Professor Dr. Wolfgang Hinte (links) suchte erneut den engagierten Austausch mit fast 100 Fachleuten der Vogelsberger Sozialarbeit – hier im Gespräch mit (von links) Dr. Jens Mischak (Erster Kreisbeigeordneter), Harry Bernardis (Leiter Vogelsberger Lebensräume), Reinhard Kaul (Geschäftsführer Melchiorsgrund), Hans Dieter Herget (Leiter des Sachgebiets Soziale Dienste im Amt für Soziale Sicherung) und René Lippert (Leiter des Amtes für Soziale Sicherung). Foto: Erich Ruhl-Bady

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Erster Kreisbeigeordneter Dr. Mischak begrüßte den angesehenen Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hinte bereits zum dritten Mal in Lauterbach„Erst kommt das Ringen um die Inhalte – dann das Netzwerk“

LAUTERBACH (ol). Den Eigensinn im eigenen Lebensraum sichern und erweitern: Das ist sein Thema. Prof. Dr. Wolfgang Hinte war auf Einladung einer Gruppe von Fachleuten aus der Region wieder zu Gast im Vogelsbergkreis. In einem spannenden Fachtag in der Lauterbacher Sparkassen-Aula fragte er: „Wie kann Teilhabe für alle Menschen gelingen? Wie können Autonomie und Souveränität des Einzelnen gestärkt werden?“

Bei den aktuellen Themen Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, Inklusion und  Sozialraum gehe es im Grunde um den Begriff der Würde. Und, so Hinte: „Würde kriegt man nur über das, was man selbst getan hat.“ So aus der Pressemitteilung des Kreises. Also sei sein Rat: Auf die Ressourcen – auch eingeschränkter Menschen – vertrauen, ihnen etwas zutrauen, zunächst ihre eigenen Kräfte und Möglichkeiten mobilisieren; erst dann sollte die fachliche Unterstützung kommen. Professor Hinte von der Universität Duisburg-Essen verdeutlichte eine seiner wesentlichen Thesen mithilfe des „Tests mit dem Wasserglas“: einem alten Menschen beim Zu-Mund-Führen helfen, darf nicht dessen noch vorhandene Fähigkeiten abschneiden oder ignorieren. Es müsse beim Helfen bleiben und dürfe die (noch) mögliche eigene Handlung nicht ersetzen. Und: wenn mal etwas „verschüttet“ werde, sei das nicht so wichtig – wohl aber das Erlebnis des Betroffenen, es allein geschafft zu haben: er erlebe seine eigene Handlungskompetenz.

Konzept der Sozialraumorientierung

Erneut sehr leidenschaftlich, weitblickend und unterhaltsam warb Professor Hinte für sein Konzept der Sozialraumorientierung. Er war bereits zum dritten Mal auf Einladung des Vogelsbergkreises in Lauterbach und sprach vor knapp 100 Fachleuten aus den Bereichen Jugend- und Behindertenhilfe sowie Mitarbeitern der Kreisverwaltung und des Landeswohlfahrtsverbandes. Erster Kreisbeigeordneter Dr. Jens Mischak, begrüßte den „Erfinder der Sozialraumidee“. Zu Gast war auch eine Delegation aus dem Werra-Meißner-Kreis mit Landrat Stefan Reuß an der Spitze, um sich über die Aktivitäten im Vogelsbergkreis zu informieren.

Das Beispiel mit dem Wasserglas: auch ein Mensch mit Einschränkungen will vor allem seine Würde spüren. Die bekommt er zuerst über das Erleben der eigenen Handlungskompetenz. Erst dann über die Hilfe von außen. Und wenn mal etwas „verschüttet“ wird, ist das nicht so wichtig. Foto: Erich Ruhl-Bady

Weil es schon gute Erfahrungen mit Vernetzungen von Fachleuten im Allgemeinen und zusätzlich neue aktuelle wesentliche Erkenntnisse zum Prinzip „Sozialraumorientierung“ im Bereich der Jugendhilfe gibt, wollen der Landkreis und viele im Kreis agierende Einrichtungen und Dienste auch im Bereich der Behindertenhilfe neue Wege gehen. „Doch gemach, gemach“ warnte Hinte.

