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Hessischer Kultusminister Dr. Lorz, Landrat Manfred Görig und Landtagsabgeordneter Kurt Wiegel besuchten die Alexander-von-Humboldt-SchulePolitiker erlebten Lauterbacher Gymnasium hautnah

LAUTERBACH (cdl). Beinahe einen ganzen Vormittag hatte sich der Hessische Kultusminister Professor Dr. Ralf Alexander Lorz (CDU) heute Zeit genommen, um sich das Alexander-von-Humboldt-Schule in all seinen Facetten vorstellen zu lassen.

Neben einleitenden Worten von Schulleiterin Gitta Holloch und Studiendirektor Joachim Gerking standen Unterrichtsbesuche auf dem Programm. Zum Abschluss des Tages stellte sich Dr. Lorz den Fragen des PoWi-Leistungskurses vor der voll besetzten Aula der Schule. Auch Landrat und Bildungsdezernent Manfred Görig (SPD) nutzte die Gelegenheit und war der Einladung des Landtagsabgeordneten Kurt Wiegel (CDU) gefolgt, der den Besuch des Ministers in die Wege geleitet hatte.

Holloch berichtete zunächst, dass die Schule für bis zu 800 Schüler ausgelegt sei. Ihr berühmtester ehemaliger Schüler ist Physik-Nobelpreisträger Professor Dr. Peter Grünberg, der den Preis im Jahr 2008 verliehen bekam, verkündete Holloch voller Stolz. Als er einmal die Schule besucht habe, hätten ihn die Schüler wie ein Popstar empfangen. Als selbstständige Schule verfüge man über zahlreiche Mittel und nutze diese unter anderem für Weiterbildung. Jedoch gebe es manchmal Probleme mit dem Schulamt beispielsweise bei der Einstellung von neuen Lehrkräften. Denn die Schule möchte selbst entscheiden, damit die Lehrkräfte zur Philosophie der Schule passen. Immer wichtiger würden die Ganztagsangebote des Gymnasiums, das forderten mittlerweile viele Eltern und da sei die Schule bereits seit einigen Jahren gut aufgestellt.

Als Gymnasium müsse man ein hohes Leistungsniveau erreichen. Außerdem habe man sich zum Ziel gesetzt künftig mehr Schüler zum Abitur zu bringen und dabei über dem Landesdurchschnitt bei den Schulnoten zu sein, erklärte Studiendirektor Gerking. Dafür tue man einiges in Sachen Weiterbildung der Lehrkräfte und besuche Vorträge von hochkarätigen Referenten. Hinzu kämen Gesprächsrunden zum Thema Unterrichtsentwicklung auf freiwilliger Basis, die viele Lehrer des Kollegiums sogar an ihren freien Tagen gerne wahrnehmen, so Gerking. Außerdem investiere die Schule in aktive Nachhilfe. Oberstufenschüler würden schwächere Schüler in der Mittelstufe unterstützen. Das habe unter anderem zu sehr hohen Versetzungsquote der Schule beigetragen. Insgesamt setzt das Gymnasium in hohem Maße auf Freiwilligkeit sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrkräften. „Das ist schließlich das Konzept einer selbstständigen Schule“, bekräftigte Holloch.

Grammatikübungen bei der Klasse 6b

Bei den Unterrichtsbesuchen ging es zunächst in den Deutschunterricht der Klasse 6b. Von den vielen Gästen, die im Klassenzimmer auftauchten, zeigten sich die Schüler ziemlich unbeeindruckt und ließen sich bei ihrem Unterricht kaum stören. Mit einer Stoppuhr mussten sie in einer dreiminütigen Einheit eine Grammatikübung absolvieren, die das Gros der Schüler sicher bewältigte. Damit soll die Konzentration zu Beginn einer Unterrichtsstunde gesteigert und bereits Gelerntes wiederholt werden, verriet die Klassenlehrerin. Nach der erledigten Aufgabe mussten die Schüler Ampelkarten aus Pappe hochhalten, um die empfundene Schwierigkeit der Aufgabe anzuzeigen.


Nicht minder interessant war für die Gäste, wie sich der Unterricht seit ihrer Schulzeit verändert hat. Die klassische Tafel ist einem interaktiven Projektor gewichen. Dort hat die Lehrkraft vielfältige Möglichkeiten und kann beispielsweise die „Tafelbilder“ speichern und gegebenenfalls in anderen Stunden erneut aufrufen. Außerdem müssen die Schüler sich in einigen Einheiten nicht mehr melden, sondern werden einfach von der Lehrkraft drangenommen. Dabei geht es nicht darum einzelne Schüler bloßzustellen, sondern darum auch ruhigere Schüler aktiv einzubinden. Hinzu kommt, dass sie bei vielen Aufgaben vorher konzentrierter arbeiten und sich nicht ablenken lassen.

