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Interview mit Stephanie Binder, die für die Welthungerhilfe in der Türkei arbeitet„Die Situation ist wirklich tragisch für die Menschen dort“

REGION/SYRIEN. Seit nun sieben Jahren schon tobt in Syrien der Krieg. Hunderttausende sind bislang ums Leben gekommen oder geflohen. Eine, die das Leid der Menschen hautnah mitbekommt, ist die Oberhessin Stephanie Binder. Die 30-Jährige arbeitet für die Welthungerhilfe in der Türkei. Im Interview mit OL erzählt sie, woran es in der Region gerade am meisten fehlt, was sie der Krieg gelehrt hat – und warum sie manchmal vor allem beim Fahrradfahren in Deutschland an den Schrecken in der Region denken muss.

Raketen stürzen vom Himmel. Sie treffen auf Kliniken und Wohnhäuser. Rauch steigt in den Himmel, die Stadt – ein brennendes Inferno. In ihm gefangen: Frauen, Männer und Kinder. Freiwillige kämpfen sich durch die Trümmer eingestürzter Häuser, verzweifelt suchen sie nach Überlebenden. Die Straßen sind leer. Elektrizität gibt es nicht mehr. Auch kein Essen und kein Wasser. Oberhessen-live hat mit Stephanie Binder aus Wettsaasen gesprochen, die das Leid der Menschen in Syrien durch ihre Arbeit bei der Welthungerhilfe hautnah miterlebt.

Nach Aleppo sollte sich dieses Bild nicht wiederholen, doch das tut es. In Ost-Ghuta. Der Krieg in Syrien hat noch immer kein Ende. Im syrischen Ost-Ghuta sterben täglich Menschen. Tausende sind aus der Rebellenenklave geflohen, doch viele sind noch dort. Für Hilfskonvois ist kaum ein Durchkommen. Der mittlerweile seit sieben Jahren anhaltende Krieg stellt Hilfsorganisationen immer wieder vor Schwierigkeiten.

Eine von diesen Organisationen ist die Welthungerhilfe, für die die Oberhessin Stefanie Binder aus Wettsaasen arbeitet. Für die ist die 30-Jährige aktuell in der Türkei – genauer: in Gaziantep, 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Zuständig ist sie als Pressereferentin Nah-Ost aber nicht nur für die Türkei, sondern auch für Syrien, dem Libanon und dem Irak. In einem Interview mit uns hat Stephanie Binder über ihre Arbeit und die Situation vor Ort gesprochen.

„Oft können sie nur das Nötigste Hab und Gut mitnehmen“

Oberhessen-live: Wie kann man sich die Situation vor Ort aktuell vorstellen?


Stephanie Binder: Die Situation in Syrien ist auch im achten Jahr des Krieges dramatisch. Ich war ganz überrascht, als ich im Dezember für einige Wochen in Deutschland war und viel von Frieden und Wiederaufbau in Syrien gesprochen wurde, da wir hier in der Region vor allem die Berichterstattung über aktuelle Kampfhandlungen und brutale Luftangriffe wahrnehmen. Wir arbeiten von der Türkei aus mit syrischen Partnerorganisationen in Idlib und im Westen der Provinz Aleppo. In dieser Region gibt es immer wieder Luftangriffe unter denen vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Über 380.000 Menschen in Idlib wurden seit Beginn der Militäroffensive des syrischen Regimes im Dezember 2017 teilweise mehrfach vertrieben.

Stephanie Binder im Einsatz vor Ort.

Stephanie Binder im Einsatz vor Ort.

