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Interview mit der Vogelsberger JU-Chefin Jennifer Gießler zur Lage ihrer Partei„Ich habe mich in der CDU noch nie unwohl gefühlt“

EXKLUSIV| VOGELSBERGKREIS (jal). Die CDU hat ein paar holprige Tage hinter sich. Im Interview mit OL verrät Jennifer Gießler, Vorsitzende der Jungen Union im Vogelsberg, wie sie die AfD im Kreis zurückdrängen will, was sie von AKK als Kanzlerin hält – und warum sie sich das Rezo-Video nicht angeschaut hat.

Kurz vor der Europawahl, bei der die Union über acht Prozent einbüßen musste, veröffentlicht ein junger YouTuber ein Video, das den Titel „Die Zerstörung der CDU“ trägt. Darin rechnet er aus Sicht einer jungen, netzaffinen Generation eiskalt mit der Politik der Partei ab. Der Clip stieß auch in der realen Welt eine große Debatte an, dutzende YouTube-Kollegen verteidigten Rezo. Was läuft schief zwischen einer Jugend, die sich gerade stark politisiert, und der Partei Konrad Adenauers?

Darüber sprach Oberhessen-live via WhatsApp-Chat mit Jennifer Gießler. Die 25-Jährige ist Chefin der Jungen Union, also der Jugendorganisation der CDU, im Vogelsbergkreis.

Oberhessen-live: Frau Gießler, wie sehr schämen Sie sich gerade, als junger Mensch Mitglied der CDU zu sein?

Jennifer Gießler: Was verstehen Sie unter Scham? https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schamgefühl


Nun ja, man könnte auch anders fragen – ob es Ihnen die vergangenen Tage unangenehm war, als junger Mensch in der CDU aktiv zu sein. Oder ob Sie sich unwohl gefühlt haben.

Ich habe mich in der CDU noch nie unwohl gefühlt.

Aber mal ehrlich: Galt die Partei nicht schon immer als eine, die sich wesentlich mehr für die Belange der Älteren einsetzt, als für die der Jüngeren?

Die CDU hat in den letzten Jahren sehr viel für junge Menschen erreicht: Die Wirtschaft brummt und junge Menschen finden gute Arbeitsplätze. Familien werden immer weiter unterstützt. Es werden keine neuen Schulden gemacht und der große Schuldenberg abgebaut. Die Bildung und Forschung wird immer weiter gefördert und entwickelt. Das ist alles Politik für junge Menschen.

Und gerade als junger Mensch kann man sich sehr gut mit seinen Ideen und Vorschlägen einbringen und damit die Zukunft gestalten.


Wenn ich gute Kommentare zur deutschen Politik lesen will, kaufe ich mir die Süddeutsche ZeitungGießler über das Rezo-Video

Das scheinen eine ganze Reihe junger Wähler gerade anders zu sehen. Bei den 18-24-Jährigen haben gerade noch 12 Prozent die Union bei der Europawahl gewählt. Bei der SPD waren es nur 8 – aber bei den Grünen ganze 34 Prozent. Das muss sie doch stutzig machen. Irgendwas macht die CDU ganz offensichtlich verkehrt, wenn es um junge Menschen geht.

Es gibt die These, dass es jungen Menschen durch ausreichend Arbeits-, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten im Moment sehr gut geht und dies auch auf eine gute CDU-Politik zurückzuführen ist. Aber das ist jetzt abgehakt. Jetzt gibt es neue Themen.

Die CDU ist sowohl im Bund, als auch in Hessen und im Vogelsbergkreis als stärkste Partei an der Regierung. Eine Opposition kann da mehr mit hippen Ideen punkten.

In jedem Falle kümmern sich junge Leute offensichtlich mehr als früher um Fragen von Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Mit diesen Themen müssen wir uns in der CDU intensiver beschäftigen.

Die CDU und Klimaschutz

Beschäftigen klingt nett. Was heißt das konkret? Was muss, was will Ihre Partei in Sachen Klimaschutz fordern und umsetzen, damit die Jungwähler zurückkommen – und die CDU nicht als unglaubwürdige „grüne Kopie“ vom Original abtun?


