Bauen und Wohnen1

Überreste im Untergrund bei Sanierung des Marktplatzes entdecktVorgängerbau des Alsfelder Rathauses gefunden?

ALSFELD (ol). Es wäre eine kleine, archäologische Sensation, mitten auf dem Alsfelder Marktplatz: Bei seiner Sanierung wurde der Untergrund des Platzes aufwendig untersucht, dabei fanden Archäologen Überreste eines „repräsentativen Bauwerks mit herausgehobener Bedeutung“, wie es heißt. Die Experten meinen, es könnte sich dabei um Überreste eines Vorgängers des Alsfelder Rathauses handeln. Das wurde am Mittwoch bekannt gegeben.

„Der Fund, der gemacht wurde, hat es in sich“ sagte Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule bei der Vorstellung der Ergebnisse auf dem Alsfelder Markplatz – und kämpfte dabei gegen eine Geräuschkulisse aus Baulärm an. Seit Mitte 2018 laufen die umfangreichen Arbeiten zur grundlegenden Sanierung und Neugestaltung des Alsfelder Marktplatzes mit Anbindung an die Nebenstraßen. Doch der Platz wird nicht nur runderneuert, sondern auch aus wissenschaftlich-historischer Sicht genau vermessen. Und zwar bis in die Tiefe.

Bei den verschiedenen Methoden der Archäologen zeigte sich schließlich ein rechteckiger Gebäudegrundriss mit den Außenmaßen von etwa 9 x 6 m in Ost-West-Ausrichtung. Das durchgängig nur noch im Fundamentbereich erhaltene Mauerwerk besteht aus Bruchsteinen größtenteils aus rotem Sandstein, gelegentlich sind auch unregelmäßige Basaltsteine verbaut in einem gelben Kalk-Sand-Mörtel. Ganz unregelmäßig sind waagerecht liegende Schieferplatten und auch hellgraue Tonbänder, beides wohl gegen aufsteigende Feuchtigkeit, eingebaut. Diese sehr einheitliche Bauweise zeigt nach Angabe der Experten an, dass alle freigelegten Mauerzüge zu ein und demselben Gebäude gehören, wenngleich in einzelnen Abschnitten ein vertikaler Versprung zu beobachten ist.

Die Forscher beschreiben ihre Funde in einer Mitteilung sehr genau. Demnach wurde die Gründungstiefe im nordöstlichen und nordwestlichen Innenbereich in zwei Schürfen festgestellt: ein sehr massiv befestigter Kellerboden aus Sandstein mit teilweise vorhandenem Mörtelglattstrich von 0,40 m Mächtigkeit. Die Lauffläche des Kellerbodens liegt etwa 2,50 m unter heutigem Platzniveau. Die unterste, dem Kellerboden aufliegende Schicht der Verfüllung von etwa 0,40-0,60 m Stärke enthielt sehr viel Holzkohle und verziegelte Lehmstücke. Daraus kann geschlossen werden, dass das Gebäude mit seinen Holzbalkendecken und inneren Fachwerkwänden einer Brandkatastrophe zum Opfer viel. Des Weiteren wurde die Randscherbe eines Tongefäßes geborgen, das in den Zeitraum vom Übergang des 12. zum 13. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts datiert.

Der freigelegte Grundriss weist, neben seiner massiven Bauweise folgende Besonderheiten auf:

  • Die beiden westlichen Ecken sind etwa rechtwinklig angelegt und die Mauerstärke beträgt etwa 0,60-0,80 m.
  • Die beiden östlichen Ecken hingegen weisen jeweils eine halbkreisförmige äußere Verstärkung von 0,20-0,30 m auf und werden von einem wesentlich massiveren Mauerwerk unterfangen.
  • Die Ostmauer weist in der Mitte eine deutliche Verbreiterung auf.

