kernstadt gibt es mit VDSL schon Internet, welches aktuell ziemlich schnell ist, weswegen wohl weniger Leute auf Glasfaser wechseln wollen, auch wenn dies als zukunftssicherer gilt. Die TNG prüft trotz der verpassten Quote den Ausbau.

Gelb wird es bei Antrifttal. Die so markierten Dörfer reklamieren sowohl TNG als auch Goetel für sich – und offenbar gibt es sogar Kunden, die aus Verzweiflung, Überforderung oder schlicht um Nummer sicher zu gehen gleich bei beiden Anbietern einen Vorvertrag unterschrieben haben. Das habe er schon öfters gehört, sagt Liebau. In einer Facebook-Gruppe, die er betreut, berichtet eine Nutzerin genau einen solchen Fall. „Verträge hab‘ ich mit beiden gemacht, aber seitdem nichts mehr gehört“, schreibt sie. Einige Vogelsberger Bürgermeister finden diesen Schritt sogar „absolut sinnvoll“.

Tippgeber gesucht
Wer Thomas Liebau helfen möchte, den Fortschritt des Glasfaserausbaus im Vogelsberg zu dokumentieren, der kann zum einen bei dieser Facebookgruppe vorbeischauen – oder ihm Informationen über Baustellen, Anschlüsse und Verträge direkt zukommen lassen unter info@vulkandaten.de.

Liebau will bei seinem Projekt die Vorteile des Internets nutzen. Das Stichwort lautet Schwarmintelligenz. Der Romröder sucht Tippgeber, die ihm helfen, den Ausbau des Glasfasernetzes in der Region noch besser im Blick zu haben. Wer hat einen interessanten Brief von seinem Anbieter erhalten? Wo wird gerade eine Straße aufgerissen? Wo sind schon Anschlüsse freigeschaltet?

Die Informationen, die er sammelt, sollen kein totes Wissen sein. Er erhofft sich von seiner Initiative auch einen Effekt. „Der Vogelsberg soll digitalisiert werden, das haben alle verstanden“, sagt er. „Mit so einer Übersicht sehen auch Entscheidungsträger mal, wie der Kreis überhaupt aufgeteilt ist – und dass es, wenn es in dem Tempo weitergeht, auch in fünf bis zehn Jahren noch nicht fertig ist.“ Außerdem erhofft er sich, so den Druck auf die Anbieter erhöhen zu können, um zu erfahren, was die genauen Gründe für den stockenden Ausbau sind.

Das sagen die Anbieter

Was die Firmen selbst dazu sagen? Goetel lobt dem Vernehmen nach Liebaus Projekt. „Die Kartenübersicht ist ein guter Weg“, heißt es aus der Presseabteilung der Firma zu gegenüber OL. Gleichzeitig verweist Goetel auf eigene Infokanäle wie Social Media und diese Ausbauübersicht, die wöchentlich aktualisiert werde. „Gerne verbessern wir die Kommunikationskanäle, insofern bitte dranbleiben, falls etwas besser organisiert werden kann oder aus Sicht der Leser fehlt“, ist in der Antwort noch zu lesen. Zudem verweist die Firma auf eine Pressemitteilung über die erreichten Schritte im Vogelsberg vom Dezember.

Zu den Gebieten, in denen Kunden bei mehreren Anbietern Verträge unterschreiben, sagt die Goetel: „Es ist gut für die Kunden, eine große Auswahl zu haben. Bei der Goetel zahlen die Kunden erst, wenn der Anschluss auch tatsächlich aktiv ist. Dass die Kunden bei verschiedenen Anbietern auf der Interessentenliste stehen, zeigt wie groß der Wunsch nach Glasfaser in der Region ist. Wir freuen uns diesen Wunsch zu erfüllen.“ Auf ihrer Homepage könnten alle Menschen aus dem Vogelsbergkreis einen Glasfaseranschluss von der Goetel beantragen, „ganz gleich, ob sie bereits bei einem anderen Anbieter Interesse bekundet haben“.

Die TNG verweist gegenüber Oberhessen-live ebenfalls auf verschiedene Kommunikationswege, die das Unternehmen nutze. Neben Pressemitteilungen und „zielgerichteten Informationsschreiben“ sei dies die Hotline für hessische Ausbaugebiete (0431 530 50 400), über die sich „interessierte Anwohner auch gerne jederzeit telefonisch erkundigen“ können. Eine Sprecherin des Unternehmens sagte zudem, dass in Lingelbach und Gemünden (Felda) „demnächst die ersten Kunden ans Netz gehen“ sollen.