Erst nach den Inhalten folgt der Umgestaltungsprozess

Bei aller Freude, dass sich alle gerne vernetzen wollen, brauche es vor allem eines: Geduld. Und außerdem: „Erst muss das fachliche Ringen um die Inhalte und das Klären der Begriffe kommen, dann die Klärung einer gemeinsamen Haltung. Und wirklich erst danach folgen dann der Umgestaltungsprozess, die Ausprägung der Vernetzungsidee einschließlich der Frage nach der Organisation und der Frage des Geldes.“ Am Schluss könne dann eine große Reform stehen, mit mehr Vernetzung und mehr Abstimmung zum Wohle der Hilfesuchenden. Diskutiert wurde in Lauterbach auch eine möglicherweise notwendige Veränderung der Finanzierung der Leistungen. Denn das jetzige Finanzierungssystem bringe teilweise auch den Hilfebedarf hervor, da die Vergütung oft an die Schwere der Fälle gekoppelt sei.

Die Aspekte des Sozialraums als Ressource, die vor der fachlichen Unterstützung genutzt werden müsse, seien auch im Feld der Behindertenhilfe von höchster Bedeutung. Was kann ein Mensch noch selbst, wer steht im Umfeld zur Verfügung (Verwandte, Freunde, Vereinskameraden usw.). Deshalb rate Professor Hinte zur Zurückhaltung. Denn „wenn die Profis kommen, lähmt das gelegentlich die reale Lebenswelt“. Und statt die eigenen Ressourcen zu mobilisieren, „lehnt sich der Betroffene zurück“.

Hans Dieter Herget freute sich über die große Resonanz in der Veranstaltung mit Professor Dr. Hinte in der Lauterbacher Sparkassen-Aula. Foto: Erich Ruhl-Bady

„Was kann ich selbst tun, damit das eintritt, was ich mir wünsche“, sei die Kernfrage. Erst dann sollten die „Profis ran“ und das vorhandene „System“ stärken, erst dann sollte Hilfe „hinzugefügt“ werden. Dann könne man den Willen des Betroffenen sozusagen „katalysieren“ und als Schwungrad nehmen. Wunsch und Wille des Betroffenen sollten hier übrigens nicht verwechselt werden. Den Willen hinter dem Wunsch zu erkennen: das genau sei die professionelle Arbeit.

4 Gedanken zu “„Erst kommt das Ringen um die Inhalte – dann das Netzwerk“

  1. @ Frau

    Da @Mann offensichtlich keine Lust hat, meinen Beitrag kurz zusammen zu fassen,
    mache ich es doch einfach mal selbst. Mein Tipp:
    1) Erst mal folgendes Video anschauen: https://vimeo.com/114965867
    2) Feststellen, dass Prof. Hinte (guter Mann übrigens!) in dem obigen Artikel und der gleichlautenden Pressemeldung des Landkreises missverstanden wird.
    Sein Denkansatz beruht im Wesentlichen darauf, die für soziale Aufgaben verfügbaren Gelder möglichst in prophylaktische Verbesserungen des sozialen Umfelds der Menschen zu investieren, so dass soziale Leistungen im engeren Sinne (Heimunterbringung etc.) vermieden werden können. Dies ist allerdings das komplette Gegenteil der Sozialpolitik im Vogelsbergkreis, die für Unterstützung und Entlastung der Betroffenen im Vorfeld eintretender Hilflosigkeit kein Geld hat. Auch die Erwartung, dass sich durch Prof. Hintes Ideen Geld einsparen ließe, ist vollkommen verfehlt. Das zur Verfügung stehende Geld soll nur anders investiert werden!

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  2. Wo @Ulrich Lange Recht hat hat er Recht.Sachlich und ohne Ausfälle geschrieben. Wegen der Sachlichkeit ist die Länge des Kommentars gerade noch akzeptabel.Deshalb diesmal Daumen nach oben.

