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Bezirkslandfrauenverein Alsfeld wurde 70 - Bundesverdienstkreuz für Ursula HelmWas Landfrauen in der Region alles bewirken

ROMROD (jal). 70 Jahre ist es nun her, dass sich der Bezirkslandfrauenverein Alsfeld gründete. Aus diesem Anlass feierten seine Mitglieder in Romrod am Sonntag ein großes Fest – und stellten dabei klar: Wer meint, Landfrauen seien nur zum Kochen und Backen da, der irrt sich gewaltig.

Was gibt es besseres, als eine Veranstaltung mit ein wenig Selbstironie zu eröffnen? Eben. Nichts. Und so war es der Song „Theo, wir fahren nach Lodz“, den Stefan Spielberger, Chef des Eventchors des Bezirksvereins, als erstes auf der Bühne anstimmen ließ. „Gott verlassenes Dorf, nur Heu und Torf / Stets der gleiche Trott, nur Hü und Hott / Im Stall die Kuh macht muh / Die Hähne krähen dazu /Das hält keiner aus /Ich will hier raus“, heißt es in dem Klassiker vom Vicky Leandros über das Leben auf dem Land.

Klar, auf dem Dorf ist tatsächlich weniger Trubel als in der großen Stadt. Doch so verschnarcht wie in dem Song beschrieben, ist das Leben zwischen Bauernhöfen dann doch nur für denjenigen, der es nicht wirklich kennt. Leben auf dem Land, das heißt im besten Fall Gemeinschaft. Man kennt sich, schnackt beim Straßefegen mit dem Nachbarn über die neuesten Neuigkeiten und freut sich zusammen auf die nächste Kirmes, das nächste Feuerwehrfest oder die Einweihung der Grillhütte.

Immer mittendrin bei solchen Veranstaltungen sind die Landfrauen. Nun, das heißt, so richtig mittig stehen sie eigentlich nicht. Meist sind sie irgendwo am Rand zu sehen, unter einem weißen Pavillon, vor dem sich lange Schlangen bilden, wenn das Kuchenbuffet eröffnet ist. Die Landfrauen, das ist in den Köpfen vieler nur ein Zusammenschluss eifriger Freizeitbäckerinnen, der aufpasst, dass keiner am Nachmittag beim Dorffest verhungert.

Blick in das volle Romröder Bürgerhaus.

Dass dieses Bild völlig verzogen ist, das machten am Sonntag in Romrod mehrere Rednerinnen deutlich, als sie mit einem vollen Bürgerhaus das 70-jährige Bestehen des Bezirkslandfrauenvereins Alsfeld feierten. „Am Land gibt es kein Fest, wo die Landfrauen nicht mitmachen“, sagte Gudrun Jungk, Vorstandsmitglied des Bezirks, im Gespräch mit Oberhessen-live. Etwa 1400 Mitglieder hat der Bezirks-LVF Alsfeld, der in 22 Ortsvereine untergliedert ist.

Die Landfrauen, so sagt Jungk, seien auch politisch aktiv und gut vernetzt. Es waren Landfrauen, die in der Vergangenheit gegen die Erhöhung der Müllgebühren demonstrierten. Die Unterschriften sammelten, als das Kreiskrankenhaus in Gefahr war. Die sich heute noch dafür einsetzen, dass in hessischen Schulen neben Englisch und Algebra regelmäßig auch Alltagswissen über gesunde Ernährung gelehrt wird.

Landfrauen bieten verschiedene Kurse an

Bildung ist generell ein gutes Stichwort. Denn die Landfrauen waren seit jeher auch ein Ort der Wissensvermittlung unter Frauen – und damit nicht weniger als ein Motor der Emanzipation im ländlichen Raum. Ging es früher darum, jungen Bäuerinnen zu helfen, Eier oder selbst hergestellte Waren bestmöglich zu verkaufen, so treffen sich die Frauen heute, um im Börsenclub die richtige Art der Geldanlage zu besprechen. Oder wie man das neue Smartphone bedient. Oder durch Humor Stress abbauen kann.

Gerade einmal 25 bis 30 Euro Jahresbeitrag kostet die Mitgliedschaft bei den Landfrauen. Gudrun Jungk wirbt um Verständnis bei den Mitgliedern, dass ein Teil der Summe an den Landesverband fließt. Nur so könnten die vielen unterschiedlichen Bildungsangebote finanziert werden, sagt sie.

Gudrun Strumpf am Rednerpult.

Denn so wie sich die Gesellschaft verändert hat, so haben es auch die Landfrauen getan. „Nur noch zwei Prozent der Landfrauen in Hessen haben etwas mit Landwirtschaft zu tun“, sagt Gudrun Stumpf, Chefin des Bezirks-LFV Alsfeld, am Rande der Feierlichkeiten. Es seien vor allem die Nachkriegsjahre gewesen, in denen sich die Landfrauen vermehrt auf die Landwirtschaft konzentriert hätten. In den 70ern und 80ern kam schließlich der Wandel, hin zu einem Verein für „alle Frauen im ländlichen Raum“, wie auf einem Banner an der Bühne in Romrod am Sonntag zu lesen war.