Die Sprecherin weiter: „Im Ausbau befinden sich seit knapp einem Jahr die Stadt Grebenau mit allen Ortschaften und seit rund sechs Wochen die Gemeinde Gemünden. (…) Ebenfalls in Gemünden, sowie in Romrod und in Hauswurz (nahe Freiensteinau) wurden Anbindungen an unsere Backbone-Leitungen geschaffen. In Romrod wurden im Rahmen von Fräsarbeiten erste Leerrohre in Richtung der Oberdörfer verlegt. In Abhängigkeit etwaiger, winterlicher Wetterverhältnisse werden die FTTH-Ausbaumaßnahmen in Romrod und Freiensteinau innerorts in den kommenden Wochen starten.
Weitere Kommunen werden im Laufe des Jahres folgen, die Tiefbaukapazitäten unsererseits und bei unseren Generalunternehmern machen dies in großem Umfang möglich.“

Das sei alles nett, aber eben kein großer Wurf, sagt Thomas Liebau dazu. Unterdessen wünscht er sich, dass seine Karte so schnell wie möglich nicht mehr bunt, sondern nur noch Lila ist. Denn Lila bedeutet, mindestens ein Anschluss in dem Ort ist bereits aktiviert. Von 189 Ortschaften des Vogelsbergs wird bislang nur Reuters (Stadtwerke Lauterbach), Nösberts-Weidmoos (Goetel), Metzlos und Metzlos-Gehaag (Goetel), Bermuthshain (Goetel) und Grebenau (TNG) diese Ehre zuteil.

7 Gedanken zu “Wo es mit der Glasfaser im Vogelsberg vorangeht – oder eben nicht

  1. Hallo zusammen,

    danke für das ebenso zahlreiche wie positive wie auch tendenziell gleiche Feedback zum FTTH-Ausbaustatus in den Kommunen des Vogelsbergs. Die Map erfährt regelmäßige Updates infolge eurer Meldungen.

    Für einen weiteren Austausch zu einzelnen Orten und Kommunen kommt gerne in die Facebook-Gruppe „Glasfaser im Vogelsbergkreis“: https://cutt.ly/gfvb

    Der Vogelsbergkreis als flächenmäßig größter Landkreis in Hessen hat die schlechteste Breitband-Versorgung und darüber hinaus übrigens auch die wenigsten 5G-Mobilfunkmasten.

    Nur wenn wir diesen Missstand beheben, können auch „wir Landbewohner“ gleichberechtigt an der Digitalisierung des gesellschaftlichen Lebens teilhaben.

    Viele Grüße
    Thomas

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  2. In Antrifttal passiert ebenfalls nichts,beide Anbieter haben über 40% erreicht.
    Der Bürgermeister hat vor der Aktion Werbung gemacht und wenn man jetzt an der Gemeinde nachfragt wie es denn weitergeht, wissen sie von nichts und wollen wohl auch nichts wissen. Ebenfalls keine Info an die Bürger.

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  3. Und von Ämtern, Behörden und Politikern nur Schweigen im Walde außer ab und zu ein paar Allgemeinplätzchen, Lieblingswort: „vorantreiben“, ohne dazuzusagen, daß man von den Privatfirmen abhängig ist, die etwas tun oder lassen können. In Wiesbaden hat man für die ländlichen Regionen in Nord- und Mittelhessen sowieso nur ein mitleidiges Lächeln.
    Im Übrigen würde mich mal brennend interessieren, ob vor lauter Wahn mit Glasfaser und hyperschnellem Internet endlich mal die weißen Flecken mit keinem oder schlechtem Mobilfunk (4G/LTE) verschwinden werden, oder ob man sich damit abfinden soll.

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  4. Leider Tatsache, wie es geschrieben wird. In Lehrbach liegen bereits Leerrohre der Firma Goetel seit dem letzten Jahr. Für meinen Ort ( Wahlen) sind bei TNG und bei Goetel die Quoten erreicht worden obwohl wir schon 100000 Leitung haben. Ebenso sieht es in den Nachbarortschaften Gleimenhain und Arnshain aus. Leider gab es auch auf vermehrten Anfragen von beiden Unternehmen nur die Antwort das die Planungsphase begonnen hat wie lange dies dauert nicht Ansatzweise geäußert worden. Nun macht auch noch die Deutscheglasfaser in der Nachbarkommune Werbung und es herrscht das stabile Gerücht das die Telekom evtl. die nächsten Jahre doch noch einen Ausbau starten möchte. Hierzu gibt es aber nichts stichfestes.

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  5. Mittlerweile hat man in Ulrichsteiner Stadtteil Feldkrücken schon zum dritten Male den selben Graben innerorts auf gebaggert um weitere zwei Leerrohre zu verlegen .Von welcher Firma weiß anscheinend niemand.Die Arbeiten sind momentan noch im Gange. Der Bürger wird einfach nicht informiert.Der Glasfaserausbau wird anscheinend ein Projekt wie der Berliner Flughafen.

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  6. Herbstein- Mitte :Industrie ist mit FTTH vernetzt!
    Herbstein-Mitte: Chaos TNG und Goethel versuchen getrennt voneinander FTTH zu vermarkten und fordern mindestens 40 % der Anschlüsse.
    Die Verwaltung hält sich aus dem Anbieterverfahren heraus und die Bürger sind ratlos.
    Wofür haben wir einen Bürgermeister ?
    Wenn beide TNG oder Goethel die 40 % nicht erreichen, steht die Kernstadt Herbstein eventuell ohne Glasfaser da.
    Toll, Toll

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