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Chefarzt Tobias Plücker über die Corona-Situation am Krankenhaus Eichhof in Lauterbach„Der Vogelsbergkreis ist erheblich stärker belastet als im Frühjahr“

LAUTERBACH (ls). Die zweite Corona-Welle ist da, vielmehr steckt ganz Deutschland schon seit einigen Wochen mittendrin. Die Zahl der Neuinfektionen steigt an, genauso wie die Anzahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern. Die Intensivstationen stellt das vor Herausforderungen. Auch die Station im Lauterbacher Eichhof ist erheblich stärker belastet als noch im Frühjahr. Dort geht man davon aus, dass man an die lokalen Versorgungsgrenzen stoßen wird, blickt aber angespannt und gleichzeitig zuversichtlich in die kommenden Wintermonate.

Noch immer sind die Coronazahlen in Deutschland zu hoch, noch immer warnt das Robert-Koch-Institut, dass die Lage ernst ist. Auch der Vogelsbergkreis bleibt davon nicht verschont, auch hier steigen die Zahlen an. Erst am Mittwoch meldete das Gesundheitsamt insgesamt 22 Neuinfektionen, 24 waren es am Donnerstag und am Freitag wieder 21. Seit Beginn der Pandemie gab es 557 Infektion, 172 sind derzeit aktiv.

„Der Vogelsbergkreis ist erheblich stärker belastet als im Frühjahr“, erklärt Chefarzt Tobias Plücker am Krankenhaus Eichhof in Lauterbach. Acht Patienten werden derzeit im Eichhof behandelt, am Montag waren es noch zehn. Drei Patienten lagen auf der Intensivstation, sieben auf der normalen Station. Mittlerweile sind zwei ältere Patienten im Krankenhaus verstorben. Insgesamt seien das doppelt so viele Patienten als noch im Frühjahr, insbesondere auf der Intensivstation.

Trotz dass der Vogelsberg stärker belastet ist als noch im Frühjahr, seien die Infektionen im Vergleich zum Landes- und Bundestrend doch deutlich besser. „Vielleicht macht sich hier die ländliche Struktur gepaart mit einer offensichtlich weitgehend disziplinierten und vernünftigen Bevölkerung positiv bemerkbar“, vermutet der Chefarzt. Solange wie die Kapazitäten im Eichhof es zulassen würden – und man den Platz nicht vollständig für die eigene Bevölkerung vor Ort benötige – stehe man solidarisch bereit, den stärker betroffenen Kreisen und Ballungsräumen zu helfen. Zwei Patienten seien es Anfang der Woche gewesen, die man aus anderen Kreisen betreut habe.

Im April hat das Krankenhaus Eichhof hat für schwere Fälle nachgerüstet und zwei weitere Beatmungsgeräten erhalten. Foto: archiv/Krankenhaus Eichhof

Neue Erkenntnisse seit der ersten Welle

Ob und wie der Vogelsberg durch die zweite Welle komme, das stehe und falle mit der Rate an erkranktem Personal. „Hier stehen wir zum Glück bisher sehr gut da und mit der für uns guten Verfügbarkeit von Schnelltests können wir auch auf viele Situationen rascher reagieren als im Frühjahr“, erklärt Plücker. Aus der ersten Welle im Frühjahr habe man viel gelernt. Wichtig sei dabei vor allem, dass man nun mehr über Blutgerinnung und mögliche Lungenembolien bei schwer betroffenen Patienten wisse. Auch über die Phase, in der es Fehlreaktionen des Immunsystems gegen den eigenen Körper geben kann, ist jetzt mehr bekannt.

„Hier haben wir mit Medikamenten zur Gerinnungshemmung und Cortison zwei einfache, aber wirksame Therapiestrategien zur Verfügung. Das hat dazu geführt, dass auch die schweren Verläufe im Durchschnitt deutlich kürzer auf der Intensivstation verbleiben müssen, als noch im Frühjahr. Ohne diese Fortschritte wären wir wahrscheinlich längst am Limit unserer Intensivkapazitäten angekommen“, sagt Plücker. Damals hätten Intensiv-Patienten noch vier bis sechs Wochen auf der Station verbracht, mittlerweile seien es zwei bis drei Wochen.

An der Strategie im Umgang mit dem Virus habe sich nicht allzu viel geändert, die Anzahl der Intensivbetten wurde schon im Frühjahr aufgestockt. Fünf zusätzliche Beatmungsbetten und neun Wachstationsbetten wurden damals eingerichtet, die allerdings erst zur Verfügung gestellt werden, wenn der Routinebetrieb eingestellt wird. Das sei derzeit nicht erforderlich. Auch Schutzausrüstung gebe es genügend, auch wenn diese sehr teuer sei. „Aber immerhin können wir unsere Mitarbeiter aktuell jederzeit optimal geschützt in den Kampf gegen das Corona-Virus schicken“, sagt der Chefarzt.

Bedenken habe er dennoch. Der Spagat zwischen der Routinearbeit und dem Händeln der Pandemie, der ist nicht wirklich einfacher geworden. Die Situation sei zwar derzeit noch vernünftig leistbar, aber dennoch belastend. „Sollten die Zahlen an Krankenhauspatienten weiter steigen, wovon ich ausgehe, wird dies schwieriger bis irgendwann unmöglich“, gibt Plücker zu bedenken. Zusätzlich sei die Situation für die Mitarbeiter sehr belastend und durch Krankheit könne es immer mal zu Personalengpässen kommen. Sollte es zu größeren Erkrankungen im Gesundheitswesen kommen, insbesondere unter dem Pflegepersonal, wird die Situation sofort sehr schwierig werden.

Das Krankenhaus Eichhof in Lauterbach. Foto: archiv/Krankenhaus Eichhof

Der Blick in die kommenden Monate: Angespannt und zuversichtlich

Der Mediziner blickt daher angespannt in die kommenden Monate. „Ich gehe fest davon aus, dass wir zumindest lokal an die Versorgungsgrenzen unseres Gesundheitswesens kommen. Hier sind dann gute Strategien zur Verteilung von Patienten und eine allgemeine Solidarität gefragt“, meint der Chefarzt. Sollten die Zahlen nicht langsam sinken, dann könne es landesweit vor Weihnachten „wirklich ungemütlich“ werden. Sicher sei er sich, dass es in diesem Jahr ein anderes Weihnachtsfest geben werde als in den vergangenen Jahren.

Trotzdem gehe das Team am Krankenhaus Eichhof zuversichtlich in die Wintermonate – und mit der „Hoffnung, dass die überwältigende Mehrheit unserer Mitbürger genauso denkt wie wir, damit wir gemeinsam, auch ohne vollständiges Herunterfahren des Landes wie im Frühjahr, die Anzahl von Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, klein genug halten, um allen eine möglichst optimale Behandlung zukommen lassen zu können“. Nach wie vor stellt er klar: Corona sei nicht einfach nur eine Grippe, wie so oft behauptet.

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