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Dirigierrolle des Alsfelder Passionsspiels für eine Museumsausstellung zur Verfügung gestelltEin Stück Alsfelder Geschichte verliehen

ALSFELD (akr). Ein Stück Alsfelder Geschichte hat am Dienstag sein Zuhause im Alsfelder Stadtarchiv verlassen und sich auf den Weg nach Bingen am Rhein gemacht: die Originalhandschrift der Dirigierrolle des Alsfelder Passionsspiel wurde für die Sonderausstellung „Klangwelten des Mittelalters“ dem Museum am Strom zur Verfügung gestellt.

Eigentlich ist die Dirigierrolle des Alsfelder Passionsspiel im Stadtarchiv zu Hause, in einem Gebäude, das fast so alt ist wie das Stück Alsfelder Geschichte selbst – rund 500 Jahre. Eine genaue Jahreszahl gibt es allerdings nicht. „Sie ist wahrscheinlich zwischen 1501 und 1511 entstanden“, erklärt Stadtarchivar Dr. Norbert Hansen.

Sinn und Zweck einer Dirigierrolle war es, genaue Bühnenanweisungen bereitzuhalten, sprich: wer tritt wann auf, was ist das Stichwort für den nächsten Akteur und viele weitere Informationen. Vielen Bürgern ist der Begriff „Dirigierrolle“ wahrscheinlich weniger geläufig, als die Veranstaltung zu der sie gehört: dem Alsfelder Passionsspiel.

Stadtarchivar Dr. Norbert Hansen und die Dirigierrolle des Alsfelder Passionsspiels. Fotos: akr

Das Alsfelder Passionsspiel ist ein Teil der Hessischen Passionsspielgruppe und ein bedeutender Beleg für die kulturelle Blütezeit der Stadt im ausgehenden Mittelalter. Es handelt sich um ein geistliches Spiel, das die Darstellung des Leidens und der Auferstehung Christi sowie der Ausgießung des Heiligen Geistes zeigt. Insgesamt rund 188 Personen sollen an den Aufführungen mitgewirkt haben.


Überliefert sind drei Aufführungen während der Osterwoche aus den Jahren 1501, 1511 und 1517. Die Rolle kann aber keiner der drei bekannten Aufführungen direkt zugeordnet werden. Deswegen sei es schwierig, eine genaue Entstehungszeit festzulegen. „Vermutlich ist sie in der Zeit zwischen den beiden erstgenannten Jahren entstanden, da gegenüber 1501 eine Texterweiterung vorliegt, aber aus der 1511er Aufführung nicht alle Szenen erwähnt sind“, erklärt der Stadtarchivar.

„Das Alsfelder Passionsspiel war eine gemeinsame Veranstaltung der Stadt und der Kirche“, erklärt Hansen. Aufgeführt worden sei es auf einer dreistöckigen Bühne auf dem Marktplatz im Herzen der Stadt. Die Originalhandschrift des Passionsspiels – an dieser Stelle nicht zu verwechseln mit der Dirigierrolle, die an diesem Dienstag verliehen wurde –  wird allerdings in Kassel aufgehoben. Als 1842 ein Umbau im Rathaus anstand, verkaufte man alles, was man nicht mehr brauchte, quasi allerhand Papierkram.

Das Alsfelder Passionsspiel

Mit dabei war auch die 48 Blätter umfassende Handschrift des Passionsspiels. Den kulturhistorischen Wert hatte damals aber niemand erkannt – außer Pfarrer Gutberlet aus Breitenbach. Der hatte den historischen Schatz damals für „einen Thaler“ erworben und sie 1843 an Friedrich August Christian Vilmar verkauft, aus dessen Nachlass sie endgültig in die Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel gelangte.

Ehrenstadtverordnetenvorsteher Heinz Heilbronn, Stadtarchivar Dr. Norbert Hansen, Museumsleiter Dr. Matthias Schmandt und Restaurator Paul Engelmann.

Erst knappe 50 Jahre später wurde die Dirigierrolle im Rathaus von R. Adamy und E. Otto gefunden, „in einer alten, seit vielen Jahrzehnten verschlossen gebliebenen Truhe im zweiten Obergeschoss“, erzählt Hansen. Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um eine „Rolle“, wie der Name vermuten lässt. Nein, es sind 45 Blätter einer spielbegleitenden Regieanweisung im Hochformat von 33 x 11 Zentimetern. 1969 wurden die gut erhaltenen, losen Papiere restauriert und zu einem Buch gebunden. Bis heute wird sie im Stadtarchiv aufbewahrt.


Die kommenden drei Monate allerdings nicht mehr. Sie wird für die Sonderausstellung „Klangwelten des Mittelalters“ dem Museum am Strom in Bingen am Rhein zur Verfügung gestellt. Abgeholt hat das Stück Alsfelder Geschichte am Dienstag der Museumsleiter Dr. Matthias Schmandt und der Restaurator Paul Engelmann. „Es ist eine Bereicherung für unsere Ausstellung“, bedankte sich Schmandt, der mit der Dirigierrolle des Alsfelder Passionsspiels bestens vertraut ist.

Während die rot unterstrichenen Regieanweisungen überwiegend in Latein geschrieben sind, steht von den deutschen Vortragstexten jeweils nur der erste Vers als Stichwort.

Auch Ehrenstadtverordnetenvorsteher Heinz Heilbronn, der an diesem Tag den Rathauschef Stephan Paule vertrat, bedankte sich bei Schmandt und seinem Team und machte nochmal darauf aufmerksam, dass das „die Dirigierrolle nicht weniger Wert ist als das Alsfelder Rathaus“, auch wenn sie weniger bekannt sei. Dann nahm der Restaurator das gute Stück entgegen – selbstverständlich mit Handschuhen – und machte es vorsichtig und vorschriftsmäßig für die kleine Reise nach Bingen bereit, bis es Ende Dezember wieder zurück in sein Zuhause, das Alsfelder Stadtarchiv, zurückkehrt.


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