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INTERVIEW: Patrick ist fasziniert davon, alte, verlassene Orte zu fotografierenLost Places-Fotos: „Diese Neugier steckt in jedem“

REGION. Patrick ist Metzger in einem Geflügelhof und repariert nebenberuflich Smartphones. In seiner Freizeit geht der 27-Jährige einem außergewöhnlichen Hobby nach: Patrick macht gerne Fotos in alten Tuberkulose-Heilstätten, Stahlfabriken und Bunkeranlagen – Orte, die seit langem in Vergessenheit geraten sind. Im Chat mit Oberhessen-live erzählt er von Abenteuern mit Gasmessgeräten, Voyeurismus und seinem Kampf für die Wahrheit, der ihn auch an einen vergessenen Ort im Vogelsberg führte. 

Patrick kommt aus Rotenburg an der Fulda. Seinen vollen Namen dürfen wir nicht verraten, denn sein Hobby ist nicht immer ganz legal. Gemeinsam mit drei Freunden betreibt der Fotograf der vergessenen Orte die Facebookseite „Lost Places Osthessen u. Umgebung“. Mehr als 5000 Likes haben die Vier bereits eingesammelt. Wir sind durch Zufall über das Projekt gestolpert. Einige der hier gezeigten Fotos stammen von der Seite, andere sind das erste Mal und exklusiv bei Oberhessen-live veröffentlicht.

Halb verrostet: Ein Schild mit der Aufschrift "Wiederherstelltrupp" in einem alten Luftschutzstollen einer Fabrik.

Halb verrostet: Ein Schild mit der Aufschrift „Wiederherstelltrupp“ in einem alten Luftschutzstollen einer Fabrik.

Oberhessen-Live: Patrick, andere fotografieren gerne hübsche Models oder tolle Landschaften – warum knippst du lieber heruntergekommene Orte, für die sich seit Jahren niemand mehr interessiert?

Patrick: Weil diese „vergessenen“ Orte ihren ganz eigenen Charme haben, ihre eigene Geschichte erzählen. Jeder dieser Orte ist anders. Es ist nie dasselbe.

Über 5000 Menschen folgen eurer Seite schon bei Facebook. Was glaubst du, fasziniert eure Fans an dem, was ihr tut?

Ich glaube, die Leute mögen unsere Fotos an sich schon, aber ausschlaggebend ist wohl die Tatsache, dass sich nicht jeder in alte Firmen oder Wohnhäuser hineintraut und sich dennoch fragt: „Wie sieht es im Inneren wohl aus?“ Dies zeigen wir auf unserer Seite, und genau das wollen die Leute scheinbar sehen.

Schauriger Ort: die Pathologie eines verlassenen Krankenhauses.

Schauriger Ort: die Pathologie eines verlassenen Krankenhauses.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man plötzlich mutterseelenallein in der Pathologie eines verlassenen Krankenhauses steht?

Ich hatte damals ein extrem komisches Gefühl und sehr viel Respekt vor diesem Ort. Dort wurden eben viele Verstorbene „zurecht“ gemacht und von jeglicher Art von Körperflüssigkeit befreit. Also mir haben sich die Nackenhaare aufgestellt und ich war eigentlich auch ziemlich froh, als wir dann da draußen waren.

Ihr macht ein ziemliches Geheimnis draus, wo genau ihr die Bilder aufgenommen habt. Kommentare, in denen der Ort verraten wird, werden ausnahmslos gelöscht. Warum seid ihr da so streng?

Weil es leider immer wieder Leute gibt, die sich solche Orte raussuchen, um zu randalieren oder zu sprayen. Da sind wir absolut dagegen, denn wir haben unter uns „Urban Explorern“, kurz Urbexer’n, einen Kodex: Wir nehmen nichts mit, wir beschädigen nichts, wir lassen alles, wie es ist. Wir nehmen nichts mit außer unseren Eindrücken und unsere Bilder. Wir lassen nichts dort, außer unsere Fußspuren. Das ist uns sehr wichtig, leider nicht allen.

So etwas macht Patrick und seine Freunde wütend: Vandalismus an einem ehemaligen Altenzentrum. Dieses Bild hat ein Fan auf der Seite gepostet. Foto: Sven Grein

So etwas macht Patrick und seine Freunde wütend: Vandalismus an einem ehemaligen Altenzentrum. Dieses Bild hat ein Fan auf der Seite gepostet. Foto: Sven Grein

Klingt löblich. Trotzdem sind eure Entdeckungstouren nicht immer ganz legal, oder? Holt ihr euch irgendwelche Genehmigungen ein, zum Beispiel von den Grundstücksbesitzern?

