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Blauzungenkrankheit: Kreislandwirt Andreas Kornmann im Interview„Man ist gewappnet, sensibilisiert und rät den Landwirten zur Impfung“

VOGELSBERG (akr). Weite Teile des Vogelsbergkreises sind Sperrgebiet. Bis auf wenige Ausnahmen fällt die Region in Schutzzonen, die wegen des Ausbruchs der sogenannten Blauzungenkrankheit auf Bauernhöfen anderenorts gezogen wurden. Was bedeutet das für die Tierhalter in der Region? OL hat beim Kreislandwirt Andreas Kornmann nachgefragt.



Im Dezember fing es mit einer Meldung aus Baden-Württemberg an. Es folgten Nachrichten aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz über den Ausbruch der für Wiederkäuer gefährlichen Blauzungenkrankheit. Tritt die Viruserkrankung auf, wird der Ausbruchsort zum Zentrum eines weiträumigen Sperrgebiets, in dem sich Landwirte an bestimmte Regeln halten müssen. Was sind das für Regeln? Wie gefährlich ist die Krankheit für Tier und Mensch – und was bedeutet das jetzt für den Vogelsbergkreis? Kreislandwirt Andreas Kornmann gibt darauf bei OL Antworten.

Kreislandwirt Andreas Kornmann. Foto: akr

Oberhessen-live: Herr Kornmann, Sie kommen gerade von einem wichtigen Termin in Lauterbach, worum ging es da genau?

Andreas Kornmann: Das ist richtig, wir hatten eine Besprechung mit dem Kreisbauerverband, mit dem Gebietsagrarausschuss und allen Akteuren im Veterinäramt. Jedes Jahr treffen wir uns zu einer Jahrestagung und sprechen die aktuellen Themen durch. Die Afrikanische Schweinepest war ein Thema – und auch die Blauzungenkrankheit.

Zählt der Vogelsbergkreis mittlerweile auch zu den Blauzungenkrankheit-Sperrgebieten?

Ja, seit dem 24. Januar sind fast alle Teile des Vogelsbergkreis Sperrgebiet, weil sie in die 150 Kilometer Sperrzone fallen, die um jeden befallenen Betrieb eingerichtet wird. Lingelbach, Berfa, Grebenau und Schlitz fallen dabei gerade noch so raus.

Was genau ist die Blauzungenkrankheit überhaupt?

Zuerst einmal: Sie ist vollkommen ungefährlich für den Menschen. Es ist eine Viruserkrankung, die nicht von Nutztier zu Nutztier, sondern über Mücken der Gattung Culicoides, verbreitet wird. Denkbar ist, dass auch andere Blutsauger das Virus übertragen können. Wenn also ein Tier befallen ist, wird das Nachbartier nicht automatisch auch krank. Jedoch gilt: Weidetiere sind dabei eher gefährdet als welche im Stall, weil draußen einfach mehr Mücken sind. Und natürlich auch vorrangig in Feuchtgebieten, wie das bei Mücken so üblich ist.

Es ist eine Viruserkrankung, die sich bei den Tieren unterschiedlich äußert. Rinder zeigen meist nur schwache Symptome, beispielsweise entzündete Zitzen, Blasen an Maul und Zunge. Schafe hingegen sind schwerer betroffen: Starkes Fieber, geschwollene Maulschleimhäute. Auch die blaue Zunge kann bei Schafen vorkommen, gerade wenn sie kurz vorm Exitus stehen.

Also nochmal genau: Welche Tiere können von der Seuche betroffen werden?

Rindvieh, Schafe und Ziegen.

Sie selbst halten lediglich Schweine – sind also aus dem Schneider. Glück gehabt.

Das stimmt.

Sie sagten, der Vogelsbergkreis, beziehungsweise ein Großteil, ist seit dem 24. Januar Sperrgebiet. Was genau bedeutet das?

Wenn man ins Sperrgebiet fällt, kommt es zu Einschränkungen. Das heißt, Tiere können nicht einfach so verkauft oder von A nach B gebracht werden, innerhalb der Sperrbezirke muss man gewisse Hürden in Kauf nehmen, Formulare ausfüllen, Tiere entsprechend mit Insektiziden behandeln und vieles mehr. Gesunde Tiere können innerhalb der Sperrzone vermittelt werden. Problematisch ist es eben aus der Sperrzone heraus. Der Landwirt muss nachweisen, dass die Tiere gesund sind – dann kann er sie auch über die Grenzen der Sperrzone hinaus vermarkten und schlachten lassen.

Wie lange werden diese Sperrgebiete aufrechterhalten?

Solange die Infektionsgefahr besteht, solange infizierte Nutztiere gefunden werden. Man geht jetzt daher und berät die Landwirte, innerhalb der Sperrzone gegen die Blauzungenkrankheit zu impfen.

Gibt es denn überhaupt genügend Impfstoff?

Das ist schwierig, Impfstoff ist derzeit nicht zu bekommen. Man lässt jetzt auch weitere Impfstoffe zu. Die Pharmaindustrie muss jetzt einfach weiter entsprechende Mittel herstellen. Die Impfstoffproduktion ist nämlich seit der letzten Welle der Blauzungenkrankheit zurückgefahren worden, weil die Nachfrage einfach nicht mehr da war. Man muss dann nehmen, was man bekommt.

