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„Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß – Neuaufstellung fraglich“Neue Arbeit Vogelsberg gGmbH stellt Insolvenzantrag

ALSFELD (ol). Die Neue Arbeit Vogelsberg hat am Donnerstag einen Insolvenzantrag beim zuständigen Insolvenzgericht Gießen gestellt. Dies teilen der Vogelsbergkreis und das Evangelische Dekanat als Hauptgesellschafter in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Zuletzt waren bei der Einrichtung 74 Mitarbeiter beschäftigt.

Die Neue Arbeit Vogelsberg gGmbH, eine kirchlich-kommunale Gesellschaft für berufliche Integration, entstand aus der in den 80er-Jahren aktiven Arbeitsloseninitiative Alsfeld. Sie half bislang Langzeitarbeitslosen, Menschen ohne Ausbildung oder Geflüchteten dabei, einen Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen – mit speziellen Job-, Weiterbildungs-, und Ausbildungsangeboten.

Von den zuletzt 74 Mitarbeitern waren 47 in Teilzeit und 27 in Vollzeit beschäftigt – unter anderem in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau, Bausanierung oder im Kaufhaus „Alte Molkerei“ in Alsfeld. Der Vogelsbergkreis hält 40 Prozent der Gesellschafteranteile, ebenso das Evangelische Dekanat Vogelsberg. Mit 20 Prozent ist der Verein für Ausbildung und Umwelt (VAU e.V.) an der Gesellschaft beteiligt.

„Eine schwierige wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft hat sich schon seit Jahren abgezeichnet“, kommentiert Landrat Manfred Görig die Entscheidung. „Auch der Vogelsbergkreis hat unterstützend eingreifen müssen, doch jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir keine zusätzlichen Hilfen mehr leisten dürfen.“

Der Kreis hatte nach eigenen Angaben von 2016 bis 2018 insgesamt 200.000 Euro zusätzliche Finanzhilfe zur Verfügung gestellt mit der Maßgabe, eine Neuaufstellung der Gesellschaft und eine „Verbesserung der Ertragslage zu erreichen“, wie es heißt. „Es hat viele positive Veränderungen in der Neuen Arbeit gegeben, in der Summe war das jedoch nicht ausreichend“, sagt der Landrat.

Er spricht von einer „bedauerlichen Entwicklung“. Die Gesellschaft habe in den letzten Jahren durchweg negative Zahlen geschrieben, trotz Finanzhilfen der Gesellschafter. „In diesem Zusammenhang möchte ich der Kirche meinen Dank aussprechen für die Bereitschaft zu erheblichen Finanzhilfe.“ Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hatte sich der Pressemitteilung zufolge in den vergangenen Jahren mit circa 1,9 Millionen Euro in der Qualifizierungsgesellschaft engagiert.

Weniger Arbeitslose im Vogelsbergkreis

Zum Hintergrund der Entscheidung sagt Görig: „Arbeitsmarktmaßnahmen müssen heute alle öffentlich ausgeschrieben werden, die Neue Arbeit Vogelsberg hatte hier mit starker Konkurrenz zu kämpfen und oft das Nachsehen, konnte die Ausschreibungen nicht für sich entscheiden.“ Auch sei das Umfeld ein anderes geworden, die Arbeitslosenquote im Vogelsbergkreis liege aktuell bei 3,4 Prozent, das heißt es seien viel weniger Menschen arbeitslos als noch vor wenigen Jahren. Letztendlich gebe es dadurch auch weniger Maßnahmen mit weniger Teilnehmern.

Die Neue Arbeit Vogelsberg, so Landrat Görig, „hat in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, allerdings hat sich das Konzept ein Stück weit überlebt, die Situation ist eine völlig andere geworden“. Man werde nun „Gespräch mit der Insolvenzverwalterin suchen“.

