Foto: Traudi Schlitt

Panorama1

Karsten Köhler berichtet als Zeitzeuge von dem „Schweigenden Klassenzimmer“ in Storkow„Diese Erfahrungen wünsche ich niemandem“

ALSFELD (ol). Wenn – wie in diesen Tagen – junge Menschen vor dem Abitur stehen, dann beschäftigt sie das Lernen, das Pläneschmieden für die Zukunft. Vielleicht bereiten sie eine Auslandsreise vor, suchen sich einen Job, führen Bewerbungsgespräche, planen einen Umzug. Was sie sich sicher nicht vorstellen können, ist ihr Land, ihre Familie, ihre alten Freunde für immer hinter sich zu lassen, um im Alter von 18 oder 19 Jahren allein in eine andere, weit entfernte und aus politischen Gründen bald für fast immer unerreichbare Stadt zu ziehen. Genau das haben Karsten Köhler und fast seine komplette Schulklasse 1956 getan.


Sie lebten in Storkow, einer brandenburgischen Kleinstadt und standen kurz vor dem Abitur. Doch nach fünf Schweigeminuten für die Opfer der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands war alles anders. Die jungen Menschen erlebten, wozu die Staatsführung der DDR fähig war: Am Ende wurde eine ganze Klasse landesweit vom Abitur ausgeschlossen und 16 der 20 Schülerinnen und Schüler verließen ihr Land – ihre Familien sahen die meisten von ihnen erst wieder, als über dreißig Jahre später endlich die Mauer fiel.

Dietrich Garstka, einer der damaligen Abiturienten, der später in Westdeutschland Abitur machte und Lehrer wurde, hat die Erlebnisse des Jahreswechsels 1956/57 in seinem Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ verarbeitet, 2018 wurde die Verfilmung uraufgeführt und seitdem reist Karsten Köhler, seinerzeit Klassensprecher, durch die Republik, um als Zeitzeuge von den ungeheuerlichen Vorfällen zu berichten. Im April war er zu Gast an der Albert-Schweitzer-Schule, wo er den dortigen Abiturienten jenseits des Wissens aus Geschichtsbüchern und Internet erzählte, was es bedeutete, ein Staatsfeind zu sein.

„Unser Ziel war es ja, das Abitur zu machen“

Gemeinsam mit ihren Geschichtslehrern Dr. Florian Meister und Thomas Weidemann hatten die Schülerinnen und Schüler aus den Geschichtsleistungskursen der Q4 sich im Unterricht bereits auf das Thema vorbereitet. Als Gastschüler war der Deutsch-Leistungskurs des Schwalmgymnasiums in Alsfeld, der sich dem Thema mit Blick auf die literarische Aufarbeitung genähert hatte.

Auch den Film hatten die Schülerinnen und Schüler im Vorfeld der Veranstaltung mit Karsten Köhler bereits gesehen. Und das war gut so, denn der ehemalige Klassensprecher hatte viel zu erzählen, und die Abiturienten folgten ihm gespannt – schließlich blieb stets der Bezug zu ihrem eignen Alter, etwa wenn Köhler von der psychischen Bedrohung durch die Schulleitung sprach, von dem Druck, der auf die Familien der Schüler, aber auch von den Familien selbst ausgeübt wurde.

Und von den Ereignissen, die zu der Flucht nach Westberlin und später nach Hessen geführt haben. Dabei haben sie alle versucht, zusammenzubleiben oder sich zumindest in dem Flüchtlingslager Marienfelde wieder zu treffen, wie Köhler berichtete: „Wir waren sechzehn, und in diesen Zeiten kamen jeden Monat 10.000 Menschen aus Ostdeutschland in den Westen, die Mauer war ja noch nicht errichtet, die Kontrollen noch nicht so rigoros. Da kann man sich vorstellen, dass das nicht einfach war. Aber uns war klar, dass wir nur als Klasse gemeinsam weiterkommen. Unser Ziel war es ja, das Abitur zu machen.“

In den Kreuzverhören fühlte man sich beschissen

Zunächst erzählte Köhler davon, wie der Film entstand, welche dramaturgische Freiheiten sich der Regisseur nahm und wie und wo gedreht wurde. Er berichtete von Storkow, seiner Heimatstadt – dem „Aushängeschild dafür, wie ein sozialistisch tätiger Arbeiter in der DDR wohnt.“ Mit Blick auf die Präsentationen der Schülerinnen und Schüler, die viele Informationen zum Bespitzelungssystem und der Unterdrückung von Bürgern in der DDR zusammengetragen hatten, sagte Köhler, dass eine solche Aufarbeitung noch in den 90er-Jahren in Ostdeutschland nicht gut angekommen sei.

