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Kommentar zur Schließung der Geburtenstation in AlsfeldWenn der Storch erst kilometerweit fahren muss

MEINUNG|Ein Kind zu bekommen – daran habe ich bisher noch nicht gedacht, schließlich bin ich noch jung und gerade erst mit dem Studium fertig. Den kleinen Zeh gerade erst in den großen Pool der Berufswelt gesteckt, scheint ein Kind momentan nicht in mein Leben zu passen. Doch jetzt schließt die Geburtenstation in Alsfeld und plötzlich drehen sich die Gedanken um nichts anderes mehr. Ein Kommentar von Luisa Stock.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich möchte mir erst mal ein Leben aufbauen, aber was ist in ein paar Jahren? Was ist mit den Frauen, die aktuell schwanger sind und eigentlich eingeplant hatten, ihr Kind in Alsfeld auf die Welt zu bringen? Wie soll das ablaufen?

Die Geburtenstation des Alsfelder Kreiskrankenhauses soll Ende des Jahres schließen. Die dort leitenden Ärzte haben sich aufgrund der drastisch steigenden Kosten und der aktuellen Gegebenheiten innerhalb des Hauses gegen ein Weitermachen entschlossen und lassen viele bereits schwangere Frauen mit ihrer Entscheidung ratlos und aufgewühlt zurück.

Marburg, Gießen, Fulda, Bad Hersfeld oder Ziegenhain stehen ab jetzt zur Auswahl – allesamt mit mindestens einer halben Stunde Fahrt verbunden, die unter Wehen schon mal unerträglich werden kann. Will man, kurz bevor das schönste Ereignis des Lebens stattfindet, eine längere Fahrt auf sich nehmen? Nur schwer vorstellbar. Auch die Kaiserschnittrate bei Geburten nimmt mehr und mehr zu, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Stress im Vorhinein diesen Trend umkehrt.

Eine Stunde fahrt – was ist wenn es schnell gehen muss?

Was ist, wenn es zu spontanen Komplikationen kommt? Sturzgeburten, sehr schnell voranschreitende Geburten oder andere Notfälle? Manche Geburten dauern viele Stunden, aber manche gehen auch rasend schnell. Wenn ich mir überlege, zuerst noch eine Stunde im Auto verbringen zu müssen, um in die Klinik zu gelangen und dort bereits mit Presswehen ankomme, wird mir ganz anders. Aber auch diese Frauen müssen damit klar kommen – um es einmal auf den Punkt zu bringen: Sie haben einfach Pech gehabt und müssen da durch.

Es gibt allerdings auch Frauen, deren Muttermund sich nicht öffnen will oder deren Wehen nicht stark genug sind – diese Frauen werden oft wieder nach Hause geschickt, um weiter abzuwarten und wiederzukommen, wenn die Wehen stärker werden. Wenn man dann erst eine Stunde heimfährt, um vielleicht fünf Stunden später wieder hin zu fahren, kann das eine nervenaufreibende Tortur werden.

Alsfeld ist mein Zuhause

Keine Frage: Ziegenhain ist mit einer Entfernung von nur etwa 20 bis 30 Fahrminuten am nächsten, aber richtig Zuhause bin ich dort nicht. Alsfeld ist mein Zuhause! Wie soll man sich in einer Stadt wohlfühlen, zu der man keine Beziehung hat? In der man die Schwestern und Hebammen nicht kennt? Gerade das war wohl auch einer der wichtigsten Faktoren unserer kleinen Geburtenstation in Alsfeld: man fühlte sich heimisch und geborgen. Es war familiär. Oft kannte man seine Zimmernachbarn, vielleicht einige der Schwestern und auch ein Besuch von Verwandten und Freunden – und das wichtigste: der Väter war nur ein Katzensprung entfernt. Das ist ab dem nächsten Jahr nicht mehr möglich.

Sein Kind in einer anderen Klinik auf die Welt bringen? Für viele unvorstellbar, aber ab dem nächsten Jahr die Realität: Zuhause ist anders. Foto: kiri/archiv

Sein Kind in einer anderen Klinik auf die Welt bringen? Für viele unvorstellbar, aber ab dem nächsten Jahr die Realität: Zuhause ist anders. Foto: kiri/archiv

Einige Frauen, die beispielsweise als Risikoschwangerschaft eingestuft wurden oder aber eine Mehrlingsgeburt vor sich hatten, mussten bereits seit Jahren eine besser ausgestattete Klinik in ihrer näheren Umgebung aufsuchen. Ausnahmen, die nicht schön, aber leider notwendig waren, da Alsfeld für eine Versorgung von beispielsweise Frühchen-Babys nicht ausgestattet war – man tut alles für das Wohl seines Kindes. Ich stelle es mir trotzdem nicht einfach vor, als frischgebackener Vater jeden Tag eine weiter Strecke zu fahren, um sein Kind zu sehen. Aber man tut es.

Nur 330 Geburten, dafür aber Geborgenheit

Mit 330 Geburten im letzten Jahr war die Alsfelder Geburtenstation nicht wirtschaftlich rentabel, sagen die Ärzte – aber sie war wohltuend, für Frau und Kind. Auf 365 Tage im Jahr ergibt das nicht mal eine Geburt pro Tag. Natürlich ist das nicht wirtschaftlich, aber für die werdenden Mütter dafür umso angenehmer, schließlich heißt das, dass Hebammen, Schwestern und Ärzte nur für einen da sind und man dadurch eine intensivere Pflege, Hilfe und mehr Aufmerksamkeit bekommt.