Die Nachricht von der Insolvenz sei im Dekanat mit Besorgnis aufgenommen worden, heißt es in der Mitteilung. Dort macht man sich nun um die Menschen Gedanken, die trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt bislang auf Hilfe und spezielle Jobangebote angewiesen waren. „Wir hoffen natürlich, dass die Insolvenz der Gesellschaft die Möglichkeit gibt, ihre Strukturen zu ordnen und in einer den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen angepassten Form weiterzumachen“, so Sylvia Bräuning, ehrenamtliche Vorsitzende der Dekanatssynode, Abgeordnete des Dekanats in der Gesellschaftersammlung und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende.

Zu dem nun angelaufenen Insolvenzverfahren wolle man sich von Seiten ihres Hauses derzeit nicht äußern, sondern das Ergebnis abwarten, sagt Dekanin Dr. Dorette Seibert, die jedoch auch ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, für möglichst viele der beschäftigten Menschen eine gute Lösung zu finden. „Die vom Gericht bestellte Insolvenzverwalterin wird nun prüfen, wie es um die wirtschaftliche Lage und die Zukunftsperspektiven der Neue Arbeit Vogelsberg bestellt ist – bis zum Jahresende wissen wir sicherlich alle mehr.“

17 Gedanken zu “Neue Arbeit Vogelsberg gGmbH stellt Insolvenzantrag

  1. Und was passiert jetzt mit uns? Wir die uns um die Reinigung der Schulen und Turnhallen in der Region kümmern? Der Reinigungsdienst ist die größte Abteilung der Firma, allerdings hört man von uns hier nix. Was glaubt ihr wer die Schulen eurer Kinder sauber hält? Von 1 euro jobs kann hier nicht die rede sein, da wir nach Tarif bezahlt wurden. Ständig neue Ausschreibungen vom Kreis, immer muss es günstiger werden und dann wird sich beschwert wenn die Firma pleite geht. Für mich war diese Firma toll. Ich , alleinerziehend mit 3 Kids, habe dort meine Möglichkeit bekommen harz4 den Mittelfinger zu zeigen, und nun stehe ich wieder da.

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    1. Du hättest halt nicht Hartz IV den Mittelfinger zeigen sollen, sondern zum Beispiel bei der letzten Kreistags-/Landratswahl den „bürgerlichen Parteien“ (GroKo) und ganz besonders dem „Genossen Görig“. Aber eines führt uns Dein Kommentar immerhin vor Augen: Die sparwütigen Kommunen sind im Vergleich zur Privatwirtschaft die mit Abstand härteren Ausbeuter. Schickt die ganze Bande bei Eintritt ihres Ruhestands ins Pflegeheim. Und zwar nach Albanien. Oder Libyen.

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      1. Woher wissen sie denn wen und was ich wähle? Und ich für meinen Teil habe keine Lust vom Amt zu leben. Daher werde ich Harz 4 so lange es mir irgendwie möglich ist weiterhin den Finger zeigen.

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      2. „Woher wissen sie denn wen und was ich wähle?“
        Muss ich ja gar nicht wissen, um Ihnen zu empfehlen, diesen oder jenen NICHT zu wählen. Der Rest ist Ihre Privatsache. Vielleicht führt ja die AfD demnächst bei der Arbeitslosenstatistik die Kategorie „allein erziehend und stolz“ ein. Dann zählen Sie auch mal mit.

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    2. Solche fleißigen Menschen wie du, finden sofort was neues.Mach dir keien Gedanken.

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  2. Hatt euch der sPD Landrat im Stich gelassen. So sozial ist die sPD nunmal heute. Ganz im Sinne von Olaf Scholz!!!

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  3. Komisch… wie kann so eine Firma Insolvent gehen??? Haben doch nur billig Arbeiter gehabt (1€ Jobs) und die Langzeit Arbeitslosen ausgenommen und verar……und die Preise im Handwerk in Alsfeld kaputt gemacht! Wer weiss wer sich da wieder mal die Kippen auf last der anderen voll gemacht hat!

