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Die Afrikanische Schweinepest rückt immer näher - Ein Gespräch mit Landwirt Arno Geyer„Das ist momentan noch ein Nebenkriegsschauplatz“

REIBERTENROD (akr). Sie rückt immer näher, und wenn sie kommt, wird das erhebliche Folgen haben: die Afrikanische Schweinepest. Noch hat sich die Seuche zwar erst bis an die polnisch-deutsche Grenze vorgearbeitet, aber Arno Geyer, Schweinehalter aus Reibertenrod, ist sich sicher: Sie wird kommen und mit ihr auch viele weitere Probleme. Unterwegs mit einem besorgten Landwirt.

Noch geht alles seinen gewohnten Gang auf dem Anwesen von Landwirt Arno Geyer in Reibertenrod. Nach dem Frühstück dreht er seinen Rundgang, bereitet das Futter für seine rund 1000 Schweine vor, wäscht und desinfiziert die Ställe, markiert Schweine für den Verkauf und kümmert sich um anstehende Reparaturarbeiten. Doch der Landwirt ist in Sorge, schließlich rückt die Afrikanische Schweinepest immer näher. Er weiß aber auch, dass man sich nicht verrückt machen darf. „Angst blockiert auch“, sagt Geyer und blickt aus der Wohnstube in Richtung Hof.

Für den Landwirt ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Seuche auch in Deutschland ankommt. Im November 2019 wurden die ersten Ausbrüche der Krankheit bei Wildschweinen im Westen Polens nachgewiesen – rund 80 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Von dort aus breitet sich die Krankheit immer näher Richtung Deutschland aus. Im Januar diesen Jahres bestätigte man weitere Ausbrüche bei Wildschweinen, dieses Mal nur zwölf Kilometer von Deutschland entfernt.

Noch mehr Probleme als eh schon

„Wenn sie kommt, dann haben wir noch mehr Probleme zu bewältigen. Aktuell ist das Thema noch ein Nebenkriegsschauplatz“, betont er. Der Hauptschauplatz ist derzeit die Politik, das Agrarpaket der Bundesregierung, die immer strenger werdenden Auflagen für die Landwirte. Geyer reagiert auf dieses Thema, wie tausende Bauern auch, sichtlich verärgert. Darum geht es an diesem Dienstagmorgen aber nicht, sondern um das Horror-Wort für jeden Schweinelandwirt: „Afrikanische Schweinepest“, kurz ASP.

Die ASP ist eine schwere Virusinfektion, die ausschließlich Haus- und Wildschweine befällt. Die Infektion führt zu schweren Symptomen wie Fieber,- Schwäche, Fressunlust, Bewegungsstörungen und Atemproblemen. Durchfall und Blutungen können ebenfalls auftreten. Das Krankheitsbild ist extrem variabel, kann mit verschiedenen weiteren Erkrankungen verwechselt werden. Eine sichere Diagnose kann durch Blut- oder Tupferproben ausschließlich im Labor festgestellt werden. Die Erkrankung führt in nahezu allen Fällen zum Tod des Schweines innerhalb weniger Tage. Tritt die Afrikanische Schweinepest in einem Schweinebestand auf, werden die Tiere getötet – und zwar alle.


Insgesamt drei Ställe, zwei in Reibertenrod und einen in Seibelsdorf, gehören Arno Geyer. Rund 1000 Schweine besitzt der Landwirt.

Genau so ein Szenario musste Geyer schon einmal durchmachen. „Ich habe das Bild noch genau vor Augen, wie die Schweine aus dem Stall getrieben wurden und getötet werden mussten. Das war so ein grausiges Bild“, erinnert sich Geyer an die Szenen von vor rund 30 Jahren zurück. Damals war es nicht die Afrikanische Schweinepest. Es war die Aujeszkysche Krankheit, die heute für die Landwirte aber keine Problem mehr darstellt, da es mittlerweile einen Impfstoff gibt. Und genau weil er dieses grausige Bild noch immer vor Augen hat, ist seine Angst vor der ASP umso größer. Allein mit der Sorge ist Geyer aber nicht.

„Wir müssen gewappnet sein“

Szenenwechsel, einige Tage später. Die langen Tischreihen in der Alsfelder Stadthalle sind am Montagmorgen voll besetzt. Über 150 Landwirte aus ganz Hessen wollen sich über die Afrikanische Schweinepest informieren. Organisiert hat die Info-Veranstaltung der Hessische Bauernverband. „Bei uns sind vermehrt Fragen eingegangen, was passiert, wenn die ASP nach Deutschland kommt, deshalb auch diese Veranstaltung. Wir müssen gewappnet sein“, erklärt Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbandes. Es sei nämlich nicht die Frage ob, sondern wann die ASP nach Deutschland kommt.

Es sind aber nicht nur Schweinelandwirte, die sich an diesem Montag Antworten auf ihre Fragen erhoffen. In der Halle sind auch Rinderzüchter und Getreidebauern, die gespannt ihre Augen auf das Rednerpult und die Powerpointpräsentation richten. Einige zücken ihre Handys, um die Folien abzufotografieren, andere wiederum machen sich per Hand Notizen, als Dr. Ursula Planz vom Regierungspräsidium Gießen über die Bedrohung durch die Krankheit spricht. An diesem Tag ist die Seuche nicht mehr nur der Nebenkriegsschauplatz. Es ist der Hauptschauplatz, der für kurze Zeit die politisch-bedingten Sorgen der Landwirte in den Hintergrund drängt.

