VideoBauen und Wohnen0

Seit 2017 wird das Haus in der Mainzer Gasse 18 saniert - Ein Rundgang und Gespräch mit Besitzer Rudolf Knierim„Der Charme des Fachwerks muss erhalten bleiben“

ALSFELD (akr). Der historische Charme des alten Fachwerkhauses in der Mainzer Gasse 18 ist gesichert – von außen zumindest. Im Inneren des ehemaligen Spielwarengeschäfts der Familie Helbig gibt es noch einiges zu tun. Seit 2017 wird das denkmalgeschützte Gebäude aufwendig saniert. Gekauft hat es der gebürtige Alsfelder Rudolf Knierim, dessen Familiengeschichte auf einer 300-jährigen Metzgertradition im Nachbarhaus beruht. Ein Rundgang und Gespräch mit dem Besitzer.

Betrachtet man das Fachwerkhaus in der Mainzer Gasse 18 von außen, dann könnte man nicht meinen, dass im Inneren des Gebäudes derzeit aufwendige Sanierungsarbeiten laufen. Von außen nämlich, erstrahlt das Fachwerkhaus, an dessen Front der Name „Johannes Helbig“ prangt, bereits im neuen Glanz. Zu verdanken ist das Rudolf Knierim. Der gebürtige Alsfelder hat das Gebäude 2017 gekauft, um es wieder auf Vordermann zu bringen und es vor dem Verfall zu retten – eine arbeits- und zeitaufwendige Aufgabe.

„Eigentlich wollte ich mir das in meinem Alter nicht mehr antun“, lacht Knierim und öffnet die dunkelbraune Eingangstür, vor der aktuell noch ein Gerüst steht, läuft durch den kleinen, schmalen Flur in Richtung Keller. Mit eingezogenem Kopf steigt der die paar Stufen hinunter. „Die Technik wurde dem Gebäude schon eingehaucht“, erklärt Knierim, der in Nußloch bei Heidelberg als selbstständiger Ingenieur arbeitet. Im Keller liegt noch ein Teil der Ladeneinrichtung des Spielwarengeschäfts. „Damit hat Otto Helbig damals die Ware nach oben ins Haus bekommen“, erklärt Knierim und zeigt auf den Warenaufzug hinten im Eck, der per Handarbeit betrieben wurde.

„Das war sehr aufwendig“

Das Haus in der Mainzer Gasse müsste so um das Jahr 1800 entstanden sein, schätzt der Ingenieur. In dem Einzeldenkmal gibt es einen Keller, ein Erdgeschoss, in dem sich aktuell die Automaten der Sparkasse befinden, ein erstes und zweites Obergeschoss sowie ein Dachgeschoss. Nicht zu vergessen: die Dachterrasse. „Die Dachkonstruktion war kaputt, es war Wasser eingetreten, dass man nicht bemerkt hatte. In zwei oder drei Jahren wäre das Dach vielleicht auf mein Elternhaus gefallen“, erzählt Knierim. Das alles wieder zu rekonstruieren, „das war sehr aufwendig, vor allem, weil man ja nicht mehrere Monate einen Kran in der Mainzer Gasse hinstellen kann“, erzählt er. Die ganzen Bauteile mussten in zeitlich eng begrenzten Zeitfenstern mit LKW-Kränen abgeladen und dann auf die Rückseite des Gebäudes gebracht werden.

Die Dachkonstruktion war in einem sehr schlechten Zustand. Foto: Knierim

Das alles habe natürlich viel Geld verschlungen. „Wenn die äußere Gebäudehülle nicht sicher ist, kann man mit dem Gebäude nichts anfangen, weil Witterungseinflüsse sonst immer wieder zu Nacharbeiten führen“. Es sei bei der Sanierung eines Fachwerkhauses einfach wichtig, dass man es vollständig entkernt, sprich: man sollte es von Grund auf betrachten, damit die ursprüngliche Baukonstruktion  einsehbar wird und später keine „bösen Überraschungen“ auf einen zukommen.

Knierim läuft die schmale Treppe hinauf in das erste Obergeschoss. „Das könnte ein Kinder- oder Arbeitszimmer werden“, sagt er. Noch ist es ein einziger großer Raum, aus dem im weiteren Bauverlauf zwei Räume werden sollen. Es fehlt auch noch der Holzbodenbelag, auch die Wände und die Decke sind noch nicht verputzt. Die Balkendecken sollen möglichst sichtbar bleiben. Die Trittschalldämmung zwischen den Wohnungen muss aber auch beachtet werden. „Gerade Wände und gerade Fußböden, das sind Dinge von denen man sich verabschieden sollte, wenn man in einem Fachwerkhaus wohnt“, lächelt er. Wer ein Fachwerkhaus will, der solle das annehmen, was ein Fachwerkhaus mit sich bringt. „Natürlich bekommt man die ein oder andere Forderung vom Denkmalschutz, aber Kompromisse lassen sich finden“, erklärt er.

