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Die Lager sind voll, doch wegen Corona gibt es keine Abnahme, die Ware droht abzulaufenGetränkehändler starten Aktion „Rettet das Fassbier“

LAUTERBACH (akr). Wegen Corona keine Veranstaltungen, keine geöffneten Restaurants, aber das Lager ist voll: Ralf Müller, Inhaber des Getränkegroßhandels „Müller und Sohn“ in Lauterbach, sitzt auf rund 70.000 Euro Fassbier fest – oder besser saß. Müller hat nämlich die Aktion „Fassbier-Retter“ ins Leben gerufen, eine Idee „um uns selbst zu helfen“, sagt Müller, denn von der ortsansässigen Brauerei fühlt er sich nach eigener Aussage im Stich gelassen.

„Das hat mich mitten ins Herz getroffen“, sagt Müller im Gespräch mit Oberhessen-live. Er spricht über die Entscheidung der Bundesregierung, dass in Zeiten der Corona-Krise nun auch Restaurants schließen mussten. Schon allein die Tatsache, dass keine Veranstaltungen mehr stattfinden dürfen, hat Müller hart getroffen, denn nun weiß er nicht mehr, was er mit dem ganzen Fassbier machen soll, das er aktuell im Lager hat. Schließlich war er auf Sommer, Sonne, Sonnenschein eingestellt – da rollen die Fässer eigentlich nur so.

„Normalerweise beliefern wir Feste, Veranstaltungen, Restaurants, wir haben einen großen Vorrat an Fassbier und als jetzt der Beschluss kam auch die Gastronomie zu schließen, ist von einem Tag auf den anderen der Fassbierumsatz quasi auf Null gefallen“, erzählt Müller. Auf rund 70.000 Euro Bier in Fässern sitze er fest- beziehungsweise saß er fest. Mittlerweile ist es nämlich schon weniger geworden, denn er hat vor einigen Tagen die Aktion „Fassbier-Retter“ ins Leben gerufen, der sich bereits einige andere Getränkefachhändler angeschlossen haben.

„Irgendwie muss ich das Bier noch zu Geld machen, bevor es abläuft“, erzählt Müller, denn an die Brauereien zurückgeben könne er es nicht, zumindest nicht an alle, wie er sagt. Deshalb ruft er jetzt über Facebook alle Fassbierliebhaber, die auf ihr frisch Gezapftes nicht verzichten wollen, dazu auf, das Fassbier zu retten, ehe es das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. „Es geht um die Existenz. Ich habe 16 Mitarbeiter, für die ich eine riesen Verantwortung trage. Seit Tagen liege ich im Bett und kann nicht schlafen“, sagt er.

Freude auf der einen, Wut auf der anderen Seite

„Die Aktion hat eingeschlagen wie eine Bombe“, freut sich Müller. Über 70 Fässer habe er von den rund 800 im Lager bereits innerhalb kürzester Zeit verkauft, alle seine Zapfgeräte sind verliehen. „Ich habe mir jetzt nochmal welche bei anderen Händlern geliehen“, sagt er. Auch wenn ihn diese positive Resonanz auf die „Fassbier-Retter“ mehr als freut, ist Ralf Müller wütend – und zwar auf die Lauterbacher Brauerei. „Die Brauerei hat uns volle Kanne gegen die Wand laufen lassen“, erzählt er mehr als verärgert. Er fühlt sich von ihr im Stich gelassen, ist „bitterlich enttäuscht“, weil sie die Rücknahme des Fassbieres verweigert habe.

Fast alle Brauereien, die er angerufen habe, seien ihm irgendwie entgegen gekommen oder hätten ihm Unterstützung angeboten, beispielsweise mit einer Wertgutschrift – bis auf drei, und dazu gehöre auch die Lauterbacher Brauerei. „Wir nehmen nichts zurück, wir gucken einfach mal“ – das habe Brauereichefin Ruth Herget-Klesper gesagt, als Müller sie kurz nach dem Entschluss, dass auch die Gastronomie geschlossen wird, fragte, wie man in dieser Situation verfahren könne.

Das sei Müller zufolge keine klare Aussage gewesen, sie hätte „um den heißen Brei geredet“ und die Brauerei habe sich „unter aller Kanone“ verhalten. Seit über 40 Jahren seien „Müller und Sohn“ und die Brauerei bereits regionale Partner und gerade deshalb sei das für ihn so ein „Schlag ins Gesicht“ gewesen, zumal er einer der größten Kunden sei. Er hätte sich von der Brauerei gewünscht, dass sie entweder die Fassbiere zurücknehme oder bei der Vermarktung unterstütze.

