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Urenkel des jüdischen Gastwirts Joseph Wertheim reist aus Baden-Württemberg an – bewegende Momente am Grab seines UrgroßvatersAuf den Spuren seiner Vorfahren: Besuch von Andres Buchwald in Angenrod

ANGENROD (ol). Andres Daniel Buchwald, Urenkel des Angenröder Gastwirts Joseph Wertheim, besuchte gemeinsam mit seiner Frau Maria Alejandra Olivero den Alsfelder Stadtteil Angenrod. Begleitet vom Lokalhistoriker Ingfried Stahl begaben sich die Gäste auf eine Spurensuche jüdischer Geschichte – vom ehemaligen Gasthaus der Familie Wertheim über die Gedenkstätte der Synagoge bis hin zum jüdischen Friedhof. Besonders bewegend war der Moment am Grab von Joseph Wertheim, an dem Buchwald das Kaddisch, das jüdische Totengebet, rezitierte und live mit seiner Mutter in Buenos Aires verbunden war.

Angedacht war ihr Besuch schon für das Frühjahr, jetzt endlich am vergangenen Samstag, dem 24. August, konnte er auch realisiert werden: Andres Daniel Buchwald (63), Urenkel des Angenröder jüdischen Gastwirts Joseph Wertheim (1862 bis 1914)  und von Rosa Wertheim geborene Karlsruher (1869 bis 1949) und gebürtiger Argentinier, besuchte Angenrod zusammen mit seiner Gattin Maria Alejandra Olivero (61) auf den Spuren seiner Angenröder Vorfahren, wie der Lokalhistoriker Ingfried Stahl in einer Pressemitteilung berichtet.

Buchwald nahm nach der rund zweiständigen Sightseeing-Tour durch den Ort in Begleitung von Stahl auch eine ganze Reihe von ihm bisher nicht bekannten Informationen zu seiner Familiengeschichte mit auf den Heimweg nach Filderstadt (Region Stuttgart).

Dem Besuch vorausgegangen war eine telefonische Kontaktierung des Angenröder Autors Ende Juli 2024 durch Buchwald, gefolgt von einer sehr regen beiderseitigen E-Mail-Kommunikation, darunter auch zahlreiche bislang unbekannte Fotos und Familiendokumente, wie es hieß. Seitens der Familie von Andres Buchwald wurden sie zumeist von seiner in Buenos Aires lebenden Mutter Alba (85) zusammengestellt und auf den elektronischen Weg nach Angenrod gebracht.

Nach herzlicher Begrüßung der beiden Besucher aus Baden-Württemberg, die eine dreieinhalbständige Autobahnanfahrt absolviert hatten, startete dann mit Buchwalds PKW am Samstagnachmittag die spontane Besichtigungsfahrt durch das aktuelle Angenrod, jetzt mit Fokus auf die ausgeprägt jüdische Tradition des Alsfelder Stadtteils. 1861 verfügte die Gemeinde mit über 41,94 Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil über den prozentual zweithöchsten jüdischen Bevölkerungsanteil im heutigen Bundesland Hessen und damals den höchsten in ganz Hessen-Darmstadt, Rheinhessen mit eingeschlossen.

An den interessanten Stellen bei der langsamen Durchfahrt durch Angenrod wurde auch jeweils ein Halt vorgenommen, wobei Buchwalds Gattin Maria dann auch hin und wieder Fotos im Außenbereich aufnahm. Während dem erläuterte der Angenröder Guide die historischen Bezüge zu dem Gesehenen und las auch verschiedentlich die hierzu relevanten Abschnitte seines Bildbands vor. Insbesondere in der bislang letzten umfassenden Bilddokumentation „Wie Angenrod geworden ist“ (2023) sind, gepaart mit diversen  Abbildungen, ausführliche Angaben zum Gasthaus Josef Wertheim und seiner Geschichte enthalten.

Im Einzelnen bildeten folgende Objekte die Stationen der Ortsbesichtigung Angenrods auf jüdischen Spuren: die weit ausladenden Baulichkeiten des ehemaligen Gasthauses von Andres Buchwalds Urgroßvater Joseph Wertheim, an die früher auch eine Holzbohlen-Kegelbahn angegliedert war, und die „Gedenkstätte Haus Speier“, beide an der B 62 gelegen. Danach erfolgte die Erkundung des jüdischen Oberdorfs mit der ehemaligen Judenschule bis um 1880, einer religiösen Elementarschule, sowie der Mikwe eingangs der Wuhlsgasse.

