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Zustand der Vogelsberger Wälder„Was sich da abspielt, das ist in manchen Bereichen schon apokalyptisch“

LAUTERBACH (tsz). „Wir haben es hier mit Problemen zutun, die in diesem Ausmaße noch niemand von uns gesehen hat“. So beschreibt Hans-Jürgen Rupp vom Forstamt Romrod den aktuellen Zustand der Vogelsberger Wälder. Die Aufgaben für die Experten sind hart.

Es ist bereits Abend, als sich Vertreter der Stadt Lauterbach, verschiedener Forstämter und des Landesbetriebs Hessenforst im Magistratssaal des Lauterbacher Rathauses einfinden. Der kleine Raum ist komplett gefüllt, einigen Anwesenden stehen Sorgenfalten auf der Stirn. Nachdem die zweite Hitzewelle des Jahres abgeklungen ist, ist es vergleichsweise kühl. Nachdem sich alle erwarteten Gäste in dem kleinen Saal eingefunden haben, beginnt die Sitzung. Das Thema: Der Zustand des Lauterbacher Stadtwalds.

Stefan Hayer, Revierleiter für das Gebiet Lauterbach, ergreift das Wort. Es folgen zunächst gute Nachrichten: Man sei erfreut darüber, dass der Stadtwald Lauterbach inzwischen in dem neunten Jahr des Bestehens von Hessenforst sowohl emotionales, als auch finanzielles Gewicht für die Stadt besitzen würde.

Finanziell positiv, Zustand besorgniserregend

Finanziell sei auch das vergangene Jahr durchaus positiv gewesen. So wurden etwas mehr Bäume gefällt, als es der Plan vorsah, wodurch wie im Vorjahr ein Überschuss erzielt werden konnte. Insgesamt könne man nach neun Jahren auf einen finanziellen Überschuss von 190 Prozent der Ursprungsplanung zurückblicken.

Deutlich weniger positiv zeigt sich die aktuelle Situation des Waldes. Besonders die Fichte müsse, so Hayer, dieses Jahr stark unter dem Borkenkäfer leiden. Diese, schon fast als Plage zu bezeichnende Ausbreitung, sei vor allem durch die Trockenheit und die hohen Temperaturen begünstigt. „Mittlerweile haben wir mit der zweiten Generation der Borkenkäfer zu kämpfen. Die Schäden dadurch sind deutlich sichtbar“, erklärte Hayer. Sollte sich eine dritte Hitzewelle in diesem Jahr ereignen, müsse man mit einer dritten Käfergeneration und noch höheren Schäden an der Fichte rechnen.


Neben der Fichte viele weitere Baumarten geschwächt

Dabei gestaltet sich der Schutz der Baumbestände als schwierig. Den Käfern kommt man am ehesten bei, indem man die Bäume, in denen sie sich eingenistet haben, fällt. Doch die Forstverantwortlichen kriegen keine Firmen dafür, deren Auftragsbücher sind übervoll. „Aktuell kommen wir mit der Aufarbeitung der Bestände nicht hinterher. Sobald wir hinten fertig sind, ist vorne schon wieder der Käfer aktiv“, beschreibt Hayer das Problem. Die Tiere vollständig loszuwerden sei kaum möglich. „Wir können nicht mehr die Fichte als ganzes retten“, erklärt Hans-Jürgen Rupp vom Forstamt Romrod. Vielmehr versuchen die Experten nun, zuerst die großen Bestandsareale zu bewahren. Rupp wählt drastische Worte, wenn er über den Zustand der Wälder spricht. „Was sich da abspielt, das ist in manchen Bereichen schon apokalyptisch.“

Eine große Diskussion ums Waldsterben gab es schon einmal. In den 80er-Jahren waren die Zeitungen voll mit Meldungen dazu. Später galt das einigen als Hysterie, schließlich gibt es den Wald auch heute noch. Die Experten in Lauterbach sehen jedoch mit dem Blick 30 Jahre zurück keinen Grund für Beruhigung. Die Probleme heute seien noch viel schlimmer und anders – und mit den Mitteln von damals nicht mehr zu bekämpfen.

Neben der Fichte sind heute auch weitere Baumarten stark geschwächt. Während Lärche, Kiefer und Buche stark mit der Trockenheit kämpfen müssen, leidet der Ahorn an einem vermehrten Auftreten der Rußrindenkrankheit. Bei der Esche geht das sogenannte Eschenabtriebssterben weiter. Wegen der vielen geschwächten Baumarten sei es auch schwer, neuen Wald aufzubauen, um die absterbenden Areale auszugleichen. „Wir stehen hier vor einer Mammutaufgabe, wie sie sonst noch niemand von uns gesehen hat“, beschreibt der Romröder Forstamtleiter Rupp das Szenario.


Schadensausmaß schwer absehbar, Herausforderungen sind groß

Aufgrund des Waldsterbens müsse man in Zukunft 15 Hektar Wald, Tendenz steigend, neu anlegen, sagen die Fachleute. Das entspreche circa 3 Prozent der Fläche des Stadtwaldes. „Normalerweise muss man circa 1 Prozent im Jahr neu anlegen. In diesem Jahr müssen wir diese Fläche verdreifachen“, erklärt Hayer.

Das hat logischerweise auch Auswirkungen auf die Finanzen. Wegen der Käferplage rechnen die Forstwirte bei der Fichte mit einem Preisverfall von 60 Prozent. Die Zeit der Überschüsse könnte vorbei sein, stattdessen könnten hohe Summen nötig sein, um die Wälder am Leben zu erhalten.

Handlungskonzept noch in der Entwicklung

Ein konkretes Handlungskonzept für die von Rupp genannte „Mammutaufgabe“ will Hessenforst Ende August veröffentlichen. Dennoch werde man in nächster Zukunft versuchen, die Borkenkäfer einzudämmen. Ähnliches haben man auch bei der Fichte vor. Auch der Einsatz von Insektiziden werde nötig sein. Die Schäden im Laubholz bleiben zum aktuellen Zeitpunkt unabsehbar, ebenso wie die Entwicklung des Holzmarktes. „Diese Situation ist keinesfalls nur ein Problem des Stadtwaldes, sondern ein landes-, bundesweite Problem“, so Rupp.

Blick in die Expertenrunde

Blick in die Expertenrunde.

Am Ende der Sitzung bleibt eine Besorgnis erregende Stimmung im Raum zurück. Es wird diskutiert über den Waldboden als CO2-Speicher, den Einsatz anderer Insektizide und Lösungen aus vergangenen Krisensituationen. Jedem ist klar: Die Situation des Waldes ist kritisch und man steht vor Problemen, wie sie bisher noch niemand gesehen hat.



Ein Gedanke zu “„Was sich da abspielt, das ist in manchen Bereichen schon apokalyptisch“

  1. Das Land Hessen hat in den vergangenen Jahren Windkraftvorrangflächen fast nur noch in Staatswaldflächen zugelassen. Also das Land hat bei all den Flächen in Summe durch die Rodungen Einnahmen bezogen und bezieht über mindestens 20 Jahre die Pachteinahmen für diese Flächen.
    Jetzt kann doch unser reiches Hessen das Geld unkompliziert, schnell und ggf. vorgezogen unserem Wald für gezielte Maßnahmen zurückgeben.
    Also Herr Bouffier, Frau Hinz spucken sie in die Hände und tun sie alles um unserem Wald sofort zu helfen. Er ist unsere Zukunft.

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