„Die Situation war auch für uns neu“

Doch was sagt die Brauerei zu dem Ganzen? „Für uns kam das ja auch ganz überraschend, die Situation war auch für uns neu“, erklärt die Brauereichefin auf Nachfrage von OL. Ihrer Meinung nach hätte es noch keinen Sinn ergeben, jetzt alle Fassbiere zurückzunehmen, schon allein hinsichtlich der Logistik-Kosten. „Keiner weiß, wie es weiter geht, wie lange das andauert. Ich hoffe ja, dass ab Mai die Gastro wieder die Türen öffnen darf, wenn auch unter eingeschränkten Bedingungen“, erklärt Herget-Klesper. Es mache ihrer Meinung nach keinen Sinn jetzt die ganzen Bestände wieder abzuholen und diese dann in ein paar Wochen wieder zurückzuliefern, „das wäre kontraproduktiv gewesen“.

„Wir können ja mit dem Fassbier auch aktuell nichts anfangen“, sagt Herget-Klesper weiter. Die Brauerei sei schließlich genauso betroffen, wie auch die Getränkehändler. So sei die Fassbierproduktion seit fast drei Wochen komplett eingestellt worden. Die ganze Branche müsse aktuell schauen, wie sie mit der Situation umgehe. Auch wenn die Lauterbacher Brauerei noch keine konkrete Aussage treffen kann, betont Herget-Kleper, dass sie ihre Kunden aber dennoch nicht im Regen stehen lassen möchte. „Was haben wir davon, wenn unsere Kunden auf der Strecke bleiben?“, fragt sie.

Doch man dürfe auch nicht vergessen, dass Restaurants auch nicht einfach ihr Fleisch, das Gemüse oder sonstige Waren zurückgeben können, gleiches gelte für die Kollektionen in Modegeschäften. „Die bleiben auch auf ihren Sachen sitzen, die Händler nehmen das auch nicht zurück“, sagt Herget-Klesper. Es sei einfach momentan eine tragische Situation. Natürlich wolle man helfen, doch man müsse erst einmal schauen, wie sich alles entwickelt, beispielsweise wie viele Mengen zurückgegeben werden würden. Dann könne man schauen, wer welche Kosten übernehme, ob man sie sich teile, wie man verbleibe.

Auch der Getränkefachgroßhandel Kratz aus Mücke sitzt in gewisser Weise auf seinem Fassbier fest, hat sich der Initiative #fassbierretter angeschlossen und bietet deshalb das Fassbier zu Sonderpreisen an. Er habe aber kein Problem mit der Lauterbacher Brauerei. „Sie verhält sich so wie alle unsere Lieferanten“, erklärt Inhaber Marco Kratz, andere würden das Bier auch nicht zurücknehmen. Er habe mit der Lauterbacher Brauerei eine interne Lösung gefunden, wie man mit der Situation umgehe.

7 Gedanken zu “Getränkehändler starten Aktion „Rettet das Fassbier“

  1. 180 Grad Wende von Frau Herget-Kleper (Rücknahme von Produkten wegen Ablauf der Haltbarkeit). Ihnen war der massive Image Verlust wohl doch zu groß. Zu spät, Sie haben mit Ihren ersten Stellungnahmen und Handhabungen des Problems, Ihre Glaubwürdigkeit massiv verspielt. Die Getränkelieferanten und vor allem Gastronomen, werden Ihre Geschäftspartner zukünftig sehr sorgfältig auswählen! Ihren Mitbewerbern konnten Sie keine bessere Plattform für zukünftige Partnerschaften geben. Zumal Ihre Regionalen Produkte (u.a. Alsfelder Bier) Hauptsächlich vom Namen getragen werden.

  2. Es geht auch anders…
    Lars Hauck vom Dorfbräuhaus aus Wartenberg, nimmt meine Kellerbier Fässer zurück. In einem Telefonat wollte ich eigentlich nur erfragen, ob die Haltbarkeit durch eine geänderte Lagerhaltung eventuell verlängert werden könnte (was übrigens nicht möglich ist)! Auch die Bitburger Braugruppe hat eine faire Lösung in Aussicht gestellt. Ferner habe ich mit dem Getränkehandel Thomanek einen kompetenten Lieferanten, der immer das Wohl seiner Geschäftspartner im Sinn hat. In Krisenzeiten trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich darf behaupten, dass das Laternchen mit Unternehmen zusammen arbeitet, die auch das menschliche nie aus den Augen verlieren.

  3. Wir hatten 10 30l-Fässer im Kühlraum, und haben die Brauereien gar nicht gefragt – Fassbier hat eine kurze Laufzeit – deswegen schmeckt es ja auch besonders gut – es ist nicht totgekocht, und unsere Lieferanten sind auch alle kleine Mittelständler, die meist nicht mal Flaschenbier haben. Wir haben einen Fensterverkauf gestartet, der sehr gut eingeschlagen hat – wir mussten schon Fässer nachliefern lassen. Bierverkauf in Krüge, Flaschen, Kanister – wie nach dem Krieg – herrlich. Und die Leute machen mit! Herrlich! KINTOPP Hollfeld.