Der erste Schritt ist doch, dass wir das als Kernthema identifizieren und uns intensiv damit auseinandersetzen. Dies geht nicht über Nacht. Eine Partei hat viele Möglichkeiten zur Meinungsbildung. Es geht aber nicht darum den X-ten Maßnahmenkatalog herauzuposaunen… und dann passiert nichts. In erster Linie sind jetzt die Bundes- und Landespartei gefragt, und ich bin mir sicher, die sind dabei, es auch zu begreifen.

Haben Sie das Rezo-Video angeschaut? Komplett?

Nee. Nicht jedes Mitglied der CDU Deutschlands muss sich dieses Video anschauen.

Ist das Ihr Ernst? Das ist der erfolgreichste Kommentar zur deutschen Politik der jüngsten Zeit – und er trägt den Titel „Die Zerstörung der CDU“ – Ihrer Partei! Und so etwas schauen Sie sich nicht an?

Wenn ich gute Kommentare zur deutschen Politik lesen will, kaufe ich mir die Süddeutsche Zeitung.


Die hat sich mit dem Video auch ausführlich befasst. Und auch mit der Reaktion Ihrer Parteichefin darauf. Die wurde von vielen so gewertet, als fordere sie eine Meinungszensur im Netz.Das ist doch genau das, was die junge Generation der CDU seit der Upload-Filter-Debatte eh schon vorwirft. Ein schlechteres Krisenmanagement kann es doch gar nicht geben. 

AKK hat von „Regeln“ und nicht von „Zensur oder Regulierung“ gesprochen hat. Regeln, die sich Journalisten selbst gegeben, gibt es aber schon seit mindestens 70 Jahren, nicht nur in Deutschland übrigens. Eine Diskussion darüber lohnt sich doch; welche „Regeln“ gelten denn für quasi-journalistische Kommentare im Netz. Darum ging es AKK. Darüber sollte man ohne Hysterie und Schaum vor dem Mund diskutieren können.

Danke für das Interview.

Aber das was AKK behauptet hat, führt in die Irre. Sie sagte sinngemäß, es sei bedenklich, wenn sich kurz vor einer Wahl 70 Zeitungen zusammenschließen und eine gemeinsame Wahlempfehlung geben würden. So etwas wäre jedoch absolut durch die Meinungs- und Pressefreiheit geschützt. Anders als beispielsweise in Großbritannien sind solche Kampagnen von Zeitungen hierzulande nur unüblich. Aber: Diese YouTuber sind keine Zeitungsmacher, auch keine Journalisten. Und die Meinungsfreiheit gilt für jeden. Doch bringen wir es mal auf den Punkt: Für wie geeignet halten Sie AKK nach dieser Woche, einmal Kanzlerin zu werden?

Wer gute Fragen stellt, ist immer geeignet. Nicht jedem passen die Antworten. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes, sonniges Wochenende!


Ich Ihnen auch – und zwar nach unserer letzten Frage: Im Vogelsbergkreis haben im Vergleich zur Bundesrepublik überdurchschnittlich viele Menschen die AfD bei der Europawahl gewählt. Auch bei der Landtagswahl wurde die Partei stärker als im Vergleich zum übrigen Land. Wie erklären Sie sich den Erfolg der AfD in Ihrer Heimat – und was wollen Sie dagegen tun?

Ich denke, dass es insbesondere Menschen in kleineren Dörfern und auf dem Land sind. Dort ist die AfD besonders stark. Die Menschen fühlen sich dort abgehängt und nicht mitgenommen, die Menschen sind keine „rechten Wähler“, sondern haben Angst vor dem was kommt, Digitalisierung, ÖPNV und medizinische Infrastruktur sind nur einige Stichworte die wir bearbeiten müssen. Hier arbeitet die CDU mit der SPD im Kreis an Lösungen. Das dauert manchmal länger als uns selbst lieb ist. Ändert aber nichts daran, dass wir es lösen müssen.


9 Gedanken zu “„Ich habe mich in der CDU noch nie unwohl gefühlt“

  1. Was ist denn das für eine Nachwuchspolitikerin, die es nicht für nötig hält, dass besagte Video selbst anzuschauen und nur herablassende Bemerkungen dafür übrig hat („Wenn ich gute Kommentare zur deutschen Politik lesen will, kaufe ich mir die Süddeutsche Zeitung“)Peinlich, eine solche Arroganz gegenüber einer wichtigen Meinungsäußerung; spricht nicht für Bürgernähe oder für ein Gespür für gesellschaftliche Veränderungen. Ich selbst habe Rezos Video ganz gesehen (wie Millionen Anderer auch) und fand die Argumentationen zum großen Teil berechtigt und bedenkenswert. Die junge Dame ist politisch schon so verknöchert, wie ein CDU-Politiker kurz vor der Rente. Na, dann gute Nacht CDU, wenn das Euer Nachwuchs ist, könnt ihr gleich der SPD auf den Friedhof nachfolgen.