Mich hat kürzlich wieder eine Geschichte von unseren Partnern in Syrien erreicht, die ein gutes Beispiel für die Situation vor Ort ist. Es ging um einen Familienvater, der bereits mehrere Male mit seiner Familie vor Kämpfen fliehen musste. Er sagte, dass er jeden Morgen vor der kleinen Hütte in Idlib sitzt, wo er mit seiner Familie untergekommen ist, und überlegt, wie er seine Kinder sattbekommt. Oft isst er dann selbst nichts, damit wenigstens die Kinder genug Nahrung haben. 6,5 Millionen Syrerinnen und Syrer können sich nicht ohne Hilfe ernähren, weitere 4 Millionen sind von Hunger bedroht. Die Situation ist wirklich tragisch für die Menschen dort, denn wir sind jetzt im achten  Jahr des Krieges und die Menschen müssen weiter um ihr Leben fürchten.

Woran fehlt es den Menschen am meisten gerade?

Den Menschen in Syrien fehlt es an grundliegenden Dingen wie beispielweise Nahrung, Wasser, Heizmaterial, Kochuntensilien und Kleidung. Im Winter wird es richtig kalt und die Familien, die vertrieben wurden, leben teilweise in Zelten, die wiederum keine Isolierung haben. Die Mehrzahl der Menschen in Syrien wurden mehrere Male – manchmal fünf oder sechmal – vertrieben. Mit jeder Flucht verlieren sie einen Teil ihres Lebens. Oft können sie nur das Nötigste Hab und Gut mitnehmen. Für humanitäre Organisationen in Syrien geht es darum, die Menschen darin zu unterstützen ihre existentiellen Grundbedürfnisse zu befriedigen. In der Türkei konzentriert sich die Arbeit der Welthungerhilfe immer mehr darauf syrische Flüchtlinge, die nicht in den Camps untergebracht sind, dabei zu unterstützen sich in der Türkei zurechtzufinden.


In Europa hat man oft ein zu einfaches, klassisches Bild von syrischen Flüchtlingen im Kopf.Stephanie Binder

Hier gibt es beispielweise gute staatliche und nicht-staatliche soziale und gesundheitliche Leistungen für Syrerinnen und Syrer, viele von ihnen haben jedoch aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen und fehlenden Kenntnissen über die administrativen Prozesse Probleme, sich für diese Leistungen zu registrieren. In Zusammenarbeit mit türkischen Behörden und Organisationen helfen wir den Menschen, Dokumente auszufüllen, übersetzen, begleiten sie zu Behördenbesuchen und klären sie über ihre Rechte und Pflichten in der Türkei auf. In Europa hat man oft ein zu einfaches, klassisches Bild von syrischen Flüchtlingen im Kopf.

Wie meinst du das?

Viele denken automatisch an Kinder, die barfuß laufen, Menschen, die nur mit einer Plastiktüte fliehen. Aber der Krieg betrifft alle Menschen in und aus Syrien aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und mit verschiedenen Bildungsständen. Ich habe viele syrische Freunde hier in der Türkei, die jünger sind als ich und nicht diesem klassischen Bild entsprechen. Sie  waren oft Teenager, als der Krieg ausgebrochen ist. Am Anfang haben junge Syrerinnen und Syrer eine Revolution gesehen und hatten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Viele meiner Freunde haben das Ganze aber auch zögerlich beobachtet, um zu schauen wie das so weitergeht. Man darf nicht vergessen, dass der Krieg in Syrien mit friedlichen Demonstrationen und klaren Forderungen an das syrische Regime begonnen hat.

Die meisten Flüchtlinge wollen zurück nach Syrien

Wie du schon gesagt hast: Vor Ost-Ghuta hatte man hier eher das Gefühl, dass sich die Krise gelegt hat und dass das Leid der Menschen gar nicht mehr so groß ist.

Die Annahme, dass sich der Krieg dem Ende zuneigt, kommt, meiner Meinung nach auch daher, dass das syrische Regime weiter in die oppositionellen Gebieten vorgedrungen ist und Regionen zurück erobert. Der Großteil Syriens, geografisch gesehen, wird wieder vom syrischen Regime regiert. Nichtsdestotrotz ist es aktuell in unseren Projektregionen so, dass akute Kampfhandlungen die Zivilbevölkerung zermürben und die Menschen immer wieder fliehen müssen, teils zum wiederholten Mal. Sie sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.