  4. Herr Müller hat verständlicherweise Sorgen um seine Firma. Sein Verhalten gegenüber der Brauerei, zu dessen größten Kunden er angeblich gehört, lässt jedoch als langjähriger Geschäftspartner sehr zu Wünschen übrig und zeugt ehrlich gesagt nicht gerade von Loyalität und Kompetenz. Muss man jemanden so derart penetrant in sozialen Medien diffamieren? So wie die Brauerei-Chefin schreibt ist ja eine gemeinsame Lösung angestrebt. Wie bei allen anderen Firmen und Privatpersonen ist aufgrund dem derzeitig unbekannten Ende der Beschränkung der Gastronomie und Kontakte aufgrund fehlendem Datums keine vernünftige Planung möglich. Herr Müller, denken Sie an die Worte unseres früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt: in der Krise zeigt sich der wahre Charakter. Und denken Sie auch daran, dass es irgendwann nach der Krise wieder weiter gehen muss.

  5. Die Haltung, die Herr Müller offenkundig an den Tag legt, zeugt leider von der egoistischen Einstellung vieler in diesen Tagen, sich selbst am Nähsten zu stehen und gerne die Schuld bzw. den Schaden auf andere schieben zu wollen. Aber wieso sollte die Brauerei alleine den Schaden von Herr Müller und dann mutmaßlich auch aller anderen Getränkehändler abfangen? Wenn alle Händler jetzt ihre in den letzten Monaten gekauften Waren zurückgeben könnten, gäbe es wohl sehr bald kein produzierendes Gewerbe mehr, weil der komplette Schaden dort landen würde. Es wird wenige geben, die keinen Schaden in dieser Krise nehmen und jeder sollte seinen Teil dazu beitragen und die entstehenden Schäden mittragen. Genau für diese Fälle gibt es ja auch die Soforthilfen. Wie man lesen kann hat auch die Brauerei die Produktion von Fassbier eingestellt und macht dahingehend sicherlich schon genug Verlust. Um Existenzen geht es überall, das ist nicht ein Alleinstellungsmerkmal der Firma von Herr Müller.

    Das Zauberwort in dieser Zeit heißt Solidarität und die vermisse ich bei den Aussagen von Herr Müller leider gänzlich.

  6. …mehr als Sch+++e, wenn einem nur diese Alternative bleibt. Heute ein Tag voller Sondersendungen im TV, in denen die Auswirkungen der Anti-Seuchen-Maßnahmen der Bundesregierung und der Landesregierungen auf einzelne Branchen deutlich werden.
    Mehr als beeindruckend (Ja, diese Redewendung hat es mir – mehr als jede andere – angetan!), was den Gewerbetreibenden in ihrer misslichen Lage trotzdem noch einfällt und wie viel Solidarität untereinander es (noch) gibt. An den offenbar verzweifelten Dr. Schäfer muss ich dabei denken, der – Wirtschaftsfachmann durch und durch – diese ganzen Folgerungen für Tausende von Existenzen wohl frühzeitig hat kommen sehen und die Last der Verantwortung entweder nicht tragen konnte oder – auch das wäre möglich – in seiner ihm eigenen, charaktervollen Art übernommen hat, selbst wenn ihn persönlich kein Funken einer Schuld trifft. Die Regierung war mit kurzfristigen Überbrückungsangeboten und Kredit-Garantien schnell bei der Hand. Für die Regierung einer parlamentarischen Demokratie, so könnte man weiter witzeln, mehr als schnell. Doch in den öffentlichen Diskussionen wird auch immer klarer, um welche unfassbaren Summen es beim Ausgleich der Einnahmeverluste der Wirtschaft durch den Staat geht und wie kurz die Zeiträume sind, in denen solche öffentlichen Garantien überhaupt noch Sinn machen. So wird man auf breiter Basis genau das tun müssen, was einzelne jetzt schon versuchen: In der globalen Katastrophe ein Stück weit Normalität herzustellen, selbst wenn das für den einzelnen mit mancherlei Belastungen verbunden ist. An die blöden Fahrradhelme haben wir uns gewöhnt. Da sollte der Gesichts-Schutz beim Einkaufen auch kein Problem sein. Das jedenfalls wäre mehr als klug und hilfreich.

  7. Herr Kratz hat aber vergessen zu erwähnen, wer an „seinem“ Unternehmen mitbeteiligt ist. Ein Blick ins Handelsregister erklärt seine interne Lösung.

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