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Ein Modemacher mit Herz: Frank Galfe reist für Spendenaktion „zusammen.insieme“ nach ItalienSpendenaktion Geschwister Galfe: „Geld brauchen wir eigentlich nicht“

SONDERTHEMA|ALSFELD (ol). Eine bedrückende Stille liegt über dem erdbebenerschütterten Land Italien. Eine bedrückende Stille, die der Alsfelder Modemacher Frank Galfe aus dem sonst so fröhlichen und herzlichen Land nicht kennt. Mit seiner eigenen Modelinie „Geschwister Galfe“ rief der „Tuchdealer“ aus der Alsfelder Schellengasse zu einer Spendenaktion auf und fuhr in der vergangenen Woche in das Krisengebiet, um selbst Eindrücke aus der krisenerschütterten Region zu sammeln. Eindrücke, die bewegender nicht sein konnten.

Frank Galfe, „Tuchdealer“, Lookbauer samt Modehaus in Alsfeld und Modemacher mit eigener Modelinie, ist für seinen guten Modegeschmack und seine außergewöhnlich modernen Styles weit über die Region bekannt. Seit einigen Monaten zeigt er darüber hinaus noch Herz: Zusammen mit seiner Schwester Juliane Galfe, einer studierten Modedesignerin, rief der 40-Jährige eine eigene Modelinie ins Leben – die „Geschwister Galfe“.

Tief bewegt von den erschreckenden Erdbeben in Mittelitalien, dem Land, das Galfe selbst mit viel Leidenschaft verbindet, stand für ihn fest: er muss etwas tun. Prompt entwarf er Ponchos und Schals aus feinstem Garn aus Umbrien, rief eine Aktion unter dem Namen „zusammen.insieme“ ins Leben, holte – wie man Frank Galfe in der Region kennt – einige prominente Gesichter mit an Bord und sammelte durch den Verkauf der Ponchos eine stolze Summe an Spenden. Um sich zu vergewissern, dass das Geld dort ankommt, wo es am dringendsten benötigt wird, fasste er schnell einen Entschluss: „Ich fahre selbst nach Italien, verschaffe mir ein Bild der Lage und versuche dort zu helfen, wo Hilfe besonders benötigt wird“ – ganz nach dem Motto seiner Aktion: zusammen.insieme.

Ein ähnliches Bild zeichnete sich überall auf den Straßen im Erdbebengebiet ab. Foto: privat

Mit dem Auto auf eine bewegende Reise in die Zona Rossa

Gesagt, getan. „Ich war ziemlich erstaunt darüber, wie schnell wir Antworten von den Bürgermeistern für unser Vorhaben bekommen habe. Sie freuten sich über unsere Aktion“, erzählte Galfe. Los ging es vor einer Woche in der Alsfelder Schellengasse mit dem Auto Richtung Florenz und vor dort aus direkt in das Erdbebengebiet nach Visso, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Perugia in Umbrien, wo der Bürgermeister Guiliano Pazzaglini schon auf ihn wartete. Das Ziel war klar – doch die Fahrt dort hin stimmte nachdenklich.

„Schon öfter war ich in Italien, aber dieses Mal war es ganz anders. Das sonst so lebensfrohe und herzliche Land war plötzlich ganz still. Es war einfach erfüllt mit Ruhe und einem leichten Nebel“, beschrieb der 40-Jährige seine Eindrücke während der Fahrt. Doch bis nach Visso kamen sie gar nicht. Erde, Wasser, Absperrungen und große Felsbrocken versperren bereits seit über fünf Monaten den Weg. Ein Zeichen, dass sich Galfe mit seiner Aktion auf dem richtigen Weg befindet gab es trotzdem: ein großer Felsbrocken in Form eines Herzen, das stark an das geschwungene Italien-Herz seines Logos erinnerte, das groß auf seinen Pochos und Schals hervorragt.

 

Auf dem Weg nach Visso: Zwar war die Stadt nicht einfach zu erreichen, aufgeben wollte man nicht. Als wäre es Vorhersehung – ein Stein in Herzform. Foto: privat

Nachdem auch die andere Strecke keinen sicheren Weg in das Erdbebengebiet bot, und sich das Auto im Schnee festfuhr, fand man letztendlich über einen Umweg doch den Weg nach Visso – eigentlich ein schönes, idyllisches Städtchen, das doch trotzdem sehr bedrückend wirkte. Nach der herzlichen Begrüßung durch den Bürgermeister Pazzaglini, dem Präsidenten des Roten Kreuzes und weiteren Offiziellen, ging es mit Sicherheitsautos und Eskorte in die Zona rossa – die rote Zone – in den Kern des Städtchens.

Gesicherte Existenzen wichtiger als Geld

„Es war ein mulmiges Gefühl durch die Straßen von Visso zu laufen und die verlorenen Existenzen zu sehen. Da wurde mir einmal mehr bewusst, wie dringend die Menschen dort unsere Hilfe brauchen“, so der Modemacher. Über 2000 Menschen wurden in Hotels an der Küste untergebracht, andere leben in improvisierten Holzbauten am Rande der Stadt. Häuser stehen kaum noch. Viele sind einsturzgefährdet oder bereits erdbodengleich. „Wir liefen an den kaputten Häusern der Menschen vorbei und sahen wie viele von ihnen mit den Tränen kämpften. Das machte mich einfach sprachlos“, beschrieb Galfe diesen Moment.

