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Erinnerungen an den Mauerfall vor 30 Jahren„Im Westen hat es anders gerochen“

VOGELSBERG (akr/tsz). Der 9. November 1989. An diesem Tag wurde in Deutschland Geschichte geschrieben: Die Mauer fiel, die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland wurde geöffnet. Heute ist das genau 30 Jahre her. Bevor zum Jubiläum wieder zahlreiche TV-Sendungen von dem bedeutsamsten Tag deutscher Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg berichten, haben wir mit Zeitzeugen gesprochen, die hier ihre Geschichte erzählen.  

Alles begann etwas unübersichtlich an einem Donnerstag, den 9. November 1989, in einer heute legendären Pressekonferenz. Damals erklärte ZK-Sekretär Günter Schabowski, dass Privatreisen ins Ausland ohne Voraussetzungen – also Reiseanlässe, Wartezeiten und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden können. „Sofort, unverzüglich“, antwortete Schabowski auf die Frage eines Journalisten, ab wann das neue Ausreisegesetz in Kraft treten würde.

Nachdem das in den Abendnachrichten auf ARD um 20 Uhr verbreitet wurden, dauerte es nur etwas über eine Stunde, ehe die ersten DDR-Bürger in den Westen ausreisten. Erst nach 23.30 Uhr war der Ansturm so groß, dass die Grenze geöffnet wurde.

Heike Brückner, 56 Jahre aus Altenburg

Mittendrin in Berlin war die 56-jährige Heike Brückner. 26 Jahre war sie damals, wohnte noch knapp zehn Kilometer entfernt von der Grenze auf der Ostseite der Hauptstadt. Verheiratet, ein dreijähriges Kind und schwanger mit dem zweiten Kind im sechsen Monat. Inzwischen hat es sie der Liebe wegen nach Altenburg verschlagen, den Berliner Charakter hat sie aber mitgenommen. „Das war der irrste Tag in meinem Leben überhaupt. Die ganze Situation staute sich so hoch – das hat sich so über die Monate entwickelt. Du hast schon gemerkt: Da passiert was“, beschreibt sie die Stimmung in Berlin in den Tagen vor dem 9. November.

Die Nachricht zum Mauerfall erreichte sie am Abend, aber zu glauben, dass die Mauer wirklich geöffnet wurde, fiel ihr am Anfang schwer. „Alleine hätte ich mich ja auch nie getraut. Ein Kind an der Hand und schwanger mit dem zweiten Kind. Wie willst du das denn machen“, erinnert sie sich zurück. Einen Tag später realisierte sie es: Die Mauer war wirklich offen. „Ich dachte: Die rennen alle über die Grenze, das gibts ja nicht. Aber Berlin war ja sowieso näher zusammen als das ganze Bundesgebiet. Berlin war eine Stadt“, erzählt sie.


Ungewöhnlich früh kam ihr Mann am 10. November  von der Arbeit zurück. Alle seine Kollegen waren auf dem Weg in den Westen. An der Arbeit war niemand. Dann griff Heike Brückner zum Hörer und wählte die Nummer ihrer Mutter. „Mama, wir müssen da rüber. Komm du zum Bahnhof Baumschön-Weg und bleib da. Wir kommen und holen dich ab“, sagte sie am Telefon und machte sich auf den Weg.

Ihre Mutter links, ihren Ehemann rechts, das erste Kind im Buggy und das zweite Kind noch im Bauch, so stand Heike Brückner am 10. November 1989 in der Menschenmasse am Übergang Sonnenallee. „Auf einmal ist diese Straße voller Menschen. Und du merkst, es war keine böse Anspannung, es vibrierte irgendwo. Anfangs haben die noch die Ausweise kontrolliert“, erinnert sie sich.

Auf einmal machte es in der Menschenmasse einen Ruck, dass du gemerkt hast: Die haben vorne die Türen aufgemacht.

