Manfred Görig möchte im September wieder zum Landrat gewählt werden. Wer ist der Mensch hinter dem Amt? Ein Portrait. Fotos: ls

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Unterwegs zum Lieblingsort: Ehrgeizig, pflichtbewusst, zielstrebig - Landrat Manfred Görig im PortraitLandrat Manfred Görig: Eher Pragmatiker als Rampensau

REGION. Am Tag der Bundestagswahl wählen die Vogelsberger nicht nur ihre Abgeordneten für Berlin, sondern auch einen neuen Landrat. Der jetzige will auch nach dem 24. September wieder im Kreishaus sitzen. Manfred Görig von der SPD tritt zur Wiederwahl an. Wir trafen uns mit ihm an seinem Lieblingsort und erfuhren unter anderem, was er mit dem Vogelsberg noch vor hat – und warum er Kreistagssitzungen manchmal langweilig findet. 

„Hier hinten raus gehe ich gerne mit meinem Hund spazieren“, sagt Landrat Manfred Görig, während er über einen holprigen, vom Regen des letzten Abends nassen Waldweg fährt. Vor sieben Jahren hat er seinen treuen Begleiter aus dem Tierheim zu sich geholt. „Hier finde ich Ruhe und genieße die Stille – wenn es die Zeit zulässt“. Große Verschnaufpausen sind für Manfred Görig momentan nicht drin. Es ist Wahlkampf und der amtierende Vogelsberger Landrat hat sich zur Wiederwahl aufstellen lassen.

„Für mich sind die schönsten Orte im Wald“, sagt der gebürtige Romröder. Holprig geht es weiter über den nassen Waldweg, in dem sich die Sonnenstrahlen des noch frühen Morgens spiegelten. So lange, bis sich der dichte Wald auf der rechten Seite lichtet und ein kleiner, naturbelassener Teich hinter den hohen Gräsern hervortritt. Davor: eine offene, alte Holzhütte mit Bänken, an deren Wänden buntes Graffiti gesprüht ist. „Mit dem Hund durch den Wald laufen, die Natur beobachten und dann auch noch so ein Fleckchen hier: das ist für mich Entspannung“, beschreibt der 58-Jährige leidenschaftliche Jäger seinen Lieblingsplatz mitten im Romröder Wald. Hier kommt er her, wenn er Kraft tanken möchte. Mitunter schaltet er sogar sein Handy ab, um wirklich ungestört zu sein. Nicht immer ist das nötig. Der Empfang hier draußen ist nicht der beste.

Direkt einen Tag nach der Wahl im November 2011 ging es für Görig in seinem Amt los. „Das war ein Sonntag, eine Jubiläumsveranstaltung in Wartenberg“, erinnert er sich lächelnd zurück: Görig breitet eine Decke über einer der Bänke aus. In zwei Tassen, die er aus einem Korb hervorkramt, gießt er Kaffee. „Diese Dinger sind einer meiner Laster“, sagt er und hält dabei eine der selbstgebackenen Nussecken seiner Frau in der Hand.

Wiederwahl, trotz 80-Stunden-Woche

Seit der Wahl sind mittlerweile sechs Jahre vergangen. Sechs Jahre, in denen er sechs, manchmal sieben Tage die Woche arbeitete. Rund 70 bis 80 Stunden kamen da zusammen. In Spitzenzeiten noch mehr. Und trotzdem ließ sich Manfred Görig zur zweiten Amtsperiode aufstellen.

„Man vermutet das am Anfang nicht so, aber als Landrat hat man eine extreme Verantwortung und einen erheblich größeren Arbeitszeitfaktor“, sagt er. Müde wirkt Manfred Görig nicht. Gerade während der ganzen Flüchtlingssituation habe er vier bis sechs Wochen lang nachts nur etwa zwei Stunden im Bett gelegen. Das gehe irgendwann an die Substanz, auch wenn er selbst eine Nachteule sei. Kräftezehrend sei die Situation trotzdem gewesen. „Es war eine hohe zeitliche, physische und psychische Belastung.“ Nach einer kurzen Pause schiebt der Landrat nach: „Trotzdem muss ich sagen, dass wir gut entschieden haben.“