Nicht nur Schweinelandwirte haben sich an diesem Tag in der Alsfelder Stadthalle zusammen gefunden.


Die Bedrohung komme vor allem aus dem Baltikum, Belgien, Bulgarien, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, der Ukraine und Ungarn. Insgesamt 1.285 Fälle wurden in der Zeit vom 1. Januar bis 4. Februar in diesen Ländern gemeldet, beschreibt Planz die Ausbruchszahlen 2020 – und der letzte bestätigte Fall eben nur zwölf Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Anders als vielleicht zunächst gedacht ist das Virus aber nicht hochansteckend, sondern vielmehr sehr beständig, kann je nach Außentemperatur über Wochen bis Monate überleben. „Je kälter es ist, desto wohler fühlt es sich“, fasst Planz kurz und knapp zusammen.

Dann sind Sperrbezirke angesagt

Besonders aufmerksam hören die Landwirte zu, als es um die Sperrbezirke und die Maßnahmen für gefährdete Gebiete geht. Fix werden noch die Kaffeetassen und Wassergläser aufgefüllt, ehe die ganze Konzentration Dr. Planz gilt. Tritt ein Fall von ASP auf, werden großflächige Sperrbezirke (Radius von mindestens drei Kilometern um den betroffenen Betrieb) und Beobachtungsgebiete (Radius mindestens zehn Kilometer um den betroffenen Betrieb) eingerichtet.

Fällt ein Betrieb in ein sogenanntes Beobachtungsgebiet, haben die Schweine der Landwirte quasi Haus-, beziehungsweise Stallarrest. Gras, Heu und Stroh aus den gefährdeten Gebieten dürfen nicht an Schweine verfüttert oder als Einstreu verwendet werden. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. Darüberhinaus können die Behörden in der Kernzone auch den Fahrzeug- und Personenverkehr beschränken oder gar ganz verbieten, Ernteverbote aussprechen oder Zäune zur Pflicht werden lassen. 35 Kilometer Zaun habe das Land Hessen bereits für den Fall der Fälle eingelagert, erzählt Planz.

Dr. Ursula Planz vom Regierungspräsidium Gießen.

Noch ist der Fall der Fälle aber zum Glück nicht eingetreten, noch geht alles seinen gewohnten Gang auf dem Hof von Arno Geyer. „Wir achten jetzt natürlich noch mehr auf Hygienemaßnahmen, als wir es eh schon tun“, sagt Geyer. Plötzlich klopft es am Wohnzimmerfenster. Geyer zieht den Vorhang zur Seite. Es ist einer seiner Mitarbeiter, der kurz mit ihm bespricht, was an diesem Tag noch auf dem Programm steht. Schnell ist die Sache geklärt. Der Mann macht sich zurück an die Arbeit und der Landwirt zieht den Vorhang wieder zu, damit ihn die Sonne nicht blendet.


„Diese ganzen Hygienemaßnahmen sind natürlich sinnvoll und müssen gemacht werden, aber in der Praxis ist das schon ziemlich anstrengend, sehr arbeitsaufwendig“, setzt Geyer das Gespräch fort. Der Automatismus sei da, es koste aber wahnsinnig viel Zeit. In Sachen Hygiene im Schweinestall herrscht nämlich das sogenannte Schwarz-Weiß-Prinzip. Sprich: die Trennung von schmutzigem „Schwarz-“, beziehungsweise Außenbereichen und sauberem „Weiß-“, beziehungsweise Innenbereichen. Mal eben schnell von draußen mit den schmutzigen Klamotten in den Stall hüpfen? Das geht nicht. Denn Krankheitserreger entstehen nicht im Stall, sondern kommen von außerhalb rein.

Erhebliche Folgen für den Exportmarkt

„Wenn die Seuche kommt, dann wird auch der Markt zusammenbrechen, die Preise in den Keller fallen“, erklärt der Landwirt mit besorgter Stimme. Die Preise für Schweinefleisch würden rabiat sinken, der Exportmarkt falle weg, man dürfe beispielsweise nicht mehr nach China, einem der größten Abnehmer, liefern. Momentan profitiere Deutschland von der Schweinepest in Asien, da die Asiaten gerne Schweinefleisch essen und dort auch Teile des Schweines verwerten würden, die man in Deutschland nicht verarbeite.

Zum Schutz vor einer Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest soll entlang der deutsch-polnischen Grenze eine „weiße Zone“ eingerichtet werden, erklärt Planz am Montagmorgen in der Alsfelder Stadthalle. Ein solcher eingezäunter Bereich soll ein effektives Wildmanagement ermöglichen und verhindern, dass infizierte Wildschweine aus Polen nach Deutschland einwandern.

Einen hunderprozentigen Schutz vor der ASP kann aber auch der Zaun nicht liefern, denn „den menschlichen Faktor kann man nicht kontrollieren“, betont Planz. „Es ist eine schwierige Situation. Man kann nicht einfach den Güterverkehr einschränken, den Wildschweinen sagen, wo sie hin dürfen und wo nicht, man kann es nicht verhindern“, meint Geyer. Es sei eben nur eine Frage der Zeit, aber wenn es so weit sei, dann müssten viele Entscheidungen getroffen werden. „Momentan läuft alles normal, sonst dreht man durch“, lächelt der Landwirt, greift nach seinem Handy, setzt seine blaue Lesebrille auf. „Schon wieder 50 neue Nachrichten“ – aber nicht wegen der Afrikanischen Schweinepest. Die ist momentan schließlich noch der Nebenkriegsschauplatz.


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