Mittlerweile verspüre ich eine große Verantwortung, dass ich das, was ich hier sehe und erlebe und die Geschichten meiner Freunde und Kollegen weitererzähle. Dass ich in Deutschland auch teile, was ich hier gesehen habe, weil es eben schwer ist für Menschen, die nicht unmittelbar in einem Krisengebiet leben, zu verstehen, was das bedeutet. Was bedeutet es konkret für Syrerinnen und Syrer in ihrem eigenen Land auf der Flucht zu sein oder ihre Heimat ganz zu verlassen und neu anzufangen.

Kennst du selbst jemanden, der geflüchtet ist?

Eine syrische Freundin von mir, die ich aus dem Libanon kenne, ist mit dem Boot von Izmir in der Türkei rüber nach Griechenland und hat sich von dort, hauptsächlich zu Fuß auf den Weg in die Niederlande gemacht. Sie war eine Nacht in einem Sammelzelt, es hat geregnet, war super kalt, es gab keinerlei Boden in diesem Zelt. Daher musste sie auf matschigem Boden schlafen. Sie zitterte vor Kälte und der Freund mit dem sie unterwegs war, hat sie die ganze Nacht gehalten und auf sie geatmet, damit ihr nicht so kalt ist. Diese konkreten Erlebnisse und was das wirklich bedeutet für junge Menschen, die vor dem Konflikt mitten im Leben standen und nie einen Krieg erlebt haben – das können wir uns in Deutschland oft gar nicht vorstellen, weil wir nie in dieser Situation waren.

Während ihrer Arbeit spricht die 30-Jährige mit vielen verschiedenen Menschen.

Hast du denn das Gefühl, dass die, die geflohen sind, auch wieder zurückwollen?


Ich habe in den letzten fünf Jahren mit sehr sehr vielen syrischen Flüchtlingen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen im Libanon, in Jordanien, dem Irak und der Türkei gesprochen. Fast alle, mit ganz wenigen Ausnahmen, sagen, sie wollen zurück nach Syrien.

„Wir müssen miteinander sprechen und aufeinander zugehen“

Hast du in Gesprächen rausgehört, dass sie sich nicht wohlfühlen in dem neuen Land, weil sie immer als Flüchtlinge abgestempelt werden?

Ja klar, das ist auf jeden Fall ein Thema. Das ist auch eine Problematik, die man nicht weg reden kann. Es ist immer so: Wenn du fremd in einem Land bist, wirst du oft von der Gesellschaft, die das vielleicht auch gar nicht gewöhnt ist so viele Menschen aus anderen Ländern aufzunehmen, als fremd wahrgenommen. Was hier in der Türkei und bei meinen syrischen Kollegen und Freunden sehr bemerkenswert ist, ist, dass viele sehr gut Türkisch sprechen. Das macht einen großen Unterschied. Man kann sich einfach ganz anders in einer neuen Gesellschaft orientieren, wenn man die Sprache spricht.

Ängste müssen ernst genommen werdenStephanie Binder

Aber natürlich gibt es Diskriminierung und ganz konkrete Probleme. Zum Beispiel, wenn der syrische Pass abgelaufen ist und erneuert werden muss oder eine Familie ihr neugeborenes Kind offiziell registrieren möchte. Das hört sich einfach an, ist aber sehr kompliziert wenn man als Flüchtling in einem fremden Land lebt. Das sind praktische Probleme, die Syrerinnen und Syrer in der Türkei haben, aber auch im Libanon, Jordanien, und im Irak.

Es wäre allerdings auch falsch so zu tun, als gingen in Deutschland einige Probleme nicht auch von den Flüchtlingen aus. In Unterkünften kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Silvesternacht in Köln, der Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt – um nur drei Beispiele zu nennen. Was entgegnest du jemanden, der sagt, seit dem Flüchtlingssommer 2015 fühle er sich in Deutschland nicht mehr sicher?


