Rede und Antwort standen am Mittwochmorgen Kreis-Umweltdezernent Dr. Jens Mischak, der Leiter des Kreis-Umweltamtes Bernhard Hofmann sowie die an der Altöl-Havarie beteiligten Umweltingenieure Jürgen Steuber und Markus Wörner gegenüber Reporter Philipp Weitzel. Foto: privat

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Altöl-Unfall in Alsfeld: Seit Dezember sind noch ungeklärte Fragen offenUmweltauswirkungen nach Altöl-Havarie noch Ungewiss

LAUTERBACH (ol). Ein Monat ist mittlerweile vergangen, seit in Alsfeld mehrere Tausend Liter Altöl auf dem Entsorgungsgelände der Firma Altöl Bär-Kessel ausgelaufen sind. Und noch immer gibt es einige ungeklärte Fragen. Beispielswiese das Rätsel, um welche Art von Altöl es sich überhaupt handelte. Derweil lobt sich der Kreis selbst für sein Einschreiten nach dem Unglück. „Die Alarmierungskette hat funktioniert“, sagte Umweltdezernent Dr. Jens Mischak bei einem Pressegespräch.


„Ein Cocktail von Altölen sei möglich“, so eine Mutmaßung der Beteiligten bei dem Termin über die Zusammensetzung des ausgetretenen Schadstoffes. Die am 8. Dezember entnommenen Ölproben sollen sich noch immer zur Untersuchung im Landeskriminalamt in Wiesbaden befinden, wo noch keine Analyseergebnisse vorliegen. Ob in dem Altöl also Umweltschadstoffe wie Halogene oder PCB enthalten waren, sei nach wie vor ungeklärt. „Wir sind an den Analyseergebnissen selbst sehr interessiert“, sagt Dr. Mischak.

Unklar ist auch, wie es überhaupt zu dem Ölaustritt kommen konnte. Ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit war, wird noch von der Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Betrieb des Umschlagplatzes ist nach wie vor durch das Regierungspräsidium untersagt, bis Auflagen für einen sicheren Betrieb durch den Eigentümer erfüllt werden. Dieser habe sich jedoch bislang gegenüber den Behörden nicht geäußert. Ob der Umschlagplatz auf dem Gelände der Firma Altöl Bär-Kessel wieder öffnet, sei unklar.

Mischak: „Der Verursacher hat offensichtlich einen schmalen Fuß gemacht“

Erzürnt zeigte sich der Kreis-Umweltdezernent, dass die Reinigung des Kanals durch den Vogelsbergkreis in Auftrag gegeben werden musste. „Die Versicherung des Verursachers forderte eine juristische Prüfung zur Verantwortung“, erklärt Dr. Mischak. Laut seinen Angaben dauert diese Prüfung der Versicherung zur Zuständigkeit bis zum heutigen Tag an. „Der Verursacher hat offensichtlich einen schmalen Fuß gemacht, wir waren in der Pflicht“. Die entstandenen Kosten will der Vogelsbergkreis jedoch auf jeden Fall geltend machen. Der nötige Gebührenbescheid werde erstellt, wenn die Rechnungen der Reinigungsfirma und des Technischen Hilfswerks eingegangen sind. Die gesamten Kosten für die Bekämpfung der Havarie sind laut Dr. Mischak derzeit noch nicht zu beziffern.

Weiter unklar ist die Auswirkung der Havarie auf die Gewässerökologie der Krebsbach. Eine Untersuchung der nötigen Zeigerorganismen im Wasser sei durch die Jahreszeit nicht möglich. Frühestens im März könne das erfolgen. Gleiches gelte für den Erlenteich, auch im Hinblick auf ein mögliches Fischsterben. Es sei nicht auszuschließen, dass noch tote Fische auftauchen. Allerdings habe man im Rahmen des THW-Einsatzes Frischwasser in den Erlenteich gepumpt.

 

Rückblick: Am 8. Dezember fing alles an

Die erste Meldung über das Unglück ging am Morgen des 8. Dezembers mit einem Notruf bei der zentralen Leitstelle des Vogelsbergkreises ein. So meldete ein laut Dr. Mischak besorgter Anwohner des Krebsbaches einen Ölfilm, daraufhin wurden die Feuerwehr der Stadt Alsfeld, die Polizeistation Alsfeld und die Untere Wasserbehörde des Vogelsbergkreises alarmiert. Diese rückten umgehend zu dem gemeldeten Ort aus und stellten eine Verunreinigung des Gewässers mit Öl fest. Sofort wurden durch Feuerwehrleute mehrere Ölsperren errichtet und schwimmendes Ölbindemittel ausgebracht.

Das Betriebsgelände der Firma Altöl Bär-Kessel von wo das Altöl ausfloss. Foto: privat

Die Ursache für die Havarie war zu dem Zeitpunkt jedoch noch völlig unklar. „Der Verursacher hat die Ölverunreinigung nicht angezeigt“, hieß es damals vom Kreis. Erst durch Ermittlungen konnte die Alsfelder Entsorgungsfirma Altöl Bär-Kessel als Ort des Ölaustritts aufgefunden werden. Dort fanden die Einsatzkräfte auf einem vom Regierungspräsidium Gießen genehmigten Umschlagplatz für Altöl eine erhebliche Verunreinigung vor. Laut Dr. Mischak waren zu diesem Zeitpunkt 8.000 Liter Altöl aus der Kammer eines Tanklastzuges entflossen.

