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Ende der Zwanzigerjahre brauchte die Stadt Alsfeld eine neue Post, um dem Zeitenwandel in der Kommunikation gerecht zu werdenDer große Streit um den Bau des Postamts

ALSFELD. Am 1. Oktober 1929 wurde das neue Postamt am Ludwigsplatz offiziell eingeweiht. Eine Reise in die Vergangenheit zeigt die Entstehungsgeschichte des Gebäudes. Heftige politische Debatten und eine Volksabstimmung führten letztendlich zum heutigen Standort.

Heute fällt die Vorstellung schwer, dass der Ludwigsplatz einst das Alsfelder Stadtbild mitprägte. Selbst vielen älteren dürfte der Ludwigsplatz lediglich als eine der Hauptverkehrsadern in Erinnerung sein. Grüne Flächen und viele Bäume zierten noch bis in die Zwanzigerjahre das Erscheinungsbild. Mittendurch floss die „Lerrebach“, die allerdings in einem Kanal verschwinden sollte. Vor der zunehmenden Motorisierung war es einer der beliebtesten Aufenthaltsorte der Alsfelder. Das erste Haus am Platz war das Hotel „Zur Krone“, wie es noch 1925/26 bezeichnet wurde. Dort ist heute das Postamt beheimatet.

Am 26. Februar 1928 hatte das Hotel zum letzten Mal den Gasthausbetrieb geöffnet und am 28. Februar wurde es ganz offiziell geschlossen. An diesem Tage trugen sich 130 Alsfelder Bürger zur Erinnerung an viele schöne Stunden ins Gästebuch ein.

Bis die Post ihre neue Heimat am Ludwigsplatz fand, war sie von 1770 bis 1885 in der Obergasse 14, von 1885 bis 1901 im Eckhaus der Alicestraße 14 und dann bis 1929 in der Alicestraße 20, der heutigen Kreissparkasse untergebracht. Bürgermeister Dr. Völsing hatte im Jahr 1925 einen Neubau der Post in Betracht gezogen. Ursprünglich sollte sie direkt in der Umgebung am Bahnhof errichtet werden. Jedoch stieß sein Ansinnen in Berlin zunächst auf Ablehnung.

Im Jahr 1926 wurde die Idee eines Neubaus weiter vorangetrieben. Der Fabrikant Georg Dietrich Bücking hatte die Stadtverwaltung darauf aufmerksam gemacht, dass der Fiskus Mittel für Postneubauten zur Verfügung stelle, um gegen die Arbeitslosigkeit anzugehen. Bis zum Anfang des Jahres 1927 hielt man an dem Vorhaben in der Nähe des Bahnhofs zu bauen fest und fand Zustimmung zu den Plänen beim Postrat Wittich in Darmstadt.


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So sah der Ludwigsplatz einmal aus. Nicht im Bild ist das Hotel zur Krone. Der Blick geht in Richtung Ludwigsplatz 3.

Die Stadt fasst das Hotel „Zur Krone“ als Bauplatz ins Auge

Im Frühsommer 1927 entschied der Gemeinderat einstimmig, die Post auf dem Gelände des Hotels „Zur Krone“ auf dem Ludwigsplatz zu errichten. Der Standort schien dem Rat „sympathischer“. Außerdem hatte man bereits die Motorisierung ins Auge gefasst, da die Post in Zukunft mit Autos Briefe transportieren wollte. Der neue Vorschlag fand Unterstützung bei Postdirektor Wolff und ebenfalls Anklang in Darmstadt bei Postrat Wittich. Lediglich um die Finanzierung wurde in Alsfeld debattiert, wer welchen Anteil der Kosten tragen sollte.

Bürgermeister Dr. Völsing reiste am 6. Juli 1927 nach Berlin, um mit dem Reichspostministerium zu verhandeln. In Berlin sah man keinen Vorteil eines Neubaus, schlug aber vor, zu prüfen, inwiefern die Stadt Alsfeld das Gebäude errichten könne und machte Finanzierungsvorschläge.

