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Extreme Kommentare nach dem Tod von Mali schrecken auf: Was steckt in Menschen?Dieser Hass ist ein Bärendienst für Tierfreunde

MEINUNG|Am Homberg bei Alsfeld hat ein Jäger einen Hund erschossen, einen Hund, der als Mitglied der Familie Dippel trauernde Menschen zurückgelassen hat. Und im Land ganz viele wütende. Da erscheinen Wutreaktionen auf den unnötigen Tod dieses Tieres nicht unangebracht oder überraschend. Aber was sich seither in den Kommentar-Leisten der Artikel an verbalen Ausbrüchen angesammelt hat, sprengt jede Grenze guten Geschmacks und gibt zu denken: Wieviel Wildnis verbirgt sich direkt unter unser zivilisatorischen Haut?

Mali hieß die kleine Labrador-Hündin, die am Homberg ihr Leben ließ, und die Trauer um Mali war dem Halter Andreas Dippel anzumerken, als wir für einen klärenden Bericht den Ort des Geschehens besuchten. Kein Zweifel: Das war nicht richtig und nicht gut, es war traurig und eine Sauerei, was da oben im Wald geschehen ist – so wie der Tod eines Riesenschnauzers bei Neustadt Anfang des Jahres. Der tödliche Schuss wird nur erklärlich mit Schlamperei und/oder einer ordentlichen Portion Kaltschnäuzigkeit bei dem Jäger, der wegen solcher Fahrlässigkeit mindestens seine Berechtigung zum Jagen verlieren sollte. Dieser Fall gibt auch Anlass, über die Praxis des Jagdtourismus im Vogelsberg nachzudenken. Denn dabei werden ortsunkundige Schützen in unsere dicht „besiedelten“ Wälder gelassen, die nicht nur für lokale Haustiere wenig sensibilisiert sind, sondern vielleicht wegen der Kosten für ihren Ausflug auch noch besonders heiß auf Erfolg – und dann bei der Auswahl ihrer Ziele schlampen. Dann kommt es zu Jagdopfern wie Mali.

Aufrufe zu Lynchjustiz und Forderungen nach der Todestrafe

Was mich aber in der Folge unserer mehrtägigen Berichterstattung ebenso erschüttert hat wie der Tod der kleinen Hündin, das ist die Vielzahl der bösartigen Kommentare auf das Geschehen. Kommentare, aus denen unbändiger Hass und Vernichtungswille sprechen: Da mischen sich Aufrufe zu Lynchjustiz mit Forderungen nach der Todestrafe für den holländischen Jäger – gerade so, als hätten wir die islamische Scharia als Strafrechtsgrundlage und als ginge es um ein getötetes Kind.

Zwischen die verständlich betroffenen Äußerungen von Tierfreunden und auch ein paar sachliche Argumente mischen sich auffällig zahlreiche Scharfmacher – und offenbar auch Bauernfänger einer Sekte, die unter Pseudonym die aufgeheizte Stimmung für ihre Zwecke nutzen wollen. Solche Kommentare habe ich nur zugelassen, weil sie in ihrer Abstrusität eigentlich für sich selbst sprechen und ihre Autoren erkennbar für jede Diskussion disqualifizieren.

Mich schreckt das Niveau in dieser Kommentierung insgesamt ab, und bei allem Verständnis für Betroffenheit und Trauer: Das ist nicht nur arm für eine aufgeklärte Gesellschaft, die das Mittelalter hinter sich gelassen haben will, sondern es ist auch schädlich für die Sache der Tierfreunde. Gerade Hundehalter sollten eigentlich ein bisschen mehr Gespür für den richtigen Ton entwickelt haben, waren sie doch selbst schon Zielscheibe für Angriffe und standen mit ihrer Zuneigung zu Vierbeinern mit spitzen Zähnen in der gesellschaftlichen Debatte.