Stumpf kommt selbst aus einer feministischen Familie, wie sie sagt. Der Gedanke, wie sie einst als junges Mädchen frisch gekaufte Tomaten bei einer Bundeswehrfeier auf Franz-Josef Strauß warf – aber nicht traf – bringt sie zum Lachen. Sie selbst gibt gern Nähkurse, in denen sie junge Mütter, die noch nie etwas mit den Landfrauen zu tun hatten, ganz nebenbei nahelegt aufzupassen, dass der Mann sich ebenso ums Baby kümmert – und somit karrieretechnisch zurückstecken muss. Denn diese Einbußen müssten zu oft die Frauen alleine auf sich nehmen. Tipps in Haushaltsfragen mit feministischer Aufklärung verbinden – für Stumpf und andere Landfrauen ist das kein Widerspruch. Zumal Selbstgemachtes und „Omas Rezepte“ aktuell wieder voll im Trend sind, auch bei jungen, bereits emanzipierten Frauen.

Die Landwirtschaft hat eine Bedeutung für unsere Region, die kann man gar nicht hoch genug schätzen.Landrat Görig

Wie es sich für einen richtigen Geburtstag gehört, so gab es auch einige Reden und Glückwünsche. Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg rief dem überwiegend weiblichen Publikum ein kämpferisches „macht weiter so, Mädels!“ zu, nachdem sie die Landfrauen als „ganz modernen Zusammenschluss“ gelobt hatte, der sich dem Leben auf dem Land verbunden fühle und selbiges verbessern wolle.

Landrat Manfred Görig sagte, er könne sich den Vogelsberg ohne Landfrauen nicht vorstellen. „Die Landwirtschaft hat eine Bedeutung für unsere Region, die kann man gar nicht hoch genug schätzen“, sagte er. Landwirte würden heute zu schnell als Sündenböcke für zu viele Probleme dargestellt.

„Ohne die Landfrauen wäre es in vielen Orten öde und langweilig“, sagte Volker Lein, Chef des örtlichen Bauernverbandes, der an die dunkle Zeit erinnerte, als Frauen nur „fürsorgliche Kochmäuschen, aber auch der Ackergaul des Hofes“ gewesen seien. Lein ermutige die Landfrauen zudem, weiter für gleichen Lohn, die Aufwertung des Ehrenamtes und die Verbesserung der Pflege zu kämpfen.

Christel Gontrum

„Wir haben eine geballte Frauenpower in unserer Gemeinschaft“, sagte Christel Gontrum vom Gießener Landfrauenbezirk. Landfrauen könnten mehr als Kuchen backen, Kochen und Putzen. „Das will ich heute Morgen ganz außerordentlich betonen.“

Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule nahm Bezug auf die Biene, die seit jeher das Wappentier der Landfrauen sei. Nicht nur wegen des sprichwörtlichen Fleißes, sondern auch, weil sie sich für die Gemeinschaft des Bienenvolks einsetze und dazu anpassungsfähig sei.

Die wohl engagierteste Rede kam von Hildegard Schuster, der Präsidentin des Hessischen Landfrauenverbandes, die enthusiastisch mit roten Fähnchen wedelnd die Anwesenden aufrief, weiter für Frauenthemen Flagge zu zeigen.

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Eine besonderer Programmpunkt kam Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich zu Teil. Er hatte die Aufgabe, die Alsfelder Landfrau Ursula Helm mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen. Helm ist seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlich aktiv – nicht nur bei den Landfrauen, sondern auch in der Kommunalpolitik. Als Kreistagsmitglied oder Vize-Chefin des CDU-Stadtverbandes Alsfeld, zum Beispiel.

Ursula Helm (rechts) bei ihrer Ehrung.

Sie freue sich, dass ihre Arbeit gewürdigt würde, sagte Helm bei der Verleihung – und erzählte nebenbei, wie es dazu kam, dass sie den Ortsverein Alsfeld Stadt und Land der Landfrauen mitgegründet hat. Das sei 1985 gewesen, in dem Jahr, in dem der Hessentag wiedermal in Alsfeld stattfand. Und beim Hessentag sind traditionell die Landfrauen für den Kuchen zuständig. Da sie als Hauswirtschaftsmeisterin eh einen Hang zu solchen Themen hatte, setzte sich Helm schließlich für die Gründung eines Vereins in ihrer Heimat ein. Einen Überblick über die Geschichte des gesamten Bezirksvereins gab Ute Richter aus Eudorf, die ihre Chronik in Reimform vortrug.

Damit der Spaß bei den ganzen Reden nicht zu kurz kam, hatten die Landfrauen vorgesorgt. Die Clown-Künstlerin Jutta Steinmetz aus Freiensteinau sorgte in ihrer Figur der „Martha“ mit Akkordeon, Luftballon-Tieren und einem Einkaufstrolley voll mit einigen Zaubertricks für gute Stimmung. Mindestens genau so gut kamen jedoch die Tanzeinlagen an, die es zu sehen ab. Zum einen von der Tanzgruppe des Alsfelder Ortsvereins unter der Leitung von Montserrat Duarri und zum anderen von den jungen Landtanzmädchen aus Zell, die als Indianerinnen und Tanzmariechen verkleidet die Bühne stürmten und ihr Können von Katharina Kornmann gelernt hatten.

Und auch wenn an diesem Sonntag deutlich wurde, dass Landfrauen mehr können als gut kochen und backen, so sind sie dennoch stolz auf das, was sie in der Küche zwischen Herd und Backofen so drauf haben. Welche Fähigkeiten in dem Gebiet bei den Landfrauen in Zell konkret vorhanden sind, ließ sich in Romrod ganz einfach erschmecken. Denn von dort kamen die Helferinnen, die sich um das Mittags- und Kuchenbuffet kümmerten. Der Blumenschmuck kam von Steffi Müller aus Bleidenrod.

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