Dann schob sich die Masse nach vorne. Mit einem Auge darauf das Kind nicht zu verlieren, machte sich Heike Brückner mit ihrer Familie auf den Weg in den Westen. „Ich werde dir mal was sagen, das wirst du immer wieder hören: Es hat anders gerochen. Im Westen hat es anders gerochen“, beschreibt sie ihren ersten Eindruck westlich des Stahlbetons. Yoghurt, Waschmittel, Zahnpasta waren Gerüche, die ihr sofort in die Nase stiegen und ganz anders waren, als das, was sie vom Osten gewohnt war. „Alt, dort roch es einfach alt“.

Das erste Ziel im Westen war der Besuch bei ihrer Verwandtschaft. Schon da spürten sie, ohne einen Plan für den Weg, den neugewonnen Zusammenhalt. „Der Busfahrer hat immer nur gesagt: ‚Steigt alle ein, steigt alle ein, ich fahr euch wohin ihr wollt‘. Da hat kein Mensch überhaupt ein Ticket haben wollen, das war überhaupt keine Frage“, beschreibt sie. Als sie nach einiger Zeit das Haus ihrer Verwandtschaft gefunden hatten, erinnert sie sich noch genau an den Moment vor der Tür. „Tante Trude, hier ist Monika“, erinnert sie sich zurück an die Worte ihre Mutter, gefolgt von Tante Trudes von Freunde erfülltem Schluchzen.

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Linktipp der Redaktion: Drei Tage zwischen Flucht und Grenzöffnung

Bereits zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls in 2014 hatte OL-Gründer Axel Pries zusammen mit dem Alsfelder Ehepaar Martina und Ulf Becker ganz eigene Bilder jener Zeit vor Augen – Erinnerungen an aufregende Tage und Wochen. Die beiden sind in der DDR aufgewachsen und wenige Tage vor der Grenzöffnung geflohen.

Damals, über 25 Jahre nachdem sie mit Kind in ihren Trabi stiegen, um illegal in den Westen zu gehen, erzählten sie ihre Geschichte für Oberhessen-live. Es ist eine Geschichte voller Emotionen. Hier können Sie die Geschichte nochmal lesen.

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Susanne Janke-Pichl, 50 Jahre aus Leusel

Susanne Janke-Pichl aus Leusel kann sich noch gut an das Ereignis erinnern, das vor 30 Jahren ganz Deutschland veränderte. Gemeinsam mit ihrer Mutter saß die damals 20-Jährige am Abend des 9. November 1989 im Wohnzimmer in ihrem Haus in Gotha, schaute Fernsehen nach einem anstrengenden Arbeitstag. „Wir haben einen Film geschaut und plötzlich kam die Meldung, dass die Grenze aufgemacht wird“, erzählt sie. Es war die Pressekonferenz auf der Günter Schabowski die historischen Worte aussprach und die am Donnerstagabend den Film im Fernsehen unterbrach.

„Meine Mutter hat auf einmal so angefangen zu weinen, zwischendurch hat sie gelacht, und dann ist sie wieder in Tränen ausgebrochen“, erinnert sich Susanne Janke-Pichl. Ihre Mutter konnte es kaum fassen. „‚Weisst du eigentlich, was das bedeutet?‘, fragte sie mich dann, aber ich konnte es auch nicht wirklich realisieren. Ich glaube zu dem Zeitpunkt war die Nachricht noch nicht wirklich bei mir angekommen“, erzählt sie. Aber sie wusste auch nicht, was sie davon halten soll. „Ich kannte nur meine DDR. Mehr gab es für mich nicht. Wie kann ich etwas vermissen, was ich nicht kannte?“, lächelt die 50-Jährige.


Sie erinnert sich noch daran, dass ihre Mutter dann zu ihr sagte, sie solle für den nächsten Tag ihren Dienst tauschen. Doch das ging nicht, schließlich hatte sie Frühdienst. „Um 5.38 Uhr fuhr ja schon mein Zug“, erzählt die Leuslerin, die damals bei der Deutschen Reichsbahn arbeitete.