Im weiteren Bauverlauf sollen hier zwei Räume entstehen.

Den Häusern ihre Gesichter zurückgeben

Es gibt aber auch Dinge, an die müsse man sich halten: die Außenfassade, Dacheindeckung oder auch die Fenstergestaltung zum Beispiel. Dann geht er zum Fenster, öffnet es und blickt nach draußen. „Häuser haben Gesichter und in Alsfeld sieht man leider, dass die Gesichter der Häuser vielfach zerstört wurden. Ich würde mir wünschen, dass alle Bürger, die ein solches Haus besitzen, ihren Häusern ihre Gesichter wieder zurückgeben.

Kunststofffenster ohne Sprossen? Da sollte man sofort Stopp sagen“, betont er. Die Sprossenfenster aus Holz seien zwar teurer, aber sie würden eben den Häusern ihre Gesichter zurückgeben. „Der Charme des Fachwerks muss erhalten bleiben, sonst sollte man besser in einen Neubau ziehen“. Jeder Hausbesitzer in der Altstadt ist Bestandteil eines Teams. Durch den Einbau nicht denkmalgerechter Fenster zerstört er das Gesamtbild des Teams. Das ursprüngliche Erscheinungsbild meiner Heimatstadt können wir nur gemeinsam wieder herstellen. An diese Verantwortung sollten alle Objektbesitzer denken. Ich appelliere auch an das Handwerk und dessen Beratungskompetenz. Die Stadtverwaltung sehe ich hier als Moderator und Berater bei der Einwerbung von Fördermitteln.

Hier in der Mainzer Gasse 18 habe man nur mit Naturstoffen gebaut, beispielsweise Lehm, Holz oder Hanf. „Kein Fenster wurde mit Bauschaum, sondern mit Quellbändern eingesetzt oder mit Hanf abgedichtet“, erklärt der Ingenieur. Es gebe nämlich Stoffe, die in einem Fachwerkhaus nichts zu suchen haben, weil sie sich mit anderen Baustoffen nicht vertragen, Gips zum Beispiel. Deshalb müssen auch noch alte Spuren von Gips und Zement beseitigt werden.

Sehr verbunden mit der Heimatstadt

In Sachen Denkmalschutz hat der gebürtige Alsfelder tatkräftige Unterstützung, denn seine Lebensgefährtin arbeitet als Gutachterin für Denkmäler. „Da habe ich eine gute Beratung an meiner Seite“, lacht Knierim, den es 1979 als Jungingenieur nach Heidelberg verschlagen hat, und dessen Lebensmittelpunkt nun in Nußloch ist. Doch auch wenn er Alsfeld vor fast 40 Jahren den Rücken gekehrt hat, verbindet ihn noch viel mit seiner Heimatstadt. Mindestens zehn Mal pro Jahr stattet er Alsfeld einen Besuch ab.

Das Haus in der Mainzer Gasse 18 grenzt an sein Elternhaus.

„Ich habe in Alsfeld eine schöne Jugend verbracht. In den zurückliegenden Jahren habe ich zunehmend kritisiert, dass die Stadt an manchen Stellen verkommt“, erzählt er. Man dürfe aber nicht nur Kritik üben, sondern müsse eben auch selbst etwas verändern. „Das ist mein Beitrag“, sagt er stolz. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es dem Gebäude, das direkt an sein Elternhaus angrenzt, so ergeht, wie manch anderem hier. „Wir haben Objekte in Alsfeld, die wurden gekauft, ohne jegliche bauliche Instandsetzung mit Mietern gefüllt und unter starkem Substanzverlust abgenutzt. Es gibt Objekte bei denen selbst ein Mindestmaß an substanzsichernden Erhaltungsaufwand unterbleibt. Das konnte ich mir direkt neben meinem Elternhaus nicht vorstellen“.

Nun, von außen erstrahlt die Mainzer Gasse 18 bereits im neuen Glanz. Im Inneren gibt es noch einiges zu tun. Noch fehlen der Putz, der Trockenbau, die Fußböden und natürlich die Feinmontage, wie beispielsweise die Badeinrichtung. „Ich hoffe, dass wir bis zur Jahresmitte fertig sind“, lächelt er, damit das Haus auch endlich von Innen mit seinem Fachwerk-Charme zukünftige Mieter, die dies zu schätzen wissen, verzaubern wird.