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  2. Herr Aurel stellt ja gar keine Frage mehr, sondern gibt seine Meinung als einzig wahr zum Besten.

    Zu der Debatte will ich mich gar nicht äußern – ich kann die Kritikpunkte von Herr Aurel sogar teilen – aber wenn man keine Frage stellt, dann ist das Interview halt auch beendet. Seriöser Journalismus geht anders, das hier ist leider plumpe Meinungsmache.

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    1. Haben Sie schon mal drauf geachtet, wie Interviews im heute Journal ablaufen? Ein Journalist, der sein Handwerk versteht, sollte IMMER die Gegenposition einnehmen. Nur dann finden sich beide Seiten in einem Gespräch wieder. Die Anhänger des Befragten und seine Kritiker. Es sei natürlich, man steht eher auf Journalisten im Nordkorea-Style…

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      1. Leider falsch: Bei einem Interview stellt man Fragen, natürlich auch kritische. Einen Standpunkt nimmt man hingegen in einer Debatte ein.

        Note 5- für diesen inhaltlich falschen Einwurf. Die 6 vergebe ich mal nicht, weil ich das mit Nordkorea lustig finde, denn das zeigt direkt die geistige Tiefe.

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    2. Dass Herr Auel keine Fragen gestellt und in dem Interview nur die eigene Meinung kund getan hätte, ist in meinen Augen ein absurder Vorwurf. Es ist in den letzten Wochen für die Groko-Parteien so viel schief gelaufen, dass die vorgestanzten Politiker-Antworten aus dem Rhetorikkurs eben nicht mehr ausreichen. Abwiegeln, Schönfärben und Ausweichen – hier zieht Frau Gießler wie gewohnt alle Register – stellen weder den Journalisten noch die Leser zufrieden. Wenn da auch mal kritisch nachgehakt wird, obwohl der Bohrer erkennbar schon den Nerv getroffen hat, ist das lange noch nicht unseriös. Der Standpunkt des Journalisten ist immer, zu sagen was ist. Doch liegt das eben nicht immer an der Oberfläche. Und mancher möchte sich auf das, was ist, eben auch nicht einlassen. Da ist es die Pflicht des Journalisten, auf seinem Standpunkt, nämlich dem des Aufklärenden, zu beharren.
      Dass Frau Gießler auf die Fragen von Herrn Auel nach dem Verhältnis ihrer Partei zur Jugend nicht einmal Problem-BEWUSSTSEIN gezeigt, sondern sich arrogant über die aktuelle Kritik der Jungen hinweg gesetzt hat, ist ihre Sache. Sie zeigt damit nur, dass die ungeschickten Reaktionen vom Kramp-Karrenbauer, Ziemiak, Amthor usw. auf „Fridays for Future“ und Rezo-Video kein individuelles Versagen, sondern eine Art altbackene Parteilinie sind. Schön, dass sie sich in „ihrer“ CDU immer noch pudelwohl fühlt. Immer lustig, immer froh… Denn die große Pleite kommt ja sowieso.

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      1. Die Wortwahl, Länge des Beitrags und ein neues Pseudonym machen es doch jetzt auch nicht besser.

        Wenn Sie es für einen absurden Vorwurf halten, können Sie scheinbar nicht lesen. Zwei Mal äußert Herr Aurel lediglich seine Meinung – die er auch gerne haben darf – stellt aber überhaupt keine Frage. Spätestens beim zweiten Mal hat die Dame dann holt wohl keine Lust mehr, weil Sie es nicht für ein Interview sondern ein gezieltes Provozieren hält.

        Nicht förderlich, ganz klar – aber was soll sie denn in einem Interview ohne echte Fragen und fußend auf einem populistischen YouTube-Video, welches 55 Minuten Korrelation und Kausalität durcheinander wirft, machen?