In Alsfeld wurde daraufhin ein Mietpostgebäude geplant. Die Stadt war für die Errichtung des Gebäudes verantwortlich. Nachdem man das Vorhaben mit Hypothek, Darlehen und Verzinsung sowie dem Hauptmieter der Post konkretisiert hatte, galt es den Bauplatz zu erwerben. Der Eigentümer des Hotels „Zur Krone“ drängte die Stadt auf einen Kauf, da er einen weiteren Interessenten aus Bad Hersfeld für das Gelände hatte. Mit den konkreten Plänen in der Tasche wurde der Bürgermeister am 26. August 1927 erneut in Berlin vorstellig. Jedoch wurde im Reichpostministerium der Standort „Zur Krone“ weiterhin abgelehnt und ein Standort in der Alicestraße im heutigen Bereich der Hausnummern 30 bis 42 bevorzugt.

ol-hotel-krone-1008 - Post - Postamt Alsfeld

Das Foto entstand kurz vor dem Abriss des Hotels „Zur Krone“ im März 1928.


Bürger und Mehrheit der Stadtpolitik für den Ludwigsplatz

Im nächsten halben Jahr wurden die Pläne weiterverfolgt und alles schien bereits in trockenen Tüchern mit einem Neubau an der Alicestraße. Doch die Bürger der Stadt verlangten Mitbestimmung, und der Postneubau sollte öffentlich verhandelt werden. Die Besuche des Bürgermeisters in Berlin und die Diskussionen im Gemeinderat waren den Bürgern nicht verborgen geblieben und sie wollten im Detail über das Geschehen informiert werden.

Die Politiker, die sich für das Postamt am Ludwigsplatz einsetzten, versprachen sich trotz der erheblichen Mehrkosten gleich mehrere Standortvorteile: Der Standort sei günstiger gelegen, es bestünden bessere Ausdehnungsmöglichkeiten, durch mehrere Straßen sei der reibungslose Postautoverkehr gewährleistet und zudem bestehe die Möglichkeit der Verbreiterung der Schellengasse sowie die Geradelegung der Einfahrt in die Schwabenröder Straße. Darüber hinaus ergebe sich durch das Postamt die Möglichkeit den Stadtkern zu verschönern und eine Wertsteigerung des städtischen „Deutschen Hauses“ durch den Abriss des Hotels „Zur Krone.“

Allerdings stieß das Bauvorhaben bei einigen Politikern auf entschiedene Ablehnung. Für sie waren die Mehrkosten einfach nicht tragbar. Aufgrund der angespannten Finanzlage der Stadt werde das Geld an anderen stellen dringender benötigt. Beispielsweise hätte das Geld für die soziale Sicherung einiger Bürger in den Wintermonaten eingesetzt werden sollen. Das Prestigeobjekt Postamt Ludwigsplatz komme lediglich den reichen Bürgern zugute.

Es kam zu einer Unterschriftenaktion, bei der 221 Bürger Einspruch gegen den Neubau an der Alicestraße neben dem Elektrizitätswerk einlegten. Sie bevorzugten den Standort „Zur Krone“ als zukünftige Anlaufstelle. Für sie war der Standort am Ludwigsplatz die bessere Lage und das Gelände stand immer noch zum Verkauf.

Volksabstimmung für das Postamt am Ludwigsplatz

Anhand eines Stimmzettels der damaligen Volksabstimmung, der sich im Regionalmuseum befindet, lässt sich das Ausmaß des damaligen Streites noch heute erahnen. Jedoch nahmen letztendlich nur 40 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksabstimmung am 12. Februar 1928 teil. 923 Stimmen fielen auf den Standort „Zur Krone“ aus und 433 stimmten dagegen.


Im Gemeinderat wurde am folgenden Tag das Ergebnis aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung heftig debattiert. Die eine Seite vertrat die Auffassung, dass man dem Willen der Bürger Beachtung schenken müsse, während die andere Seite die zu niedrige Wahlbeteiligung ankreidete und die Abstimmung somit keine gesetzliche Grundlage habe. Überall im Gemeindehaushalt müsse gespart werden, aber für den Postbau sollte das nicht gelten, kritisierten die Gegner des Standorts Ludwigsplatz erneut. Am Ende beschloss man jedoch das Gelände des Hotels Krone für 46.000 Reichsmark zu kaufen, um somit dem Abstimmungsergebnis zu entsprechen.

Nach den heftigen Debatten und Meinungsverschiedenheiten wechselte ein Gemeinderatmitglied die Partei. Gemeinderat Steinbach verließ die sozialdemokratische Fraktion und schloss sich der Demokratischen Partei an.