Ängste müssen ernst genommen werden, aber ich glaube persönlich nicht daran, dass uns eine Fokussierung auf diese Angst weiter bringt. Ich habe in meiner Arbeit mit unterschiedlichen Menschen aus aller Welt gelernt, dass uns viel mehr verbindet, als wir bei allen kulturellen Unterschieden, die es natürlich gibt, denken. Wir müssen miteinander sprechen und aufeinander zugehen, Interesse aneinander zeigen und bei konkreten Ängsten oder vielleicht Vorurteilen einfach mal nachfragen.

Das Leben dort, verändert die eigene Perspektive

Seit über einem Jahr bist du jetzt in der Türkei. Vorher warst du ein paar Monate im Irak und hast dort die Pressestelle der Welthungerhilfe unterstützt. Was ist dir in dieser Zeit besonders aufgefallen?

Was mir aufgefallen ist, dass unsviel mehr verbindet, als uns unterscheidet. Das habe ich hier nochmal ganz konkret gelernt. Ich bin außerdem wahnsinnig inspiriert von der Kraft der Menschen in der Region. Die Väter zweier syrischer Freunde Mitte zwanzig beispielweise wurden beide in Syrien entführt. Einer wurde vom sogenannten Islamischen Staat (IS) entführt und für zwei Monate festgehalten. Mein Freund musste immer wieder zurück nach Syrien reisen und vor einem IS Gericht aussagen, um seinen Vater frei zu bekommen. Der andere Kollege hat über mehrere Tage mit den Entführern seines Vaters verhandelt, der schließlich freigelassen wurde. Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse in jungen Jahren sind die Beiden fröhliche und lebensfrohe Menschen und wünschen sich schlicht und einfach, dass es eine sichere Zukunft für sie und ihre Familien gibt.

Ein Mann steht im völlig zerstörten Aleppo. Foto: People in Need/Welthungerhilfe

Ein Mann steht im völlig zerstörten Aleppo. Foto: People in Need/Welthungerhilfe

Was hat die Zeit dort mit dir gemacht?


Wenn man in so einer Region lebt, ändert das die eigenen Perspektiven und Wahrnehmungen – das ist ja ganz klar. Das ist ja nicht nur im Nahen Osten so, sondern auch wenn man als freiwilliger Helfer beispielsweise nach Bangladesch geht. Wenn ich in Deutschland bin und angeschrien werde, weil mein Licht am Fahrrad nicht richtig befestigt ist, dann fällt es mir manchmal schwer mich in meiner Heimat wirklich zu Hause zu fühlen.

Du hast vorhin von der Lebensfreude der Menschen gesprochen. Was glaubst du, wie schaffen sie es, trotz der Dinge, die sie erlebt haben, so ein Lebensgefühl auszustrahlen?

Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. Ich bewege mich jetzt schon seit Jahren in dieser Region und aus meiner Erfahrung, haben Syrerinnen und Syrer einen sehr ausgeprägten Humor. Es wird ganz viel gescherzt. Oft merke ich in Gesprächen mit meinen Kollegen und Freunden, dass meine erste deutsche Handlung wäre, etwas sofort ganz ernst zu nehmen. Sie machen aber oft einen Scherz und entschärfen damit die Situation. Das finde ich sehr bemerkenswert. Nicht, dass sie aus allem einen Witz machen, so meine ich das gar nicht, aber es ist eine Lebensart, die einfach sehr praktisch ist im Alltag. Wenn man sich den ganzen Tag nur aufregt, traurig ist, oder sich fragt, warum das alles so gelaufen ist, macht man sich das Leben schwer. Es gibt natürlich auch Menschen, die so schwer traumatisiert sind, dass sie noch jahrelang damit zu kämpfen haben werden, aber ich sehe auch sehr viele starke Menschen, die einfach weiter machen müssen, denn was ist die Alternative?