In größeren Kliniken mit mehr Geburten ist das nicht mehr möglich. Da laufen die Hebammen von Kreissaal zu Kreissaal. Ob die Mehrzahl an weiteren Geburten durch die Schließung in Alsfeld dann zu einem besseren Klima in deren Klinik beiträgt, bleibt anzuzweifeln. Auch ob die Frauen sich dann weiterhin so geborgen und aufgefangen fühlen.

Nicht viel Hoffnung auf Alternativen

Hoffnung, dass die Station doch noch bleibt, gibt es nicht. Der Kreis könnte andere Ärzte für die Abteilung anheuern, doch die wären wohl ziemlich teuer. Ein Geburtshaus könnte eröffnet werden, doch die finanzielle Situation der Hebammen ist angespannt, das Unterfangen daher schwierig. Auch könnte die Alsfelder Station nach ein paar Jahren vielleicht wieder eröffnet werden, wie es in Ziegenhain der Fall war – aber auch das ist unwahrscheinlich und wird schwer werden.

Ich möchte gar nicht sagen, dass die Entscheidung der Gynäkologen in diesem Fall unverständlich ist – das ist sie nicht. Wenn man sich überlegt, welchem Stress sie ausgesetzt sind: mitten in der Nacht aufstehen, tagsüber Visite im Krankenhaus und nebenbei noch eine eigene Praxis – leicht ist das sicherlich auch nicht und diese Entscheidung war ganz bestimmt sehr schwer für sie. Aber ich kann verstehen, wenn viele Frauen jetzt wütend sind.

Politik hätte mehr investieren müssen

Am Ende scheiterte die Geburtenstation aber nicht nur an der Arbeitsbelastung der Ärzte, sondern wie so vieles am Geld. 500.000 Euro hat der Kreis dieses Jahr den Gynäkologen für die teuren Versicherungen zugeschossen, 250.000 Euro kamen nochmals wegen der steigenden Kosten hinzu. Das hört sich viel an – im Vergleich zu anderen Summen ist das allerdings ziemlich wenig. Zu wenig, wenn Sie mich fragen.

Die Geburtenstation war ein wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsfürsorge, die es wert gewesen wäre, stärker mit Steuergeld unterstützt zu werden. Die Möglichkeit hätte bestanden, die Geburtshilfe auszubauen, mehr Technik zu besorgen und so eine so genannte Vollstation zu schaffen, die auch für kompliziertere Geburten ausgestattet ist. Das hätte Alsfeld als Geburtsort vielleicht auch für andere Eltern attraktiver gemacht.

Besonders bei der aktuell steigenden Geburtenrate und dem Wunsch, die Region zu verjüngen, ist die Schließung ein riesiger Imageverlust für die Stadt. Die Geburtenstation war eines der Aushängeschilder des Krankenhauses. Schade, dass es nun schließen muss.

Luisa Stock
Studierte in Gießen Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit Juli 2016 Volontärin bei Oberhessen-live.

7 Gedanken zu “Wenn der Storch erst kilometerweit fahren muss

  1. Guter Artikell.
    Fazit. Die Stadt stirbt aus. Müsste doch bescheuert sein, als junge Familie mich in Alsfeld an zu siedeln. Dann ziehe ich doch gleich dorthin, wo Mutter und Kind bestens versorgt sind.
    Sollten junge Paare Kinderwunsch haben, ziehen sie ggf auch aus Alsfeld weg.
    Tolle Wurst

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  2. Ja außer markiger Sprüche und hemdsärmelig, knottriger Selbstdarstellung hat Landrat Görig in der Realität nichts vorzuweisen. Ist das Krankenhaus insgesamt im Bestand gesichert? Wann kommt endlich die Glasfaser ( hier hat er sich verdammt weit aus dem Fenster gelehnt) ? Er lobt sich mit neuen Standorten für Krankenwagen im Kreis und währenddessen schlummert schon das Ende der Geburtenstation. Er „saniert“ die Großsporthalle in Alsfeld nach dem Auszug der Flüchtlinge und kurze Zeit später regnet es aber weiter in die Halle. Und und und … Wäre er in der Sache nur halb so pragmatisch und hemdsärmelig wie er sich durch seinen PR Stab schreiben lässt und sich selbst darstellt sähe es anders aus. Soviel im übrigen auch zu seinem Aufruf einen Slogan für das Image des Vogelsberges zu finden….

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  3. Schade! Unser gesamtes Gesundheitssystem sollte in staatlicher Hand sein und nicht mehr abhängig von Zahlen!

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  4. Einfach nur erbärmlich!

    In Alsfeld darf man zwar noch krank sein oder sterben, aber geboren wird hier niemand mehr.

    Merken Görig und Paule denn nicht, dass man dieses Signal um jeden Preis hätte verhindern müssen?

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  5. Die Politik hätte sich mehr kümmern müssen,!!!, Doch im laufende Geschäft nicht pressewirksam genug .Ein Landrat der erst merkt wenn es zu spät ist, ist er fehl am Platz. Wieviel ähnlicher Baustellen ,von denen man nichts erfährt, gibt es noch. Schöne Bilder in der Presse sind keine Leistung ,sondern Taten.

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  6. Politik hätte mehr investieren müssen!! Absolut richtig!!! Die Ausreden sind unerträglich!!!!

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