Kein leichter Job: Landrat Manfred Görig (Mitte) erklärt auf einer Bürgerversammlung in Alsfeld, warum die Turnhallen des Kreises zur Flüchtlingsunterkunft werden. Archivfoto: aep

Viel Kritik musste Görig damals einstecken. Die Sporthallen der Region wurden genutzt, um Flüchtlinge unterzubringen. Einverstanden war damit längst nicht jeder. „Ich wurde angerufen und es wurde sich darüber beschwert, dass die Kinder eine Zeit lang kein Sport machen können. Sollte ich die Leute im November draußen auf dem Hof stehen lassen damit die Kinder drin Sport machen können?“ Görig schüttelt den Kopf, als er das sagt. Die Ignoranz mancher Menschen ist für ihn nur schwer zu begreifen. Letztlich haben alle profitiert. Die Hallen wurden saniert, als die Flüchtlinge ausgezogen sind.

Görig ist stolz auf sein Krisenmanagement in der Zeit. Eine der Hauptaufgaben eines Landrats sei es, Entscheidungen zu treffen. Und das habe er getan – in der Art und Weise, in der er es für richtig gehalten habe. Den Mut zu haben, in schwierigen Situationen aus mehreren Varianten eine auszuwählen und nicht in Panik zu verfallen, habe er bei der Bundeswehr gelernt. Genau wie das Organisieren und Delegieren. Und eine gewisse Selbstdisziplin.

Manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht zu aufbrausend bin.Manfred Görig über sein Temperament

Eine politische Rampensau ist Görig nicht. Im Gespräch wirkt er nachdenklich und ruhig. Eher wie jemand, der in der Stille nach pragmatischen Lösungen sucht, als laut herumzupoltern. Aber er könne auch anders: „Manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht zu aufbrausend bin. Ich rege mich manchmal sehr schnell auf und merke dann nachher, dass es gar nicht hätte sein müssen.“ Auch einige seiner Weggefährten beschreiben ihn als pflichtbewussten Arbeiter, der viel Kraft aufwendet, um Dinge zu bewegen, dabei aber nicht unbedingt leichtfüßig unterwegs ist. Etwas mehr Kreativität und ein bisschen weniger Beamtenmentalität würden ihm guttun, sagen manche. Bürgernah sei er – aber kein Kumpeltyp.

Ein Jogger läuft vorbei – ein alter Bekannter des Landrats. Görig steht auf, die beiden kommen ins Gespräch. Nach einer Weile kommt er zurück, setzt sich und schenkt sich noch eine Tasse Kaffee ein. „Ich bin nicht nur Landrat, ich bin auch eine Privatperson und kann locker und flockig sein. Aber das geht nicht immer – vor allem nicht, wenn ich offiziell unterwegs bin“. Im Urlaubs sei das anders. Gerade erst ist er von der Ostsee wiedergekommen. Meer und Berge wechseln sich bei ihm als Urlaubsziele ab.

Schon während seines Studiums setzte er sich für die Politik ein – zunächst auf Ortsebene und später im Landtag. „Wenn man in Wiesbaden sitzt als Abgeordneter, dann ist das keine leichte Aufgabe etwas für den Vogelsberg zu bewegen – man ist einer unter vielen. Ein Einzelkämpfer. Viel bewegen kann man da nicht“, erklärt Görig. Er wollte in Wiesbaden zeigen, was den Vogelsberg ausmacht und entschied sich letztendlich dazu die Nachfolge von Rudolph Marx anzutreten und um den Landratsposten zu kandidieren. Bereut habe er diese Entscheidung nie, auch wenn es 2011 eine ganz andere Ausgangslage war. Mit einer knappen Mehrheit von 53,7 Prozent in der Stichwahl gegen den CDUler Rainer-Hans Vollmöller gelang ihm der Sieg.

Erst Lehre, dann Fachabitur

Nach einer Lehre als Elektrogerätemechaniker und dem Fachabitur, absolvierte Görig ein Studium zum Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik und kam nach seinem Wehrdienst zur Telekom und anschließend zur Bundesnetzagentur – und das obwohl er als Kind eigentlich Zoologe werden wollte. „Wie Professor Grzimek“, erinnert er sich zurück. Tiere habe er schon immer gemocht und auch nach Afrika zu reisen sei sein größter Wunsch.