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Auf dem Flugblatt finden sich einige Argumente für den Bau auf dem Kronengelände. Das Gedicht auf der rechten Seite macht die Kontroverse um den Postbau deutlich.

Die Bauplanung und Umsetzung des neuen Postamts

Am 23. Februar 1928 war das Gelände schließlich im Besitz der Stadt Alsfeld. Bereits im März wurde nach der Versteigerung des Inventars mit dem Abriss des 1756 erbauten Hotels begonnen. Der neue Stadtbaumeister Hugo Maurer (1928 bis 1933) übernahm nach einigen Wirrungen die Planung des Gebäudes. Für 211.000 Reichsmark sollte schließlich der Bau entstehen.

Die Räumlichkeiten wurden so geplant, dass sich der Schalterraum direkt mittig befinden sollte. Weitere Räume im Untergeschoss waren für Schließfächer und Fernmelder zum Telefonieren vorgesehen. Sie hatten einen separaten Eingang, damit der Raum auch nach Dienstschluss zugänglich war. Im Keller war der Heiz- und Maschinenraum sowie im ersten Stock Büroräume, Wähleramt, Fernmeldeamt und Anschlussamt untergebracht. Im zweiten Obergeschoss waren zwei Dienstwohnungen vorgesehen.


Die Außenfassade sollte durch eine vertikale Mittelachse unterbrochen werden, weil dadurch die Außenfront sehr ruhig wirke. Damit sollte eine Harmonie mit dem vorgelagerten Ludwigsplatz entstehen. Auch hier kam es wieder zu Diskussionen, wie der Bau durchzuführen sei, weil die Stadt und die Post teilweise unterschiedliche Vorstellungen hatten. „Dieser Bau wird eine Zierde der Stadt Alsfeld und der Reichspost sein. Er soll der Befriedigung der Verkehrsbedürfnisse der Stadt bis in die fernsten Zeiten dienen“, war Bürgermeister Völsing überzeugt.

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Das Postamt in einer Zeichnung eines Fassadentwurfs von Ernst-Otto Hofmann.

Der Hauptmieter, die Postbehörde zieht ein

Die Bauarbeiten gingen alsbald zügig voran und am 21. November 1928 wurde das Richtfest mit etwa 50 Personen im Hotel „Zur Erholung“ gefeiert. Dennoch kam es während des Baus zu einigen Unstimmigkeiten. Im Oktober 1928 intervenierte Baurat Professor Heinrich Walbe. Aus Denkmalschutzgründen hatte er einiges zu kritisieren und merkte an, dass das Gebäude im Interesse des Stadtbildes an seiner exponierten Stelle auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte das Stadtbild prägen werde. Sein Ansinnen blieb zunächst erfolglos. Jedoch traf man sich erneut im Hessischen Ministerium in Darmstadt und beschloss einige Änderungen beim Bau des Gebäudes vorzunehmen.

Am 1. Oktober 1929 wurde das neue Postamt eingeweiht. Zur Einweihung waren Vertreter der Postbehörde, des Kreisamtes, der Stadt und der am Baubeteiligten Firmen erschienen. Die Alsfelder Gewerbetreibenden beschwerten sich später, dass sie nicht eingeladen worden waren. Bürgermeister Dr. Völsing bezeichnete die Errichtung des Gebäudes als ein „denkwürdiges Ereignis für die Stadt Alsfeld“. Jetzt sei sie im Besitz eines für die Erfordernisse der Neuzeit entsprechenden Postgebäudes. Die Stadt habe dafür erheblich finanzielle Opfer aufgebracht. „Ein Werk ist geschaffen worden, das nicht nur postalischen Ansprüchen genügt, sondern das auch eine Zierde unserer Stadt geworden ist“ so der Bürgermeister bei der Einweihung. Am 5. Oktober 1929 bezog die Postbehörde das Gebäude.

Eine neue Generation zieht ins Postamt
Das Gebäude galt lange als Symbol für Modernisierung und Fortschritt. In den Jahren hat sich unsere Art der Kommunikation nachhaltig geändert und neue Techniken haben die Alten abgelöst oder ergänzt. Seit einigen Monaten hat das traditionsreiche Gebäude einen neuen Besitzer. In Zukunft sollen dort kreative Arbeitsplätze im Kommunikatios- und Dienstleistungssektor nach dem Vorbild des Silicon Valley entstehen und an die Tradition der Post von einst anknüpfen.

Von Christian Dickel