Frank Galfe zusammen mit dem Bürgermeister Guiliano Pazzaglini von Visso – beide im Zeichen von „zusammen.insieme“. Foto: privat

Umso erfreulicher aber sein Vorhaben: die Spendengelder – doch die werden dort gar nicht wirklich benötigt. „In Italien ist es so, dass die Mittel zum Aufbau von privaten Immobilien vom Staat kommen“, so Galfe. Daher werden die Spendengelder dafür eigentlich nicht benötigt. „Der Bürgermeister erklärte mir, dass es viel wichtiger sei die Attraktivität der Stadt wieder zu fördern, um die Existenzen zu sichern. Die Menschen brauchen wieder eine Perspektive für die es sich lohnt zurück zu kommen“, zitiert der 40-Jährige den Bürgermeister. Aus diesem Grund habe der Bürgermeister den Alsfelder überhaupt empfangen. Ihm sei aufgefallen, dass Galfes Ponchos und Schals mit einer besonderen Kaschmirwolle aus Umbrien gemacht werden, für deren Schafe ausgerechnet Visso so bekannt ist.

Etwa vor einem Jahr strickten die Einwohner von Visso genau aus dieser Wolle den längsten Schal der Welt – eine berührende Verbindung zwischen Galfes Aktion und der Stadt. „Das wusste ich gar nicht und ich war völlig perplex. Als wäre das ein Zeichen“, so der Modemacher. Was braucht die Stadt also? Stallungen, Schafe und Leute, die die Wolle kaufen – und genau das ist der neue Plan des Alsfelders.

Man muss hinter die Fassade gucken

Auch in den anderen Städten – Caldarola, Norcia und Amatrice – sah die Situation nicht besser aus. In Caldarola wirkte es zwar auf den ersten Blick sehr fortgeschritten, doch wenn man hinter die Fassaden blickte, sah man, dass das Haus einsturzgefährdet war, der gesamte Hintere Teil fehlte oder große Löcher in den Wänden ragten. Sogar eine Schule, ein Kindergarten und eine provisorische Kirche aus Baukontenern und Zelten hatte man wieder errichtet. Als erste Stadt des in Mitleidenschaft gezogenen Gebietes, begann dort in Caldarola noch während des Besuchs nach vielen Monaten wieder der Unterricht. Doch die Fassade blendete. In Norcia und Amatrice, lag fast die ganze Stadt in Schutt und Asche.

Das macht einfach sprachlos: Die meisten Häuser in Caldarola sind einsturzgefährdet. Foto: privat

Mittlerweile ist Galfe wieder in Alsfeld – und nur wenige Tage danach die nächste Nachricht: weitere Erdbeben erschütterten das Land. Nicht so schwer wie die im Herbst, aber dennoch sehr verheerend. Schneemassen, Kälte und Erdrutsche erschweren die Arbeit der Hilfskräfte und schneiden ganze Orte zur restlichen Zivilisation ab. „Momentan haben wir keinen Kontakt zu unseren Ansprechpartnern vor Ort. Das Netz in Italien bricht immer wieder ab und wir erfahren nur stückweise über die aktuellen Zustände“, so Galfe. Über die Vernetzung zu Internetforen kommen immer wieder erschreckende Nachrichten nach Alsfeld – über Tiere, Menschen und Lebensraum.

Auch den bislang tapfer stehen gebliebenen Kirchturm von Amatrice hat es jetzt erwischt. „Das macht mich sprachlos“, so Galfe und weiter: „Gerade war ich noch da. Als ich davon hörte, wurde mir noch einmal mehr klar: Es geht nur zusammen.“

Menschen für Menschen

Eins steht fest: Die Spendenaktion „zusammen.insieme“ wird weiter laufen und sogar noch erweitert – zum Sommer allerdings durch leichte Baumwollstoffe. Weitere Artikel kommen dazu, um den Menschen in Visso durch den Kauf der Wolle eine neue Perspektive zu schaffen. „Aktuell sitze ich gerade an einem Entwurf für einen Schafstall. Ich werde das Geld nutzen, um den Leuten genau das zurück zu geben, was sie brauchen – Lebensraum und Perspektive“, so der Alsfelder.

Mittlerweile steht von Amatrice nicht einmal mehr der Kirchturm. Die letzten Erdbeben in dieser Woche, rissen auch ihn mit in die Tiefe. Foto: privat

Die Reise zeigte dem 40-Jährigen nicht nur bewegende Eindrücke und wo Spendengeld am nötigsten gebraucht wird, sondern auch, dass es nur gemeinsam vorangeht: zusammen.insieme – Menschen für Menschen.

Weitere Eindrücke der Italienreise:

Ein Gedanke zu “Spendenaktion Geschwister Galfe: „Geld brauchen wir eigentlich nicht“

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