Ja, bei circa 50 Prozent der Touren holen wir uns Genehmigungen von den Besitzern oder der Gemeinde. Bei den anderen 50 Prozent ist es eine „Grauzone“. Wenn es eine Zugangsmöglichkeit gibt, gehen wir hinein und machen Fotos, gibt es keine, so sind wir umsonst gefahren. Wir brechen nichts auf. Auch über einen Zaun klettern wir nicht, wir hoffen auf ein Loch im Zaun, durch das wir durch können. Wenn wir erwischt werden, ist das meistens kein Problem, da die Besitzer das meist kennen und damit keine Probleme haben, wenn sie uns mit Kameraausrüstung sehen.

Also scheidet der Reiz des Verbotenen als Beweggrund für dein Hobby eher aus? Im Prinzip begeht ihr ja in vielen Fällen Hausfriedensbruch. 

Definitiv, verbotene Früchte schmecken nicht immer besser.

Was ist mit dem Gefühl des Abenteurers, der dort hingeht, wo schon lange kein anderer Mensch mehr gewesen ist? Ist das etwas, was eine Rolle spielt?

Ja, das spielt für uns immer eine große Rolle. Das Gefühl von: „Wir sind nach langer Zeit die Ersten und vielleicht die Letzten, die diesen Ort betreten“.

Würdest du dem zustimmen, wenn jemand behaupten würde, bei deinem Hobby werde auch eine Art voyeuristische Neugier befriedigt?

Absolut, diese Neugier steckt in jedem drin.

Entdecken zusammen gerne vergessene Orte: Nick und Patrick vom Lost-Places-Team Osthessen.

Entdecken zusammen gerne vergessene Orte: Nick und Patrick vom Lost-Places-Team Osthessen.

Wie viele Urbexer’n gibt es denn so in Deutschland? Kann man da von einer echten Szene sprechen?

Ja, von einer Szene und einem Trend kann man sogar sprechen. Es werden leider immer mehr Urbexer, was nicht gut ist, weil nicht immer „gute“ beziehungsweise ehrliche Urbexer unterwegs sind. Ich kann keine genaue Zahl nennen, aber von 200-500 echten Urbexern in Deutschland kann man ausgehen.

Wann brecht ihr auf für eure Fotosafaris? Und was für Equipment nehmt ihr mit?

Wir fahren meistens in den frühen Morgenstunden los. So haben wir die Sonne immer mit dabei. Unser Equipment besteht aus unseren Kameras, Objektiven, Stativen, teilweise Gasmessgeräten, Taschenlampen und unserer Motivation.

Gasmessgeräte?

Ja, in ehemaligen Untertage Verlagerungen, kurz U-Verlagerungen [Anm. der Redaktion: Rüstungsproduktionen, die im Zweiten Weltkrieg unter die Erde verlegt wurden] und Bergwerken, brauchen wir diese dringend. Unsere Sicherheit steht an erster Stelle und Gasmessgeräte retten Leben.

Die Arbeit hat Spuren hinterlassen: Der Platz um einen Kessel in einer ehemaligen Kerzenfabrik.

Die Arbeit hat Spuren hinterlassen: Der Platz um einen Kessel in einer ehemaligen Kerzenfabrik.

An wie vielen und welchen Lost Places bist du denn schon gewesen – und wann hast du mit deinem Hobby angefangen? Gab es da ein Schlüsselerlebnis zu Beginn deiner Leidenschaft? Ein Moment, in dem du dachtest: „Mensch, ich will unbedingt mehr solcher Orte sehen?“

Ich war schon an gut 200 Orten, die ich fotografieren durfte. Ich mache das nun seit gut fünf Jahren. Am Anfang war es lediglich der Kick, diesen Ort zu sehen, der vor langer Zeit verlassen wurde – damals ging es mir noch nicht darum, Bilder zu machen. Dann habe ich aber mit dem Fotografieren angefangen und beide Hobbys miteinander verbunden. So ist eine wahre Leidenschaft entstanden.

Was waren das für Orte? 
 
Alte Tuberkulose-Heilstätten, Krankenhäuser, U-Verlagerungen, Kasernen, Bunker und riesige Fabriken, wie eine Stahlfabrik.

Welcher Ort hat dich bislang am meisten fasziniert – und warum?

Das ist definitiv die Stahlfabrik, sie hat mich beeindruckt wegen ihrer schieren Größe und der Unversehrtheit.

Dieser Ort hat Patrick bislang am meisten fasziniert: eine noch gut erhaltene Stahlfabrik.

Dieser Ort hat Patrick bislang am meisten fasziniert: eine noch gut erhaltene Stahlfabrik.

Ist eine intakte Stahlfabrik wirklich interessanter als eine heruntergekommene, an der der Zahn der Zeit genagt hat?