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    1. Die hatten auch eine Ebay Abteilung, da wurden viele Wertsachen im Internet verkauft und haben damit auch gutes Geld verdient.Die Waren stammen von Wohnungs/Haushalts auflösungen von verstorbenen Menschen mitgenommen worden sind der Rest wurde im eigenem „Kaufhaus“ verkauft.
      Kann auch nicht verstehen das so ein Unternehmen Pleite gehen kann(was auch noch vom Kreis finanziel unterstützt worden ist. :(

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  4. Musste auch bei der neuen Arbeit auch für 1€ arbeiten, weil das Jobcenter das wollte 1x 6 Monate 1x 8 Monate und gebracht hat es nichts, bin immer noch Arbeitslos seit 20 Jahren.

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    1. Wenn man so liest, was du hier von dir gibst, lieber Pyromane vom Acker, ist es nicht verwunderlich, dass du seit 20 Jahren einen Job suchst.

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  5. Nun, was immer hier gemeint ist (irgendwas zwischen gezimmert, gepimpert und gepimpt, I guess), so bleibt der ungute Eindruck, dass wir wieder mal Zeugen eines schleichenden Sozialabbaus werden. Auf der anderen Seite geht es um öffentliches Geld, egal ob aus Kirchensteuer- oder Steuermitteln. Es macht wenig Sinn, schlechtem Geld immer weiter gutes hinterher zu werfen. Aber wurde wirklich alles getan, um rechtzeitig umzusteuern, konzeptionell und finanziell? Warum hat man nur immer das Gefühl, dass Trägheit, Inkompetenz oder Dilettantismus letztlich zu diesem Ergebnis geführt haben?
    Um das Sozialkaufhaus in der alten Molkerei inklusive angegliederter Werkstatt für die Aufbereitung von Möbeln aus Haushaltsauflösungen wäre es wirklich schade. Ich verstehe nicht, wieso solche Projekte mit einer ausgewiesen sozialintegrativen und sozialtherapeutischen Funktion finanziell nicht auf ein viel breiteres Fundament (z.B. ARGE, Krankenkassen usw. als Mitfinanciers) gestellt werden.

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    1. Ich formuliere es mal ein bisschen flapsig. Für mich war die Neue Arbeit eine Verein, in dem Leute, die es sonst nicht so auf die Kette kriegen, ein Arbeit, Beschäftigung oder Ausbildung bekommen und dadurch Struktur, Wertschätzung und ne sinnvolle Tätigkeit erhalten. Und das auf Arbeitsfeldern, die noch was gemeinnütziges haben. Dass das kein profitables Unternehmen sonder ne soziale Einrichtung ist, ist für mich offensichtlich. Und das so etwas nicht bankrott geht, sondern am Tropf der Förderer hängt, ist auch klar. Die sind nicht – oh wie schrecklich – im harten Wirtschaftsleben unterlegen und insolvent…nein, denen hat man schlicht den Geldhahn zugedreht, weil die Kohle jetzt für was anderes ausgegeben werden soll, vom Kreis und dem Dekanat. Das ist der Punkt und die echten Hintergründe zu sehe.

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      1. mein lieber Klaus. Aber dass „so etwas nicht bankrott geht, sondern am Tropf der Förderer hängt“, die dann irgendwann den Geldhahn zudrehen, kann so nicht stimmen. Selbstverständlich kann auch eine Qualifizierungsgesellschaft, die als gemeinnützige GmbH organisiert ist, in Konkurs gehen, wenn die Einnahmen die Ausgaben dauerhaft übersteigen. Hauptschuld dafür trägt natürlich dieser neoliberale Schwachsinn, Anbieter von Qualifizierungsmaßnahmen auf einem „Markt“ gegeneinander antreten zu lassen, um sich auf Ausschreibungen zu bewerben. Der billigste Anbieter bekommt den Zuschlag bei der Maßnahme, und die neue Arbeit war eben vielfach zu teuer. Die Art und Weise, wie die Ausschreibungsbedingungen erfüllt werden, ist nur schwer zu überprüfen und zu vergleichen. Außerdem: Wer sollte das machen? Eine qualifizierte Prüfungskommission? Wo käme die denn plötzlich her? Also entscheidet letztendlich nur der Preis. Billig, billig, billig. Nach diesem Prinzip hat man ja schon den Pflegesektor ruiniert, jetzt ist eben der nächste Teilbereich des Sozialsystems dran.
        Vielleicht würde sich ja etwas ändern, wenn z.B. Landräte sich nach einem vorherigen strengen Eignungsverfahren den Wählern mit ihren Gehaltsvorstellungen präsentieren würden? Der Schlaueste und Bescheidenste bekäme den Job.