Görigs Werdegang in der SPD beginnt 1980. Der Weg zur Sozialdemokratie gegeben aus einem Arbeiterhaushalt, in dem der Vater in einer Möbelfabrik arbeitete und der Sohn ein Studium finanzieren muss. Damals zur Zeit, als die SPD sich intensiv für das Bafög einsetzte. „Das war der Moment, als ich gemerkt habe, dass die Partei sich für die Menschen einsetzt, sonst hätte ich vielleicht nicht studieren können“, sagt der Romröder. Seit dem hat sich viel getan und der Landrat gibt sich vorsichtig optimistisch: „Mein Glas ist immer halb voll“, sagt er und trinkt einen Schluck Kaffee. Der Vogelsberger Haushalt ist ausgeglichen und endlich gebe das den nötigen Freiraum kreativ zu sein, was das Geldausgeben betrifft.

Görig will Investieren  – in Bildung, schnelles Internet und neue Straßen. Und in den Tourismus. Dort den richtigen Ansatz zu finden liege ihm nicht so richtig, gibt Görig zu. „Mit dem Vogelsberg soll es weiter aufwärts gehen“, sagt er. „Ich will die Illusion nicht aufgeben, dass der Vogelsberg auch weiter die Chancen hat sich zu entwickeln. Wir müssen selbstbewusster werden und nicht immer nur sagen ‚Der Vogelsberg ist schwierig‘ – dann passiert wirklich nichts“.

Schließung der Geburtenstation: „Ein großer Verlust“

Investiert wird auch in das Alsfelder Kreiskrankenhaus. 1,3 Millionen Euro kostet allein die Sanierung des Dachs des in die Jahre gekommenen Flachbaus. Das KKH ist ein Projekt, in das Görig viel Kraft gesteckt hat. Er wollte das Haus mit Krankenhäusern in Fulda und Bad Hersfeld fusionieren. Der Deal war fertig ausgehandelt, doch dann machte Hersfeld wegen Bedenken aus dem eigenen Kreis einen Rückzieher. Görig war damals schwer verärgert. „Wir haben das Krankenhaus mittlerweile gut stabilisiert“, sagt er heute. Trotzdem musste die Geburtenstation schließen. Das habe ihn auch persönlich mitgenommen. „Ich war im Urlaub als mich die Nachricht erreichte – das war nicht gerade ein tolles Urlaubspräsent. Wir hätten es gerne weiter betrieben, aber ohne Belegärzte geht das nicht“, sagt er und stützt das Gesicht in seine Hände. „Es ist ein großer Verlust“.

Einen großen Verlust musste auch die Sparkasse Oberhessen verkraften. Ein Mitarbeiter hat gestanden, mindestens 8,9 Millionen Euro von dem Geldhaus veruntreut zu haben. Görig sitzt als Landrat des Vogelsbergkreises im Verwaltungsrat der Sparkasse. Seine Aufgabe ist es unter anderem, den Vorstand zu überwachen. Am Ende des Tages trägt er die politische Verantwortung für das, was in der öffentlich-rechtlichen Einrichtung Sparkasse Oberhessen vor sich geht. Görig bleibt allerdings bei seiner Aussage: Mit dem operativen Geschäft habe er selbst nichts zu tun – und Vorstandschef Günter Sedlack habe auch in der Krise einen prima Job gemacht.

Das ist eine Sichtweise, die man nicht unbedingt teilen muss. Doch der große Aufschrei der Opposition blieb bislang aus. Fast scheint es so, als bedauere Görig das ein wenig. Früher, so sagt er, wurde im Kreistag noch heftig debattiert und einander widersprochen. Heute gebe es kaum jemand, der sich dazu durchringen könne, eine andere Meinung zu vertreten. Görig sagt das nicht unbedingt auf den Sparkassen-Skandal bezogen. Er wünscht sich generell etwas mehr Spannung bei den Kreistagssitzungen. „Ich habe keine Lust, mir nur die Beine in den Bauch zu sitzen.“ Solche Sitzungen seien manchmal einfach langweilig – das müsse man auch mal sagen.

