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Seit 350 Jahren offene freie Märkte: Wurzeln des heutigen Pfingstmarktes gehen auf fürstliches Privileg zurückWenn ein Stück Alsfelder Geschichte lebendig wird

ALSFELD (ls). Wie alt ist eigentlich der Alsfelder Pfingstmarkt? Auf wessen Initiative geht er zurück und wer hat den Markt eingerichtet? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die ehrenamtlichen Stadtarchivare Michael Rudolf, Dr. Norbert Hansen und Hans-Jürgen Stinder vor einigen Wochen. Die erste Suche nach Antworten blieb allerdings erfolglos. Dann aber machte man einen „Glücksfund“, durch den Alsfelder Geschichte wieder lebendig wird.

Ausgebreitet liegt es unter einer kleinen Tischleuchte, die es anleuchtet: Ein stark vergilbtes Dokument mit filigraner schwarzer Schrift und einem großen, anhängenden und bedrucktem Siegel unten dran. Es ist so stark gefaltet, dass nur kleine Metallglötze es daran hindern in die Ursprungsform zurückzuspringen. Es scheint, wie Hansen später sichtlich stolz erklärt, als sei es seit Jahrzehnten nicht mehr berührt worden. Es ist eine Urkunde für das Marktrecht in Alsfeld vom 18. September 1668 – und die hat eine wichtige Bedeutung.

„Es ist uns wieder einmal gelungen, ein altes Dokument zu finden, das für die Geschichte der Stadt von großer Bedeutung ist. 350 Jahre ist es alt und es sieht trotzdem so aus, als sei es erst vor wenigen Tagen geschrieben worden“, erklärt der Bürgermeister und studierte Historiker Stephan Paule voller Vorfreude. Passender hätte es auch nicht sein können: Genau drei Tage vor dem traditionellen Pfingstmarkt und eine Woche vor dem noch traditionelleren Krammarkt zu Pfingsten präsentierten sie im Stadtarchiv die 350 Jahre alte Wurzel des Volksfestes der Stadt.

350 Jahre als ist das Dokument. Fotos: ls

Vom unfreien Markt hin zum freien Markt

Aber zurück zum Anfang: Die drei Stadtarchivare Michael Rudolf, Dr. Norbert Hansen und Hans-Jürgen Stinder suchten im Alsfelder Stadtarchiv nach Anhaltspunkten über das Alter und die Intention des Pfingstmarktes. Die erste Suche sei aber erfolglos geblieben, wie Rudolf erklärt, weshalb man die Suche auf das Staatsarchiv in Darmstadt ausweitete und dort fündig wurde. „Die hatten das Dokument, allerdings nicht das Original“, sagte er. Das fanden sie – wohlgemerkt aus dem Jahr 1668 – letztendlich doch im Urkundenbestand des örtlichen Hauses unter den „Privilegien der Stadt“. „Aus der Urkunde geht deutlich hervor, dass Landgraf Ludwig VI. aus einem ‚unfreien Markt‘ einen ‚offenen, freien Markt‘ machte“, sagt Rudolf.

Eingeleitet durch die Worte „Auf Wunsch meiner Alsfelder“, soll der Landgraf mit dem Privileg, allen, die gewillt waren, sich dort einfinden konnten, handeln durften und die Erlaubnis hatten die Waren anzubieten und gleichzeitig allen, die den Markt besuchen und dort  etwas kaufen wollten, das Recht dazu gegeben haben. Aus einem „unfreien Markt“, auf dem nur Alsfelder Händler ausstellten und nur Alsfelder kaufen konnten, wurde ein freier Markt für alle. „Es kann also als Geburtsurkunde des noch heute existierenden Pfingstmarktes angesehen werden“, ergänzt Rudolf.

Bürgermeister Stephan Paule und der ehrenamtliche Stadtarchivar Michael Rudolf vor dem Dokument.

Dennoch gehe man historisch davon aus, dass der Markt als solches noch viel älter sei und bereits vor dem 17. Jahrhundert eingerichtet worden war, da bereits Wilhelm Gottlieb Soldan in seiner Geschichte der Stadt Alsfeld auf die Existenz des Pfingstmarktes hinweist, wenn er über eine Klage der Alsfelder Schuhmacher 1558 spricht, die sich dagegen wehrten, dass sich fremde Händler unter den „unfreien“ und nur für Alsfelder vorbehaltenen Marktes gemischt hätten.

Pfingstmarkt als wesentlicher Stein der facettenreichen Geschichte der Stadt

Der Vergnügungsmarkt als solches, also ähnlich wie man es noch heute kennt, sei allerdings erst später dazu gekommen. „Wir sprechen hier vom Krammarkt, um den sich dann der heutige Pfingstmarkt entwickelt hat. Der Krammarkt ist die Wurzel des heutigen Pfingstmarktes“, ergänzt Hansen. Der Vergnügungsmarkt sei später gekommen, man vermute im letzten Teil des 19. Jahrhunderts.

„Wenn die Geschichte wie im Fall des Alsfelder Pfingstmarktes sehr lückenhaft ist, dann kann man über einen solchen Fund sehr glücklich sein und um so wichtiger ist es, die Tradition um den Markt aufrecht zu erhalten. Halten wir an ihm fest, beleben wir ihn, so wie es die Vorfahren taten, denn er ist ein Stück Heimat, ein wesentlicher Stein in der facettenreichen Geschichte der Stadt“, sagt Rudolf. Wenn, an diesem Freitag, also der Pfingstmarkt offiziell von Bürgermeister Paule eröffnet wird, kann sich die Stadt an eine mindestens 350 Jahre alte Tradition erinnern. Mit der Urkunde jedenfalls, haben die Stadtarchivare wieder einmal „ein Stück Alsfelder Geschichte lebendig werden lassen“, wie Paule erklärt.