„Aber es ist gut, wenn ihr euch das alles nicht vorstellen könnt.“ Geduldig und gewissenhaft beantwortete Köhler die Fragen aus der Schülerschaft. So erfuhren die jungen Leute im Publikum, wer die Idee zur Schweigeminute hatte und dass es die Klasse tatsächlich schaffte, den von Politik und Schulleitung damals gesuchten „Rädelsführer“ noch bis vor wenigen Jahren geheim zu halten. „Wir kannten ja das System“, erzählte Köhler, „in Diktaturen braucht man immer einen Rädelsführer, einen Verantwortlichen, aber niemand von uns gab einen Namen preis.“ Dennoch: „In den Kreuzverhören fühlten wir uns alle beschissen. Wir wussten ja nicht, ob nicht doch einer einknickt. Der Druck war groß, die Angst auch, und uns blieb nur, uns gegenseitig zu vertrauen. Ich wünsche keinem, wirklich keinem, dass er das erlebt, was wir zwischen dem 13. und 21. Dezember 1956 erlebt haben. Den Aufenthalt in der Zelle in Hohenschönhausen, den vergesse ich nie.“

Als junge Menschen den Verlust ihres alten Lebens verkraften

Als Schüler hatten Köhler, Garstka und ihre Mitschüler – nachdem sie mit viel Unterstützung als ganze Klasse nach Bensheim kamen und dort mit einem Jahr Verspätung ihr Abitur machten – ein Jahr verloren. Als junge Menschen mussten sie den Verlust ihrer Familie, ihrer Freunde und ihres alten Lebens verkraften. Nicht alle hatten ihren Eltern von der geplanten Flucht erzählt. Post von Ost nach West dauerte Wochen und wurde von der Stasi ausgiebig kontrolliert. Die Angst um die Familie in der DDR blieb.

Die Stasi ging dort ein und aus, doch „man konnte im ländlichen Raum relativ gut abtauchen – zumal der Ort selbst das Geschehen nicht an die große Glocke hängen wollte“, wie Köhler berichtete. So lebten die Familien in der DDR weiter. Und während Köhlers Restfamilie noch rechtzeitig über Westberlin ausreiste – durch einen unterirdischen Gang der Charité –, verloren die meisten seiner Mitschüler nach dem Mauerbau und der Schließung der Grenzen den Kontakt zu ihren Familien. „Und wenn man dreißig Jahre lang kaum kommuniziert hat, gibt es keinen Faden, den man einfach so weiterspinnen kann. Dieser Verlust war eine schlimme Folge der Flucht“, resümierte Köhler.

Wenn Köhler, inzwischen selbst 80 Jahre alt, von seinen Erlebnissen erzählt, ist kein Groll dabei, keine Verbitterung. Köhler bleibt zugewandt, offen. Zu seiner Motivation befragt, gibt er an, dass seine Generation, die Zeitzeugen, nicht mehr viel bewirken können als von ihren Erfahrungen zu berichten: „Etwas verändern, sich für die Demokratie und gegen autoritäre Systeme einsetzen, das können nur die jungen Menschen – sie will ich erreichen.“

Eine besondere Veranstaltung hatte der stellvertretende Schulleiter Christian Bolduan angekündigt, mitgetragen vom Förderverein der Schule. Er sollte Recht behalten, denn die Erzählungen und die Antworten von Karsten Köhler werden noch lange in der Erinnerung der jungen Menschen bleiben und eine weitere Facette der ost- und westdeutschen jüngeren Geschichte bilden.

Ein Gedanke zu “„Diese Erfahrungen wünsche ich niemandem“

  1. Wie vermittelt man historische Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen, damit sich die Zustände und Ereignisse aus unseligen Epochen nicht wiederholen? Die Frage erscheint besonders dringlich angesichts der Tatsache, dass die „Zeitzeugen“ immer nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen. Die Jüngeren haben dann nicht mehr die Chance, die damaligen Umstände aus individueller Betroffenheit und unmittelbarer Darstellung heraus zu erfahren. Deshalb ist die filmische Dokumentation von Zeitzeugen-Berichten so wichtig. Und ebenso wertvoll ist die Verfilmung von Lebenserinnerungen in Spielfilmhandlungen. Hierzu gibt es viele einrucksvolle Beispiele, doch leider dürfte aus falscher Sparsamkeit auch manche Chance vertan worden sein, die Berichte noch verfügbarer Zeitzeugen rechtzeitig aufzuzeichnen. Und viele in irgendwelchen Archiven ihrer Haltbarkeitsgrenze entgegen dämmernde Schätze sind vielleicht noch gar nicht entdeckt und gehoben.
    Damit von den Zeiten des Nazi-Terrors nicht nur die Autobahnen und die Geländespiele der HJ und von der DDR nicht nur die leckeren Brötchen und das kostenenlose und flächendeckende Kita-Angebot als prägende Erinnerungen übrig bleiben, bedarf es vielfältiger Anstrengungen. Junge Menschen müssen angeregt werden, die Aufarbeitung historischer Erfahrungen nicht nur als schulisches Pflichtprogramm wahrzunehmen. Wer von den Schüler*innen schaut sich denn die hervorragenden Dokumentationen bei Phoenix, Arte, ARD und ZDF oder die hervorragenden Fernsehspiele mit zeitgeschichtlicher Thematik an? Vermutlich müsste in den Unterrichtsfächern Deutsch, Geschichte und Sozialkunde viel stärker auf entsprechende Programmbeiträge hingewiesen bzw. müssten diese nach dem Sendetermin in die unterrichtliche Besprechung einbezogen werden. Klassen/Kurse könnten Biblio- bzw. Kinematographien und Archive mit entsprechenden Themenbeiträgen erstellt und zum Lesen, Anhören, Ansehen usw. empfohlen werden u.a.m. Jedenfalls muss man sich keineswegs darauf beschränken, die Tatsache zu bejammern, dass doch nun so langsam die letzten Zeitzeugen wegsterben.

    7

    1

Comments are closed.