Ich habe keine Lust, mir nur die Beine in den Bauch zu sitzen.Manfred Görig über Kreistagssitzungen

Manfred Görig muss zurück ins Büro. Nach zwei Stunden an seinem Lieblingsplatz wartet das nächste Interview. „So ist das eben in meinem Beruf und dazu auch noch im Wahlkampf.“ Apropos  Wahlkampf. Görigs Stellvertreter in der großen Koalition des Vogelsbergkreises ist der Erste Kreisbeigeordnete und CDU-Politiker Dr. Jens Mischak. Warum kandiert der eigentlich nicht selbst als Landrat? „Das hätte die Arbeit durch Wahlkampf gestört“, sagt Görig. So kann man demokratischen Wettbewerb natürlich auch betrachten: Als störend im Betriebsablauf: Von den anderen Parteien habe er allerdings schon erwartet, dass sie einen Kandidaten aufstellen. „Doch da kam nichts.“ Sein einziger Gegner ist der Parteilose Schwalmtaler Friedel Kappes.

Görig steigt in sein Auto und kehrt auf dem holprigen Waldweg zurück in den Alltag – natürlich nicht, ohne vorher noch eine Nussecke seiner Frau zu essen. Gestärkt und ohne Angst vor der Konkurrenz geht er in den Wahlkampf. Gut einen Monat noch, dann entscheidet der Wähler, ob sein Plan, den Vogelsberg weiter voran zu bringen, in Erfüllung geht.

Von Luisa Stock

 

Ein Porträt zum Gegenkandidaten Friedel Kappes erscheint in den nächsten Tagen.

Luisa Stock
Studierte in Gießen Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit Juli 2016 Volontärin bei Oberhessen-live.

6 Gedanken zu “Landrat Manfred Görig: Eher Pragmatiker als Rampensau

  1. …Wie in der Kneipe;
    Wer den Deckel macht, zahlt.
    Da die Kirchen unter anderem die Vorklatscher waren und immer noch sind, bitte aus eigener Tasche zahlen.
    Ich verweise hier insbesondere an die neuesten Forderungen des römischen Chefs. Im Vatikan gibt es viel Platz und sehr viel Geld und Gold.

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  2. Untergebracht hätte ich die Flüchtlinge überall bei denen die noch Beifall geklatscht haben als sie gekommen sind.

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  3. @ Brigitte Wolf
    Der Zahn der Zeit hatte die Hallen ruiniert, bereits bevor die Geflüchteten kamen. Außerdem: Wo hätten Sie denn mehrere hundert Menschen einquartiert?

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  4. „Görig schüttelt den Kopf, als er das sagt. Die Ignoranz mancher Menschen ist für ihn nur schwer zu begreifen. Letztlich haben alle profitiert. Die Hallen wurden saniert, als die Flüchtlinge ausgezogen sind“.
    …………………
    Dieser Satz hat mich schockiert und mich veranlasst mich zu äußern.
    Die Äußerung ist ein Schlag an alle Bürger/ Steuerzahler.Was glaubt Herr Görig wer das bezahlt hat? Er findet das noch toll dass in Folge der Unterbringung die Halle ruiniert wurde. Als Landrat freut er sich zwar dass für die Renovierung der VB nichts bezahlt hat,aber den Steuerzahler ist das egal.Oder hat die Kosten unser Landrat aus eigener Tasche bezahlt?? Das schlimmste ist ist nicht dass die Halle ruiniert wurde sondern dass Herr Görig so tut als ob die besorgten Bürger (Ignoranten) das Problem sind. Ich weiß noch dass meine Kinder nicht am Sportunterricht teilnehmen durften weil die Turnschuhe eine falsche Schulsohle hatten. „Man meint mit Scheuklappen und Halbwahrheiten in die nächste Runde zu kommen.“

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  5. Sich selbst in der Öffentlichkeit verkaufen, dass kann er!
    Görig hätte gute Chancen in Showgeschäft.

    Mir wird Übel bei soviel Lobhudelei.

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