Foto: Michel Schmidt

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Michel Schmidt sitzt im Rollstuhl und möchte anderen Menschen mit Handicap ein selbstständiges Leben ermöglichen„Für mich kam ein Pflegeheim nicht in Frage“

GIEßEN (akr). Vor rund eineinhalb Jahren begann für den 28-jährigen Michel Schmidt aus Linden bei Gießen ein neuer Lebensabschnitt. Er musste von zu Hause ausziehen, den Schritt in die Selbstständigkeit gehen. Eigentlich ein ganz normale Sache, das Elternhaus zu verlassen und die eigenen vier Wände zu beziehen. Doch nicht für Michel: Er sitzt im Rollstuhl, ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Ein Heim kam für ihn nie in Frage. Er hat sich lange auf die Situation vorbereitet und das Projekt „Von Handicap zu Handicap“ gegründet.


Der 28-jährige Michel Schmidt kam als Frühchen zur Welt. Seit seiner Geburt leidet er an einer rechtsseitigen Spastik. Das bedeutet, er leidet unter einer Schädigung des zentralen Nervensystems, wodurch er seine Beine nicht richtig bewegen kann. Deshalb hat Michel nicht genug Muskelmasse in den Beinen, um sein eigenes Gewicht zu tragen. Ein Rollstuhl ist sein täglicher Begleiter. Bis vor eineinhalb Jahren hat der junge Mann aus Linden bei seiner Mutter gewohnt. „2015 ging es meiner Mutter sehr schlecht. Sie hatte starke Schmerzen im Bauchraum. Es stellte sich heraus, dass sie einen Darmdurchbruch hatte“, erklärt Michel. Zudem leidet seine Mutter an Rheuma.

Irgendwann war Michel also an einem bestimmten Punkt angelangt: Er wollte seiner Mutter nicht weiter zur Last fallen. „Jemanden zu Pflegen ist körperlich sehr anstrengend. Ich wollte meiner Mutter ein Stück Leben zurückgeben, also entschloss ich mich, auszuziehen“, erklärt der 28-Jährige. Er wusste, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, das Elternhaus zu verlassen. Darauf hat er sich vorbereitet, ein Konzept erarbeitet.

„Ich bin nicht geistig behindert, ich kann über mich selbst entscheiden“

Ein Konzept, wie er trotz Gehbehinderung selbstständig wohnen kann. Ein Heim, das kam für ihn nicht in Frage. „Ich will nicht, dass Leute über mich verfügen. Ich bin nicht geistig behindert, ich kann über mich selbst entscheiden“. Solange er klar im Kopf ist, ist ein Pflegeheim tabu. Zwei Jahre hat die Erstellung des Wohn-Konzepts gedauert und dann war es endlich so weit: Die eigenen vier Wände wurden bezogen.

Michel wusste allerdings, dass er nicht ganz alleine wohnen kann, dass er auf Hilfe angewiesen ist. Deswegen hat er vor dem Umzug einen Aufruf gestartet, hing Zettel an der Universität aus: Er suchte Menschen, die ihm im Alltag unterstützen. Es sind die alltäglichen Dinge, bei denen er Hilfe braucht, beispielsweise der Weg zur Toilette. „Ich kann mich selbst waschen und anziehen“, lacht Michel.

Für Michel Schmidt ist der Rollstuhl keine Barriere. Foto: Michel Schmidt

Mittlerweile hat der 28-Jährige elf Assistenten, die ihm im Alltag begleiten. „Rund um die Uhr ist immer jemand da. Auch nachts“, erklärt er. Ein von ihm erarbeiteter Stundenplan regelt alles. Es geht ihm dabei nicht um Pflege, sondern einfach um die Assistenz im Alltag, gemeinsame Unternehmungen wie Kinobesuche, kochen und vieles mehr. „Sie leben quasi mein Leben mit“, sagt Michel. Bezahlt werden die Assistenten von der Krankenkasse.

Das Projekt „Von Handicap zu Handicap“ ins Leben gerufen

Und diese Möglichkeit der Wohnform will Michel auch anderen Menschen mit Behinderungen ermöglichen, deswegen hat er vor rund einem Monat das Projekt „Von Handicap zu Handicap“ gegründet. „Ich möchte Menschen mit Handicap helfen, ihre eigene individuelle Wohnform zu finden – sei es in einer Wohngemeinschaft, alleine oder bei den Eltern“, erklärt er. Irgendwann würde man sich die Frage stellen: „Wo lande ich im Fall der Fälle, wenn ich nicht mehr zuhause wohnen kann“. Davor hatte auch er Angst. Angst, einfach in einem Pflegeheim zu landen. Denn dort würde man einfach reingesteckt werden „auch ohne geistige Behinderung“, sagt er.

Er berät die Menschen, unterstützt sie bei der Wohnungssuche oder Assistenzbetreuung. Sein Wissen und seine Erfahrung möchte er weitergeben. „Ich kann mich einfach gut in die Menschen hineinversetzen, ich weiß wie es ist, sich emotional nackig zu machen“, sagt er. Unterstützt wird er dabei von verschiedenen Institutionen.

Sein noch recht junges Projekt möchte er deutschlandweit bekannt machen: „Es gibt überall Menschen mit Handicap, nicht nur im Landkreis Gießen“. Wer sich also für sein Projekt interessiert, egal in welchem Bundesland er derzeit wohnt, könne sich jederzeit bei Michel melden. „Auch im Rollstuhl kann man Zug fahren, öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Für mich ist der Rollstuhl keine Barriere“, lacht er. Die Gespräche mit ihm seien kostenfrei. „Mir geht es nicht darum, im sozialen Bereich Kohle zu machen“, sagt er. Er wolle einfach mit einem guten Gewissen ins Bett gehen, weil er einen Job habe, den er liebe und mit dem er vielen Menschen helfen könne.

Kontakt zu dem Angebot 'von Handicap zu Handicap'

Telefonnummer: 015165176781

(Jederzeit erreichbar, auch über WhatsApp)

Email Adresse: Handicap-zu-Handicap@gmx.de

Facebook: https://www.facebook.com/michel.schmidt.3720

Studierte Germanistische Linguistik und Deutsch als Fremdsprache an der JLU in Gießen und ist seit Juni 2018 Volontärin bei Oberhessen-Live

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