Volle Konzentration bei der Schülerin. Im Hintergrund (v.l.) Kurt Wiegel MdL, Landrat Manfred Görig, Kultusminister Dr. Ralf Alexander Lorz und Schulleiterin Gitta Holloch

Moderne Unterrichtstechniken in der Oberstufe

Beim Unterrichtsbesuch eines Q1 Kurses der Jahrgangsstufe 12 in Englisch stellte die Lehrerin gemeinsam mit ihren Schülern einen Organizer vor. Dort sind beispielsweise die Unterrichtseinheiten zusammengefasst. Die Schüler können mit den Handgeräten abrufen, was bereits durchgenommen wurde und was als Nächstes dran kommt. Die Schüler bewerteten das durchweg als eine gute Sache. Da man sich die letzte Unterrichtsstunde nach einer Woche Pause wieder ins Gedächtnis rufen kann oder, wenn man bei Aufgaben schneller als seine Mitschüler arbeitet, nicht warten muss, sondern gleich die nächste Aufgabe in Angriff nehmen kann. Ebenso können die Schüler mit den Hilfseingabegeräten direktes Feedback geben. Stichwort ist hier Evaluation. Damit sollen die Lernprojekte besser bewertet und organisiert werden.

Im PoWi-Leistungskurs von Karsten Krämer ging es ebenfalls um interaktives Arbeiten. Dort wurde das Projekt Schuldialog.org vorgestellt. Dort entwickeln die Schüler selbst die drei wichtigsten Lernfaktoren und erstellen Konzepte wie sich das am Besten umsetzen lässt. Mit Fragebögen bewaffnet wurde das System mit Daten gefüttert. Aufgabe für den Lehrer ist es, den Unterricht möglichst interessant zu gestalten, steht bei den Lauterbacher Schülern an erster Stelle. Außerdem werde aufgrund der Ergebnisse öfter in Gruppen gearbeitet und teamgeleitete Diskussionen geführt.

Aber auch die Schüler hätten sich innerhalb des Systems für bestimmte Verhaltensregeln verpflichtet. Auffällig sei auch das sich die Ergebnisse nicht einfach auf alle Klassen übertragen lassen. Es gebe Klassen, die nicht so gerne in Gruppen arbeiten, berichtete ein Schüler. Krämer erklärte, dass die Einzelnen ermittelten Ergebnisse des Systems im Anschluss immer diskutiert würden und man dann gemeinsam überlege, was man in den Unterricht einbinden könne. Die älteren Schüler lobten vor allen Dingen die bessere Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern dank des Systems. Neben der Vorstellung der Onlineplattform erzählten die Schüler ein wenig über aktuelle Themen im Unterricht. Beispielsweise sei es mehr oder weniger Pflicht die Tagesschau zu schauen, um bei großen Ereignissen die Sachverhalte auch im Unterricht zu diskutieren.


In Echtzeit nahmen die Schüler des Englischkurses zu Demonstrationszwecken an einer Umfrage teil.

Kultusminister stellt sich den Fragen der Schüler

Bei der Abschlussdiskussion mit dem Kultusminister bekam Dr. Lorz durchaus kritische Fragen über die aktuelle Bildungspolitik gestellt. Warum findet in Hessen der Religionsunterricht noch nach Konfession statt und in anderen Bundesländern ist der konfessionslos? Dr. Lorz erklärte den geschichtlichen Hintergrund. Die Tradition sei auch in unserer Verfassung festgeschrieben im Gegensatz zu Berlin, Brandenburg und Bremen. Warum müssen sich die Abiturienten in Hessen in Mathematik prüfen lassen und dagegen in Niedersachsen nicht, lautete die nächste Frage. Das sei eine landespolitische Entscheidung. Mathematik sei deutschlandweit nach dem Mindeststandard nicht verpflichtend, aber in Hessen wolle man über den Standard hinaus gehen und damit auch das Abitur aufwerten. „Mathematik schult sehr gut das Gehirn auch für andere Fächer“, so Dr. Lorz.

Laut Medienberichten gibt es eine Inflation an guten Schulnoten und beim sogenannten BKA-Test würden die Schüler dann reihenweise durchfallen. Inwiefern dient die Abiturnote dann noch als Leistungsnachweis für die Arbeitgeber, fragten die Schüler. Die Noteninflation könne man für Hessen nicht bestätigen. Der Landesdurchschnitt sei in den letzten Jahren stabil. Er glaube das die modernen Unterrichtsmethoden, wie er sie heute erlebt habe, zu Verbesserung bei den Noten geführt habe, erklärte Dr. Lorz.

Abschließend wollten die Schüler wissen, warum es kein Fach Alltagswissen gibt? Schließlich seien Dinge wie das Abschließen eines Handy- oder Mietvertrages oder die Steuererklärung wichtige Alltagsthemen. Dr. Lorz war da etwas anderer Meinung. Denn er bekomme fast täglich Anfragen nach neuen Unterrichtsfächern. Bis die Schüler einmal mit einer Steuererklärung konfrontiert würden, vergehe schließlich noch einige Zeit. Er selbst sei von Haus aus Jurist. „Glaubt mir, ihr wollt gar keinen Unterricht über Verträge“, so Dr. Lorz. Etwa Miet- oder Händeverträge hätten auch die Eltern schon zahlreiche abgeschlossen. Bei solchen einfachen Alltagsdingen könne man sich Rat bei den eigenen Eltern suchen, denn Schule könne nicht alles leisten.

Im Chemie LK waren die Schüler mit Experimenten beschäftigt und ließen sich von den Besuchern nicht stören.


Dr. Lorz zeigte sich von der modernen Schule beeindruckt und ging auf die Fragen der Schüler ein.