Also gelten die Regelungen für alle Landwirte, die Wiederkäuer haben, egal wie groß der Bestand ist?

Ja, das Virus sucht sich die Bestandsgrößen nicht aus. Es ist ja keine Übertragung von Tier zu Tier. Ansonsten wäre ein großer Bestand bedrohter als ein kleiner.

Wurde die Seuche schon im Vogelsbergkreis nachgewiesen?
Nein, es gibt keinen Seuchenfall hier bei uns im Vogelsbergkreis. Wir fallen halt einfach in diese 150 Kilometer Sperrzone. Im Januar gab es bis jetzt 32 Fälle in Deutschland, wobei südwestlich der Hotspot ist.

Wie schnell breitet sich die Krankheit aus?

Nicht so schnell. Das kann man natürlich aber auch schlecht einschätzen. Mücken tauchen dann auf, wenn man ein nasses Jahr hat, weil Mücken Wasser brauchen. Das heißt in einer Trockenzeit wie letztes Jahr wird es sich langsamer ausbreiten. Und weil es eben auch nicht von Tier zu Tier übertragen wird, breitet es sich langsamer aus. Deswegen gehe ich davon aus, dass es sich hoffentlich wieder beruhigt.

Was passiert, wenn sie Seuche wirklich im Vogelsbergkreis angekommen ist? Ist dann Fleisch vom heimischen Metzger oder Frischmilch tabu?

Nein. Die Tiere werden dann ja geimpft und ein krankes Tier kommt nicht zum Schlachter, sondern nur gesunde. Da braucht man keine Angst haben. Ein Bluttest zeigt, ob das Tier gesund ist. Das macht der Tierarzt. Damit ist sichergestellt, dass nur gesunde Tiere zum Schlachter kommen. Man braucht also keine Angst vorm Fleischverzehr zu haben.

Wie geht man vor, wenn ein Tier infiziert ist? Was passiert mit den infizierten und nicht infizierten Tieren?

Also die nicht infizierten Tiere werden geimpft. Infizierte Tiere können zwar nicht geheilt werden, aber ihre Symptome können behandelt werden. Die Tiere müssen aber nicht notgetötet werden, außer der Landwirt entscheidet selbst, das Tier von seinem Leid zu befreien, wenn es ihm sehr schlecht geht.

Wenn Tiere getötet werden müssen, ist das ja schon ein herber Schlag für die Landwirte. Gibt es da irgendwie eine Schadensbegrenzung oder ähnliches?

Wir haben eine Tierseuchenkasse, in die Landwirte einzahlen. Die entschädigt einen in solchen Fällen – aber gezahlt wird nur wenn ein Tier wirklich stirbt. Der Mehraufwand, Impfungen und auch die emotionale Belastung: das wird nicht entschädigt.

Gibt es Vorsichtsmaßnahmen?

Die Impfung natürlich und die Tiere mit Insektiziden zu behandeln, dass die am besten gleich wegbleiben. Das ist zwar effektiv, aber nicht so sehr wie die Impfung. Bei der letzten Welle der Blauzungenkrankheit, als ganz Deutschland als Sperrgebiet galt, gab es sogar eine Impflicht.

Die gibt es jetzt nicht mehr?

Nein. Aktuell gibt es keine Impfpflicht. Es gibt ja momentan nicht genügend Impfstoff.

Wer trägt die Kosten für die Impfung? Ist das Tier dann mit einer einmaligen Impfung immun gegen die Seuche?

Die Kosten trägt der Landwirt. Es handelt sich dabei aber nicht um eine einmalige Impfung. Man spricht immer von einer Grundimmunisierung. Das heißt, wir impfen die Tiere und warten dann ab, bis der Impfstoff sich im Körper etabliert hat, das kann so 21 Tage dauern. Dann kommt eine zweite Impfung und auch noch eine Nachimpfung – je nach Impfstoff ein oder zwei Mal im Jahr.

Wie lange muss man das machen?

Naja so lange bis das Amt dann irgendwann sagt, es ist unbedenklich, wir müssen nicht mehr impfen. Das kann man aber zeitlich gar nicht abschätzen.

Wie hoch sind die Impfkosten?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, da bin ich zu wenig Großviehlandwirt. Ich habe keine Kühe, ich kann ihnen etwas zu den Kosten bei Schweinen sagen. Da kostet eine Impfung vielleicht zwei Euro. Ich schätze, dass sich die Kosten bei Großvieh so auf vier Euro belaufen. Aber das handhabt jeder Tierarzt selbst.

Gibt es Unterstützung für Landwirte, die sich die Impfung finanziell nicht leisten können?

Nein, so etwas gibt es nicht.

Wie soll es jetzt im Vogelsbergkreis weiter gehen?

Wir hoffen einfach, dass sie nicht näher kommt. Und wenn wir einen Fall haben, dann wird die Sperrzone erweitert. Es gibt kein weiteres Vorgehen, weil man nicht weiß, wie sich die Krankheit ausbreitet. Man ist gewappnet, sensibilisiert und rät den Landwirten zur Impfung. Mehr kann man im Moment nicht machen.