Ein Blick in den Erker im Erdgeschoss der Villa, der in die Richtung der Kreuzung Altenburger Straße / Bürgermeister-Haas-Straße geht. Hier entsteht künftig die Bar der Permanentgastronomie.

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Besuch auf der Großbaustelle: Stand der Bauarbeiten, Planungseinblick und viele FotosCharme der Raab’schen Villa trotzt Staub und Schutt

EXKLUSIV|ALSFELD. Holprig ist der Weg, staubig der Aufgang, provisorisch die Tür – und dann ist man drin, in dem einstigen Prunkstück am Alsfelder Mühlbach: In der Raab’schen Villa. Momentan sind die Villa und das umliegende Areal eine riesige Baustelle. Doch lauscht man der Vision von Tanja Bohn, die mit ihrem Mann Ralf 2014 die denkmalgeschützte Villa am Stadtrand gekauft hat, entstehen wunderschöne Bilder, die begeistern und dazu anregen, bereits zwei Jahre vor Eröffnung, ein Bett in einer der geplanten Suiten zu reservieren.


Die Jugendstilvilla aus dem Jahr 1904 ist gerade eingerüstet. Seelenlos sehen das Gebäude und das Gelände aus, auf dem die alte Mühle, Fabrik- und Fertigungshallen sowie Arbeiterwohnungen trotz Denkmalschutz aufgrund großer Schäden und mangelnder Statik abgerissen werden mussten. Aber nur von außen. Kaum betritt man die Villa durch den provisorischen Eingang, der später der Behinderteneingang werden wird, ist man sofort wieder gefangen vom Charme des alten Gemäuers – trotz der Bauarbeiten.

Überall in der Villa blickt man auf rote Backsteinwände. Der Putz wurde abgeschlagen, um Schäden kartieren zu können. An den Türrahmen sieht man leichte Kratzspuren, dort wurden Proben von der Farbe entnommen. „Wir wollen möglichst vieles genauso wieder herrichten, wie es war“, erläutert Tanja Bohn, die durch die drei Stockwerke der Villa führt. „Dazu gehört auch, durch eine Restauratorin die Pigmente der Farbe und die Partikel des Putzes analysieren zu lassen, um diese wieder ähnlich herzustellen und zu verwenden.“

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Die Haupteingangstür der Villa Raab von innen, umrahmt von roten Backsteinmauern, von denen der Putz geschlagen wurde, um Schäden kartieren zu können. Alle Fotos: Anja Kierbewski

Tanja Bohn lernt momentan viel – und hat Spaß daran, auch wenn es so ursprünglich nicht geplant war und sie seit diesem Monat in ihrem einstigen Beruf pausiert, um sich um die Sanierung der Raab’schen Villa kümmern zu können. (Hier finden Sie alle OL-Berichte zum Thema „Villa Raab“.) Termine mit Architekten, Restauratoren, Handwerkern, Technikern, Bauamt und Denkmalschutzbehörden stehen immer wieder auf dem Programm.

Auch fährt sie selbst zu Messen und Ausstellungen oder sucht persönlich nach Restauratoren im Handwerk – so der Fachbegriff – die noch in der Lage sind, alte Buntglasfenster in Metallfassung, Holzfenster  oder Lamperie mit einer heute einzigartigen Tapete wieder herzustellen. Für letzteres hat sie einen Tapetenhersteller in Berlin aufgetan, der das Handwerk noch beherrscht. Es ist inzwischen ein Full-Time-Job für die zweifache Mutter.

Rekonstruktion von Parkettfußböden und Stuckdecken

„Wir dachte eigentlich, wir erstehen die Villa und richten sie wieder her, weil wir es schade gefunden hätten, wenn sie für Alsfeld verloren geht“, blickt sie zurück. Doch mit dem Kauf des Geländes und der ersten Bestandsaufnahmen der Gebäude wurde schnell klar: Es muss mehr gemacht werden. „Und dabei hatten wir noch Glück, dass im Haupthaus das Dach gemacht wurde, sodass das Wasser nicht überall eingedrungen ist.“

Dennoch: Die Eichenparkettfußböden und der wunderschöne Stuck müssen an manchen Stellen rekonstruiert werden, überall dort, wo ein Balkon ist, denn durch diese lief über die Jahre immer mehr Wasser ein. „Die Balken waren vom Holzschwamm betroffen, glücklicherweise aber nicht vom ‚Echten Holzschwamm‘, der sich durch alles durchfrisst. So konnten wir es dabei belassen, nur lokal die Unterkonstruktion der Böden auszutauschen.“

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In der zukünftigen Bar und Lounge im Erdgeschoss – direkt rechts neben dem Haupteingang – wird gerade die Unterkonstruktion des Eicheparkett-Bodens neu aufgebaut. Ein Hausschwamm, entstanden durch zu viel Feuchtigkeit, hatte die vorherigen Balken zerfressen.

Über ein Jahr hat das Ehepaar Bohn an einem Konzept gefeilt, sich den Fragen gestellt, was die Denkmalpflege angeht, was der Brandschutz zulässt, welche regionale Firmen und letztendlich auch Betreiber sie in ihrem Vorhaben unterstützen könnten. „Der Prozess war nicht einfach. Wir waren uns bei vielen Dingen unsicher, haben aber gute Partner mit viel Erfahrung für uns gewinnen können.“

Erst Anfang des Jahres stand das endgültige Konzept fest, im Mai haben sie es bekannt gegeben – Oberhessen-live berichtete. „Uns war es wichtig, dass die Alsfelder immer einen Zugang zu ihrer Villa Raab haben können. Daher haben wir uns entschieden, in der Villa selbst eine Permanentgastronomie einzurichten, sodass man von morgens bis abends dort verweilen und es sich gut gehen lassen kann“, erläutert die Unternehmerin.