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  3. Das Spannende an solchen „spannenden Fachtagungen“ ist immer, dass jeder die Ratschläge der Experten so versteht, wie es ihm in den Kram passt.
    Angesichts der Tatsache, dass gerade wir Älteren und die pflegenden Angehörigen von je her auf die eigenen Ressourcen zurückgreifen müssen,
    weil es im Vogelsbergkreis außer Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten gar keine modernen Versorgungsstrukturen gibt, klingt der Rat, zunächst die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu mobilisieren, wie Hohn.
    Die „guten Ratschläge“ des Herrn Professor dürften dagegen seinen Vogelsberger Gastgebern heruntergegangen sein wie Öl. Hauptsache man findet einen Grund für ein „Weiter so!“ nach dem Motto: „Wir haben hier alles was wir brauchen, und was wir nicht haben, das brauchen wir im Vogelsberg auch nicht.“ Oder: „Wenn’s darum geht, unseren Bürgern etwas zuzutrauen, war uns schon immer alles zuzutrauen!“
    Dass man Hilfsbedürftige in ihren restlichen Fähigkeiten nach Möglichkeit aktiviert, um deren weiteren Abbau und damit eine vollständige Hospitalisierung zu verhindern, ist ein uralter Hut. Den muss der hochgelehrte Gast unsereinem, der in etwa weiß, worum es geht, nicht nochmals aufsetzen.
    Und auch das ist längst bekannt: Um die guten Ratschläge befolgen zu können, benötigt man in den Pflegeeinrichtungen massenhaft Personal. Und bei den pflegenden Angehörigen braucht es massenhaft Zeit ohne Zusatzbelastung durch Beruf, Kinder und Haushaltsführung bzw. zusätzliche Unterstützung durch Hilfskräfte im Bereich haushalts- und lebensweltnahe Dienstleistungen, die es im Vogelsbergkreis aber nicht gibt.
    Der listenreiche Odysseus aus der Kreis-Pressestelle dreht jedoch die Verhältnisse rhetorisch einfach um. Er lässt den Prof. Hinte durch einen kleinen Trick als Entschleuniger überbordenden Amtseifers bei der Versorgung der Vogelsberger Bevölkerung auftreten. „Weil es schon gute Erfahrungen mit Vernetzungen von Fachleuten im Allgemeinen und zusätzlich neue aktuelle wesentliche Erkenntnisse zum Prinzip ‚Sozialraumorientierung‘ im Bereich der Jugendhilfe“ gebe, wollten „der Landkreis und viele im Kreis agierende Einrichtungen und Dienste auch im Bereich der Behindertenhilfe neue Wege gehen.“ Ach, sieh an. Da fällt mir doch glatt der Witz vom Wegweiser ein, der selbst nie in die Richtung unterwegs ist, in die er zeigt. Doch jetzt kommt das Beste! Zitat: „Doch gemach, gemach“ warnte Hinte. Denn „wenn die Profis kommen, lähmt das gelegentlich die reale Lebenswelt“. Gelegentlich scheint mir aber auch der Blick auf die reale Lebenswelt des Vogelsbergkreises „gelähmt“.
    Wo kommen im Vogelsbergkreis denn die Profis, die andere am Beschreiten neuer Wege hindern? Wenn wir Älteren im Vogelsberkreis wie die Maikäfer auf dem Rücken liegen, dann nicht deshalb, weil wir uns im Zustand der Überbetreuung zu weit nach hinten gelehnt haben, sondern vor Lachen darüber, mit welchen durchsichtigen rhetorischen Mitteln die fehlenden Versorgungsstrukturen im VB immer wieder schön geredet und irgendwelche des Wegs daher kommenden Fachleute hierzu als Testimonials (Referenzgeber) missbraucht werden. Das hatten wir doch vor kurzem erst beim Thema „Gutes Leben mit Demenz im Vogelsbergkreis“. Das hatte angeblich eine Studentengruppe der Hochschule Fulda der Kreisverwaltung durch ein „studentisches Forschungsprojekt“ von äußerst zweifelhafter Validität (vier Interviews mit „Betroffenen“!!!) attestiert. Wenig später fand ich im REK 2014-2020 einen Posten von über 13.000 Euro, den der Landkreis aus LEADER-Mitteln (öffentlichen Fördermitteln) für dieses „Forschungsprojekt“ ausgegeben habe. Da wundert einen das schmeichelhafte Forschungsergebnis nicht. Was wohl „Entschleuniger“ Prof. Hinte für seine freundliche Unterstützung des „Weiter so“ in Rechnung gestellt hat? Die einander verschmitzt zupröstelnden Herrschaften auf dem obersten Foto wissen da sicher mehr.

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