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Mordfall um die achtjährige Johanna Bohnacker - Ersticken soll zum Tod geführt habenProzessauftakt für mutmaßlichen Bohnacker-Mörder

VOGELSBERG (ls). Acht Jahre alt war sie, als sie entführt, sexuell missbraucht und ermordet wurde. Der Leichnam, aufgefunden in einem Waldstück bei Lingelbach, viele Kilometer entfernt von ihrem Wohnort. Einen Täter fand man auch nach langen Ermittlungen damals nicht. Im Oktober des vergangenen Jahres erst, 18 Jahre später, ein Erfolg: Rick J. wird als mutmaßlicher Mörder der achtjährigen Johanna Bohnacker festgenommen. An diesem Freitag startete der Prozess vor dem Landgericht in Gießen.

Die große schwere Holztür öffnet sich einen Spalt. Die Köpfe drehen sich, es wird still im Gerichtssaal. Die Ruhe vor dem Sturm. Zahlreiche Medienvertreter richten ihre Kameras auf die Tür. Durch sie soll Rick J., der mutmaßliche Mörder der achtjährigen Johanna Bohnacker, gleich in den Gerichtssaal geführt werden. Doch statt dem Angeklagten tritt nur sein Anwalt Uwe Krechel ein. Der 61-Jährige lächelt, stellt seine Aktentasche nieder und zieht sich seine Robe über. Krechel ist aus Bonn. Zusammen mit seinem Partner, dem Rechtsanwalt Thomas Ohm, wartet er geduldig auf seinen Mandanten.

Anwalt Uwe Krechel vor dem Prozessbeginn. Fotos: ls

Etwas abseits im hinteren Teil des Gerichts sitzt Johannas Mutter. Eine zierliche Frau in einem schlichten schwarzen Kleid mit dunkelbraunen, kurzen Haaren. Sie wirkt gefasst. Später wird sie sagen, dass sie sich wünsche, dass diese „endlose Geschichte“ so schnell wie möglich vorbei sein soll. Sie hoffe auf eine angemessene Strafe. Ihr Mann, Johannas Vater, wird den Prozess um den mutmaßlichen Mörder nicht verfolgen können. Vor zwei Jahren starb er. Die Familie tritt als Nebenklägerin in dem Prozess auf. Wieder öffnet sich die Tür. Dieses Mal tritt der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger ein. Auch er lächelt. Hauburger wirkt optimistisch. Das hatte er in den letzten Tagen auch schon in Vorgesprächen mit anderen Zeitungen bestätigt. Wie zum Beispiel Spiegel Online berichtet, ist Hauburger sich sicher, den Mörder des Mädchens gefunden zu haben.

Punkt zehn Uhr. Alle Blicke ruhen auf der schweren Holztür. Wieder öffnet sie sich. Geführt von einem Justizvollzugsbeamten wird Rick J. in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Er wirkt ruhig und gefasst. Die Hände vor seinen Bauch ineinander verschränkt. Sein Blick zum Boden gerichtet.


Rick J. wird mit Handschellen in der Gerichtssaal geführt.

Und dann wird die Anklage verlesen – mit grausigen Details: Mord, sexueller Missbrauch und Vergewaltigung eines Kindes sowie der Besitz von kinderpornographischen Schriften, wirft Hauburger dem Angeklagten vor. Am 2. September 1999 soll der mutmaßliche Täter die AchtJährige mit Chloroform betäubt, ihr die Augen und den Mund mit Panzerband verbunden und sich an dem Mädchen vergangen haben. Danach soll er mit 25 Zügen Panzerband das Gesicht des Mädchens abgeklebt haben – Johanna erstickte. „Er nahm den Tod des Mädchens billigend in Kauf“, erklärt Hauburger in der Anklageverlesung.

Rückblick: Damals ging die achtjährige Johanna Bohnacker raus zum Spielen. Mit Freunden wollte sie sich treffen. Zurückkehrt ist sie nicht. Einzig ihr Fahrrad wurde an jenem Tag am Sportplatz in der Nähe ihres Elternhauses in Ranstadt-Bobenhausen im Wetteraukreis gefunden. Eine großangelegte Suche nach Johanna nach dem Verschwinden war erfolglos geblieben. Erst sieben Monate später – am 1. April 2000 – der grausame Fund: In einem Waldstück bei Lingelbach fand ein Spaziergänger die Leiche des Mädchens. Über 100 Kilometer entfernt von ihrem Zuhause.

Staatsanwalt Thomas Hauburger zusammen mit Anwalt Uwe Krechel.