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    3. @ LOL
      Ein Fall für die „Drei Fragezeichen“: Was ist hier überhaupt los und wer kann nicht lesen? (Bayrisch: Woas bin i?)
      Die unabhängige, neutrale und investigative Antwort wird Sie enttäuschen: Alles was Sie behaupten, ist leider objektiv falsch. Möglich, dass Sie lesen können. Auf keinen Fall aber verstehen Sie auch, was Sie lesen.
      Ad 1 erheben Sie unterschiedliche, sich widersprechende Beschuldigungen. Einmal stellt Herr Auel keine einzige Frage und äußert ausschließlich seine eigene Meinung. Dann tut er dies nach Ihrer Beobachtung aber nur in zwei Fällen, wobei offen bleibt, wie viele Fälle insgesamt zu untersuchen waren.
      Ad 2 unterscheiden Sie nicht zwischen Tatsachen bzw. Positionen, die die Meinung Dritter beinhalten, mit denen Herr Auel die Frau Gießler konfrontiert, und Äußerungen, die seine Privatmeinung darstellen müssen, da diese sich nicht auf andere Quellen stützen. In dem ganzen Interview finde ich nur ganze zwei Sätze, die man so einordnen könnte. Ihr Vorwurf, Auel trage gegenüber Frau Gießler überwiegend seine Privatmeinung vor (statt seriöse journalistische Fragen zu stellen), erweist sich damit als komplett unzutreffend.
      Ad 3 weisen Ihre voneinander stark abweichenden Angaben über die Zahl der gestellten Interview-Fragen darauf hin, dass Sie Fragen von der inhaltlichen wie grammatikalischen Seite nicht sicher zuordnen können.
      Ich komme in dem OL-Interview mit Frau Gießler auf insgesamt neun Frage-Themen, von denen fünf durch mindestens einen Satz mit abschließendem Fragezeichen und drei mit zusätzlichen Fragewörtern (W-Wörter) eindeutig als Fragen gekennzeichnet sind.
      Als Leser, der offensichtlich den Unterricht in deutscher Grammatik nicht mit allzu großem Gewinn besucht, aber ungeachtet dessen ein großes Selbstbewusstsein als Erklärbär entwickelt hat, wird es Sie vielleicht überraschen, dass Fragesätze nicht unbedingt durch Frage-Wörter oder Fragezeichen am Ende kenntlich gemacht werden müssen. Im mündlichen Interview kann der Fragecharakter bereits durch Heben der Stimme am Satzende zum Ausdruck gebracht werden.
      Aber auch Aussagesätze können fragenden Charakter annehmen. Sie sind dann in der Regel Satzgefüge (Haupt- und Nebensatz). Da der Hauptsatz i.d.R. ein Aussagesatz ist, steht kein Fragezeichen am Ende, obwohl inhaltlich eine Frage gestellt wird. Der Hauptsatz des Satzgefüges enthält dabei den Hinweis auf den fragenden Charakter. Beispiele: „Ich frage mich,…“, „Ich würde gern in Erfahrungen bringen,…“ Das Fragewort des einfachen Fragesatzes wird dann zum Bindewort zwischen Haupt- und Nebensatz. Beispiele: „Ich frage mich, warum die junge Union…usw.“, „Ich würde gern in Erfahrung bringen, wie Annegret Kramp-Karrenbauer erreichen will, dass…usw.“ Auch der voran gestellte Hauptsatz kann seinerseits ein Fragesatz sein. Beispiel: „Weißt du schon, wen die CDU demnächst als Kanzlerkandidat*in aufstellen wird?“ Da der Hauptsatz ein Fragesatz ist, steht am Ende des Nebensatzes dann selbstverständlich ein Fragezeichen.
      Vor dem Hintergrund dieser offenkundigen Schwächen Ihrer Argumentation finde ich den Satz: „Seriöser Journalismus geht anders, das hier ist leider plumpe Meinungsmache.“ sehr mutig.

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    4. Leider falsch. Er heisst „Auel“ und nicht „Aurel“.
      Immer schwierig, wenn man selbst im Glashaus sitzt und nicht lesen kann …

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  3. Oha, ein Interview das bereits nach 4 Fragen von der Interviewten abgebrochen wird …
    Kommt sie mit den kritischen Fragen nicht klar?
    „Wohlfühlen“ sieht anders aus.

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