Teilweise ja, wegen der Unversehrtheit und dem „zugeschlossen und abgehauen-Gefühl“.
Aber nicht immer. Nur bei diesem Ort war es so.

Was glaubst du, warum haben Menschen den Begriff des morbiden Charmes erfunden? Warum finden wir bröckelnden Putz und morsches Gebälk so ästhetisch?

Warum dieser Trend, so nenne ich es, entstanden ist, kann ich nicht sagen. Der natürliche Verfall eines Gebäudes hat einfach etwas ganz eigenes, individuelles und schönes an sich. Andererseits ist es auch interessant, wie anders Gebäude verfallen, wenn der Mensch durch Vandalismus zum Verfall beiträgt.

Woher wisst ihr, wo es sich zu fotografieren lohnt?
 
Wir halten immer unsere Augen und Ohren auf und suchen viel über Google. Da kann man oft viel herausfinden, aber ob es sich lohnt, wissen wir immer erst, wenn wir dort sind.

Andere Lost-Places Fotografen bearbeiten ihre Fotos aufwendig und setzten die Orte richtig in Szene. Eure Bilder bleiben dagegen so, wie sie sind und wirken dadurch etwas schlichter. Gibt es einen Grund dafür?

Ja, ganz einfach: Ich hasse es, die Wahrheit zu verzerren. Die Meisten bearbeiten die Bilder so dermaßen, dass man den Ort, den wirklichen Ort, nicht mehr erkennt. Es geht nur noch um ihre Fotos. Uns beziehungsweise mir geht es darum, den ECHTEN ORT, den Augenblick festzuhalten.

Die Natur holt sich zurück, was mal ihr gehörte: Ein zugewucherter Eingangsbereich einer alten Sockenfabrik.

Die Natur holt sich zurück, was mal ihr gehörte: Ein zugewucherter Eingangsbereich einer alten Sockenfabrik.

Meine Fotos sind deshalb nicht bearbeitet, sondern nur aufgehellt oder abgedunkelt, und auch das nur, wenn die Bilder über- oder unterbelichtet sind. Deshalb stehe ich auch bei manchen Fotografen in der Kritik. Aber das ist mir egal.

Wollte man es feuilletonistisch formulieren, könnte man sagen, du bist also eine Art Kultur-Revoluzzer, der die Ästhetik in der Wahrheit sucht. Warst du denn auch schon mal im Vogelsberg unterwegs?

So kann man das sehen. Ja, ich war auch schon im Vogelsbergkreis unterwegs.

Dürfen wir erfahren, wo genau?

Die Seniorenresidenz „Niefertig“, wie wir sie nannten, ist im Vogelsbergkreis. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Schnappschuss aus dem Vogelsberg. Die "Seniorenresidenz Niefertig".

Schnappschuss aus dem Vogelsberg. Die „Seniorenresidenz Niefertig“.

Wir hätten da noch was im Angebot: Die Villa Raab wäre früher mal ein toller Lost Place für euch gewesen – da hat Oberhessen-live mal selbst eine Vergessene-Orte-Fotoreportage draus gemacht. Aber die Villa wird gerade aufwendig renoviert, das ist rum. Wir können in Alsfeld noch das Galvano-Gelände, den Minigolf-Platz „Im Grund“ und das HWS-Sägewerk empfehlen – was natürlich keine Aufforderung sein soll, etwas Verbotenes zu tun. 

Super, da ist schon mal etwas dabei was vielleicht bald unsere Seite bereichern wird.

Wenn du einen Wunsch frei hättest und überall fotografieren könntest, wo du möchtest – wo würde es hingehen?

Einmal in die USA, das wäre mega. Riesengroße Footballstadien, komplett leer und verlassen. Die USA bereisen und zu fotografieren ist sowieso mein größter Traum.

Der Alsfelder National Geographic Fotograf Gerd Ludwig war der erste westliche Fotograf, der im und um den explodierten Reaktor in Tschernobyl fotografiert hat. Mittlerweile lassen sich solche Fototripps im Reisebüro buchen. Wie wärs damit?

Klar, das wäre mega interessant. Aber eine touristische Tour muss ich nicht mit machen. Das ist nicht so meins.

Lost Places Osthessen und Umgebung: Klicken Sie sich durch die Galerie!

2 Gedanken zu “Lost Places-Fotos: „Diese Neugier steckt in jedem“

  1. Hallo Bodo, wir sind derzeit am überlegen, ob sich eine Ausstellung, bereits lohnt. Gerne halten wir euch auf unserer Facebook Seite (Lost Places Osthessen u. Umgebung) ,auf dem laufenden.

    Viele Grüße

    Patrick

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