Auf einem Stück Klebeband, das Johannas Leiche fesselte, fanden die Ermittler damals einen winzigen Teil eines Fingerabdrucks. Eine Spur, die den Täter für die Staatsanwaltschaft über 18 Jahre später überführen sollte. Über 1.500 Männer wurden untersucht, ein DNA-Massentest veranlasst und hunderte Fahrer eines VW Jettas – die einzige Zeugenspur damals – überprüft. Auch Rick J. soll zur Tatzeit einen Jetta gefahren haben, auch seiner wurde überprüft. Doch die Ermittlungen verliefen dennoch ins Leere. Auch Jahre später beschäftige der Fall bundesweit: Plakate mit dem Bild des Mädchens wurden aufgestellt und auch in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ wandten sich die Ermittler an die Öffentlichkeit. Ohne Erfolg.


Erst 2016 geriet Rick J. so wirklich in den Fokus der Ermittler. Ein kleinerer Mann mit einer rundlichen Figur. Die langen, braunen Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden. Das weinrote, kurzärmlige Hemd ist nicht bis oben zugeknöpft, die schwarze Brille mit schmalem Metallrahmen sitzt auf seiner Nase. Er wirkt zurückhaltend, fast sogar unsicher. Selten richtet er seinen Blick auf. Seine Züge bleiben ausdruckslos, seine Augen leer. Auch sein Anwalt Krechel beschreibt ihn als „unsicheren“ Menschen. Im August soll er in einem Maisfeld bei Nidda von Passanten bei „sexuell motivierten Fesselspielen“ mit einer Minderjährigen beobachtet worden sein. Die Handlungen seien einvernehmlich gewesen, wird Rick J. später aussagen.

Ermittelt wurde trotzdem. Und die Beamten wurden stutzig. Klebeband. Damit wurde nicht nur das Mädchen in dem Feld, sondern auch Johanna gefesselt. Eine Parallele, die sie schließlich zum Ziel führen sollte. Bei der Durchsuchung der Wohung von Rick J. in Friedrichdorf im Hochtaunuskreis finden die Ermittler schließlich 236 Datenträger und 120 Videokassetten mit kinderpornographischen Inhalten. Insgesamt 17 Millionen Dateien, davon 6 Millionen Bild- und Videodateien, werden ausgewertet. Auch die Fasern, die am Klebeband bei Johanna entdeckt wurden, finden sie an Klebebändern in seiner Wohnung. Der Verdacht gegen den 42-Jährigen verhärtet sich. Die Sonderkommission „Johanna 2017“ wird gegründet. Rick J. wird observiert, Zeugen werden befragt, alle Beweise nochmals untersucht und die alten Ermittlungsakten digitalisiert, um sie besser neu auswerten zu können.

Zusammen mit ihrem Anwalt Dietmar Kleinert stellt sich Johannas Mutter Gabriele Bohnacker den Fragen der Journalisten. Weitere Fragen wolle sie nicht mehr beantworten.

Ausschlaggebend wird die Spur mit der Nummer elf sein. Das Fingerabdruckfragment auf dem alten Klebeband was man bei Johannas Leiche fand und das mit Hilfe moderner Techniken nochmal vergleichen wurde. Mehrere Spuren stimmen mit dem linken Daumen von Rick J. überein. Auch bei der Massenuntersuchung 2000 war der 42-Jährige dabei, sein Fingerabdruck wurde allerdings nicht richtig übertragen. Mit dem weiteren Indiz der übereinstimmenden Acrylfasern auf den Klebebändern, reichten die Beweise für eine Anklage. In den bisherigen Vernehmungen soll Rick J. zwar die Entführung und auch sexuelle Absichten eingeräumt haben. Den Mord an Johanna aber soll er bestreiten. Es sei ein Unfall gewesen. „Es ist nicht objektiv nachweisbar, woran das Mädchen gestorben ist“, sagt auch sein Anwalt Uwe Krechel abseits der Verhandlung.

Rick J. bleibt beim Prozessauftakt schweigsam. Einzig eine Erklärung lässt er durch Krechel verlesen. „Er kann die Tat nicht entschuldigen. Das Schicksal des Mädchens und das Leid, das er Johannas Familie zugefügt hat, stehen im Vordergrund. Seiner Verantwortung ist er sich bewusst und kann weder auf Verständnis noch auf Vergebung hoffen“, verließt Krechel. Die Handlungen sollen ihn noch heute beschäftigen und er sei bereit, dazu zu stehen. Und dann ist es schon wieder vorbei: Nur wenige Minuten nach Beginn des Prozessauftakts – um 10.12 Uhr – wird die Verhandlung vertagt. Am nächsten Prozesstag, den 9. Mai, will Rick J. vollumfänglich Stellung nehmen.


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