„Schandfleck“ – die Kunststofffenster – werden denkmalgerecht rekonstruiert

Kommt man nun also den späteren Behinderteneingang hinein, vorbei an dem bereits ausgehobenen Aufzugsschacht – das gesamte Haus wird barrierefrei sein – steht man mitten im Flur vor der einst so prächtigen Treppe, die zu ihrem Schutz gerade verschalt ist. Von dort aus hat man alles im Blick. Die künftige Küche direkt links neben dem Haupteingang, die Bar mit Kamin und der Loungeecke gegenüber. Dahinter die Speisesäle, die durch Verbindungstüren wahlweise vergrößert oder verkleinert werden können.

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Hier sind die Böden teilweise aufgerissen, um die Unterkonstruktionen zu erneuern, der Stuck fällt von den Decken und man sieht deutlich die „Schandflecken“ der Villa, die Kunstfenster, die der Vorbesitzer eingebaut hat, was letztendlich zum damaligen Stillstand der Sanierung führte. „Wir tauschen die Fenster natürlich denkmalschutzkonform aus“, dies ist für die Bauherrin selbstverständlich. „Wir möchten alles wieder so herrichten, wie es war, darauf haben wir in unserem Konzept wert gelegt. Wir werden lediglich zwei, drei Türen versetzen und ein paar Fenster bis zum Boden runterbrechen, damit von diesen Räumen auch die schönen Balkone begehbar sind.“

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Die Treppe ist zum Schutze eingeschalt, rechts davon sieht man bereits den Aufzugsschacht, links im Hintergrund die provisorische Eingangstür, die später der Behinderteneingang wird.

Im ersten Stock entstehen größere Räume, 70 bis 80 Personen können dort künftig tagen oder feiern. Über einen Balkon wird aus Brandschutzgründen eine aufwendig konzipierte Nottreppe führen, der auch die Denkmalpflege zugestimmt hat. Dort wo einst die Badewanne der Fabrikantenfamilie Raab stand, wird künftig eine Kaffee-Lounge für die Tagungsgäste entstehen – mit Blick über die Stadt und in die Erlen. Einen ebenfalls schönen Blick über Alsfeld hat man von einer der zwei geplanten Hochzeitssuiten in der Mansarde der Villa. Mit Schlafzimmer, Wohnzimmer und schönen Bad nach modernen Ansprüchen entstehen dort zwei wunderbare Unterkünfte für Frischverliebte.

Die Schadenskartierung der Fassade auf drei Plänen

Um eine größere Ansicht der Schadenskartierung als PDF zu erhalten, klicken Sie auf die jeweilige Grafik.

 

Modernste Technik in historischen Gemäuern geplant

Über eine angelehnte Leiter – wackelig und voller Staub – gelangt man in den Keller der Villa. Hier wird ein Weinkeller entstehen. Momentan ist er noch Abstellraum. Auch die Toiletten sind dort unten vorgesehen, natürlich mit dem Aufzug erreichbar. In der Damentoilette sind schon Zwischenwände gezogen, in der Herrentoilette ist man gerade dabei. Und: Was einst die Garage war, ein einfaches Tor in Richtung Erlenteich zeugt noch davon, wird künftig die Spülküche. Spannend: Die Spülküche, die Hauptküche und die Anrichteküche – auf drei Stockwerken verteilt, allerdings übereinander angelegt – werden mit einem Gastro-Aufzug verbunden, bedürfen eines besonderen Belüftungssystems, einem speziellen Boden und müssen natürlich die hygienischen Bestimmungen erfüllen.

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Im ersten Stock der Villa ist die Wand der zukünftigen Anrichtküche noch mit alten Fliesen gefliest, genauso wie der Eingangsbereich. Dort werden die alten Fliesen wieder hergerichtet und gegebenenfalls mit neuen ergänzt. Dafür müssen gar nicht in mehrfachen Brennvorgängen passenden Fliesen rekonstruiert werden, wie es beispielsweise beim alten Kamin im Schloss Romrod der Fall war. Villeroy & Boch hat sie noch im Sortiment und kann sie problemlos liefern.

Überhaupt wird trotz des historischen Gemäuers viel Modernes im Hintergrund mit Einzug halten: Technik, Heizung, Belüftung, Strom… vieles wird allerdings nicht im Altbau installiert, sondern im Neubau im Park, in dem Hotelzimmer und eine 244 Quadratmeter große Eventhalle entstehen sollen. „Wir bedienen von dort aus die ganze Technik, die auch die Villa betrifft“, erläutert die Bauherrin. Dies ist auch der Grund, warum die Eröffnung des gesamten Komplexes erst für 2018 geplant ist.

„Das Gerüst wird Ende dieses Jahres verschwinden. Der Innenhausbau der  Villa wird laut unseres Architekturbüros Weppler & Jungermann Ende 2017 fertig sein. 2017 sind dann auch der Park und die neuen Gebäude dran, für die sich das Architekturbüro Schmidt & Strack verantwortlich zeigt“, skizziert Tanja Bohn den Zeitplan. Auch die Neubauten werden den alten Gebäuden sehr ähneln, „nur die Kubatur, die Außenhülle, muss nutzungsbedingt etwas verändert werden.“

Bis alles dann wirklich fertig ist, ist also noch viel zu tun – und auch einige Probleme zu lösen. Aber die Bauherren sind zuversichtlich für alles eine gute Lösung zu finden, wie bisher auch.

von Anja Kierblewski

Eine kleine Foto-Galerie ermöglich schon jetzt ein Blick hinter die Gemäuer

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