Ulrich Brand vertritt Gesellschaftstheorien, die selbst bei Gewerkschaftern umstritten sind. Fotos: cdl

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Prof. Dr. Ulrich Brand zum Thema "Wege aus der Wachstumsfalle"„Der Kuchen muss anders gebacken werden“

ALSFELD (cdl). Wenn es um die Diskussion über Arm und Reich in der Gesellschaft geht, heißt es immer wieder der Kuchen muss anders verteilt werden. Dem widersprach Prof. Dr. Ulrich Brand in seinem Vortrag vergangene Woche im Hotel Klingelhöfer. Brands These: „Der Kuchen muss anders gebacken werden“.


Verteilungsfragen seien weiterhin wichtig. Bevor der Kuchen verteilt werden könne, müsse er zunächst anders gebacken und somit anders zusammengesetzt werden. Für die Menschen in Industriestaaten bedeute das aber auch Verzicht in gewisser Art und Weise. Weniger Autos, eingeschränkter Flugverkehr und verminderter Fleischverzehr. Der Rosa-Luxemburg-Club hatte zu der Veranstaltung mit dem Experten eingeladen.

Seine Grundfrage zum Thema lautete: „Wie kommen wir aus der Krise?“ Die Krise besteht für ihn nicht nur aus der Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern auch aus einer ökologischen und der politischen Repräsentation. Daher spricht er von einer „multiplen Krise“.

Die Gleichung Wachstum bedeutet Wohlstand stimme nicht mehr. Auch wenn schwer Falle, müsse man künftig „Wohlstand und Gesellschaft anders Denken“. Er sei jedoch per se kein Wachstumsgegner, da eine stets größer werdende Wirtschaft in der Tat Wohlstand fördere. Allein: Brand sieht für Deutschland die Grenzen des Möglichen erreicht, mehr Wachstum ginge  bei uns nicht. Deswegen müssten andere Mittel her. Arbeitszeitverkürzung oder ein anderes Steuersystem zum Beispiel.

Eine bessere Verteilung des Wohlstands sei jedoch von Nöten. Studien hätten gezeigt, dass in Gesellschaften wo die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zunehme, auch die Reichen unglücklicher würden. Strategien aus der Krise gebe es einige. Dazu zählen liberale, neoliberale und autoritäre Ansätze sowie die grüne Ökonomie oder die grundlegende Transformation. Gerade in Krisenzeiten werde jedoch auf Austeritätspolitik (sparen und kürzen) gesetzt, wobei sich die Eliten selbst schadlos hielten. Das führe bei „Kleinbürgern“ zu Ängsten in die Armut abzurutschen und begünstige im Moment die AfD, die dort ihre Klientel habe.

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Das ABC der Alternativen hatte Brand mitgebracht, damit die Zuhörer mehr über seine Gesellschaftstheorien in Erfahrung bringen konnten.

Man muss global und nicht national denken

Sein kompletter Vortrag beschränkte sich jedoch nicht auf Deutschland, sondern berücksichtigte stets den globalen Zusammenhang. Daher brachte er viele Beispiele aus Südostasien und Südamerika mit ein und hatte fortwährend die ökologischen Konsequenzen der schnell wachsenden Schwellenländer im Blick und zeigte auf, wie sie mit den Industriestaaten und untereinander verwoben sind.

Bei wachsendem Wohlstand wäre die erste große Anschaffung der Menschen in Schwellenländern das Auto. Außerdem steige der Fleischkonsum rasant an. Argentinen sei zwar hierzulande für seine Rinderfarmen berühmt. Jedoch würde jetzt großflächig Soja angebaut. Im Anschluss lande das Soja in China und werde dort als Tierfutter zur Fleischproduktion verwendet.

Die gesättigten Industriestaaten aber auch Schwellenländer sollten nach seiner Auffassung eine Kehrtwende einleiten und auf Modelle wie Degrowth (Wachstumsrücknahme) und Postextraktivismus setzen. Ganz stark vereinfacht heißt das: Verzicht üben und Konsum einschränken.

Der aufkommenden ökoligischen Krise entgegenwirken

„Wir müssen mittelfristig raus aus der Automobilität“, sagte Brand. In deutschen Großstädten sollten Autos ganz verboten werden und auf andere Mobilitätslösungen gesetzt werden. Auf dem Land funktioniere das allerdings nicht. Jedoch sei dies Zukunftsmusik und sogleich blickte er noch weiter in die Zukunft. Auch Flüge bis etwa 1.500 Kilometer müssten durch energieschonendere Mobilität am Boden ersetzt werden. Das gehe aber nur dann, wenn Züge in etwa Diesselbe Zeit benötigten.

Beim Fleischkonsum und anderen ökologische Lebensweisen könne man direkt ansetzen. Er habe jedoch beobachtet, dass Bürger in Deutschland mit einer ökologischen Lebensweise oft den größten ökologischen Fußabdruck hinterließen. Denn bei allen Einschränkungen würden gerade diese dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen und somit ihren ökologischen Fußabdruck zunichtemachen

Der Rosa-Luxemburg-Club hat den Vortrag „Wege aus der Wachstumsfalle“ mitgeschnitten und als Audiomitschnitt zur Verfügung gestellt.

Professor Dr. Ulrich Brand
Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien und arbeitet unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland sowie im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne. Er war einer von 17 Sachverständigen der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ des Deutschen Bundestages.

War von 2016-2017 Redakteur bei Oberhessen-live, Studienabschluss an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Fachjournalistik Geschichte