Susanne Janke-Pichl hat noch einige Sachen aus ihrer DDR-Zeit aufgehoben. So wie der grüne Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung – etwas, das es nur im Osten gab.

„Der Bahnhof und die Zügen waren gerappelte voll am Freitagmorgen“, erinnert sie sich. Die Stimmung im Zug: unbeschreiblich. Keiner habe es fassen können, alle waren total euphorisch und aufgeregt, durfte man tatsächlich einfach in den Westen fahren? „Fahr doch mit in den Westen, haben sie zu mir gesagt“. Aber sie fuhr ganz normal zur Arbeit nach Fröttstädt – erst am nächsten Tag war es dann so weit: die Reise in den Westen, in einen Ort, den man nur aus Erzählungen kannte.

Gemeinsam mit ihrer Mutter machte sich Susanne Janke-Pichl am Samstag auf den Weg nach Coburg. Sie wollten Verwandte besuchten. „Ich erinnere mich noch, dass es ziemlich unheimlich war, als wir an der Grenze ankamen. Ich hatte noch nie so eine Grenze gesehen und dann standen da noch so viele Menschen in Uniform“, erzählt sie – und dann konnten sie tatsächlich ganz einfach rüber fahren.

Das war das erste Mal, dass Susanne im Westen war. Ein überwältigender Augenblick. „Es waren so viele Eindrücke, die auf einen zukamen. Die Häuser, die Straßen, alles war anders, alles war freundlicher und der Westen roch auch ganz anders“, schwelgt sie in Erinnerung. Sie erinnert sich noch daran, als sie an diesem Tag das erste Mal ein West-Kaufhaus betrat. „Ich war wie erschlagen von der Produktvielfalt“, lacht sie.


Auf der einen Seite haben wir uns gefreut, auf der anderen Seite hatten wir AngstSusanne Janke-Pichl

Vollkommen realisieren konnten sie die ganze Situation aber immer noch nicht. Auf der einen Seite hatten sie sich gefreut, auf der anderen Seite hatten sie Angst. Angst, nicht mehr zurück in den Osten zu kommen. „Immerhin war man Jahrzehnte lang eingesperrt“, sagt sie. Doch alles lief gut. Sie kamen ohne Probleme zurücknach Gotha, wo sie der vertraute Geruch ihrer Heimat erwartete.


2 Gedanken zu “„Im Westen hat es anders gerochen“

  1. Ich war damals in der Meisterschule und hatte kein Nerf für die Wiedervereinigung.Die Autobahn war voll Trapis ich musste höllisch aufpassen damit ich keinen Unfall baute.Und das Geschrei was heute gemacht wird kann ich nicht mehr höhren, für mich war es gleich vorher oder nachher. Einige im Westen haben sich goldene Nasen verdient,die Normalen Menschen hatten nichts davon.Und wie weit wir gekommen sind sehen wir heute, Faschisten aus dem Westen Hetzen die Menschen im Osten auf.Das sich die Bürger im Osten schwer tun mit der Demokratie, ist verständlich . Bei uns im Westen gibt es heute noch viele die auch nichst davon verstehen.

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  2. Ich habe ab dem 10. oder 11. Nov. insgesamt 2 Familien aufgenommen, 3 von der Insel Rügen und 4 aus Eisenach. Sie alle hatten in meiner 3-Zimmer Wohnung geschlafen. Ich habe dann sofort Urlaub genommen und mich auf die Suche nach Arbeit und Wohnung gemacht. Innerhalb einer Woche habe ich für eine Familie mit einem Kind sofort eine Wohnung gefunde. Für die Familie mit 2 Kindern eine Arbeitsstelle als Elektromeister in Hanau. Es war verdammt schwierig, aber es hat Spaß gemacht. Wir haben dann Abends mit 9 (neun!!!!) Mann am Tisch gesesse. Es war eine unglaubliche Zeit.

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