Freiwilligenzentrum Ulrichstein (FZU) entwickelt Projekte für die zivilgesellschaftliche Daseinsvorsorge. Foto: privat

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Freiwilligenzentrum Ulrichstein (FZU) entwickelt Projekte für die zivilgesellschaftliche DaseinsvorsorgeGegen die vollständige Kommunalisierung des Ehrenamts

ULRICHSTEIN (ol). „Wenn die Kommunen die Zeichen der Zeit verkennen oder ‚verpennen‘, müssen die Bürger sich selbst helfen“: So lautet das Credo von Ulrich Lange, dem Initiator des zweiten Freiwilligenzentrums im Vogelsbergkreis nach der im Jahr 2012 eröffneten Piloteinrichtung in Alsfeld.

In der Pressemitteilung des Freiwilligenzentrums Ulrichstein heißt es, wie die Alsfelder Freiwilligenagentur, die in dem ehemaligen Augustinerkloster in der Volkmarstraße residiert, ist das Ulrichsteiner Projekt ein eingetragenes Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (LAGFA). Eine weitere Parallele liege in der Verbindung zum Verbraucherschutz. Mit seinem Hauptsponsor, der gemeinnützigen AVIB e.V., teile sich das FZU die Büroräume am Burgblick 3 und revanchiere sich dafür mit dem Aufbau einer Beratungsstelle für alternative Wohnkonzepte wie Senioren-WGs, Seniorendörfer, Tiny-House-Wohnparks und vielem mehr.

Hauptaufgabe: Förderung des Ehrenamts

Die Hauptaufgabe liege aber, wie für Freiwilligenzentren üblich, in der Förderung des Ehrenamts. Das FZU unterstütze durch seine Angebote ehrenamtlich engagierte Bürger dabei, geeignete Einsatzmöglichkeiten zu finden und hierbei eigene Ideen zu verwirklichen. Daneben sollen aber auch neue Projekte entwickelt werden oder gängige Formate, wie sie zum Teil öffentlich propagiert und sogar über staatliche Förderprogramme initiiert und popularisiert werden, auf ihren gesellschaftlichen Nutzen hin geprüft werden. Hierbei stehe der jeweilige Beitrag zur regionalen Daseinsvorsorge im Vordergrund der Betrachtung.

Denn, so sei man überzeugt, mit Altersarmut, Pflegenotstand und Landflucht der Jüngeren drohe einer wachsenden Zahl von Senioren im Vogelsbergkreis in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren eine massive Verschlechterung ihrer Versorgung und Lebensqualität. Geeignete Versorgungsstrukturen seien flächendeckend nirgends im Vogelsberg entwickelt worden. Stattdessen werde Symbolpolitik betrieben, die Situation lediglich schön geredet oder mittels einzelner Leuchtturm-Projekte der Eindruck erweckt, als fehle es den Bürgern in der Region an nichts.

Vorrang des “Standortmarketing” nicht innovationsförderlich

Laut Koalitionsvereinbarung sollen sich Kreisausschuss und Verwaltung als Instrument der Wirtschaftsförderung betrachten. „Da müssten soziale Aufgaben zwangsläufig zurückstehen“, heißt es weiter in der Pressemitteilung. Das Amt für Soziale Sicherung (ASS) des Vogelsbergkreises, so führt der studierte Sozialwissenschaftler und langjährige Sozialunternehmer Ulrich Lange weiter aus, solle laut Koalitionsvereinbarung von CDU und SPD zwar das Selbstverständnis einer lernenden Organisation entwickeln, die offen sei für Veränderungen und nachsteuere, wo sich Verbesserungen erzielen ließen. In der Praxis zeige sich aber eher das Gegenteil. Der berühmte „Blick über den Tellerrand“ führe regelmäßig zu der selbstgenügsamen Einschätzung, dass man all die Formate, Kooperationsmodelle, Netzwerke, an denen quer durch die Republik fieberhaft gearbeitet werde, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein, im Vogelsberg nicht brauche.

Wer im Vogelsbergkreis nach Gemeinden suche, die sich an Programmen wie Demenzfreundliche Kommune, lokale Allianzen für Demenz, der Schulung von Alltagshelfern für Senioren oder der finanziellen Förderung alternativer Quartiersprojekte beteiligten, stoße auf eine Betreuungswüste.

„Grotesk widersprüchliche Aussagen und Aktionen“

Wenn immer wieder der Eindruck erweckt werde, man könne sich im Vogelsberg noch auf die „guten Nachbarschaften“ oder deren Aktivierung durch Nachbarschaftshilfe-Vereine verlassen, so sei dies reines Wunschdenken. Erst kürzlich habe eine Studie der Hochschulen Fulda und München mit dem Titel „Bürgerhilfevereine als Partner der Daseinsvorsorge?“ eindeutig ergeben, dass organisierte Nachbarschaftshilfe es selbst mittelfristig nicht leisten könne, Landkreise, Städte und Gemeinden in der Daseinsvorsorge zu entlasten. Die Voraussetzung hierzu sei, dass die Kommunen zunächst erhebliche Mittel in die Entwicklung solcher Hilfestrukturen investierten.

Eine realitätsnahe Beschreibung der Bedarfssituation im Vogelsberg, so führt Lange weiter aus, wird durch die Bestrebungen der Kreisverwaltung zur Kommunalisierung der Freiwilligenarbeit praktisch unmöglich gemacht. Sowohl das Handlungsfeld „Pflege und Gesundheit im Bündnis für Familie“ des Vogelsbergkreises als auch die Institutionen „Kreis-Seniorenbeirat“ und „Seniorenbeauftragte“ seien politisch viel zu sehr “eingebunden”, um – wie es eigentlich ihre Aufgabe wäre – auf Missstände und Versorgungslücken hinweisen und öffentlichen Druck ausüben zu können. Ihnen sei explizit die Aufgabe zugewiesen, innerhalb des alles dominierenden Konzepts der “kooperativen Wirtschaftsförderung” für „gute Nachrichten“ zu sorgen und als “Bot- schafter” des „Imageprodukts Vogelsbergkreis“ bei seiner „Vermarktung“ zu helfen.

Daher komme es zu grotesk widersprüchlichen Aussagen und Aktionen, wie aus der Pressemitteilung hervor geht. So habe der Kreis-Seniorenbeirat zunächst eine Aktion gegen die Vereinsamung im Alter in Gang gesetzt, diese dann aber pünktlich zur Landratswahl unter der Überschrift “Im Vogelsberg lässt es sich auch im Alter gut leben“ abgeblasen, aber anschließend dennoch ein Quartiersprojekt in Langgöns besichtigt, wozu, laut Pressemitteilung, aber gar kein Anlass bestanden hätte, wenn die Verhältnisse im Vogelsbergkreis tatsächlich so ideal und seniorenfreundlich seien wie zuvor dargestellt.