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      2. …“denen hat man schlicht den Geldhahn zugedreht, weil die Kohle jetzt für was anderes ausgegeben werden soll, vom Kreis und dem Dekanat.“
        Dekanat (offensichtlich bis dahin der engagierteste „Neue Arbeit“-Geldgeber) kann ich schlecht beurteilen. Man liest nur immer, dass die Kirche in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckt, weil die Mitglieder davon laufen und die Kirchensteuereinnahmen dementsprechend zurückgehen. Es ist auch kaum bekannt, dass nicht die Privatwirtschaft, sondern der Staat und an zweiter Stelle Caritas und Diakonie die höchste Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse (insbesondere befristete Arbeitsverträge!) „anbieten“ oder besser zumuten.
        Wofür der Vogelsbergkreis Geld ausgibt, bleibt dort, wo nicht zwingend entsprechende Offenlegungspflichten (Kreistag) bestehen, weitgehend intransparent. Noch heute warte ich auf Aufklärung, wo 335.000 Euro Bundeszuschüsse aus dem Projekt „Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“ geblieben sind, die der Vogelsbergkreis 2016 eingesackt hat (siehe https://www.oberhessen-live.de/2016/10/09/kooperation-bei-daseinsvorsorge-und-mobilitaet/). Weder aus einem Zwischenbericht 2016< (https://www.vogelsbergkreis.de/kreisverwaltung/aemter/amt-fuer-wirtschaft-und-den-laendlichen-raum/amt-fuer-wirtschaft-und-den-laendlichen-raum/dorf-und-regionalentwicklung/bmvi-modellvorhaben.html) noch aus dem Abschlussbericht des Projekt ( http://www.modellvorhaben-versorgung-mobilitaet.de/fileadmin/files/dokumente/Abschlussbrosch_Versorgung_Mobilitaet_laendl_Raum_barr_frei.pdf) werden Aktivitäten oder Ergebnisse aus dem VB ersichtlich, die auch nur einen Bruchteil der Ausgaben in der genannten Höhe rechtfertigen würden. Wo ist dieses Geld bzw. eine nachvollziehbare Aufstellung aller Ausgabeposten???

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  6. Der Kommentar von meiner Vorschreiberin ist so nicht richtig! Die „Neue Dienste Vogelsberg“ ist eigenständig und hat mit der Insolvenz der „Neue Arbeit“ NICHTS zu tun! Die Neue Dienste ist nicht insolvent!!! Ich muss es wissen, denn ich bin ein Teil der Neue Dienste Vogelsberg NDV GmbH! MfG

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  7. Sehr Schade…..
    mehr als Schade !
    Soweit ich es beurteilen kann hat die “ Neue Arbeit “ in all den Jahren gute Arbeit geleistet :-)
    In meinen Augen wird soviel “ unnützes “ gefördert und gepimmert……
    Allein die “ Alte Molkerei “ mit ihrem Kaufhaus …. die “ Neuen Dienste “ nur als Beispiel sind wichtig und eine Bereicherung.
    Kann nur an die Entscheidungsträger appellieren auf die ehrliche Suche nach einer erhaltenden Lösung zu gehen.
    Mfg
    Sabine Doetsch

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