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Mitarbeiter vom Kreiskrankenhaus übernommen - Gespräche mit Klinik in SchwalmstadtOnkologische Praxis am KKA geschlossen: Wie es mit dem MVZ weitergehen soll

ALSFELD (akr). Die onkologische Praxis von Susanne Simon-Becker ist seit Jahresanfang geschlossen. Krebspatienten müssen von nun an zur Behandlung in die Nachbarkreise fahren, beispielsweise nach Schwalmstadt, Fulda oder Marburg. Eine Nachfolge konnte nicht gefunden werden. Was bedeutet das für das MVZ? Und wie sehen nun die Pläne des Kreiskrankenhauses aus? Oberhessen-live hat bei Geschäftsführer Ingo Breitmeier nachgefragt.

„Sehr geehrte Patienten! Nach jahrelanger Tätigkeit schließt die onkologische Praxis von Frau Simon-Becker zum Ende des Jahres. Eine weitere Betreuung kann ab sofort vor Ort nicht stattfinden. Bitte melden Sie sich alternativ bei den onkologischen Kollegen in Schwalmstadt, Fulda oder Marburg“, steht auf der Internetseite des Kreiskrankenhaus Alsfeld unter der Kategorie „Praxis für Onkologie“ geschrieben.

Ambulant wurden dort jährlich etwa 600 Patienten behandelt, etwa 80 Prozent davon stammen aus dem Vogelsberg, erklärt Krankenhaus-Geschäftsführer Ingo Breitmeier auf Nachfrage von Oberhessen-live. Während die Mitarbeiter der onkologischen Praxis alle vom Kreiskrankenhaus übernommen wurden, wie Breitmeier erklärt, konnte eine Nachfolge für Simon-Becker nicht gefunden werden.

„Es ist trotz intensivster Bemühungen nicht gelungen, eine Nachfolge für Frau Simon-Becker sicherzustellen. Onkologische Fachärzte werden im gesamten Bundesgebiet händeringend gesucht – selbst an attraktiven Metropolstandorten. Onkologische Patienten müssen fachärztlich onkologisch versorgt werden, ohne Facharzt für Onkologie können wir diese Patienten hier nicht versorgen, so sehr wir das selbst bedauern“, erklärt Breitmeier.

Sitz muss nachbesetzt werden

Doch was genau bedeutet das jetzt für das Medizinische Versorgungszentrum, kurz MVZ? „Wir müssen aber den Sitz innerhalb definierter Fristen fachärztlich internistisch – nicht zwingend onkologisch – nachbesetzen, da er sonst von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eingezogen wird und wir dann überhaupt keine ambulante Versorgung im MVZ mehr anbieten können“, erklärt der Geschäftsführer. Sprich: wird der Sitz nicht irgendwie nachbesetzt, würde man nicht mehr die Mindestvoraussetzung zum Betrieb eines MVZ erfüllen, es müsste dann geschlossen werden, wie Breitmeier erklärt.

Was die ambulante Versorgung angeht, so liegt der Sicherstellungsauftrag nämlich, abgesehen von wenigen gesetzlich eng eingegrenzten Ausnahmen wie beispielsweise das ambulante Operieren oder die vor- und nachstationäre Behandlung, bei der KV. Diese legt fest, wie viele und welche Facharztsitze in welcher Zahl in den Versorgungsgebieten besetzt werden dürfen. „Das internistische MVZ hat zwei internistische Vertragsarztsitze von der KV erhalten und darf daher auch nur zwei Sitze betreiben“, erklärt Breitmeier.

Einer dieser Sitze ist rheumatologisch mit Dr. Elvira Decker besetzt, der andere bisher mit Simon-Becker. Die Praxis von Dr. Decker sei von der Schließung der onkologischen Praxis überhaupt nicht betroffen. Der Betrieb gehe dort ganz normal weiter. Die Praxis werde jedoch aufgrund der wachsenden Patientenanzahl zur Jahresmitte ihre Räumlichkeiten am Standort vergrößern, teilt Breitmeier mit.

Die rheumatologische Praxis von Dr. Elvira Becker ist von der Schließung der onkologischen Praxis nicht betroffen.