Ölsperren durch Feuerwehr errichtet

 

Ein Teil dieses Öls war durch eine Auffangwanne zurückgehalten worden. Die mit einem Volumen von 3.000 Litern geeichte Wanne war zuletzt im Jahr 2015 durch die Untere Wasserbehörde des Vogelsbergkreises überprüft worden. Eine Wanne mit einem größeren Auffangvolumen war nicht vorgeschrieben, da die Genehmigung das Umschlagen von Altöl unter Aufsicht vorsah. Dass die Auffangwanne im Endeffekt insgesamt 6.000 Liter Altöl zurückhalten konnte, sei ein glücklicher Umstand gewesen. So seien effektiv 2.000 Liter Altöl aus der Wanne gelaufen und über 1.000 Meter Regenwasserkanal quer durch Alsfeld in den Krebsbach gelangt, wo die Havarie durch den Anwohner bemerkt wurde.

Das auf dem Betriebsgelände der Firma Altöl Bär-Kessel übrig gebliebene Altöl wurde durch die Feuerwehr der Stadt Alsfeld mit Bindemittel gebunden, bevor noch am gleichen Tag eine Spezialfirma aus Gießen mit der Reinigung der Betonfläche begann. Diese Maßnahme wurde auch noch am folgenden Tag fortgesetzt, derweil die Feuerwehr den Ölschaden auf der Krebsbach mit Sperren und Bindemitteln bekämpfte. „Die Ölsperren wurden durch die Feuerwehr perfekt ausgebracht“, sagt der überwachende Umweltingenieur. Aus seiner Sicht sind die Sperren durch das witterungsbedingte Hochwasser zwar an ihre Leistungsgrenze gekommen, doch sie hätten funktioniert. Zeitweise waren insgesamt neun Ölsperren im Einsatz, die Letzte wurde am 30. Dezember zurückgebaut.

Erlenteich vom schwimmfähigen Bindemittel abgeschöpft

Die Verwendung von speziellem schwimmfähigen Bindemittel und die zugehörige Abschöpfung wurden von der Unteren Wasserbehörde als die beste Wahl zur Eindämmung der Havarie bezeichnet. Der Einsatz eines sogenannten Ölsanimaten, der bei der Feuerwehr Alsfeld vorgehalten wird oder der Einsatz von Ölsimmern durch Reinigungsfirmen sei aus zwei Gründen nicht erfolgt. Zum einen habe sich die Schadenslage auf eine zu große Fläche erstreckt, zum anderen sei der Ölfilm auf dem stark fließenden Bachlauf zu dünn für die Aufnahme mit diesen Geräten gewesen. Der Einsatz von Bindemittel, dass extra für den langfristigen Schwimmeinsatz auf Gewässern angefertigt wurde, war aus Sicht der Wasserbehörde so die richtige Wahl.

Der Vogelsbergkreis hält einen ständig aktualisierten Alarmplan für den Gewässer- und Bodenschutz vor, den Kreis-Umweltdezernent Dr. Jens Mischak und Umwelt-Ingenieur Markus Wörner hier zeigen. Foto: privat

Auch am Erlenteich, dort hätte der Simmereinsatz einer Reinigungsfirma keinen Erfolg erzielt. „In der Theorie hatte man sich einen guten Erfolg erhofft, in der Praxis hat es nicht funktioniert“, so einer der vor Ort eingesetzten Ingenieure. Aus diesem Grund musste das mit Bindemitteln gebundene Öl mit Sperren abgefischt und dann aufgesaugt werden. Dazu kamen Ehrenamtliche des Technischen Hilfswerks zum Einsatz, da am Wochenende keine Spezialfirma zur Verfügung stand. „Die Ehrenamtlichen der Feuerwehr wollte man bewusst nach mehrtägigem Einsatz bei Schnee, Regen und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt nicht erneut fordern“, so Dr. Mischak. Wie er sagte, ist der Einsatz des THWs in Rücksprache mit der Stadt Alsfeld erfolgt. Er unterstrich im gleichen Atemzug die hervorragende Zusammenarbeit von Unterer Wasserbehörde, Feuerwehr und THW.

Mit Schlauchbooten war das Technische Hilfswerk auf dem Erlenteich unterwegs und errichtete Ölbarrieren. Fotos: privat

Herausforderung bei der Reinigung des Regenkanals

Von einer Herausforderung sprach die Untere Wasserbehörde bei der Reinigung des Regenwasserkanals. So sei es schwierig gewesen, eine Fachfirma zu finden, die das Rohr reinigt, das kontaminierte Wasser zeitgleich aufnimmt und in der Folge noch vorschriftmäßig entsorgt. Rund 700 Meter Kanal mussten von Ölanheftungen gereinigt werden, auf den letzten 300 Metern seien keine Anheftungen mehr feststellbar gewesen. Für diese Feststellung seien auch Arbeiter in den Kanal gestiegen.

Über eine Verunreinigung weiterer Bachläufe, auch in Nachbarlandkreisen, liegen dem Vogelsbergkreis keine Informationen vor. Unter anderem stand man mit der Unteren Wasserbehörde des Schwalm-Eder-Kreises in Kontakt. Definitiv ausgeschlossen wird eine Verunreinigung des Alsfelder Trinkwassers. Laut Dr. Mischak lagen die höher gelegenen Brunnen weit genug vom Schadensort entfernt und es sei kein Öl versickert. Zusammen mit den Umweltingenieuren Jürgen Steuber und Markus Wörner sowie dem zuständigen Umweltamtsleiter Bernhard Hofmann wurden alle Maßnahmen beleuchtet, die nach dem ständig aktualisierten Gewässer- und Bodenschutzalarmplan des Vogelsbergkreises erfolgten. „Die Behörden und die Helfer gaben ihr Bestes, am Tag und in der Nacht“, machte der Dezernent mehrfach deutlich.

Auch bei Minusgraden und Schneefall war die Feuerwehr am Erlenteich im Einsatz. Foto: privat