Auf dem Hubsteiger direkt am Objekt Hans-Jürgen Knapp, Ute Kirst und Dr. Sabine Schmalz. Foto: Deibel

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Soroptimist International Projekt „Nie wieder Krieg“In 2018 wird der Lauterbacher-Löwe rot

LAUTERBACH (ol). Selbst heftiges Winterwetter konnte sie nicht abschrecken: Einige Frauen des Soroptimist International Club Lauterbach-Vogelsberg, kurz SI Club, kamen in Lauterbach bei Schneetreiben zusammen, um ihre für nächstes Jahr geplante Mitmach-Kunst-Aktion einer vorbereitenden Probe zu unterziehen.


Laut Pressemeldung waren nicht nur der Hubsteiger des Lauterbacher Betriebshofes mit seinem Fahrer Hans-Jürgen Knapp dazu gekommen, sondern auch Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller, der das Vorhaben des SI Clubs unterstützt. Des weiteren hatten sich eingefunden Stefan Kunst, dessen Firma Wenzel und Hoos die Stoffbahnen für die Test-Elemente gespendet hatte sowie der erste Stadtrat Lothar Pietsch und Petra Junk von der Stadtverwaltung Lauterbach.

Dem Löwen Aufmerksamkeit schenken

Im Zentrum des Geschehens stand und stehe dabei der Löwe – das Denkmal am Berliner Platz in Lauterbach. Mit Hilfe von Hubsteiger und Leiter wurde unter widrigen Wetterverhältnissen Maß genommen und Stoffelemente am Löwen platziert, die als Muster für die Mitmach-Kunst-Performance unter dem Thema „Nie wieder Krieg“ dienen sollen. Passanten blieben stehen und fragten die anwesenden SI-Clubfrauen, was denn da mit dem Löwen geschehe und erhielten Auskunft: Das Löwendenkmal sei Teil der Lauterbacher Alltagskultur, Begegnungsort und Stadtmarke. Kaum jemand schenke ihm tiefergehende Aufmerksamkeit, was sich mit dem Projekt des SI Clubs sicher ändern werde.

Ute Kirst, Designerin und Mitglied des SI Clubs, hatte die Idee, den Löwen nach dem Vorbild des sogenannten „Urban Knitting“ mit Woll-Elementen einzuhüllen, um ihn mitsamt seiner Geschichte wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung zu holen. Der Löwe sei 1907 eingeweiht worden und sollte im Sinn des damaligen Denkmal-Ausschusses Symbol für die siegreichen Schlachten deutscher Truppen gegen die Franzosen 1870/71 sein. Anders als das Gefallenen-Denkmal am Lauterbacher Friedhof sei der Löwe zum „Siegesdenkmal“ geworden, was heute rückblickend, besonders nach der Erfahrung zweier verheerender Weltkriege, nicht nur anachronistisch und unverständlich, sondern erschreckend erscheine. Ein Krieg bringe Verluste für alle Seiten. Deutschland genieße zwar seit über 70 Jahren Frieden, beheimate aber seit einigen Jahren viele Menschen, für die Krieg, Kriegsverluste und –verderben ganz aktuelle Lebenserfahrungen seien.

Trotzten dem Wetter für die gute Sache: Frauen des Club Soroptimist International Lauterbach-Vogelsberg mit ihrer Präsidentin Susanne Bolduan (vorne links) und Projektleiterin Ute Kirst (vorne, Dritte v.l.) sowie die unterstützenden Gäste (vorne, v.r.n.l) Hans-Jürgen Knapp, Erster Stadtrat Lothar Pietsch, Stefan Kunst, (hinten, v.r.n.l.) Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller und Petra Junk. Foto: Schmidt

Rote Farbe für Liebe und Blut

Es sei daher der Frieden, dem ein Denkmal gebühre. Das Projekt des SI Club Lauterbach-Vogelsberg, das von Ute Kirst geleitet werde, enthebe den Löwen symbolisch seines historischen Fundaments und setze ihn so in neue, zeitgemäße und friedensbejahende Zusammenhänge: Aus dem Kriegssymbol werde ein Friedenssymbol, dessen umhüllende Wolle aus roten Farbtönen bestehen werde, die für Liebe, aber auch für Blut stehe. Mit dem Blick auf das Gestern erhalte unser Heute und unser Morgen eine neue Perspektive, und das nicht nur auf den Löwen.

Die Mitmach-Kunst-Aktion lädt alle Menschen, die sich daran beteiligen wollen, zum Stricken oder Häkeln ein. Hierfür werden ab Mitte Januar in Lauterbach Woll-Stationen eingerichtet, in denen man sich kostenlos Wolle abholen könne, um nach einer einfachen Vorlage die Wollelemente zu fertigen, mit denen der Löwe dann am 1. und 2. September eingehüllt werden soll. Das Verhüllungsdatum sei gut gewählt. Bereits kurz nach dem Krieg 1870/71 werde jährlich am 2. September das Sedansfest gefeiert, das an den Sieg über Frankreich erinnern sollte. Das 25-jährige Jubliäum sei 1895 auch in Lauterbach mit großem Festzug begangen worden. Nur drei Jahre später hatte der örtliche Kriegerverein den Bau des Löwendenkmals angeregt. Mit der Kunstperformance werde so das ehemalige Sedansfest in eine Friedensfeier umgewidmet.

„Nie wieder Krieg“ hatte Ute Kirst das Projekt getauft, und mit diesem Motto werde nicht nur die Verhüllung selbst, sondern auch die über das Jahr verteilten Begleit-Veranstaltungen wie Vorträge oder Lesungen überschrieben sein. Vier Wochen lang werde der Löwe seinen roten Woll-Umhang tragen. Dann werde die rote Hülle gewaschen und wieder in ihre Einzelteile zerlegt, die man käuflich erwerben könne. Der Erlös komme schließlich Kriegs- und Kriegstrauma-Opfern zugute. „Nie wieder Krieg“ erhielt bereits eine Förderzusage des mittelhessischen Kultursommers, der OVAG und der Volksbank Lauterbach-Schlitz. SI hoffe, dass sich noch weitere Sponsoren und natürlich tatkräftige Strickwillige finden werden, sobald die Wollstationen eingerichtet seien. Wo diese sich befinden werden und wie das Projekt im Detail verlaufe, werde rechtzeitig veröffentlicht. Ein Flyer und eine Website seien bereits im Werden. Das SI-Projekt „Nie wieder Krieg“ hatte gedanklich bereits vor längerer Zeit begonnen, setzte aber jetzt mit der Probeverhüllung einen ersten öffentlichen Aktionspunkt. Man dürfe auf den 1. und 2. September 2018 gespannt sein – sei es doch auch das Jahr, in dem sich das Ende des 1. Weltkrieges zum hundertsten Mal jähre.