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Eröffnung für die besondere Ausstellung: uralte Holzskulpturen in 30 SchaufensternDer Holzweg regt zum Entdecken und Sinnieren an

ALSFELD (aep). Wer dieser Tage im Alsfelder Rathaus zu Besuch war, dem dürfte die Skulptur sofort ins Auge gefallen sein: über zwei Meter hoch, dunkel und etwas geheimnisvoll bewacht sie eine Ecke der Aula. Dort war das Stück am Montagabend auch Anschauung für ein Gesamtkunstwerk, das Bürgermeister Stephan Paule mit dem Künstler Dr. Siegfried Modra zusammen symbolisch eröffnete. Symbolisch deshalb, weil die Exponate bereits in der ganzen Altstadt zu bewundern sind: Es geht um Holzskultpuren. Alsfeld ist auf dem Holzweg.

Genau so doppeldeutig wie das klingt, ist es auch gemeint, erklärt der Alsfelder Wirtschaftsförderer Uwe Eifert bei der Eröffnung dieser besonderen Ausstellung mit dem besonderen Holzkünstler. Er hatte sich dafür eingesetzt, dass der vorher in Schlitz-Willofs beheimatete Dr. Siegfried Modra mitsamt seiner umfangreichen Ausstellung nach Alsfeld überwechselte – und eine einzigartige Art der Präsentation geboten bekommt (Oberhessen-live berichtete bereits).

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Der Künstler erklärt sein Werk: die Skulptur aus einer 5000 Jahre alten Mooreiche.

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In 30 Alsfelder Schaufenstern sind mehr als 50 der exotischen Exponate zu sehen – und begründen so den Titel „Holzweg“, der ein wenig zum Nachdenken anregen könnte: Ist der Alsfelder Einzelhandel auf dem Holzweg oder sind wir alles es mit unserem Konsum-Verhalten? In jedem Fall regen die Kunstwerke zum Betrachten an. Denn es handelt sich um mehr als Holz-Skultpuren, erläuterte Dr. Modra bei der Eröffnung, nachdem Bürgermeister Paule seine Freude darüber ausgedrückt hatte, dass Alsfeld nicht nur einen renommierten Künstler hat gewinnen können, sondern auch eine Ausstellung, die viele Anknüpfungspunkte für Interpretationen biete.

Er dankte dabei auch dem Wirtschaftsförderer Eifert für die Initiative zu einem Projekt, das die ganze Stadt zu einem Ausstellungsraum macht. Für die teilnehmenden Geschäfte seien die Skulpturen auch eine Form der Dekoration, die zum Betrachten und Sinnieren anregt.


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„Frieden“ heißt die Skulptur, Katja Warkentin die Fotografin im Schaufenster des Foto-Ateliers Zabel.

Tatsächlich, so stellte der Künstler selbst seine Werke vor, handele es sich bei seinen Werken eigentlich vor allem um Natur-Werke, die er nach bearbeitet hat. Und es sind besondere Holzstücke, die gewöhnlich bereits mehrere Jahrhunderte Alter aufweisen können – sogenannte Mooreichen. Denn sie stammen meist aus Mooren, in denen das Holz über viele Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende konserviert wurden. Einige Stücke wurden sogar auf ein Alter von über 14 Millionen Millionen geschätzt.

Die Holzstämme bekomme er von Besitzern förmlich angeboten, seit er sich als Mooreichen-Experte einen Namen machte, erläuterte Dr. Siegfried Modra. Dazu kam es, weil er bereits als Jugendlicher großes Interesse an den Mooren zeigte, in deren Nähe er aufgewachsen war. Mit besonders gehärteten Meißeln rückt er dem Material zu Leibe – während er zugleich auch zu einem Experten für die Konservierung des uralten Materials heranwuchs.

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„Zeitgeist“ – mit diesem passenden Namen bewacht eine Skulptur ein Schaufenster im Modehaus Eisenach, vorgestellt von Ute Eisenach.

Bei jedem Stück überlege er sich, welche Symbolik da eigentlich drinsteckt (siehe auch Oberhessen-live mit einer Geschichte aus Willofs), und danach bearbeitet der 75-Jährige das Holz. Heraus kommen ungewöhnliche, etwas mystische Skulpturen mit besonderen Namen oder Bezeichnungen. „Frieden“ heißt zum Beispiel die Holz-Skulptur mit dem friedfertigen Gesicht in dem Foto-Atelier Zabel. „Die Botschafterin“ steht in dem Modeladen „Street One“, den „Zeitgeist“ findet man im Modehaus Eisenach in der Obergasse. Das „Nachdenkliche Wappentier“ gewacht ein Schaufenster bei Caspary in der Oberen Fulder Gasse.


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Die mit den zwei Skulpturen: Beate Groschke mit „Der Fanatiker“ und „Bewegung“. Bei ihr gibt es auch kleine Kunstwerke aus dem alten Holz zum Kaufen.

Gleich einen Mooreichen-Zwilling stellte der Künstler bei Karte, Kopie & Deko in der Fulder Gasse auf: „Der Fanatiker“ und „Bewegung“. Dort sind übrigens auch kleine Stücke ausgestellt, die erworben werden können.

Und möglicherweise kann Bürgermeister Stephan Paule auch aus dem Stück, das das Rathaus jetzt für ein halbes Jahr ziert, in schwierigen Zeiten eine schöpferische Kraft ziehen. „Vom Überleben“ heißt die 5000 Jahre alte Skulptur, die also etwa zu Ötzis Zeiten Blätter trieb. Es sei erkennbar, dass der bereits tote Baum immer noch neue Äste und Triebe hervorbrachte, erklärt Dr. Modra seine Inspiration zu dem Namen. Darin liege also eine immer wieder erneuernde Kraft: die Kraft zum Überleben.

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Der Holzweg durch Alsfeld: Für diese Ausstellung erstellte das Alsfelder TCA eigens einen Flyer. Grafik: TCA