Nächster Halt erfolgte dann am Geburts- und Wohnhaus von Joseph Wertheim und dessen Schwester Jeanette Wertheim (1859 bis 1843) eingangs des Oberen Mühlwegs und direkt am „Hohen Berg gelegen“. Jeanette Wertheim, die unverheiratet blieb, betrieb auch einen gutgehenden Spezereiladen sowie eine Schankwirtschaft. Wie jetzt auch den Besuchern mitgeteilt wurde, war Jeanette Wertheim zuletzt im jüdischen Altenheim in Bad Nauheim wohnhaft. Die Schwester Josef Wertheims war als 82-Jährige 1942 nach Theresienstadt deportiert worden und verstarb 83-jährig im dortigen Ghetto. Zynischerweise war hier Darmkatarrh als Todesursache angegeben worden. Jeanette Wertheim war ältestes Holocaust-Opfer Angenrods.

Und noch ein unbekanntes Faktum konnte den Besuchern mitgeteilt werden. Vater Joseph und Jeanette Wertheims war Marcus Wertheim (1824 bis 1864). Der Ururgroßvater von Andres Buchwald war Angenrods erster offizieller jüdischer Ortsbürger. Verheiratet war er mit der 1829 geborenen Sara Katz, der Ururgroßmutter des argentinisch-stämmigen Nachfahren mit jetzigem Wohnsitz in Filderstadt.

Ein ganz besonderes Augenmerk bei der beschaulichen Tour durch Angenrod bildete natürlich der Bereich der heutigen Angenröder Judengasse mit dem Standort und der Gedenkstätte für die ehemalige repräsentative Synagoge Angenrods, die 1962 durch Abbruch einem Gefrierhaus weichen musste, und abschließend dann auch die wohl emotional für die Besucher ergreifendste Station der Tour, der Besuch des Jüdischen Gemeinschaftsfriedhofs am westlichen Ortsende.

Für die Zufahrt zu diesem musste aufgrund der derzeitigen Straßensperrung in diesem Bereich eine Umfahrt über den Angenröder Festplatz und dann auf Feldwegen Richtung Stausee und mit  Rückkehr über die Seibelsdorfer Straße vorgenommen werden. Schon sogleich beim Betreten des jüdischen Gemeinschaftsfriedhofs in Angenrod –  hier sind unter anderem auch jüdische Verstorbene aus Romrod, Ober-Gleen, Leusel, Alsfeld und Ober-Breidenbach zur letzten Ruhe gebettet worden – setzte Andres Buchwald, dem religiösen Ritual der Ehrbezeugung den Verstorbenen gegenüber eine Kippa auf und suchte auch einen Stein, den er dann auf dem Grab seines Urgroßvaters Joseph Wertheim niederlegte. Maria Buchwald, die bereits das Friedhofsareal erkundete, hatte dann erstaunlich rasch auch die Grabstätte von Joseph Wertheim gefunden: bei der Vielzahl von Grabdenkmälern ein schneller Erfolg.

Es war für Andres Buchwald speziell dann ein sehr emotionaler Moment, an der Grabstätte seines im Alter von erst 51 Jahren verstorbenen Urgroßvaters zu stehen und seiner durch Innehalten eingehend zu gedenken. Joseph Wertheim war nach „langem, mit großer Geduld ertragenen Leiden gestorben“, wie es in seiner Todesanzeige hieß. Um dieses Gedenken noch zu unterstreichen, nahm Andres Buchwald dann sein mitgebrachtes jüdisches Gebetbuch zur Hand und las in ergreifender Weise das „Kaddisch“, das jüdische Totengebet. Er rezitierte es in original hebräischer Sprache. Der Grabstein seines Urgroßvaters sei ja gut erhalten, freute sich Andres Buchwald, ganz im Gegensatz zu so vielen anderen der um die 204 zumeist vermoosten und verwitterten Grabmälern in Angenrod.

Einen ganz besonderen Höhepunkt beim Friedhofsbesuch gab es dann noch, als Andres Buchwald mit seiner Mutter Alba live per Video in Buenos Aires telefonierte. Sie grüßte, sichtlich erfreut, ganz herzlich aus der argentinischen Metropole, ihrem jetzigen Familienwohnsitz.

Josef Wertheim-Urenkel Andres Buchwald selbst ist beruflich derzeit „Global Category Manager Travel and Fleet“ bei DEKRA, dem Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Verein, einer der weltweit führenden Expertenorganisationen. Rund 44.000 Mitarbeiter sind in mehr als 50 Ländern auf allen fünf Kontinenten im Einsatz. Wie Andres Buchwald noch mitteilte, habe er in seiner Vergangenheit für über 30 Jahre bei Bayer gearbeitet, davon ein Großteil in Buenos Aires. Außer Deutsch und Spanisch spreche er auch ein „verhandlungssicheres Englisch“. Seine Frau Maria sei geprüfte Englischlehrerin. In Argentinien sei sie Inhaberin eines Groß- und Einzelhandelsgeschäfts für das Baugewerbe.

Fotos: Ingfried Stahl

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