Erinnern wir uns an das Jahr, als Hunde in Hamburg einen kleinen Jungen totbissen und danach anhand ähnlicher Fälle ruchbar wurde, dass es solche Unfälle immer wieder gegeben hat und sicherlich noch gibt. Da standen Hundefreunde am Pranger, mussten auf die Toleranz von Mitmenschen hoffen, die potenziell ebenfalls Opfer ihrer Lieblinge sein könnten. Auch ich wurde beim Joggen mal von so einem „Das-hat-er-noch-nie-gemacht“-Familienliebling in den Arm gebissen und durfte danach drei Tage im Krankenhaus verbringen. Ein Kollege, dem ein nicht gut gesicherter Wachhund beim Joggen ins Bein gebissen hat, läuft seither nur noch mit Pfefferspray und schimpft generell über Hundehalter, die ihre Tiere ohne Leine laufen lassen: „Ich will nicht bespielt und auch nicht beschnüffelt werden! Die sollen mich in Ruhe lassen!“

Hundehalter waren in der Defensive

Seit jener Kampfhunde-Diskussion erlebe ich beim Joggen häufiger, wie Hundehalter  erschrocken aufmerken, wenn ich ihnen im Feld begegne: Wie ertappte Heimlichraucher schrecken sie zusammen, rufen hektisch nach ihren Hunden und schauen mich schuldbewusst an. Gar nicht nötig. Seit meinem Biss-Erlebnis bin ich zwar etwas skeptischer geworden, wenn mir Hunde entgegenkommen – aber ich bewerte es als dummen Unfall. Ich hatte auch keine Strafanzeige erstattet, wie mir geraten wurde, mich allerdings später über die Halter-Familie geärgert, weil die nach erster Momentsbetroffenheit nie wieder von sich hören ließ, und ich einem Teil der Behandlungskosten noch hinterherlaufen durfte. Meine Erfahrung in der Feldflur insgesamt: Je entspannter Herrchen/Frauchen, desto friedfertiger der Hund – und entspannter der Jogger/Spaziergänger. Alles gut!

Jetzt denken wir uns aber mal, in jener Kampfhunde-Diskussion vor Jahren hätten Hetzer das Wort geführt, wie jene, die sich jetzt in unserer Kommentierungsleiste ausgelebt haben. Was hätten die wohl Hundehaltern und erst recht den Tieren an den Hals gewünscht? „Die Kugel“, wie ein Karl Sauer forderte, den es anscheinend gar nicht gibt, der aber das Forum zum Aufhetzen nutzte? Oder ganz einfach ein „der gehört abgeknallt…….“, wie eine unbekannte Ulrike am Samstagmorgen schrieb? Wer immer Sie sind, Ulrike, erklären Sie mir einmal, wie das gemeint ist: nur als unkontrollierte Wutäußerung oder ist das Ihre Weltsicht? Knallen Sie gerne Menschen ab, die Ihnen nicht passen? Wollen Sie auch so beurteilt werden – und gegebenenfalls abgeknallt? Vielleicht, wenn sie beim Brötchenholen morgens Nachbars Katze mit Ihrem Auto überfahren? Oder ist das nur dieser berühmte Internet-Effekt, der die Hasskappe aus dem Menschen herauskitzelt: Anonym und folgenlos darf das Tier in dir schonmal raus?

Ein Bärendienst für Mali

Wie auch immer: Möglichen Lehren aus dem Fall „Mali“ erweisen diese Extremisten einen Bärendienst, indem sie Tierfreunde als nicht satisfaktionsfähige Spinner darstellen. Dabei hat es nach dem Tod von Mali auch ernst zu nehmende Wortbeiträge gegeben, über die die Jägerschaft nachdenken sollte. Dann wäre dieser kleine Hund wenigstens nicht umsonst gestorben.

Axel Pries


p.s. Ich spüre förmlich, wie wutbereite Tierfreunde gerade die Messer wetzen. Um ihnen ein  Argument zu nehmen: In der Familie Pries hat es früher auch Hunde gegeben. Der Umgang mit dem Familienhund ist mir also nicht völlig fremd.


Ein Gedanke zu “Dieser Hass ist ein Bärendienst für Tierfreunde

  1. Ich fragte mich in den letzten Tagen schon ernsthaft, ob man -etwas überspitzt gesagt- bei offiziellen Vertretungen der Niederlanden eine „Reisewarnung“ für Alsfeld bekanntgeben lassen müssen/sollte oder Holländern hier in drr Gegend vorläufig Personenschutz gewähren müßte.

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