„Durch diese asymmetrische Bauweise erhält der Baukörper eine nach Osten ausgerichtete Schauseite, deren Ecken durch leicht vorspringende Rundtürmchen oder vielleicht lediglich Erkertürmchen betont wurden“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt und der Forscher. Darauf folgt der wohl wichtigste Satz: „Diese außergewöhnliche Bauform und massive Bauweise und die ehemals sicher freistehende Position auf dem Marktplatz zudem in der Blickachse der von Osten auf diesen heranführenden Hersfelder Straße lassen aus archäologischer Sicht den Schluss zu, dass es sich bei den neu entdeckten Fundamenten um die Reste des mittelalterlichen Rathauses handeln dürfte.“

Aus Sicht des Stadtarchivars Dr. Norbert Hansen stellt sich die historische Überlieferung zur Sache wie folgt dar: Die früheste Erwähnung eines Rathauses (raithus) findet sich im ältesten erhaltenen Rechnungsbuch der Stadt von 1386/87. Hier sind für das Jahr 1386 Maurerarbeiten am Leonhardsturm und am Rathaus aufgeführt. Für den Turm gilt die Jahresangabe als Zeitpunkt der Errichtung dieses Bauwerkes, beim Rathaus bleibt offen, ob es neu erbaut oder nur repariert worden ist und somit schon existierte. Immerhin berichtet eine Urkunde von 1341 bereits von „Bürgermeister, Schöffen und Rat“. Spätere Quellen belegen nur, dass es ein Vorgänger-Rathaus gab, wie zum Beispiel die Urkunde mit Stadtsiegel vom 27. Juli 1487 mit dem Wortlaut-Auszug „so wir jares uff unser raithus vallen han.“

Über das weitere Schicksal dieses ältesten belegten Rathaus-Bauwerks gibt es nur allgemeine Angaben. „anno 1449 ist das Rathaus abgebrannt“ steht auf einem Papier aus dem 19. Jahrhundert (!), allerdings ohne Quellenangabe. „Das Rathaus ist anno 1512 wieder erbauet … wegen deren in Vorjahren erlittenen Feuersbrunst …“ schreiben Gilsa und Leußler in ihrer Chorographie von 1664. Vom Stadtsyndikus Möller stammt diese Mitteilung von 1741: „Nach dem fatalen Brande des Rathauses ist dasselbe 1512 wieder erbaut worden“ und von Galéra formulierte 1974 in seiner „Geschichte der Stadt Alsfeld“: „Das alte Rathaus war 1510 oder 1511 zerstört worden, vermutlich durch Feuer … ; im Jahre 1509 stand es noch, wie früher nachgewiesen wurde.“

Zur Standortfrage eines älteren Rathauses gab es bisher nur Spekulationen. Pfarrer E. E. Becker vermutete 1912, dass das alte „an der Stelle des jetzigen Rathauses gestanden“ hat. Karl Dotter sah 1935 den Standort „in dem Winkel vor der Rittergasse“, als man dort einige Jahre zuvor bei Kanalsanierungsarbeiten „gut erhaltenen Fußbodenbelag und zahlreiche Brandreste“ gefunden hatte.

Zu keiner Zeit aber hat es eine systematische Suche nach Spuren eines Vorgänger-Bauwerkes gegeben. Auch die jetzigen Grabungsergebnisse sind ein Zufallstreffer. Die entdeckten Fundamente eines massiven, steinernen Gebäudes sind ein starkes Indiz für ein ehemals repräsentatives Bauwerk mit hervorgehobener Bedeutung, frei auf dem Marktplatz stehend, vorstellbar als Sitz einer weltlichen Obrigkeit, dessen Existenz spätestens seit 1386 historisch verbürgt ist.

Die Funde sollen nun durch die Umgestaltung des Markplatzes bewahrt werden. „Um den Standort dieses bedeutenden Fundes auch künftig sichtbar für alle Interessierten zu dokumentieren, werden aktuell die entsprechenden Umrisse des Gebäudes in der Ausführungsplanung zur Marktplatzgestaltung eingepflegt. In der künftigen Neupflasterung soll sich dann der Grundriss des alten Gebäudes wiederfinden. Die vorgefundenen Mauerteile werden im Untergrund verbleiben und mit einer Schutzschicht im Rahmen der Straßenbauarbeiten wieder verfüllt“, teilt die Stadt mit.

Ein Gedanke zu “Vorgängerbau des Alsfelder Rathauses gefunden?

  1. Vielleicht begehbare Glaselemente darüber verbauen, so ist eine Besichtigung jederzeit möglich.

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