Wie schaffst du es damit umzugehen?

In diesem Sektor, in der humanitären Hilfe, aber auch im Journalismus, sollte man mehr darüber reden, was diese Eindrücke und Geschichten mit einem machen, denn der Tenor ist so: Du bist ja nicht selbst betroffen, du berichtest nur darüber, du bist ja sicher. Aber natürlich nimmt einen das mit und natürlich gibt es Interviews und Geschichten, die mich besonders bewegen. Bei mir sind das oft Geschichten von Frauen, da es sehr viele eindrucksvolle Frauen in der Region gibt, deren Rolle sich mit dem Krieg verändert hat.


Viele Erfahrungen während der Zeit bei der Welthungerhilfe gesammelt

Hast du Beispiele?

Viele Männer sind bei Kämpfen verletzt oder getötet worden oder sind in den Nachbarländern damit beschäftigt irgendwie Arbeit zu finden. Frauen haben auf einmal viel mehr Verantwortung und müssen sich oft alleine zurechtfinden. Einige syrische Frauen, mit denen ich kürzlich in der Türkei gesprochen habe, erzählten mir, dass sie sich in Syrien hauptsächlich um den Haushalt und die Kinder gekümmert haben. In der Türkei besuchen sie Türkisch-Kurse oder arbeiten selbst, machen Behördengänge, oder registrieren ihre Kinder in türkischen Schulen. Für sie bringt das Leben fernab der Heimat also auch ein Stück Selbstständigkeit mit sich.

Ein anderes Beispiel aus dem Irak: Ich hatte ein Interview im Irak mit einer Frau, die ich im Rahmen eines Journalistenbesuches, der von der Welthungerhilfe organisiert war, kennenlernte. Bei diesem Journalistenbesuch waren drei deutsche Journalisten dabei, für die wir in einer sehr konservativen Stadt im Irak versucht haben, weibliche Interviewpartner zu finden. Das ist nicht so einfach, weil dort Frauen oft nicht ohne Begleitung aus dem Haus gehen. Diese Frau hatte sich dennoch bereit erklärt und kam in die Schule, in der wir das Interview organisiert hatten. Sie setzte sich hin und ich erklärte ihr noch einmal kurz, den Grund unseres Besuches und fragte auch, ob wir Fotos von ihr machen können. Sie sagte gleich. “Natürlich könnt ihr Fotos machen, ich bin eine moderne Frau.“

Wie hast du reagiert?

Ich habe schon ein bisschen gelächelt. Es kam heraus, dass sie alleinerziehend ist, ihr Mann ist verstorben, und sie sagte uns dann, dass sie mit ihrer ältesten Tochter einen Pakt geschlossen hat, dass sie nicht heiraten darf, bevor sie die Uni abgeschlossen hat. In dieser Region im Irak ist es nicht unüblich, dass Mädchen mit 13, 14 oder 15 Jahren verheiratet werden. Wenige Tage später bin ich dann nochmal zurück, habe die Frau alleine zu Hause besucht und ein längeres Interview mit ihr geführt. Ich fragte sie welches Alter Mädchen in der Regel haben, wenn sie verheiratet werden.


Es ist gut, Emotionen zu zeigen und gerade vor den Leuten.Stephanie Binder

Sie sagte etwa 17 Jahre. Ich wusste jedoch, dass Mädchen oft schon viel früher verheiratet werden und hakte noch einmal nach. Daraufhin verdunkelte sich ihr Gesicht und sie brach in Tränen aus. Es stellte sich heraus, dass sie schon einmal verheiratet war und ihr erster Mann ihre Töchter mit elf und 13 verheiratet hat, sich daraufhin von ihr scheiden ließ, weil sie dem nicht zugestimmthatte und sie ihre Töchter seitdem nicht mehr gesehen hat. Das sind dann die Momente, in denen man an seine Grenzen kommt, wo die Geschichten auch dem Interviewer an die Nieren gehen.