Da dieser Sitz also fristgerecht nachbesetzt werden muss, damit das MVZ weiterhin betrieben werden kann, hat man sich scheinbar für eine andere internistische Ausrichtung entschieden. „Ausschlaggebend für die beabsichtigte gastroenterologische und allgemeininternistische Ausrichtung war – wie ausführlich dargestellt – ausschließlich die Tatsache, dass es trotz intensivster Bemühungen nicht gelungen ist, einen onkologischen Facharzt an den Standort zu holen und der Vertragsarztsitz von der KV eingezogen wird, wenn wir nicht zügig nachbesetzen. Damit würden wir nicht mehr die Mindestvoraussetzung zum Betrieb eines MVZ erfüllen, müssten dieses schließen und könnten dann überhaupt keine ambulante Versorgung für die hiesige Bevölkerung mehr anbieten“, schreibt Breitmeier in seiner Stellungnahme, in der er sich gegen die Darstellung wehrt, es ginge bei der neuen Ausrichtung um betriebswirtschaftliche Aspekte. „Tatsächlich haben Zahlen und betriebswirtschaftliche Aspekte bei der Entscheidung überhaupt keine Rolle gespielt.“

Dass die Stelle gastroenterologisch/allgemeininternistisch besetzt werden soll, bestätigt auch der Vogelsbergkreis. Nähere Auskunft wollte man aber nicht geben.

Gemeinsam mit Klinik in Schwalmstadt ein onkologisches Team auf die Beine stellen

Breitmeier führt zudem an, dass eine onkologische Versorgung in einer Einzelpraxis heute nicht mehr adäquat sei, die Behandlungsschemata seien so aufwändig und komplex, dass die Onkologen bevorzugt in größeren Teams arbeiten wollen. „Auch aus diesem Grund versuchen wir mit der Asklepios-Klinik in Schwalmstadt ein solches onkologisches Team auf die Beine zu stellen, welches dann den Standort in Alsfeld mit versorgen soll. Auch dazu bedarf es aber einer Rekrutierung onkologische Fachärzte. Da können wir leider noch keinen Erfolg vermelden“, so Breitmeier.

Es sei in ländlichen Regionen – und das gelte beileibe nicht nur für den Vogelsbergkreis – heute eher die Regel, dass sich Facharztsitze nicht mehr besetzen lassen. Es sei schlichtweg nicht möglich, alle Fachdisziplinen und Spezialgebiete flächendeckend vorzuhalten. „Sie können Ärzte nicht dazu zwingen, in ländliche Regionen zu gehen. Das bedingt eben auch, dass Patienten längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen müssen, um versorgt zu werden“, so der Geschäftsführer.

Und was sagt Alsfeld Bürgermeister Stephan Paule zur Schließung der onkologischen Praxis? „Ich bedaure sehr, dass gerade bei so schweren Erkrankungen wie Krebserkrankungen kein Facharzt für Alsfeld gefunden werden konnte. Natürlich wünsche ich mir, dass sich das in Zukunft wieder ändert“, teilt Paule auf Anfrage von Oberhessen-live mit. Doch bislang war die Suche eben noch erfolglos. „Leider gilt die einfache Regel: Ohne Onkologischen Facharzt keine Onkologie. Es gab leider keinen Bewerber. Der Fachärztemangel ist ja leider in aller Munde“, sagt der Alsfelder Rathauschef.

Er wolle trotzdem loben, dass sich das Alsfelder Kreiskrankenhaus intensiv mit Schwalmstadt in Verbindung gesetzt habe, um in dieser schwierigen Frage zu kooperieren. Darüber hinaus, so Paule, setze man nun alles daran, den zweiten internistischen Arztsitz zu besetzten, „denn noch schlimmer als der Wegfall des onkologischen Facharztes wäre, wenn dieser internistische Arztsitz von der Kassenärztlichen Vereinigung ganz abgezogen würde“, erklärt der Bürgermeister.

5 Gedanken zu “Onkologische Praxis am KKA geschlossen: Wie es mit dem MVZ weitergehen soll

  1. Echt lächerlich dieses ganze Gesundheitssystem, auf der einen Seite wollen sie 100 m nebenan ein Krankenhaus für 75 Mio. € neu bauen, aber haben keine vernünftigen Ärzte im Land :)))
    Was habe ich von einem 300K Porsche, wenn ich kein Führerschein habe.

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    1. Unser gesundes Bildungssystem!
      Bei Verzicht auf einen „300K Porsche“ ließen sich vielleicht ein paar Euro für einen Deutschkurs einsparen. Wäre dringend nötig.

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