Ist das hinderlich für deine Arbeit, wenn solche Emotionen hoch kommen?

Nein, das ist total in Ordnung. Man muss nicht so tun, als würde man da total drüber stehen. Es ist gut, Emotionen zu zeigen und gerade vor den Leuten. Wenn sie merken, dass da ein Mensch gegenüber ist, der meine Geschichte hört und eine emotionale Reaktion darauf hat, dann macht es die Situation eigentlich noch viel reicher. Man kann sich natürlich nicht bei jeder Geschichte seinen Emotionen hingeben, dann könnte man seine Arbeit nicht mehr machen. Es gibt Situationen, da ist das wahnsinnig schwer.

Wenn der Mensch ein Teil der Geschichte wird

Nämlich?

Ich habe in der Türkei eine syrische Frau interviewt, die mit einer türkischen Frau eine Ausbildung zur Friseurin gemacht hat, die von der Welthungerhilfe unterstützt wurde. Das war ein schönes Beispiel, wie eine Syrerin und eine Türkin zusammen lernten und arbeiteten. Die Türkin hat später einen Friseurladen aufgemacht, in dem die syrische Dame auch mitgearbeitet hat. Dann stellte sich heraus, dass die Syrerin einen Mann hat, der nach Deutschland geflohen ist, weil er Krebs hatte. Das war auch der Grund, warum sie gemeinsam von Syrien in die Türkei geflohen sind: in der Hoffnung auf bessere medizinische Behandlung.


Stephanie Binder bei ihrer Arbeit für die Welthungerhilfe in Gaziantep. Foto: Stephanie Binder/Welthungerhilfe

Das hat jedoch nicht so geklappt, also ist der Mann weiter nach Deutschland. Seine Frau gab mir die medizinischen Unterlagen auf Deutsch, die sie irgendwie bekommen hatte und fragte mich, was da drinnen stehe. Da stand, dass ihr Mann noch sechs Monate zu leben hat. In dieser Situation überlegt man natürlich was man sagt, man will die Frau ja auch nicht anlügen. Da wird man plötzlich Teil der Geschichte der Menschen.

Und das geht?

Im Journalismus ist es das oberste Gebot Objektivität, man berichtet über Ereignise, man ist nicht Teil der Geschichte. Für einen normalen Menschen ist es, meiner Meinung nach, unmöglich diesem Standard immer gerecht zu werden. Das funktioniert nie hundertprozentig und in meiner Arbeit ist es tatsächlich so, dass diese Geschichten auch ein Teil von mir werden. Natürlich kann man deswegen nicht zusammenbrechen, damit hilft man ja keinem, aber man darf davon berührt sein und es darf auch passieren, dass man mal emotional wird.

Wenn du jetzt mal reflektierst, was würdest du sagen, hat dich am meisten geprägt?


Das was ich in der Zeit gelernt habe ist, dass ich wahnsinnig dankbar dafür bin, dass ich und meine Familie gesund sind. Dass ich so eine gute Ausbildung machen konnte und einen Job habe der mir Spaß macht, dass ich nie Angst um mein Leben haben musste.

Was für Tipps würdest du im Umgang mit Geflüchteten geben?

Ich würde zu allererst meinen Eindruck teilen, dass uns am Ende des Tages mehr verbindet, als dass es uns trennt. Ich würde raten, sich einfach mal mit jemanden zu unterhalten, der aus diesem Teil der Welt kommt. Was ich in der aktuellen Situation in Deutschland ganz wichtig finde ist: Dialog. Wir dürfen nicht aufhören miteinander zu sprechen und auch Ängste zuteilen, solange sie berechtigt sind, denn Rassismus lehne ich und auch meine Organisation kategorisch ab.

Von Luisa Stock